Rentner stehen um Lebensmittel an

Tafeln beobachten mehr Altersarmut – Ehrenamtliche arbeiten teilweise am Limit – Nachwuchs gesucht

Geben in Germersheim Essen aus (von links): Inge Kabs, Ulla Schachmann, Stefanie Kellerhals, Elke Werner, Helmut Paeglow, Bärbel Fischer und Beate Fröhlig. Foto: VAN

Die Germersheimer Tafel feiert zehnjähriges Bestehen. 550 Bedarfsgemeinschaften – die Hälfte davon kommt wöchentlich – versorgt sie, Tendenz steigend. „Es sind deutlich mehr Kunden geworden“, sagt Vorsitzender Werner Seessle und bestätigt einen bundesweiten Trend. Allerdings seien für die Zunahme nicht allein Flüchtlinge verantwortlich, auch wenn nach wie vor zwei bis fünf Familien pro Woche zu ihm ins Büro kämen. Vielmehr suchten vermehrt ältere Leute Hilfe. „Wir haben 26 über 80-Jährige“, sagt Seessle, der diese in der Schlange aus Gesundheitsgründen auch mal vorzieht – wenn sie überhaupt kommen.

Der Vorsitzende schätzt, dass sich nicht mal ein Viertel der älteren Leute, die Hilfe nötig hätten, trauen zu kommen. „Sie schämen sich“, sagt er. Er kennt Beispiele, in denen ein Ehepaar im eigenen Haus mit nur wenigen 100 Euro im Monat über die Runden kommen muss. Viele ältere würden sich auch scheuen, die Grundsicherung abzuholen. „Für die ist das Sozialamt zu schlimm.“ Ähnliches ist auch von der Kuseler Tafel zu hören. Über die Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kusel und Altenglan sowie die ökumenische Sozialstation wird deshalb versucht, an ältere Bürger heranzukommen, die zu wenig Rente haben, erklärt Geschäftsführer Manfred Hohl.

Sabine Altmeyer-Baumann, Vorsitzende des Tafel-Landesverbands Rheinland-Pfalz und Saarland, kennt das Problem. Viele Tafeln – 22 der 63 Vereine im Landesverband liegen im Gebiet der pfälzischen Landeskirche – seien mit dem Thema Altersarmut konfrontiert. „Man muss kein Hellseher sein, um zu prognostizieren, dass bei den Brüchen in vielen Erwerbslebensläufen die Rente nicht reichen wird.“ Gerade deshalb sei die Tafel-Bewegung eine Erfolgsgeschichte, weil sie Hilfe für arme Menschen mit einem Einsatz gegen Lebensmittelverschwendung kombiniere. Die Spendenbereitschaft sei, was Lebensmittel angehe, nach wie vor gut, auch wenn es regionale Unterschiede gebe. Wo es Engpässe gibt, plädiert Altmeyer-Baumann weniger für Aufnahmestopps als für temporäre Lösungen oder flexiblere Konzepte.

So hat die Tafel Homburg auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle gegengesteuert, was die Häufigkeit der Ausgabe an Bedarfsgemeinschaften betrifft. Mittlerweile laufe aber alles wieder in geregelten Bahnen, sagt Vorsitzender Roland Best. Einmal die Woche können sich Bedürftige in Homburg versorgen, alle 14 Tage in der Ausgabe in St. Ingbert. Zwischen 1600 und 1800 Menschen wird so pro Woche geholfen, 50 bis 60 Prozent sind Flüchtlinge, schätzt Best. Dafür hat er rund 100 Mitarbeiter im Pool der Ehrenamtlichen, 30 bis 35 braucht er pro Ausgabetag. Auch Flüchtlinge habe er für das Ehrenamt gewinnen können, die ungemein wichtig seien wegen ihrer Sprachkenntnisse. Allerdings haben viele inzwischen Deutsch gelernt, sind auf Praktikumssuche. Der eine oder andere wird so vielleicht wieder wegfallen, bedauert er. Auch bei den Bedürftigen beobachtet Best Fluktuation. „Besonders bei den Jüngeren. Schließlich geht niemand gern zur Tafel.“ Das bestätigen auch seit 2012 geführte Statistiken der Tafel Bad Kreuznach, wo sich die Landesverbandsvorsitzende engagiert. „Fast drei Viertel der Gäste gehen nach einem Jahr wieder weg“, sagt Altmeyer-Baumann. Somit werde das Argument entkräftet, die Tafeln zementierten den Status quo, in der der Staat seiner Verantwortung nicht mehr gerecht wird.

