Home  » Kirchengemeinde  » Gemeindehaus  » Baugeschichte

Ab 11.5.2019 Haben Sie Lust in einem Popularchor mitzusingen?


Wenn Sie Lust haben, bei uns mitzusingen, dann klicken Sie auf diesen LINK hier können Sie alle Infos dazu lesen.

Der neue Gemeindebrief 20.1


Mit diesem LINK können Sie den neuen Gemeindebrief 20.1 einsehen und herunterladen.  Am Mittwoch dem 27.November 2019 finden Sie ihn dann  in der Beilage des Wochenblattes.

Spielerisches erkunden der eigenen Stimme als auch Klingen und Tönen kleiner Mantras und Melodien


Mit diesem LINK können Sioe erfahren was alles angeboten wird.

Kommen Sie zu uns, in einen unserer Chöre

Wenn Sie bei einem unserer Konzerte heimlich den Wunsch verspürt haben, auch Teil dieser Chorgemeinschaft zu sein, dann kommen Sie zu uns, denn wir suchen Sängerinnen und Sänger. Die Probentermine finden Sie jeweils bei den folgenden Links:
Evangelische Kantorei
Gospelchor UNITY
Wir freuen uns auf Sie, Ihr Kantor Tobias Markutzik. Ich bin auch persönlich für Sie erreichbar unter: 0163 2935 953 oder per E-Mail: tobias_markutzik@web.de.

Eintrittsstelle

Losung

Losung für Mittwoch, 20. November 2019
Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen.
Psalm 71,23

Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern.
Epheser 5,19

© Evangelische Brüder-Unität

 Hans-Joachim Seiler

 Das Katharina-von-Bora-Haus in Kusel

 Seit 1. Oktober 2006 ist es zu finden unter der Anschrift Marktplatz 4, besser bekannt aber derzeit immer noch unter der Bezeichnung „Hotel zum Schwanen“.

Dort nimmt das Gebäude die Südseite des Marktplatzes ein. Westlich davon führt ein gepflasterter Fahrweg hinan zum ehemaligen Schulhaus Marktplatz 3, östlich von ihm bindet die ebenfalls ansteigende Marktstraße den Weiherplatz an die Innenstadt.

„Der gesamte Marktplatz, dessen Erscheinung auch durch die Bebauung der Marktstraße mit geprägt wird, stellt eine Denkmalzone dar. Er wird außer auf der Westbebauung von Wohnbebauung flankiert, zum Teil noch aus der Zeit des Wiederaufbaus der Stadt nach 1795. Als wertvollste Gebäude der Zone sind die Häuser Nr.4 und 5 anzusehen, die in ihrer ursprünglichen Erscheinung die Gestalt eines barocken Stadtpalais, wie es in Zweibrücken und Blieskastel anzutreffen war, mit den ländlichen Erfordernissen eines Wohn- und Wirtschaftsgebäudes verbanden. In beiden Fällen ist der Ökonomietrakt später zu weiterem Wohnraum umgestaltet worden. Beide Gebäude wendeten sich ursprünglich mit einer fünfachsigen Front und zentraler Eingangstür zur Marktstraße. Bevor sie sich aufgrund der gewachsenen Bedeutung des Marktplatzes, nach Fertigstellung der Kirche 1830, zum Marktplatz hin auszurichten begannen. Nr.4, die sich mit ihren genuteten Eckpilastern und der Form der Giebel über den Dachgauben enger als andere Gebäude an Bauten des Zweibrücker Baudirektors Christian L. Hautt anschließt, könnte das Haus des Jakob [Jacques]> sein, das als eines der ersten nach dem Brand wiedererrichtet wurde. Es stellt ein anschauliches Zeugnis für die Rezeption der Architektur in den Residenzen dar und diente teilweise wohl auch als Vorbild für den Wiederaufbau anderer Stadthäuser.“ (Christian Schüler-Beigang 1999)

