Die Zigarren des Grafen Zeppelin

Vor 100 Jahren starb der Erfinder der lenkbaren Luftschiffe - von Jochen Krümpelmann

Nachbau des Aufenthaltsraums im Luftschiff „Hindenburg“: Gewichtsreduktion hieß das Zauberwort, deshalb waren alle Stühle und Tische aus Leichtmetall gefertigt. Fotos: Bundesarchiv Bild 146-1972-099-15, wiki (2)

Der Absturz der „Hindenburg“ am 6. Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst war das Ende der Ära der großen Luftschiffe.

Ferdinand Graf Zeppelin in seinem Arbeits­zimmer im Kurgartenhotel in Friedrichshafen im Jahr 1900.

Reisen über den Atlantik wie in einem Fünf-Sterne-Hotel – das war der Anspruch den die fliegenden Zigarren des Grafen Ferdinand von Zeppelin in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren an sich stellten. Luxuriös ausgestattet mit Salons, Cocktailbar und Raucherlounge boten sie den Passagieren auf dem Flug fast jeglichen Komfort – einzig die Kabinen waren eher spartanisch ausgestattet. Den großen Erfolg seiner Luftschiffe erlebte der Namensgeber nicht mehr: Vor 100 Jahren, am 8. März 1917, starb Ferdinand Graf von Zeppelin.

„Wenn man nicht wüsste, dass man im Luftschiff sitzt, könnte man annehmen, in einem schönen Hotel an der See zu sein, wo der Wind die Fenster umbraust und die Brandung zu hören ist“, schrieb Carl Bruer, Gründer der Goslaer Greif-Werke für Bürobedarf, in seinem Tagebuch über die erste Nordatlantikfahrt, der LZ 129 „Hindenburg“ im Mai 1936. Alfred Ernst, Hamburger Vertreter der Tidewater Oil Company, drückte sein Empfinden des Fliegens mit dem Zeppelin noch schwärmerischer aus: „Losgelöst von der Erde schweben wir dahin. Es formt sich um uns eine Harmonie aus Sonne, Licht und Unendlichkeit, unter der sich das weite Meer wie ein Teppich breitet.“

In die Wiege gelegt wurde Erfinder Zeppelin eine Karriere als Luftschiffbauer nicht. Sein Vater Graf Friedrich von Zeppelin war fürstlich hohenzollernscher Hofmarschall und Baumwollfabrikant, entstammte einer Adelsfamilie, deren Stammbaum bis in das 13. Jahrhundert zurückreichte. Seine Mutter Amélie, geborene Macaire d’Hogguèr, war die Tochter eines Bankiers und Inhabers einer Indigo-Färberei. Ferdinand, geboren am 8. Juli 1838 in Konstanz, war das zweite von drei Kindern des Paares. Er hatte eine ältere Schwester, Eugenia, und einen jüngeren Bruder, Eberhard.

Mit 17 Jahren trat Zeppelin in die Kadettenschule ein, wurde 1858 Leutnant in der württembergischen Armee. Im Jahr darauf wurde er zum Ingenieurkorps einberufen. Erstmals erlebte er 1863 während seiner Tätigkeit als militärischer Beobachter im amerikanischen Bürgerkrieg den Einsatz von Ballonen, absolvierte selbst eine Ballonfahrt und war fasziniert von ihren militärischen Möglichkeiten. Doch schon damals erkannte er, dass die Lenkbarkeit ihr Problem war. 1869 heiratete der Graf Isabella Freiin von Wolff-Alt-Schwanenburg, aus der Ehe ging als einziges Kind die Tochter Helene hervor.

Im deutsch-französischem Krieg setzte Zeppelin, inzwischen Hauptmann, seine miltärische Karriere fort und erlangte durch einen Erkundungsritt, wie ihn sich ein Abenteuerschriftsteller wie Karl May nicht besser hätte ausdenken können, Berühmtheit: Mit zwölf Mann Begleitung sprengte der Graf durch die französische Festung Lauterburg hinter die feindlichen Linien, nahm Gefangene. Später entkam er selbst nur knapp der Gefangennahme, indem er ein französisches Pferd stahl und Hilfe von einer armen Bauernfamilie erhielt. Theodor Fontane verewigte die Episode in seinem Buch „Der Krieg gegen Frankreich 1870 – 1871“ als eigenständiges Kapitel „Der Recognoscirungsritt des Grafen Zeppelin“.