Allerdings kann die Versorgung mit Lebensmitteln nur gelingen, wenn es weiterhin Ehrenamtliche gibt, die die Verteilung gewährleisten. Daran bemesse sich die Leistungsfähigkeit einer Tafel, sagt Werner Seesle in Germersheim. „Wir wollen ja nicht nur Waren über den Tisch schmeißen, sondern ins Gespräch kommen. Ich stehe immer an der Tür, kriege alle möglichen Erkältungen“, sagt er und lacht. 100 Helfer zählt die Germersheimer Tafel. Es kommen immer wieder mal neue dazu, allerdings bewege sich das Durchschnittsalter des Helferstamms von 60 plus nach 70 plus. Entsprechend sei es für die Zukunft wichtig, Arbeitserleichterungen in Form von Rampen oder Hubstaplern zu schaffen. Transporter sollten gewisse Mindesthöhen haben, damit nicht gebückt gearbeitet werden müsse. Solche Herausforderungen werden für Tafeln kein Einzelfall bleiben, prognostiziert auch die Landesverbandsvorsitzende. „Viele Gruppen werden jetzt zehn, 15 Jahre.“ Das bedeute, dass Helfer, die mit dem Eintritt ins Rentenalter anfingen, bald Anfang 80 sind. „Die Teams überaltern“, sagt Wolfgang Kammler, Vorsitzender der Neustadt-Haßlocher Tafel. Wer habe Zeit, von 8 bis 14 Uhr Supermärkte abzuklappern und Kisten einzuladen? „Wir brauchen junge Leute“, sagt Altmeyer-Baumann. Eine Möglichkeit seien Bufdis, die seit fünf Jahren im Einsatz sind. Aber das alleine reicht nicht. In Homburg schließt die Tafel im Sommer für vier Wochen, um den Ehrenamtlichen Urlaub zu ermöglichen. Auch für die Bad Dürkheimer Tafel sei es schwer, Nachwuchs zu finden, sagt der stellvertretende Vorsitzende Theo Burkhardt. Rund 50 Leute sind im Team. „Überwiegend Rentner.“

Bei der Tafel Neustadt-Haßloch sahen sich die rund 70 Helfer im Pool auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsstroms im März 2016 der Verteilung von Lebensmitteln nicht mehr gewachsen, der Vorstand entschied sich für einen Aufnahmestopp in die Kartei, genauso wie in Ludwigshafen. „Wir mussten Rücksicht nehmen auf unsere Ehrenamtlichen“, sagt Wolfgang Kammler. Eine flexiblere Lösung sei organisatorisch nicht möglich gewesen. Momentan hat sich die Lage etwas entspannt. 1300 Bedürftige kommen jede Woche zu den Ausgaben in Neustadt und Haßloch. Zwar gibt es nach wie vor einen Aufnahmestopp, von Fall zu Fall wird aber trotzdem über eine Aufnahme entschieden, sagt Klaus Roth, Schatzmeister bei der Tafel. Dafür gibt es momentan bei der Ausgabe saisonale Engpässe, etwa beim Salat. „So wenig habe ich noch nie liegen gesehen im Ladenregal“, sagt Kammler. Und das, obwohl Neustadt wie viele andere Tafeln auch von einem der drei regionalen ­Verteilzentren des Landesverbands in Wörth profitiert.

Engpässe bei bestimmten Waren überbrückt die Tafel Germersheim mit einem vor zwei Jahren gegründeten Förderverein. „Selbst kaufen dürfen wir nicht, aber auf diesem Weg können wir Spenden annehmen“, sagt Seessle. Homburg hat sich gegen solch ein Modell entschieden. „Wir wollen nur das verteilen, was sonst weggeworfen würde“, sagt Roland Best. Dafür wurde hier 2008 eine Kleiderkammer mit dazugenommen, nachdem das Deutsche Rote Kreuz diese 2007 aufgegeben hatte. So ist jedes Tafelmodell individuell.

Immer noch Zuwachs an Helfern bekommt die Kuseler Tafel. Zwei Ausgaben pro Woche stemmen die derzeit 45 Helfer, sagt Geschäftsführer Manfred Hohl. Neben der Ausgabe wird einmal pro Jahr ein Ausflug für Kinder oder Jugendliche organisiert. Geschäftsführer der Tafel wurde der langjährige Presbyter der Kirchengemeinde Kusel im Jahr 2005 – sein Wunsch war, dass die beiden Kirchen vor Ort als Galionsfiguren fungieren. So ist heute Ralf Lehr als Dekan im Ruhestand Vorsitzender. Sein Stellvertreter ist der katholische Kollege Dekan Rudolf Schlenkrich.

Von der Evangelischen Kirche der Pfalz komplett getragen wird innerhalb des Landesverbands nach Aussagen Altmeier-Baumanns keine Tafel. Allerdings gibt es in der Landeskirche Initiativen jenseits des Verbands, etwa die Otterberger Stube, die im Bereich der Verbandsgemeinde rund 30 Bedarfsgemeinschaften versorgt. Hier stellten Flüchtlinge inzwischen die Mehrheit, sagt Pfarrer Harry Albrecht. Vor allem Familien kämen regelmäßig, um sich für 1,50 Euro mit Lebensmitteln zu versorgen. Speziell für die Stube schaffte die Kirchengemeinde vor Jahren einen Bus an, mit dem die Nahrungsspenden eingesammelt werden – bis nach Kaiserslautern gehen die Touren. Neben Ehrenamtlichen arbeitet an der Organisation auch die Pfarramtssekretärin mit. Den Raum in einer Schule stellt die Verbandsgemeinde.

Altmeyer-Baumann freut sich über jede neue Initiative auch jenseits des Verbands – so lange nicht ungerechtfertigt mit dem Logo der Tafeln geworben werde, was leider auch schon vorgekommen sei. „Wir haben uns dieses deshalb nun schützen lassen.“ Kleinere Gruppen, die eine Tafel gründen möchten, sollten wissen, auf was sie sich einlassen, nicht nur was die Organisation und Finanzierung betrifft, sondern auch Hygienestandards. Deshalb bietet der Landesverband entsprechende Schulungen an. Florian Riesterer

www.tafeln-lv-rlps.de

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