I Glocken als Wegweiser in der Gemeinde

II Mit Glocken ein Zeichen geben

 

Vortrag zum Glockentag an der Deutschen Weinstraße am 12.10.2002 in Landau in der Pfalz

 

von Friedhelm Hans

 

 

I)         Glockenwesen und Kirchenbau

II)        Die Wahrnehmung des Glockengeläutes

a.    Außenwahrnehmung des Geläutes

b.    Binnenwahrnehmung im Presbyterium / in der Gemeinde

III)      Einsatz der Glocken

a.    Automatisches Läuten

b.    Manuell gesteuertes Läuten

IV)      Kleine Glocken in der großen Stadt

V)       Glocken als Wegweiser: Ein Blick auf unser Gemeindelogo

 

I) Glockenwesen und Kirchenbau

So sehr ich Kirchtürme mit ihrem Geläute liebe, pflege ich gerne über dieselben hinwegzusehen und zumal als Mitarbeiter des Gustav-Adolf-Werkes nach draußen zu blicken. Der Spagat zwischen der Tätigkeit in der eigenen Gemeinde und dem Einsatz für die Diasporakirchen ergibt eine aufschlußreiche Perspektive für das kirchliche Bauwesen und speziell für das Geläute. Gehen wir einmal vom Extremum aus und erinnern wir uns an die Baurichtlinien, wie sie 1968 bei einem Kirchbautag in Darmstadt aufgestellt wurden. Damals wurden in puristischer, radikaler Weise Glockentürme verworfen und mithin das Geläute. Kunst und Kirchenbänke kamen gleichermaßen schlecht weg. Der Mehrzweckbau war der Favorit. Spätestens die Kirchentage der 1980er und 1990er Jahre haben mit ihrem „Raum der Stille“ die Einsicht zurückgewonnen, daß der Raum für das Gebet und die Andacht seinen eigenen Wert hat.[1]

 

Die Pfälzische Landeskirche hat damals die Vorschläge des Darmstadter Kirchbautages umgehend übernommen und ohne tiefere Reflexion schon im Januar 1969 ihre Baurichtlinien danach ausgerichtet. Aus der Kirchenregierung verlautete es damals: „Der Bau von Kirchtürmen ist unter theologischen, städtebaulichen und finanziellen Gesichtspunkten äußerst gewissenhaft zu prüfen. Die Anschaffung von Glocken und Orgeln muß sich nach der Größe der Gemeinde und ihren gottesdienstlichen Erfordernissen richten und kann in der Regel nur genehmigt werden, wenn sie aus Spenden finanziert ist.“[2]

 

Auffälligerweise geriet die Anzahl der Gemeindeglieder und die Finanzkraft einer Kirchengemeinde zum ernsthaften Kriterium. In der Überlegung kam die Frage zu kurz, was Kirche an sich sei und was zu einem Kirchengebäude eo ipso gehört. Mit Macht stemmte sich eine starke Strömung der sog. Dialektischen Theologie gegen die Vorstellung von Kirchenvolk und Gemeinden, nach deren Auffassung Kirchtürme, Glocken und Orgeln zweifellos zum Erscheinungsbild von Kirchen und Gottesdienststätten gehören. Aber von diesen überlieferten

Vorstellungen hat sich die damalige Generation gründlich abgewandt. Landeskirchliche Fördermittel waren künftig nicht mehr vorgesehen. Im Gegensatz zum Empfinden in den Gemeinden nahm die baupolitische Steuerung auf Kirchtürme und Glocken kaum mehr Rücksicht. Was mag man nur unter den „städtebaulichen“ Gesichtspunkten subsumiert haben- ein merkwürdiger Gesichtspunkt in einem kirchlichen Diskussions- und Entscheidungsprozeß! Ich befürchte, kaum anderes als der Auftakt zum Rückzug der Kirche aus der Partizipation am prägenden Stadtbild.

 

Seit 1969 wurden - vor allem in städtischen Randbezirken - einige Kirchen nach diesen Vorschriften gebaut, Ludwigshafen-Versöhnungskirche oder Friesenheim, Dietrich-Bonhoeffer-Kirche an der Bexbacher Straße als Beispiel. Oder in Oggersheim West die Comeniuskirche, beide Mehrzweckbauten ohne Turm. Der architektonische Protagonist hieß Erwin Morlock. Im Bezug auf das Trinitatis-Gemeindezentrum Ludwigshafen-Gartenstadt schrieb Architekt Morlock im Rückblick aus dem Jahre 1980: „Ein Kirchturm war schon garnicht geplant. Doch auch der frühere Glockenträger entfällt.“[3] Einher ging die Reduzierung der Sitzplätze im Gottesdienstraum, ein Denken, das sich ganz nach innen auf. „Kanzel-Abendmahlstisch-Kreuzstamm“ verdichtet - aus unserer Zeit erscheint das ein wenig weltvergessen, wenn man eine Kirche will, deren Botschaft von der Sammlung drinnen nach draußen dringen will.