Mittlerweile zum Oberst befördert, wurde er 1885 zum Militärbevollmächtigten an der württembergischen Gesandtschaft in Berlin berufen und zwei Jahre später selbst zum württembergischen Gesandten ernannt. Doch schon drei Jahre später endete das Leben mit Empfängen und Frühschoppen beim Reichkanzler in der pulsierenden Hauptstadt Berlin: Der zwischen­zeitlich zum Generalleutnant avancierte Zeppelin überwarf sich mit dem preußischen Oberkommando und nahm 1890 seinen Abschied.

Untätigkeit lag dem 52-Jährigen jedoch nicht, nun widmete er sich dem Luftschiffbau, der ihn schon seit Jahren faszinierte. Als Offizier hatte er immer die militärischen Einsatzmöglichkeiten gesehen. Im Ersten Weltkrieg wurden seine Zeppeline dann auch als Aufklärer und als Bomber eingesetzt. Die Entwicklung der Luftschiffe dauerte: 1898 erhielt Zeppelin rückwirkend ein Patent für einen „Lenkbaren Luftfahrzug mit mehreren hintereinander angeordneten Tragkörpern“. Am 2. Juli 1900 konnte er erstmals – selbst am Steuer stehend – mit dem Luftschiff LZ 1 abheben. Dieses „Luftschiff Zeppelin“ war 128 Meter lang, maß 11,65 Meter im Durchmesser und wurde von zwei Motoren mit je 10,4 kW angetrieben.

Über diese Fahrt berichtete Hugo Eckener, damals Korrespondent einer Tageszeitung: „Sicher … das Luftschiff erwies sich als lenkbar … Aber unter welchen Umständen wurden denn die geschilderten bescheidenen Resultate erzielt? Unter den allergünstigsten; es herrschte fast absolute Windstille …“ Der Saulus wurde bald zum Paulus: Eckener war derjenige der vor allem ab den 1920er Jahren die Entwicklung der Zeppeline vorantrieb. Noch zu Lebzeiten Zeppelins wurde die Deutsche Luftschifffahrts AG (Delag) gegründet, die erste Fluggesellschaft der Welt. Sie beförderte bis 1914 auf mehr als 1500 Fahrten mit Zeppelinen insgesamt fast 35000 Personen.

Eckener gelang mit der LZ 126 einer der ersten Nonstopflüge über den Atlantik: Das später in ZR-3 „USS Los Angeles“ umbenannte Luftschiff war Teil der deutschen Reparationszahlungen an die USA. 1929 umfuhr Eckener mit der „Graf Zeppelin“ die Erde, bis heute das einzige Luftschiff, das dies geschafft hat. Ab 1930 wurde ein transatlantischer Liniendienst zwischen Europa und Nord- und Südamerika eingerichtet.

Feuchtfröhlich muss es zugegangen sein bei den Atlantiküberquerungen mit dem Zeppelin. Von dem Erstflug der „Hindenburg“ nach New York ist die Anekdote überliefert, dass die wichtigste Zutat für den Cocktail „LZ 129“, bestehend aus Gin und Orangensaft, gegen Ende der Reise ausging. Abhilfe schaffte Pauline Charteris, Ehefrau des britischen Krimiautors Leslie Charteris, – sie improvisierte kurzerhand einen Kirschwasser-Cocktail und brachte ihren Mitpassagieren einen Song bei, den sie der Legende nach in Nassau gelernt hatte: „Mamma don‘t want no gin, because it makes her sin“ – frei übersetzt: Mama will keinen Gin, denn er lässt sie sündigen.

