Dialog

Rückblick auf eine Veranstaltung

23. bis 30. März 2017 Frühjahrsakademie auf Sizilien

Multikulti

Frühjahrsakademie der Gesellschaft der Freunde der Evangelischen Akademie der Pfalz e.V.

Von der „multikulturellen Gesellschaft“ war erstmals in den späten 1970er Jahren die Rede. Wahrscheinlich stammt der Begriff aus dem Dunstkreis der Evangelischen Akademien. Konsequent verwendet hat ihn seit 1980 der damalige „Ausländerbeauftragte“ der EKD und Gründer des migrationspolitischen Netzwerks „Pro Asyl“, Jürgen Miksch. „Multikulti“ wurde schnell zum Credo des rot-grünen Milieus – und zum Kampfbegriff der Gegner: wunderbar geeignet zur Diffamierung eines naiv-romantisierenden Bildes vom fröhlichen Miteinander unterschiedlicher ethnischer, kultureller und religiöser Gruppen. „Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen“ – ätzte 2004 der Radikal-Pragmatiker Helmut Schmidt. Bis heute gehen die Vorstellungen darüber, wie viel kulturelle Vielfalt eine Gesellschaft verträgt – und was wünschenswert ist – weit auseinander. Die entsprechenden Einschätzungen grundieren auch die aktuellen flüchtlingspolitischen Debatten. Viele europäische Regionen tragen seit langem multikulturelle Züge. Dazu gehört Sizilien: griechische und phönizische Siedler, muslimische Araber, Normannen, Hohenstaufer, Spanier und im 19. Jahrhundert der aufstrebende italienische Nationalstaat haben sichtbare Spuren hinterlassen. Bis heute gibt es griechische und albanische Sprachinseln, die auf Flüchtlingsbewegungen im 15. Jahrhundert zurückgehen. Und: Sizilien ist ein Knotenpunkt der internationalen Flüchtlingsbewegungen. Die gestresste Insel geht dabei erstaunliche Wege. Im zentralsizilianischen Sutera werden gezielt Migrantinnen und Migranten angesiedelt, um die Abwanderung der Jugend auszugleichen. Der palermitanische Bürgermeister und Anti-Mafia-Kämpfer Leonluca Orlando – einer bekanntesten Politiker Italiens – fordert generelle Freizügigkeit als Menschenrecht für alle. Und er berichtet Irritierendes aus seiner Heimatstadt: „Palermo ist keine italienische Stadt mehr. Es ist auch keine europäische Stadt mehr. Wenn man durch die Stadt läuft, hat man den Eindruck, man liefe durch Istanbul oder Beirut. Palermo ist eine Mosaik-Stadt und wir sind glücklich darüber.“ Die Gesellschaft der Freunde der Evangelischen Akademie der Pfalz e.V. lädt Sie ein, dieses Mosaik in Augenschein zu nehmen – und darüber zu diskutieren, wie tragfähig Vorstellungen einer „multikulturellen Gesellschaft“ sind.