Aus dem beim Vermessungs- und Katasteramt Kusel vorhandenen „Plan der Stadt Kusel vor der Niederbrennung 1793“ wird für das fragliche Anwesen „J. Hellriegel, Bäcker und Wirt“ als Eigentümer benannt, wahrscheinlich der gleiche, der den Wiederaufbau dieses Gebäudes als einer der Ersten nach dem verheerenden Brand beispielhaft für die ganze Stadt vornahm. Die Stadt Kusel wurde ja am 26. Juli 1794 (nach dem damals geltenden Kalender der Französischen Republik am 8.Thermidor des Jahres II) von Französischen republikanischen Truppen in einem willkürlichen Terrorakt vollständig niedergebrannt. Den geschädigten Hausbesitzern wurden zum Wiederaufbau auf den vorhandenen Grundmauern zwar ungenügende aber doch vielfältige materielle Hilfe zuteil, so auch von Frankreich als Wiedergutmachung. Daher rührt der verwendete recht einheitliche Baustil der noch von damals vorhandenen Gebäude in der Altstadt.

Von 1802 bis 1808 wirkte Jacques Hellriegel als Stellvertreter (Adjunkt, frz. Adjoint) von Kusels Bürgermeister Schimper. Er genoss schon vor dieser Zeit das Vertrauen der Einwohner, hatte aber auch tragfähige Kontakte zur französischen Verwaltung, die ihn als Adjunkt ernannt hatten. Jacques Hellriegel war zugleich Gastwirt, Bäcker und Bierbrauer.    

Das Jahr 1818 war für die Zukunft des Gebäudes Marktplatz 4 sehr bedeutsam. Im Land waren seit der Zugehörigkeit zum Königreich Bayern wieder geregelte Verhältnisse wirksam. Diese ermutigten den Metzger Johann Daniel Neu (*1794 +1877), das Anwesen zusammen mit seiner Ehefrau Elisabeth Katharina, geb. Mörschfelder (*1802 +1864) zu erwerben und die dort bestehende Gastwirtschaft des Jakob Hellriegel sen. fortzuführen, die seit mindestens 1779 bestanden hatte. Sie hatten am 18. Januar des gleichen Jahres geheiratet. Die Braut war fünfzehn Jahre alt, der Bräutigam immerhin schon 23. Seine Eltern waren Johann Jakob Neu (*1763 +1816) und Anna Elise Neu (*1765 +1843) aus Diedelkopf. Er war das vierte von sechs Kindern. Ob gerade ihm der zwei Jahre zuvor verstorbene Vater ein Erbteil zum Kauf hinterlassen hatte, ist nicht bekannt. Ihre Nachfahren blieben Eigentümer des „Hotel Schwan“ bis zum Jahr 1973, also volle 155 Jahre lang!  

Im Urkataster von Kusel von 1845 ist für Flurstück 185 Neu, Daniel (*1826 +1867), Gastwirt und Metzger eingetragen. Er war zugleich auch Eigentümer von Flurstück 183/1, Marktplatz 3a, was heute vom Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland e.v. (CJD) als Auszubildenden-Wohnheim genutzt wird. Damals dienten dort die Gebäude als Stallungen, sowie zur Unterbringung landwirtschaftlicher Gerätschaften. Wie später auch noch, wurde dort Vieh gehalten. Daniel Neu war also gerade neunzehn Jahre alt, als ihm sein Vater Johann Daniel die Eigentumsrechte übergab. Er hatte noch zwei ältere und

vier jüngere Schwestern, sowie zwei jüngere Brüder. Daniel Neu heiratete am 30. Juni 1857 die aus Birkenfeld stammende Katharina Rieß (*1834 +1899).

Der Ehe entsprossen sechs Nachkommen, jeweils drei Buben und Mädchen.