Auch kulinarisch wurden die Reisenden verwöhnt. Beim ersten Flug nach Brasilien gab es auf der „Hindenburg“ anlässlich der Äquatorüberquerung ein besonderes Menü: Vorspeisen nach Äolus (der griechische Gott der Lüfte), Lendenschnitten Äquator, Liniengemüse, Monsun-Kartoffeln, Zeppelin-Auflauf und Passat-Mokka. Selbst auf Barmusik mussten die Gäste des Giganten der Lüfte nicht verzichten: Extra für die „Hindenburg“ baute der Leipziger Pianohersteller Blüthner einen Flügel, der zum größten Teil aus Aluminium bestand. Er wog nur etwa 180 kg. Er wurde jedoch später aus Gewichtsgründen entfernt.

Das Ende der „Hindenburg“ 1937 bedeutete auch das Ende der Ära der Luftschiffe. Bei der Landung im amerikanischen Lakehurst ging das Luftschiff innerhalb von knapp 30 Sekunden in Flammen auf, 36 Menschen starben. Keine Sabotage, stattdessen wohl eine elektrische Entladung, die den Wasserstoff in Brand setzt, er­ge­ben Untersuchungen in den USA und Deutschland. Das für die Befüllung der „Hindenburg“ eigentlich vorgesehene, nicht brennbare Helium hatten die USA nicht nach Hitler-Deutschland liefern wollen. Denn Deutschland hatte im Ersten Weltkrieg Zeppeline zur Bombardierung feindlicher Ziele eingesetzt. Nach dem Unglück werden weitere geplante Zeppeline nicht mehr gebaut, das Schwesterschiff, die LZ 127 „Graf Zeppelin“, wird eingemottet. Weder im Passagierverkehr noch als Transportvehikel können die Giganten der Lüfte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Flugzeugen konkurrieren.

Zeppelin in heutiger Zeit selbst erleben

Im Friedrichshafener Zeppelin-Museum sind auf über 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche rund 1500 Exponate zu entdecken. Es ist die weltweit größte Sammlung zur Luftschifffahrt ausgestellt, außerdem können Besucher die Passagierräume der „Hindenburg“ im originalgetreuen Nachbau erleben. Darüber hinaus verfügt das Museum nach eigenen Worten über „eine Kunstsammlung, die die größten Meister aus Süddeutschland vom Mittelalter bis zur Neuzeit versammelt und einen Bogen vom Mittelalter bis zur zeitgenössischen Kunst spannt“. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Werke der Künstler, die sich während des Dritten Reiches an den Bodensee zurückzogen, wie Otto Dix oder Max Ackermann.

Das Zeppelin-Museum liegt direkt am Ufer des Bodensees und am Hafen von Friedrichshafen in der Seestraße 22. Verschiedene Parkhäuser und Parkplätze stehen in der Innenstadt zur Verfügung. Geöffnet ist es von November bis April dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, von Mai bis Oktober täglich von 9 bis 17 Uhr. Weitere Informationen zu besonderen Schließtagen gibt es unter www.zeppelin-museum.de.

Wer selbst einmal das Gefühl des sanften Schwebens mit dem Zeppelin genießen möchte, wird bei www.zeppelinflug.de, einem Angebot von ZLT Zeppelin Luftschifftechnik GmbH & CO KG und Deutsche Zeppelin-Reederei GmbH, fündig. Ab Friedrichshafen werden Rundflüge von 30 Minuten bis zwei Stunden Dauer angeboten. Die Zeppelin-Saison 2017 startet am 10. März 2017, sie dauert bis Mitte November. Preislich liegen die Rundflüge zwischen 225 und 810 Euro. jok

Jörg Koch: Ferdinand von Zeppelin und seine Luftschiffe. Ares Verlag, 2016. 200 Seiten, 24,90 Euro. ISBN 978-3-902732-68-2

Barbara Waibel: LZ 129 Hindenburg: Luxusliner der Lüfte. Sutton Verlag, 2010. 120 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-86680-585-9. (Bei amazon.de als E-Book erhältlich.)

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