 

Doch die Wirklichkeit überwindet die Ideologie, die den Raum nur noch als Instrument sehen wollte. Der Mehrzweckbaugedanke ist u. a. an einer falschen Einschätzung anthropologischer Gegebenheiten gescheitert.[4] Ein Kirchengebäude, ein Gottesdienstraum verlangt die Identifikation mit den Menschen und mit dem Auftrag. Welch bedeutenden Raum nimmt heute unbestritten die Kirchenmusik ein! Spätestens seit 1980 erhalten die wenigen Kirchenneubauten ein Geläute mit Turm und wenigstens ein kleines Geläute. Die Wiedererkennbarkeit eines Gebäudes oder Gemeindezentrums als Kirche ist wichtig geworden. Als Beispiel nenne ich die Jakobuskirche in Oggersheim-Notwende von 1988 oder Zweibrücken-Mörsbach. Kirchen und mit ihnen Türme samt Geläute prägen von ihrem Wesen her das Ortsbild. Der Verkündigungsauftrag verlangt Erkennbarkeit. Kirchturm und Glocken kommen diesem Verlangen entgegen. Geläute rufen, geben Signale. Jeder hier weiß, daß beim Ausfall des Geläutes oder des Uhrschlags - vor allem im dörflichen Umfeld - etwas vermißt wird und Klagen aufkommen. Der puristische Anti-Glocken-Ansatz von 1969 ist an der Einstellung der Gemeinden gescheitert. Auf Friedhöfen wie dem von Ungstein oder dem von Rülzheim existieren profane, d. h. kommunale Glocken, eingerichtet zwischen 1975 und 1985. Die Glocken rücken noch mehr als bisher in die räumliche Nähe der trauernden Gemeinde.

 

Als unsere Johanneskirche 1981 ihr Glockentürmchen erhielt, ging eine Entscheidung im Presbyterium voraus, das die Beschaffung der Glocken dem Einbau einer Orgel den Vorzug gegeben hat. Immer noch hängt die Seele des Volkes an den Glocken. Den Hintergrund für diese Einstellung mögen die Psychologen erforschen. Derselbe Vorgang wiederholt sich derzeit bei unserer Nachbargemeinde, die Lukaskirche im Horstring. Auch hier hat das Presbyterium dem Geläut den Vorzug gegenüber einer Orgel gegeben. Immer sind es jedoch Notentscheidungen, denn unsere Presbyterien wissen ganz genau, was zu einer Kirche gehört, nämlich eine Orgel und ein Geläute. Aber gegen alle Erkenntnis, daß Provisorien meist ewig dauern und unvollständige Bauten genauso lange auf ihre Vollendung warten, wird gerade an diesem Teil der viva vox evangelii gespart, um hinterher unter viel höherem finanziellem Aufwand nachgerüstet zu werden. Besonders tragisch ist die Geschichte der katholischen Kirche Christ König hier auf dem Horst in der Albrecht-Dürer-Straße. Die Kirche wurde in der gleichen Zeit erbaut wie die Johanneskirche, 1963/64. Christ König erhielt einen stilistisch passenden Glockenturm, aber keine Glocken. Inzwischen verträgt der Turm aus statischen Gründen keine Glocken mehr und muß abgerissen werden. Umgekehrt: Für die Johanneskirche war nach Plan ein Turm mit 35m Höhe vorgesehen. Das Fundament wurde gelegt, aber ein Turm wurde genausowenig gebaut wie eine ausreichende Orgel. Welche Ausmaße der geplante  Turm angenommen hätte, zeigt der vergleichende Blick auf die zeitgleich errichtete und samt Turm vollendete Christuskirche in Kaiserslautern. Was das Baumaterial - Beton - betrifft, können wir wegen damals häufig unzureichender Ausführung sagen: Die Kirchengemeinde ist froh, daß der große Turm nicht gebaut wurde. Aber das vollständige Fehlen eines Turmes hat siebzehn Jahre später zum Bau des Glockenträgers geführt. Kirche samt das Türmchen haben inzwischen den Charakter eines Orientierungspunktes im Stadtgebiet eingenommen. Die Johanneskirche markiert mit ihrem kleinen Turm die Kreuzung Horststraße und Horstring.

 

Die Kirchen in der Diaspora haben mit ganz anderen finanziellen Sorgen zu kämpfen als die deutschen Landeskirchen. Doch der Wunsch nach Glocken besteht etwa in Österreich ungebrochen, denn ein Glockenturm vermittelt nicht nur die Erkennbarkeit, sondern vermittelt auch eine inhaltliche Aussage: Wir sind Kirche. Wir verfolgen in unserem Umfeld gegenüber der Allgemeinheit einen soliden Auftrag. Evangelische Kirche versteckt sich nicht. Gott will bei den Menschen wohnen. Bewußt auf einen Turm verzichten, hieße in der Diaspora, evangelische Kirche abzudrängen und einer Sekte gleichzusetzen. Die katholische Kirche baut in ihrer Diaspora Kirchen mit großer Selbstverständlichkeit - selbstverständlich mit Turm. Kleine evangelische Gemeinden in Italien oder Portugal, die ihre Kirche in einem Laden oder einem kleinen Neubau unterbringen, verzichten nur aus Not auf Glocken und Türme. Wo die Möglichkeit besteht, sind diese sofort bereit. Geläute einzurichten.

