Feiern und Arbeiten

Pfarrer Klaus Zech
Pfarrer Klaus Zech

Andacht zum Sonntag Estomihi

von Pfarrer Klaus Zech

Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Lukas 10, 38–42

Ob man die beiden Lieder in einem Gottesdienst nebeneinander singen kann: „Unser Leben sei ein Fest“ und „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“? Im letzteren heißt es „Ein jeder stehe, wo er steht, und tue seine Pflicht; wenn er sein Teil nicht treu erfüllt, gelingt das Ganze nicht“. Von dieser Wahrheit kann Marta ein Lied singen. Jeder hat seine Aufgabe und seine Rolle. Und nur, wenn man die richtig ausführt, trägt man zum Gelingen des Ganzen bei.

Ist es nicht so?

Ja, wenn man es menschlich betrachtet, wird’s wohl so sein. Ein gut organisierter Haushalt ist was wert. Da hat jedes seine Aufgabe, und die Sache läuft – daheim und im kirchlichen Finanzhaushalt auch, oder? Doch dann kommt Jesus dazwischen und macht aus dem Leben ein Fest. So gebannt sind manche von ihm, dass sie alles liegen und stehen lassen: die Fischer ihre Boote, der Zöllner sein Geld und sogar einer der Zeloten, der damaligen Terroristen, lässt sein Schwert zurück und folgt Jesus nach. Aber dass jetzt auch noch Frauen aus ihrer Rolle aussteigen, geht zu weit. Zumindest Marta geht es gegen den Takt. Im Marschtempo ihrer täglichen Arbeit hat sie immer gut funktioniert. Und sie ist hilfreich. Sie kümmert sich um andere und macht sich viel Mühe für sie.

Ich kenne viele solcher Frauen. Unermüdlich sind sie für andere tätig: für die Familie, für die Alten, für die Kinder, die Nachbarn, die Kirche … Sie besuchen Senioren im Altenheim, bringen dem alleinstehenden Nachbarn Essen, backen für den Frauenkreis, bilden die Mehrzahl im Presbyterium, kümmern sich um den Gemeindebrief, beschenken die Kinder vom Krippenspiel und machen was weiß ich noch alles. Und ich frage mich immer: Wo nehmen sie die Kraft und Zeit dafür her?

„Marta, Marta“, sagt Jesus, „du hast viel Sorge und Mühe.“

Jesus erkennt Martas viele Arbeit an. Aber auf ihre Seite schlägt er sich nicht. Marta möchte nämlich, dass er Maria in die Schranken weist. Oder genauer gesagt, dass er ihr Beine macht. Wie einer seiner Schüler sitzt Maria zu Jesu Füßen und hört ihm zu. Aus der Sicht ihrer schwer arbeitenden Schwester sollte sie aber vielmehr ihrer Rolle als Frau gerecht werden und Marta helfen.

Doch da enttäuscht sie Jesus. Er ist nicht gekommen, die Leute zu disziplinieren, sondern zu einem neuen Dienst zu befreien. Er macht klar, dass es nicht darum geht, die angestammten Rollen auf immer und ewig zu zementieren, sondern die Zeichen der Zeit zu erkennen und danach zu handeln.

„Maria hat das gute Teil erwählt. Das soll nicht von ihr genommen werden.“

Denn genau das war und ist jetzt dran: auf Jesus zu hören. Sein Reden öffnet ganz neue Perspektiven. Es verändert den Blick, schenkt neue Ziele, neue Aussichten. Das tut not. Übrigens auch im Hinblick auf den kirchlichen Haushalt. Auch da täte es mal not, sich zu Jesu Füßen zu setzen und auf ihn zu hören. Denn wo es nach seinem Willen hingehen soll, ist nicht schon immer von vorneherein klar.

Marta war sich so sicher, was ihre Aufgabe ist und auch die ihrer Schwester. „Das war schon immer so, und da könnte ja jeder kommen.“ Jesus aber ist nicht jeder, sondern er ist der, auf den alles ankommt. Eins ist not. Nämlich ihn zu hören und nicht zu meinen, man wüsste selbst schon immer, was dran ist und wo’s hingehen soll. Und schon gar nicht ist es dran, Jesus zum Erfüllungsgehilfen der eigenen Rollenzuschreibungen zu machen. Dem widersetzt er sich.

Ob sich Marta nach dem Rüffel, den sie sich bei Jesus geholt hat, zu seinen Füßen neben Maria setzte? Schwer vorstellbar. Dabei wäre es das Beste, was sie tun könnte. Genauso wie es das Beste für uns wäre.

Denn wenn Jesus in unser Leben tritt, wird es zum Fest. Arbeit gibt es auch weiterhin genug. Und sie wird zu ihrer Zeit getan werden. Aber wir tun sie anders, wenn Jesu Wort unseren Blick verändert hat. Da treten neue Ziele in den Blick. Nicht mehr vor allem das erhalten, was die ganze Zeit galt, was da ist oder „immer schon so war und auch so bleiben soll“. Sondern das tun, was Jesus sagt, das anstreben, was sein Reden uns vor Augen malt, das in die Mitte stellen, was in die Mitte gehört.

„Jesu Geist in unserer Mitte, Jesu Werk in unseren Händen. Jesu Geist in unseren Werken.“ Das ist Marias Lied. Und sie hat zu ihrer Zeit das „gute Teil erwählt“. Das soll nicht von ihr genommen werden. Es soll vielmehr uns ermutigen, auch einmal etwas anderes zu tun, als nur zu arbeiten.

Hören und Beten, Feiern und Arbeiten. Das macht das Christsein aus. Und wer sich keine Zeit zum Hören und Beten nimmt, der findet auch nicht zum rechten Feiern und Arbeiten.

„Unser Leben sei ein Fest“, das ist der Auftakt und Anfang. „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“, damit geht es weiter. Ich singe beide Lieder gern: das der Maria und das der Marta. Welches waren Sie bisher eher gewohnt? Neu sind sie ja beide, und manche – insbesondere Männer – haben bisher weder das eine noch das andere gesungen.

Klaus Zech ist ­Pfarrer in Katz­weiler, Mehlbach und Hirschhorn.

Gebet

Herr, dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir; denn ich zieh es aller Habe und dem größten Reichtum für. Lass mich eifrig sein beflissen, dir zu dienen früh und spat und zugleich zu deinen Füßen sitzen, wie Maria tat. Amen. (aus EG 198, 1+2)

 

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