Die älteste Tochter Caroline Mathilde Neu (*1859 +1939) heiratete am 20. März 1880 den Rotgerber Rudolf Louis Emrich (*1847 +1887) aus Kusel, der den Betrieb der Schwiegermutter Katharina Neu weiterführte, die ihn vom bereits 1867 verstorbenen Ehemann Daniel übernehmen mußte. Ihr Schwiegervater Johann Daniel Neu mag ihr bis zu seinem Tod im Jahr 1877 geholfen haben.

Im Archiv der Kreisverwaltung Kusel werden die Akten der Erteilung von Gaststätten-konzessionen aufbewahrt. Uns interessieren diejenigen zum Haus Marktplatz 4: Nach dem Tod des Wirtes Rudolf Ludwig Emrich am 15. Juli 1887 beantragte die Witwe Karolina Emrich, geb. Neu, beim Bürgermeisteramt Kusel, die Gast- und Schankwirtschaft in den alten concessionierten Localitäten und in der bisherigen Weise fortzubetreiben. Der Bürgermeister bestätigte auf dem gleichen Schreiben, daß gegen die Witwe Emrich keine Thatsachen vorlägen, welche die Annahme rechtfertigten, daß  sie das Gewerbe zur Förderung der Völlerei, des verbotenen Spiels, der Hehlerei oder der Unsittlichkeit mißbrauchen werde. Beide werden mit der Grußfloskel „Gehorsam!“ beendet.

Der als vierter in der Ehe von Daniel Neu und Katharina Rieß geborene Sohn Adolph Neu (*1862 +1912) übernahm das Geschäft im Elternhaus von seiner verwitweten Schwester Caroline Mathilde Emrich als er am 23. Juli 1892 Helene Ulrich (*1870 +1935) heiratete; denn am 1. Juni 1892 ersuchte Adolf Neu um die Erteilung der Personal- Concession für den Betrieb dieser Gastwirtschaft. In der Sitzung des Stadtrates von Kusel vom 17. Juni 1892 beriet dieser das Gesuch des Adolf Neu für den Betrieb einer Gastwirthschaft mit Wein-, Bier- und Branntweinausschank in den bisher zu diesem Zwecke benützten Lokalitäten der Witwe K.L. Emrich dahier am Marktplatz. Anwesend sind außer Bürgermeister Schleip 15 Ratsmitglieder, weitere sieben fehlen entschuldigt. Der Stadtrat beschließt einstimmig, für besagte Wirthschaft die Bedürfnisfrage zu besichern in Anbetracht, daß das Lokal am Marktplatz liegt und daselbst schon seit vielen Jahren Wirthschaft getrieben und zudem durch die Bewilligung keine neue Wirthschaft geschaffen wird.

Das Bezirksamt Kusel, das die Genehmigung zu erteilen hatte, schickte am 21. Juni 1892 den Bezirksbauschaffner W. Mergler zur Besichtigung der Wirthschaftslokalitäten und   gutachtlichen Berichterstattung.

Mergler schrieb am 29. Juli 1892, daß außer zweier genannter Punkte gegen die Ertheilung der Concession nichts zu erinnern sei:

1.Der Pissoir, welcher sich im Innern des Hauses befindet, ist vollständig dunkel und

ohne jegliche Ventilation. Es empfiehlt sich durch Einbrechen eines Fensters dem Pissoir Licht und Luft zu verschaffen.

2. Die Kamine sind größthentheils, erst im Obergeschoß beginnend, auf dem Gebälk 

aufgesetzt. Da dieser Zustand, obgleich vorschriftswidrig, gegenwärtig nicht feuergefährlich erscheint, so dürfte von der Neuerstellung der Kamine, die übrigens mit sehr großen Schwierigkeiten verknüpft wäre, abgesehen werden.

Adolf Neu bezahlte 2 Mark an den Bezirksbauschaffner für die Besichtigung und die Abgabe eines Gutachtens und bestätigte am 4. August 1892, daß er die Verfügung zur Kenntniß genommen habe. Die Kontrolle ergab am 26. September 1892, daß das fragliche Fenster gesetzt war.