 

Natürlich kann das Evangelium auch in einer Kirche ohne Glocken und Turm verkündet werden. Wir können - wenn es sein muß - völlig auf das Äußere verzichten. Aber wie das barocke Übermaß in Richtung der Üppigkeit und des Gepränges eine unangemessene Angelegenheit war, verrennt sich der radikale Purismus, wenn er ins Absolute getrieben wird und sich nach außen hin selbst verleugnet. Die totalen Entsagung jeglicher Gestaltwerdung von Kirche, jeden „Fleischwerden des Wortes“, steht dem Sendungsauftrag der Kirche entgegen. Zu deren Merkmalen gehören die Erkennbarkeit, die klare Stimme und der Ruf, die Einladung. Das Wort will nach dem Johannesevangelium Fleisch werden, also Gestalt gewinnen, in sichtbarer und, spürbarer Weise zum Menschen kommen. Kirche muß sich finden lassen. Kirche gehört nicht in den Winkel. Unter diesem Blickwinkel leisten Instrumente wie die Orgeln und die Glocken einen unschätzbaren Dienst. Die Glocken stehen rar den Gesamtauftrag der Kirche. Sie sind in jedem Fall mehr als nur eine kulturelle Ausdrucksform. Das sind sie natürlich auch. Aber mir kommt es auf die theologische Aussage an. Ihre Dienstbarkeit ist für mich als Pfarrer und für eine Kirche Jesu Christi maßgeblich. Ich schließe diesen Abschnitt mit einem Zitat von Hartwig Niemann: „Der liturgische Sinn der Glocke liegt darin, Gottes Ehre zu verkünden, die Gemeinde Jesu Christi zum Gottesdienst und zum Gebet zu rufen, letztlich die Königsherrschaft Jesu Christi in dieser Welt und über diese Welt zu verkünden.“[5]

 

II Die Wahrnehmung des Glockengeläutes

a): Außenwahrnehmung des Geläutes: Die Johanneskirche steht an einer stark frequentierten Straßenkreuzung. Das Geläut geht im Getriebe des werktäglichen Geschäfts fast unter. Nur in verkehrsarmen Zeiten wird es Oberhaupt nennenswert wahrgenommen. An ruhigen Tagen, etwa am Sonntagmorgen, ist dagegen je nach Windrichtung das Geläut aus der Innenstadt bzw. Queichheim wahrnehmbar.

 

Die katholische Nachbargemeinde St. Elisabeth - östlich von der Johanneskirche gelegen  -kommt seit Bestehen ohne Geläut aus. Ihre Lage - mitten in einem verkehrsberuhigten Wohngebiet - läßt sich kaum mit unserer Kirche an der Straßenkreuzung vergleichen. Die Nachbarschaft lebt hier in friedlichem Einvernehmen mit den Glocken und ihrem Geläute. Massive Beschwerden wie im vorigen Sommer in Wörth/Rhein[6] gegen das Geläute der katholischen Kirche sind hier noch nicht vorgekommen. Als sich einmal Taufen und Beerdigungen häuften, erhielt ich einen Telefonanruf. Der Beschwerdeführer war offenkundig betrunken, vielleicht durch die Glocken aus seinem Rausch erwacht. Das Geläute hat außerhalb der Ruhezeiten stattgefunden.

 

Würden wir auf das Läuten verzichten, würde sich hier wohl niemand aufregen. Zu dieser im Vergleich zu kleinen Ortschaften geringen allgemeinen Wahrnehmung des Geläutes trägt wohl die Tatsache bei, daß hier der Uhrschlag fehlt. Wenn das Tagzeitläuten, das Läuten zu Gottesdiensten und zum Gebet zur gewöhnlichen Läutepraxis gehört, nimmt das Geläute in der Neujahrsnacht eine Sonderstellung ein. Das Neujahrsanläuten steht für mich gegenüber der üblichen Läutepraxis zur Disposition.

 

b) Binnenwahrnehmung im Presbyterium / in der Gemeinde: Seit dem Frühjahr 2001 besitzt unser Geläute eine Funksteuerung. Diese besitzt gegenüber der alten Lösung - Bedienung des Geläutes von der Sakristei aus - erheblich Vorteile. Man muß wissen, daß unsere Sakristei neben dem Altarbereich liegt. Insbesondere bei Taufen wurde es als störend empfunden, wenn die mit dem Läuten der Glocken beauftragte Person um die Taufgesellschaft herumschlüpfen mußte. Eine Festinstallation der Bedienelemente im Rücken der Gemeinde wäre erheblich teurer gekommen.

 

Viele Kirchenglieder empfinden auch in der heutigen Zeit, zumal in der Stadt, besonders in einer sich immer säkularer zeigenden Welt im Glockenläuten eine wichtige Signalwirkung: „Diese Woche hat es aber oft geläutet, es sind wohl viele Menschen verstorben?“ höre ich immer wieder. Wir hören hier heraus, daß das Läuten  einen Beitrag zur Mitmenschlichkeit liefert. Noch niemand hat Anstoß am Geläut zu einer Hochzeit genommen. Das Vaterunserläuten findet Beachtung, wenn auch der Sinn desselben außerhalb immer weniger verstanden wird. Aber es gibt noch Menschen, die mit der Gemeinde zuhause mitbeten.

 

Der Sonntag ohne Geläut würde als Leere empfunden. Die Glocken erfüllen für die Gemeinde somit eine Signal- als auch eine Ankündigungsfunktion, und nicht zuletzt haben sie eine Verkündigungsfunktion.

 

III) Einsatz der Glocken

Es klingt vielleicht ein wenig banal, was hier über den Einsatz der Glocken bemerkt wird. Aber gerade in der Schlichtheit der Feststellung, daß Glocken sowohl automatisch wie manuell betätigt geläutet werden, steckt eine Parallele zum menschlichen Lebensablauf. Wir selber können nicht ohne eine ordentliche Zeiteinteilung leben, aber wir würden verkümmern, wenn es nur die Regel gäbe. Die ungeplante Ausnahme würzt unseren Tagesablauf.

