Das Brot des Lebens

Pfarrerin Iris Schmitt
Pfarrerin Iris Schmitt

Andacht zum Sonntag Lätare

von Pfarrerin Iris Schmitt

Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß? Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. Aber es sind etliche unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.

Johannes 6, 55–65

Das waren noch Zeiten, als der Mythos vom Auszug Israels aus Ägypten geboren wurde. Ein Wort daraus ist von besonderem Wohlklang in den Ohren frommer Juden: Manna. Erinnerung an die Fürsorge Gottes auf dem gefährlichen Weg ins Gelobte Land. „Manna“ steht für die Gewissheit: Unser Gott lässt uns nicht hungern! Aber reicht das zum Leben?

Eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen Jesus und seinen murrenden Kritikern und seinen Jüngern wird uns vor Augen gestellt. Es geht um Jesus selbst. Wer ist er eigentlich? Woher nimmt er seinen Anspruch, im Namen Gottes aufzutreten? Was hat er denn zu bieten?

Eine Steilvorlage für Jesus. Sein Stichwort lautet „Brot“, Brot vom Himmel. Im Nu sind die Zuhörer voll dabei: „Aha, ein Brot wie Manna!“ Klingt gut. Prompt wünschen sie sich von Jesus dieses Brot – und zwar allezeit. Da braucht es eine Weile und die Engelsgeduld von Jesus, bis er Missverständnisse zurechtgerückt hat.

Zuerst: Es geht nicht um ein zweites Manna. Da fällt nichts mehr einfach so vom Himmel. Die Hände in den Schoß zu legen und auf ein Wunder zu warten, ist nicht drin. Der Glaube muss erwachsen werden. Was menschenmöglich ist, muss der Mensch auch tun.

Probleme gibt’s genug. In rasanter Folge zeigt das Fernsehen Bilder. Eine zerbombte Klinik. Eine Schule und ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche. Menschen suchen unter Trümmern Angehörige. Noch in der gleichen Sendung können sich zwei Staatsmänner nicht auf einen Waffenstillstand für Hilfslieferungen einigen. Machtinteresse siegte über Menschenleben.

Jesus dagegen geht nichts über das Leben der Menschen. Leben schenken ist seine Mission. Überall leben die Menschen auf, wenn Jesus nahe ist. Bereits der Auftakt des Johannesevangeliums ist Programm: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns!“ Und: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ Später sagt Jesus: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Ein treffendes Bild. Brot – beliebtes Grundnahrungsmittel, nicht nur in Jesu Heimat.

Ja, den Hunger kann es bändigen, den Tod jedoch nicht aufhalten. „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen – und sind gestorben“, stellt Jesus nüchtern fest. Was er zu bieten hat, sättigt weit mehr als den vergänglichen Leib und kann einen anderen Hunger stillen als den bei knurrendem Magen.

Wen es nach geistiger Nahrung verlangt, ist bei ihm an der richtigen Stelle. Jesus spricht vom Brot des Lebens, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Alle denken an Manna. Aber Jesus meint sich selbst und wird nicht müde, es zu wiederholen. Der Spender jeglichen Brotes ist und bleibt Gott, der Vater im Himmel. An die Stelle des Manna tritt nun der Sohn: Jesus. Der übertrumpft sogar jene große Wundertat Gottes in der Wüste, indem er verkündet: „Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“

Es wird ein spiritueller Hunger gestillt. „Das Brot des Lebens essen“ bedeutet: „An Jesus glauben“. Glaube macht aber nicht weltfremd. Jesus selbst steht mit beiden Beinen auf der Erde. Und Jesus braucht Nachfolger, die sich seine Worte und sein Handeln zu eigen machen. Unsere Gesellschaft tut gut daran, die wahren christlichen Werte hochzuhalten und vor Missbrauch zu schützen. Es liegt vieles im Argen. Die Solidargemeinschaft aus Starken und Schwachen darf nicht verdrängt werden von der wachsenden Ich-Gesellschaft.

Gott sei Dank gibt es Christen, die sich nicht so leicht den Schneid abkaufen lassen. Die unverdrossen Jesu humane Botschaft in die heutigen Verhältnisse übertragen. Mit Herz und Verstand. Und mit viel Fantasie.

Das ist ja das Schöne, dass man dabei nicht starre Gesetze schlucken oder alles Geschriebene wortwörtlich nehmen muss. Jesus hat dies mit seiner Tradition auch nicht getan. Für seine Anhängerschaft gilt: In seinem Geist soll’s geschehen – aber in Eigenverantwortung. Eine verblüffend moderne Auffassung vom Glauben.

Zum Schluss: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“ Wo der Glaube lebt, ist die Ewigkeit gegenwärtig. Nicht irgendwann nach dem Tod oder nach einem apokalyptischen Drama kommt das ewige Leben. Christen sind aufgerufen, das Brot des Lebens anderen schmackhaft zu machen und mit ihnen zu teilen. Und mit Menschen das Leben zu feiern, deren Lebensmut sinkt. Auch wenn es nur hin und wieder gelingt: Es hält über Wasser. Und auch eine kleine Ewigkeit währt ewig.

Iris Schmitt ist ­Pfarrerin in Einöllen, Hohenöllen und Relsberg im Kirchenbezirk An Alsenz und Lauter und ­Mitglied der ­Landessynode.

Gebet

Christus, du bist das Weizenkorn, das in die Erde fiel und starb und schon viele Früchte brachte. Lass auch unter uns die Saat des Glaubens aufgehen. Gott Vater, wecke durch deine Treue unsere Treue zu deiner Wahrheit. Christus, dein Wort sei unser tägliches Brot, dein Geist unser ständiger Begleiter. Amen.

 

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