Mit dem Absender Hotel Schwan, Adolf Neu Kusel geht ein Schreiben vom 28. September 1922 bei der Stadt Kusel ein, Betreff: Koncessionserweiterung Hotel Neu Kusel.

   Im Jahre 1908 ist der in meinem Wohnhaus und Hotel wohnhafte Schuster Nickel ausgezogen, er hatte 2 Zimmer inne im 3. Stock. Die Kündigung an Nickel geschah seinerzeit aus dem Grunde, daß meine beiden Kinder in einem Alter waren, wo ich den Beiden je ein Zimmer zur Verfügung stellen musste. Um nicht meinen Hotelbetrieb zu stören, mußte ich diese beiden Zimmer unbedingt haben und wurden dieselben auch von diesem Zeitpunkt an als Fremdenzimmer benutzt. Die Ausdehnung der Gastwirtschaftskonzession auf die beiden Räume wurde durch die Krankheit und Tod meines Ehemannes versäumt.

Nachdem nun das gegenüber liegende Hotel „Mainzer Hof“ [Haus Marktstr. 29; von der Stadt Kusel für französische Dienststellen gekauft] und das in unmittelbarer Nähe gelegene „Hotel zur Post“ mit sämtlichen Fremdenzimmern vollständig eingegangen sind, ferner in den Gastwirtschaften drum und im „Preußischen Hof“ [Haus Trierer Str. 27, das spätere Geburtshaus von Fritz Wunderlich] keine Fremdenzimmer vorhanden sind, macht sich ein erhöhtes Bedürfnis nach Fremdenzimmer geltend.

    Mit Rücksicht auf diese Tatsachen bitte ich um

    Ausdehnung der Konzession auf diese beiden Zimmer.

                                                         Adolf Neu Witwe

Daraufhin schreibt das Wohnungsamt an das Bürgermeisteramt Kusel am 21. Oktober 1922:

In der Sitzung vom 20. wurde beschlossen die beschlagnahmten Räume Frau Neu zu überlassen. Die Angaben der Gesuchstellerin sind richtig.

Adolf Neu war bereits im Jahr 1912 verstorben und es spricht für die Resolutheit seiner Witwe Helene, dass sie in den schwierigen Zeiten der Inflation in Deutschland solche geschäftlichen Vorhaben unternehmen wollte.

 

Wie rigoros in früheren Zeiten Wert auf die Einhaltung von Moral und Ordnung gelegt wurde, ergibt sich aus einem Schreiben in den Akten der Kreisverwaltung vom 14.I.1925: Vormerkung

Der Gastwirt Alfred Neu in Kusel wurde durch Strafbefehl des Amtsgerichts Kusel vom 9.Dezember 1924 wegen der Übertretung der Polizeistunde am 23.X.24 zu einer Geldstrafe von 8 G.M., im Falle der Uneinbringlichkeit zu einer Gefängnisstrafe von 2 Tagen, verurteilt.

Dieser Notiz ist zu entnehmen, dass in vierter Generation Sohn Alfred Neu (*1892 +1927) den Betrieb von seiner Mutter Helene übernommen hatte. Er hatte eine Konditorlehre abgeschlossen. Allerdings sind die genauen Daten nicht überliefert. Im Jahr 1925 ist Alfred Neu in die USA ausgewandert, wo er im Jahr 1927 in Brooklyn/New York verstorben ist. Den Betrieb übernahmen damals seine Mutter mit ihrer Tochter Karoline Louise Neu, genannt „Lilli“ (*1897 +1969) gemeinsam. Diese heiratete am 15. Dezember 1928 den aus Niederlinxweiler stammenden Bergmann und späteren Bergwerks-Betriebsleiter Johann Georg Sicks (*1888 +1949), der beide Frauen bei ihrer Arbeit tatkräftig unterstützen konnte.