 

a) Automatisches Läuten: Das Tagzeitläuten am Mittag und am Abend, andernorts auch am Morgen, gliedert den Tagesablauf. Eine Zeitschaltuhr erledigt diesen Dienst. Fernbedient bzw. programmiert sind auch unsere Gottesdienste an Sonn- und Feiertag, Vorläuten und Zusammenläuten. Sonntage ohne Geläute markierten ggf. ein Defizit. Der Sieben-Tage-Rhythmus liegt unseren Läute- und Gottesdienstordnungen zugrunde. Hervorgehoben sind die Sonn- und Feiertage.

 

b) Manuell gesteuertes Läuten: So sehr die regelmäßigen Läuteanlässe ihre Bedeutung haben, die einzelveranlaßten Geläute verdienen ein besonderes Augenmerk. Ich denke zuerst an das Geläute beim Kasus Beerdigung, weiter Hochzeit und Taufe. Im Gottesdienst läuten wir noch bei der Konfirmation mit dem Plenum, manchenorts wird auch beim Abendmahl geläutet. Die Vaterunser-Glocke erfüllte einen doppelten Dienst: Manuell gesteuert, deutet sie doch das Regelmäßige an. Sie verkündet das gemeinsame Gebet in jedem Gottesdienst.

 

IV) Kleine Glocken in der großen Stadt

 

Zum Schluß komme ich auf die Geschichte aus der Predigt zurück: Ich bin doch schon etwas! Sagte einer, der scheinbar sonst nichts konnte. Wenn sich die Kampanalogen darin einig sind, daß vom Gewicht kleinere Geläute bei finanziell relativ geringen Aufwendungen musikalisch größere Möglichkeiten bieten, dann bietet unser Geläute hierfür das Paradebeispiel. Ganz gewiß optisch, vermutlich auch musikalisch erfüllt unser Geläute seinen Zweck. Der Glockenträger als Markierungspunkt, das Glockengeläut als Vermittler des Eindrucks: Hier sammeln sich Kirche und Menschen. Das bescheidene Geläute unserer Kirche markiert einen zentralen Ort in der ansonsten leeren Glockenlandschaft im Landauer Nordosten. Die kleinen Glocken unterstreichen nicht nur die Anwesenheit einer Kirche, sondern der ganzen Kirche überhaupt. Hier ist Kirche mit allem Drum und Dran, mitten unter Menschen. Wie schmerzlich vermißt die Diaspora das Geläute. Das sage ich als Vertreter des GAW, der morgen in einer Kirche in Portugal sein wird. In der Diaspora signalisiert der Kirchturm samt Geläute den Unterschied zwischen Kirche und Sekte. So hat die kleine evangelische Gemeinde in Weitensfeld in Kärnten den Wunsch zur Einrichtung eines Geläutes. Oder eine Gemeinde im Amazonas, die jahrelang im Mehrzweckraum ihr Gemeindeleben improvisiert hat, verlangt nach dem Andachtsraum, in dem nicht unterrichtet, nicht gewerkelt, nicht verwaltet wird, ein Ort, an dem Gott gedient wird und der Mensch zu sich selbst kommt. Der weitere Schritt wäre auch hier das Geläute. Kleine Glocken, ja auch nur eine einzige Glocke, sind in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Natürlich müssen Geläute in einer lärmverseuchten Umgebung wohltönend und harmonisch auftreten. Selbst kleine Glocken signalisieren das den Menschen achtende Gesamtkonzept Kirche.

 

 

V) Glocken als Wegweiser: Ein Blick auf unser Gemeindelogo

Im Grunde habe ich hierzu alles schon gesagt. Die Johanneskirche ist sich des Wertes ihres Geläutes bewußt. Die Glocken waren die erste Anschaffung seit der Errichtung der Kirche, und die Taufglocke rief schon seit 1954 vom Dachreiter des Gemeindehauses die Menschen zusammen, damals vertrieben aus allen Himmelsrichtungen. Glocken sind ein Stück Heimat, ich weiß jetzt kein besseres Wort. Daheim sein und Identität stiften gewinnt einen höchst theologischen Anspruch. Die Glocken laden ein, rufen zusammen und weisen wieder weiter auf das höchste Ziel. So sehr wir den Menschen Bodenhaftung vermitteln, so sehr geben wir ihnen Orientierung, Eigenständigkeit, Selbstbewußtsein, und wir stabilisieren sie mit der Perspektive hin auf Gottes Reich. Glockentürme gründen auf der Horizontalen, aber ihre Spitzen samt dem Geläute unterstreichen die Vertikale unseres Daseins und Glaubenslebens. Unser Gemeindelogo nach Entwürfen der Landauer Künstlerin Heide Reich hat den Blick auf die Kirche samt Turm eingefangen, und doch reicht der Blick über das Vordergründige hinaus. Was uns Tag für Tag aufrecht hält, ist die Hoffung, die nicht in Worte zu fassen ist. Da kommen Glockenklänge näher.

 

 

 

II Mit Glocken ein Zeichen geben

 

Signum dare - Ein Zeichen geben

- Glockenläuten als Dienst an den Menschen -

Vortrag am 12.10.2002 in Landau in der Pfalz

 

von Kurt Kramer

 

Als Schellen oder als Glöckchen haben „unsere Glocken“ vor nunmehr über fünf Jahrtausenden in Asien ihren Ursprung. Ihr Weg führte über fast alle Hochkulturen Ostasiens, über das Hochland von Armenien, die Landschaften des Euphrat und Tigris nach Ägypten und ins Heilige Land und von dort aus nach Europa. Dort kamen die Glocke etwa um die Zeit der Geburt Christi gerade „rechtzeitig“ an. Und wer die Geschichte der Glocke näher betrachtet, muß den Eindruck gewinnen, als hätten die ersten Christen, als habe das christlich werdende Abendland auf die Glocke gewartet. Europa ohne Glocken? Ein Gedanke jenseits der kulturgeschichtlichen Vorstellungskraft und Logik!

