
- Kirchenpräsident Eberhard Cherdron.
Der Kirchenpräsident im Interview
Gleichgültigkeit ist nicht Toleranz
Frage: Der Reformationstag erinnert uns daran, wie Martin Luther sich gegen die katholische Kirche für die "Freiheit eines Christenmenschen" eingesetzt hat. Worin besteht Ihrer Meinung nach die Aktualität der reformatorischen Lehren?
Antwort: "Kirche der Freiheit”, so hat die EKD ihr Impulspapier zur Kirchenreform überschrieben. Die Schärfung des protestantischen Profils soll dabei eine der besonderen Aufgaben für die nächsten Jahre sein. Die evangelische Kirche hat sich immer schon als Kirche der Freiheit verstanden. Seit der Reformation meint das auch: Freiheit gegen den Zwang des Gewissens. Es ist die Freiheit des Glaubens, die uns als Christen geschenkt ist.
Frage: So sehr der Reformator Luther für die Freiheit des Glaubens eintrat, so wenig schätzte er andere Religionen. Gibt es dennoch eine reformatorische Antwort auf die Frage, die uns heute bewegt: Wie verhält sich die Freiheit eines Christenmenschen zum Grundrecht auf Religionsfreiheit für jedermann?
Antwort: Wir können mit Recht darauf hinweisen, dass die Freiheit der Religionsausübung auch eine Folge der reformatorischen Erkenntnis ist. Es gab zwar auch in den reformatorischen Kirchen Glaubens- und Gewissenszwang. Auch lutherische und reformierte Christen haben sich gegenseitig verfolgt und unterdrückt. Und dennoch können wir sagen, dass die Protestation auf dem Reichstag zu Speyer 1529 erfolgreich für die Freiheit der Religionsausübung eintrat. Sie war ein Meilenstein in der Entwicklung zur Freiheit der Religionsausübung, die heute in Deutschland gilt.
Frage: Die muslimische Frauenrechtlerin Seyran Ates hat jüngst Kritik an einer "falschen Toleranz der Deutschen" geübt. Deutschland und Europa dürften nicht vom Grundwert der Freiheit und der Menschenrechte abrücken. Teilen Sie diese Kritik? Wie lässt sich Ihrer Meinung nach religiöse Vielfalt in Deutschland leben ohne "den Grundwert der Freiheit" aufzugeben?
Antwort: Die neueste Jugendstudie hat - grob gesagt – drei Formen der Religionsausübung in Deutschland unterschieden: eine distanzierte "Religion light" im Westen, einen eher "ungläubigen" Osten und eine "echte Religion" von Migranten. In einer solchen Situation ist die Frage nach der Religionsfreiheit schwierig. Wer zur Religion nur ein schwaches oder gar kein Verhältnis hat, wird immer in der Gefahr leben, gleichgültig gegenüber religiösen Fragen zu sein. Aber Gleichgültigkeit ist nicht Toleranz. Toleranz hat einen klaren Blick für Unterschiede. Sie schafft im Namen der Freiheit den Raum, in dem diese Unterschiede auch gelebt werden können. Toleranz muss eingeübt werden. Das gelingt am besten von einem eigenen begründeten Glaubensverständnis aus.







