Offene Ohren und Mut

Pfarrer Martin Anefeld
Pfarrer Martin Anefeld

Andacht zum Sonntag Quasimodogeniti

von Pfarrer Martin Anefeld

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: „Es ist der Herr“, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa 200 Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt ge­fangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, 153. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Johannes 21, 1–14

Alles zurück auf Null. Zurück, wie es ursprünglich war. „Reset“, sagt man heute. Zurück auf die Ausgangsposition. Sie sind wieder in Galiläa am See Tiberias: Simon Petrus und die anderen sechs Jünger. Von dort waren sie aufgebrochen, dort hatte sie Jesus mit seinem Ruf aus dem Alltag, aus dem alltäglichen Trott, aus dem tagtäglichen Einerlei herausgeholt.

Was haben sie alles mit ihm erlebt! Es war eine besondere Zeit. Aber die ist nun vorbei. Jetzt stehen diese sieben Männer wieder vor ihren Booten und Netzen. Der Alltag hat sie wieder. Sie stehen beieinander, verunsichert über das, was sie erlebt haben, unschlüssig, was sie nun tun sollen, ratlos, wie es jetzt weitergehen soll. Sie fragen sich: War das alles? Sollen wir wieder zurück in den Alltagstrott? Sollen wir wieder arbeiten, als sei nichts geschehen? Hat sich denn nichts verändert? Haben wir uns nicht verändert?

Das ist die Grundfrage: Hat sich die Welt seit Ostern verändert? Haben wir uns durch Ostern verändert? Vor einer Woche haben wir in den Gottesdiensten kräftig und mit vielen „Hallelujas“ die Auferstehung Christi gefeiert – an zwei Feiertagen. Aber wie kommt Ostern in unseren Alltag? Welche Rolle spielt die Auferstehung Jesu im täglichen Leben? Die Bilanz fällt nüchtern aus: Im Alltag ist es wichtig, dass die Dinge funktionieren, dass man selbst funktioniert. Da muss etwas zu essen auf den Tisch kommen. Dafür muss man arbeiten.

Petrus macht sich an die Arbeit. Er redet nicht viel, sondern spuckt in die Hände. Er hängt nicht dem Vergangenen nach, sondern gibt sich einen Stoß, packt sein Leben an: „Ich gehe fischen.“ Das hat er gelernt, darauf versteht er sich. Die anderen folgen ihm. Sie steigen ins Boot und werfen die Netze aus. Jeder Handgriff sitzt. Die Pause von drei Jahren hat nichts von ihrer Geschicklichkeit genommen. Im Gegenteil, es macht ihnen Spaß, ihre Hände zu gebrauchen. Es funktioniert! Nein, es funktioniert nicht. Sie fangen in dieser Nacht keinen einzigen Fisch. Sie stehen mit leeren Händen da.

„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Welch eine Anrede! Wir sind gestandene Männer, keine Kinder! Der Ruf kommt vom Ufer her. „Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes.“ Da hört sich doch alles auf. Solch ein Unsinn. Aber eines stimmt: Wir haben nichts zu essen für uns, für unsere Familien. Los, ein letzter Versuch noch. Sie tun es. Sie werfen das Netz aus und können’s nicht ziehen wegen der Menge der Fische.

Jetzt – im Nachhinein – ist es klar: „Es ist der Herr!“ Der Auferstandene mitten im Fischeralltag. Es ist der Herr, der für volle Netze sorgt. Es ist der Herr, der ein Mahl am Kohlenfeuer richtet. Es ist der Herr, der die Existenznot nimmt. Es ist der Herr, der ihnen die Erfahrung schenkt, ihren Glauben ins Alltagsleben ziehen zu können – wenn auch mühsam wie die übervollen Fischernetze.

So also kommt Ostern in unseren Alltag. Der Auferstandene ruft „vom anderen Ufer“ her. Er spricht uns an. Unerwartet, mit ungewöhnlichen Worten, aus einer anderen Welt. Und er fordert uns auf, Ungewöhnliches zu tun, anderes zu wagen, etwas auszuprobieren, was quergeht zu unseren Gewohnheiten und Überzeugungen. Darauf liegt am Ende Segen.

Er ruft, und wir müssen’s hören. Er fordert auf, und wir müssen’s tun. Wir brauchen offene Ohren, wir brauchen Mut. Und doch können wir es nicht „machen“ oder selbst herbeiführen. Das ist wichtig in dieser Geschichte. Die Initiative geht vom Auferstandenen aus. Er ruft, er gibt den Rat, er bereitet das Mahl, er teilt das Brot und die Fische. Er verändert uns durch das, was er sagt und tut. Nicht wir selbst ändern uns. Er kommt uns zuvor, und wir erkennen im Nachhinein: „Es ist der Herr!“ Es ist der Herr, der mein Bemühen von ferne, vom Ufer her, begleitet. Es ist der Herr, der gelingen lässt. „Ihr werdet finden.“ Das verspricht er.

Martin Anefeld ist Pfarrer in Nußdorf im Kirchenbezirk Landau.

Gebet

Barmherziger Gott, schenke uns offene Ohren zu hören, was du uns sagst, gib uns Mut zu tun, was du uns aufträgst. Verwandle uns, damit dein Licht vom Ostertag in alle Tage strahle. Wir vertrauen deiner Verheißung, dass auf deinem Wort Segen liegt und wir finden werden, wonach wir suchen. Amen.

 

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