 

Und da gab es ja auch jene Stellen im Alten Testament im 2. Buch Mose und vor allem im Buch Sirach. Aber dort, anders als im Buch Mose, nicht als eine Art Anweisung, sondern in einer lyrischen Huldigung an Aaron mit der Beschreibung seiner Gewänder: Gleich ihm erhöhte er einen Heiligen, Aaron aus dm Stamm Levi. ... Er kleidete ihn In Pracht und schmückte ihn mit herrlichen Gewändern: mit Beinkleidern, Leibrock und Obergewand. Dessen Saum verzierte er mit einem Glöckchen im Kreis und mit klingenden Granatäpfeln ringsum. Sie sollten bei seinen Schritten lieblichen Klang geben, damit er im Heiligtum zu hören war und sein Volk aufmerksam wurde.

 

Diese beiden Stellen im Alten Testament dürften wohl entscheidend für die Übernahme der Glocke im frühen Christentum gewesen sein. Denn schon für die Apologeten im 2. Jahrhundert nach Christus ist die Glocke Symbol der Verkündigung des Evangeliums. So werden die 12 Glöckchen am Rocksaum des Hohenpriesters von Justinus (ca. 100-165 n. Chr.) als Hinweis auf die Zwölf Stämme Israels und vorausblickend als Hinweis auf die Zwölf Apostel gedeutet, „welche von der Macht Christi, des ewigen Priesters, abhängen und durch deren Worte die ganze Erde sich anfüllte mit der Herrlichkeit und Gnade Gottes und seines Christus.“ Bei Origines (ca. 185 - U254 in Tyrus) sind die 12 Glöckchen und die „neue“ Glocke das unumstrittene Symbol der Verkündigung der christlichen Botschaft. Und von Origines wissen wird auch, daß er den Kampf gegen Dämonen und böse Geister gleichsetzte mit dem Kampf des Menschen mit seinen eigenen Schwächen.

 

Und für den Kirchenvater Gregor von Nyssa (U 394) sind sie das Kerygma, die Verkünder der Gottesherrschaft und der Dreifaltigkeit. Für die weitere Verwendung als akustisches Zeichen des Christentums war sicher hilfreich, daß der antike Sprachgebrauch zwischen Schelle, Glöckchen oder Glocke nicht unterschieden hat. Und bei der vielfältigen symbolischen Deutung spielten ihre Form, ihre Größe und die Klangqualität ohnehin keine Rolle. So verwendet der hl. Hieronymus in seinen frühen Übersetzungen des Alten Testamentes für die tönenden Schellen bei Paulus das Gleiche Wort wie für die wohlklingenden Zymbeln des 150. Psalms. Koptische Mönchsgemeinschaften in Ägypten dürften wohl die ersten Christen gewesen sein, welche die Glocke im 4. Jahrhundert n. Chr. als Rufinstrument in Form einer Handgriffglocke in ihren Dienst nahmen.

 

Eine der frühesten und für mich grundlegenden Mönchsregel ist die des Pachomius. Aus seiner Feder kommt das „signum dare“, ein Zeichen geben, vielleicht wollte er damit auch ein Zeichen setzen. Und dieses „signum dare“ nahm Benedikt fast zwei Jahrhunderte später in seine Regel auf. Und die  Regel des Pachomius erhält eine ganz neue Dimension und tiefe Bedeutung, wenn wir in seiner Begründung für diese Regel lesen, daß er diese Regel und vor allem das „signum dare“ als „Dienst an den Menschen“ verstanden wissen wollte. Pachomius hatte offenbar erkannt, daß ohne diesen Rhythmus von Gebet, Arbeit und Muse, die Menschen in den damals oft überfüllten Wüstenklöstern und draußen in der Welt zu vierbeinigen Kreaturen verkommen. Nur auf diesem Hintergrund ist die Aufnahme der eigentlich so einfachen Worte „signum dare“ in fast alle frühmonastischen Regeln zu verstehen. Und diese beiden Worte sollten das gerade christlich werdende Abendland mit ihrem Geist und Rhythmus bis in unsere Tage prägen. Denn unsere Kulturgeschichte ist reich an Deutungen dieses Zeichens. Und Pachomius wäre ganz sicher mit der Deutung seines „signum dare“ 1500 Jahre später durch Alexander Solschenizyn sehr zufrieden wenn dieser in seiner Erzählung „Am Oka-Fluß entlang schreibt:

 

„Schon immer waren die Menschen selbstsüchtig und oft wenig gut: Aber das Abendläuten erklang, schwebte über den Feldern, über dem Wald. Es mahnte, die unbedeutenden, irdischen Dinge abzulegen, Zeit und Gedanken der Ewigkeit zu widmen Dieses Läuten bewahrte die Menschen davor, zu vierbeinigen Kreaturen zu werden.“

 

Wenn wir Pachomius richtig deuten, wollte er durch dieses „signum“ die ihm in den Weiten der Wüstenklöster Ägyptens anvertrauen Menschen genau davor bewahren, zu vierbeinigen Kreaturen zu verkommen. Ist das nicht der Auftrag der Glocke auch heute?

 

Ich möchte nun nicht auf die Diskussion eingehen, ob Pachomius oder Benedikt mit dem „signum“ die Glocke gemeint haben. Das ist heute nicht mein Thema. Aber es sei doch der Hinweis gestattet, daß Benedikt in seiner Regel eine „verräterische Redewendung benutzt“. An einer Stelle seiner Mönchsregel lesen wir:

„Facto autem primo signo nonae horae, deiugant ab opera sua singuli et sint parati, dum secundum signum pulsaverit.“

„Wird das erste Zeichen für die Stunde der None gegeben, bricht jeder seine Arbeit ab, um bereit zu sein, wenn das zweite Zeichen ertönt.“

Und das Wort pulsare war im lateinischen Sprachgebrauch für das Anschlagen eines Musikinstrumentes vorgesehen, und in diesem Falle für das anschlagen des „signum“, dem Zeichen.

 

Macht und kulturelle Ausstrahlung des Abendlandes beginnen in den Klöstern und ihrer Ordnung. Dieses „signum dare“, dieses Läuten zu den Gebetszeiten, prägte den Lebensrhythmus in den Kloster- und später auch in den Stadtmauern. Das „ora“ erhält seine Bindung zum „labora“ durch das „signum“, das Läuten der Glocke. Sie gliedert die Zeit weit über den kirchlichen Raum hinaus, und alle gesellschaftlichen Schichten akzeptieren ihr Zeitmaß, ihren Pulsschlag, ihren ganz eigenen Rhythmus. Sie mahnte die Lebenden, Gedanken und Zeit auf Ewiges zu lenken, innezuhalten und über Grundfragen menschlichen Seins nachzudenken. Sie beklagt die Toten, fordert aber zunächst zum Gebet für die Sterbenden auf und begleitete sie dann auf ihrem letzten Wege. Aber sie lud die Menschen auch zum Fest und feierte mit ihnen. Zum Läuten für den Frieden geweiht ließ sie, zur Kanone umgegossen, ihre todbringende Stimme auf den Schlachtfeldern Europas „erschallen“.

 

Und so war die abendländische Glocke nicht nur Symbol der Verkündigung des Evangeliums. Sie war Symbol für Ordnung und Zerfall, für Krieg und Frieden, für Freiheit aber auch für Unterdrückung, für Heimat ebenso wie für Heimatfeme. Kirchliches und Weltliches, Rationales und Irrationales, Irdisches und Ewiges ist aus den Klängen der Glocken Europas herauszuhören.

 

Seit einigen Jahren spüren wir nun draußen bei den Pfarrgemeinden, aber überraschenderweise auch außerhalb kirchlicher Kreise, eine zunehmende Sensibilität im Umgang mit der Glocke. Das Wiederentdecken der Glocke in und außerhalb der Kirche hat vermutlich tiefe geschichtliche aber auch emotionale Hintergründe. Zu allen Zeiten waren nicht nur Kirche und Gläubige betroffen, wenn Glocken verstummt sind. Ihr Schweigen war Zeichen politischen Untergangs. Schweigend kündeten sie von Not und Elend, schweigend beklagten sie den Verfall von Menschenwürde und Menschenrechten.

 

Der Schriftsteller Reinhold Schneider schreibt in seinem Buch „Das Inselreich“ sehr poetisch, aber unmißverständlich: „Verlieren die Glocken ihre Gewalt über den Lärm, die Türme die Herrschaft über die Dächer, so ist keine Hoffnung und kein Leben mehr.“ Wie recht der Dichter behalten sollte, haben uns vor allem in unserem Jahr-hundert Kriege und Diktatoren dramatisch vor Augen geführt. Während nach dem Krieg im Westen Europas der Glockenguß neuen Auftrieb erhielt war in anderen Teilen Europas die Stimme der Glocke unüberhörbar leiser geworden, mancherorts war sie ganz verstummt. Und in Rußland hat man nicht nur im letzten Jahrhundert Glocken dort hin verbannt, wo man auch die Menschen hin verbannte, nach Sibirien.

 

Die provokatorische Frage sei nun erlaubt ob es als Ruf zum Gebet und Gottesdienst ausgerechnet der Glocke bedarf. Man könnte diese Frage natürlich auch auf den Sinn aller liturgischen Geräte erweitern und auf alle Kunst. Für mich ist diese Frage rein rhetorischer Art. Das Leben wird unmenschlich, wenn wir es im kalten abstrakten Raum des Verstandes verkommen lassen. Wir brauchen Farbe für unsere Augen, wir brauchen Klänge für unsere Ohren, wir brauchen Symbole zum Verstehen, weil unsere Sinne und nur alle unsere Sinne, uns die Wege in die Tiefen unseres Menschseins, in die Tiefe unserer Seele zu zeigen vermögen.

Heinrich Lützeler, einer der bedeutenden Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts, hat uns allen ins Stammbuch geschrieben: Eine Kultur, die aufhört „nutzlos Schönes“ zu tun, hat sich bereits selbst aufgegeben. Kardinal Ratzinger hat diesen Gedanken in einer Festpredigt aufgegriffen: „Der Rückzug ins ausschließlich Brauchbare und ausschließlich Nützliche in Kunst und Kult hat fast ausschließlich Unbrauchbares und Nutzloses hervorgebracht. Die ohne Zweifel notwendige Einfachheit ist niemals durch Vereinfachung und schon gar nicht durch Verarmung herzustellen.“

 

Sicherlich bedingen das Läuten der Glocken, das Spiel der Orgel oder die künstlerische Ausgestaltung unserer Kirchen nicht schon aus sich heraus Sinn und religiöses Leben. Mit Bildern dürfen wir niemals die dunklen Flecken unseres kirchlichen Alltags zuhängen, und Glocken sollten nicht die religiöse und zwischenmenschliche Sprachlosigkeit in unseren Pfarrgemeinden übertönen. Wohl aber könnten sie mithelfen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Lebenssinn, Lebensinhalte, Nächstenliebe und Religiosität Form und Gestalt annehmen, und so zur Überwindung unserer eigenen und die Widersprüchlichkeit dieser Welt beitragen. Vielleicht könnte die Glocke heute für uns zu einer Art Gewissen werden, das uns von Zeit zu Zeit schlägt; zu einem Gewissen, das sich immer dann in unseren Alltag einmischt, in denen wir uns gerade „sehr Wichtiges“ vorgenommen haben. Vielleicht ist die Glocke auch gerade deshalb „das Zeichen“ der Kirche, das zu offenem innerem und äußerem Widerspruch herausfordert.

 

Vielleicht liegen Widerspruch und Faszination der Glocke aber auch an ihrer nicht enden wollenden, jetzt schon 5000-jährigen Geschichte. Sie ist ein Festpunkt im kirchlichen wie im weltlichen Alltag. Sie hat die Wende vom Alten ins Neue Testament fast übergangslos überstanden. Konzile und Liturgiereformen konnten ihr nichts anhaben. Sie hat „Kriegshelden“ samt Kanonengießern und Revolutionären mit ihren eigens dafür konstruierten Glockenzerstörungsmaschinen überdauert. Und wie könnten wir das beredte Schweigen der Glocken ertragen, wenn wir an die Worte Reinhold Schneiders denken oder auf die unsägliche Geschichte der schweigenden Glocke zurückblicken? „Da scheint es doch weit zukunftsweisender, wir beschäftigen uns wieder mehr mit dem Sinn ihres Läutens und mit der Eindringlichkeit ihrer Botschaft denn mit der angstvollen Ungewißheit und Unerträglichkeit ihres Schweigen“ schreibt Bischof Wanke zum Europäischen Glockentag in Erfurt, von dessen Aufsatz in Glocken in Geschichte und Gegenwart ich auch Gedanken für diesen Vortrag entliehen habe.

 

Einer der tiefgründigsten und umfassendsten Gedanken zum Glockenläuten ist uns vom englischen Lyriker John Donne aus dem Jahre 1624 überliefert, den Ernest Hemingway seinem Roman „Wem die Stunde schlägt“ voran gestellt hat: „Kein Mensch ist eine Insel im Innern seines Ichs, jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen; wenn ein Brocken Erde von der See hinweggeschwemmt wird, wird Europa um so viel kleiner ...; jedes Menschen Tod vermindert mich, weil ich zur Menschheit gehöre. Darum frage nie, wenn es läutet, wem die Stunde schlägt: Sie schlägt immer für Dich.“

 

Wenn ich John Donne und Ernest Hemingway richtig verstehe, genügt es eben nicht, wenn wir Christen uns immer detaillierter über den Unfrieden, den Unglaube in der Welt informieren, uns entrüsten über den Verfall von Werten und ganze Heerscharen professionelle Analysen dafür erstellen, warum diese Weit so böse ist. Solange wir uns nicht betroffen fühlen, solange wir uns nicht als „einen Teil des Ganzen“ einbringen, solange wir nicht Werte glaubhaft leben, so lange werden wir nichts Wesentliches ändern. So lange mahnen und rufen auch Glocken vergebens. Frieden schaffen nicht irgendwelche Institutionen für mich. Kirche ist nicht irgendwer, Kirche sind wir, jeder einzelne von uns. Die Botschaft Jesu ereignet sich niemals ohne uns weil wir zur Menschheit, zur Christenheit gehören. Und deshalb läuten die Glocken immer für dich und für mich.

 

Und so werden aus tönenden Schellen nur wohlklingende Glocken, wenn wir auf ihre Botschaft hören, wenn wir uns auf sie einlassen, wenn wir durch ihr Friedensgeläute zu unserem ganz persönlichen Frieden finden und von diesem Frieden niemanden ausschließen, gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe und welcher Religion er auch sein mag. Denn Glocken für sich alleine sind tönende Schellen, seien sie künstlerisch noch so schön gestattet und mit einem wunderbaren Klang ausgestattet. Ohne die Botschaft, die ihnen das frühe Christentum mit auf den Weg gegeben hat ohne ein Zeichen setzen durch das Zeichen geben, hätten die Glocken die Zeiten nicht überdauert. Der Wandel von der „tönenden Schelle“ zur wohlklingenden Glocke, vollzieht sich nur in einer lebendigen Gemeinde, vornehmlich aber in jedem einzelnen von uns.

Der österreichische Philosoph Friedrich Heer schrieb in einem Aufsatz: „Nun schweigen sie in vielen Räumen des Menschen. ... In den Städten werden sie übertönt und überlärmt durch andere Laute, erzeugt von Geräuschmaschinen. ... Wohl klingen noch viele tausend Glocken in Stadt und Land. ... Aber wir leben nicht mehr in ‚Glocken-Europa’: In einer weiten offenen Heimat des Menschen, in der sein ganzes Leben in Stadt, Land und Kloster, in Muße und Arbeit, durch den Glockenschlag das Richtmaß empfing.“ Glocken-Europa ist Geschichte. Wird die Glocke aber auch im neuen Jahrtausend noch Geschichte und Geschichten schreiben?

 

Diese Antwort können nur wir Christen selbst geben. Ein Glockentag wie dieser heute ist ganz sicher für alle Teilnehmer sehr wichtig. Aber genau so wichtig ist es, die Menschen draußen spüren zu lassen, daß wir heute nicht nur herumklingeln, und wunderschöne Schellen ertönen lasse, sondern daß wir auch Betroffene sind von der Botschaft, von denen unsere Glocken künden.

 

Die Philosophie des Hörens Asiens ist mit der Glocke so eng verwoben, wie mit kaum einem anderen Musikinstrument. So lesen wir beim Taoist Tian Tongxiu um das Jahr 742 n. Chr. über das Hören einer Trommel, hier sinngemäß auf die Glocke angewandt:

 

„Hören ist wie das Anschlaqen einer Glocke mit einem Klöppel. Die Glocke befindet sich in meinem Körper in der Form meines Ohres. Der Klang der Glocke besteht ausschließlich in meiner Reaktion auf sie.“

 

Wenn diese Art zu hören schon bei einer Trommel solch tiefgründige philosophische Deutungen hervorbringt, um wie viel mehr läßt sich diese fernöstliche Philosophie des Hörens auf die Glocke übertragen. Diese Sinngebung ist wohl eines der großen Geheimnisse der Glocke. Der Hörende, der von ihr Betroffene verleiht ihr die Farbigkeit, die Eindringlichkeit und Vielgestaltigkeit ihrer Sprache, die zu allen Zeiten Musiker, Maler, Dichter und Philosophen mannigfaltig zu deuten suchten. Der Klang der Glocke besteht also ausschließlich in meiner Reaktion auf sie. Unsere Reaktion auf das „signum“ wird entscheidend sein, ob die Glocke auch im neuen Jahrtausend noch Geschichte schreiben und genau so wichtig, ob sie noch Geschichten erzählen wird.

 

Und es wird entscheidend sein, ob wir bereit sind, das „signum dare“, „das Zeichen geben“ mit der Glocke, wie vor 1 700 Jahren Pachomius, als Dienst an den Menschen verstehen. Das Zeichen geben hat Konsequenzen, in erster Linie für uns, die dieses Zeichen geben. Denn es gibt keine größere Verpflichtung, als Menschen zu rufen. Deshalb bezog und bezieht das „signum dare“ ­ heute mehr denn je ­ seine Berechtigung ausschließlich aus unserem Dienst an Gott und den Menschen.

 

Noch ein letzter Gedanke. Was hat die Glocke eigentlich bis heute unsterblich gemacht? Es sind, so vermute ich, ihre Symbolkraft und ihre symbolische Vielfalt, die so reich ist wie ihre Klänge, so farbenreich wie ihre Harmonien, so vielfältig wie die Künste, die sie hervorgebracht hat und die sich mit ihr freuten oder an ihr rieben. Aus Erz gegossen, das aus den Tiefen der Erde kommt, schwebt sie aus der Grube empor und grenzt - wie Schiller schreibt - an das Sternenzelt. Sie hüllt die Erde ein mit Klängen, die Widerhall im Weltall finden und als „Stimme von Oben“ eine täglich neue Botschaft zu uns tragen. Als hohe Kunst des Irdischen, leiht sie Ewigem wie Vergänglichem Ihre Stimme. Sie ist unverzichtbares Bindeglied zwischen dem „Ich“ und der „Gemeinschaft“. Und dies sei auch fortan ihr Beruf.

 

Und dies sei fortan ihr Beruf,

Wozu der Meister sie erschuf

Hoch überm niedern Erdenleben

Soll sie im blauen Himmelszelt

Die Nachbarin des Donners, schweben

Und grenzen an die Sternenwelt,

Soll  eine Stimme sein von oben,

Wie der Gestirne helle Schar,

Die ihren Schöpfer wandelnd loben

Und führen das bekränzte Jahr.

 

Nur ewigen und ernsten Dingen

Sei ihr metallner Mund geweiht,

Und stündlich mit den schnellen Schwingen

Berühr’ im Fluge sie die Zeit.

Dem Schicksal leihe sie die Zunge;

Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,

Begleite sie mit ihrem Schwunge

Des Lebens wechselvolles Spiel.

 

Und wie der Klang im Ohr vergehst,

Der mächtig tönend ihr entschallt,

So lehre sie, daß nichts bestehet,

Daß alles Irdische verhallt.



[1] Der Raum für Gott, der ausschließlich für den Gottesdienst bestimmte Raum, wird zusehends zurückgewonnen. Das zeigt ein Beispiel aus der Diaspora Brasiliens: Die Kirchengemeinde Barreias (Bahia), 500 km nordöstlich von Brasilia gelegen, baut neben dem Mehrzweckbau einen neuen Kirchenraum für Gottesdienste, vgl. Projektkatalog 2001. Gustav-Adolf-Werk  e. V. Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland, Leipzig o. J. [2000], S. 337.

[2] Amtsblatt der Vereinigten Protestantisch-Evangelisch-Christlichen Kirche der Pfalz, Speyer, 49(1969)40.

[3] Der Turmhahn 3/5 (1980)14.

[4] Helmut Bauer, Art. Kirchenbau V, Moderner Kirchenbau: TRE 18(1989)514-530; hier: 524.

[5] Hartwig A. W. Niemann, Art. Glocken: Theologische Realenzyklopädie (TRE) 13(1984)446-452; hier: 450.

[6] Die Rheinpfalz, Ausgabe Landau, August 2002.