Der Ehe von Luise und Georg Sicks entstammte nur Tochter Hannelore Sicks (*1932). Sie ehelichte Helmuth Overkamp (*1923 +1997) aus Schüttorf/Grafschaft Bentheim am 30.6.1955. Das junge Paar bewohnte zwei Zimmer im Hause, die dafür erneuert wurden. Beide führten den Betrieb in der fünften fortlaufenden Generation bis zum Sommer 1959. (In jenem Jahr bezogen sie das Haus, das sie auf dem von den Vorfahren „Neu“ ererbtem Land westlich der Haischbach erbaut hatten, im Volksmund: An „Neue“ Berg. Die Straße heißt aber nunmehr fälschlich und sinnentstellend Am Neuenberg.)

 

Pachtverhältnisse

Im Jahr 1935 verstarb Helene Neu, die Witwe von Adolf Neu.

Am 22. September 1936 wurde dem Bezirksamt Kusel ein Antrag auf die vorläufige Konzessionserteilung vorgelegt: Antragstellerin Irene Sichau, geb. am 14.6.1914 in Osterfeld, Reg.Bezirk Düsseldorf, wohnhaft Idar-Oberstein 2 ,Adolf-Hitler-Strasse 32. Ihr Vater ist der Knappschaftsinvalide Robert Sichau; Mutter ist Berta Sichau, geb. Joneleit. Beide waren wohnhaft in Wanne-Eickel, Emscher Nr.4 [Angaben aus Schreiben von 9. Oktober 1936]

Auf den Antrag hin wurde eine vorläufige Genehmigung erteilt. Die Behörde war aber nach den Anmerkungen in den Akten nicht geneigt, eine endgültige Genehmigung auf eine unbestimmte Dauer zu erteilen.

Am 19. Januar 1937 beantragte deshalb Robert Sichau selbst die Konzession. Nach Ablehnung dieses Antrags ist Familie Sichau am 26. Februar 1937 von Kusel weggezogen. Die Eigentümerin Lilli Sicks, geb. Neu, übernahm die Konzession selbst bis zu einer neuen Verpachtung.

Diese erfolgte am 1.April 1937.

Die Pächterin Thea Wagensonner aus Reichenhall übernahm die Geschäftsführung des Hotels Schwan mit Antrag vom 2.April 1937. Hauptwachmeister Herrmann von der Städtischen Schutzmannschaft monierte umgehend die verspätete Antragstellung. Am 9. April 1937 wurde ihr eine vorläufige Erlaubnis mit einer Frist bis zum 9. Juli 1937 erteilt. Interessant ist der von ihr ausgefüllte Fragebogen dazu. Auf die Frage: Seit wann wird der Betrieb auf dem Anwesen schon geführt?, antwortet sie: Seit 1779 [!]

Erstmals wird die Örtlichkeit beschrieben: Wohnung des Wirtes-  Wohn- und Schlafzimmer im 2.Stock, Wirtschaftsküche im 1.Stock.

1 Zimmer für die Angestellten im 1. Stock

Zur Fremdenbeherbergung 9 Zimmer mit 12 Betten, davon 5 Zimmer im 1.Stock und 4 Zimmer im 2.Stock.

Am 17. September 1937 hat dann Thea Wagensonner den Pachtvertrag fristlos gekündigt. 

Darauf übernahm Karoline Luise, „Lilli“ Sicks, geb. Neu, wiederum die Führung der Gastwirtschaft. Angegeben wird in der Niederschrift, dass das Anwesen seit 1818 der Familie Neu gehört.

Am 8. Juni 1938 wurde Frau Sicks die unbefristete Genehmigung erteilt. Mitteilungen davon gingen an

1.      Wirtschaftsgruppe Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe Kreisgruppe Kaiserslautern

2.      Bezirksjugendamt im Hause

3.      Deutsche Arbeitsfront Kusel

4.      Kreisleitung der NSDAP Kusel

 

In jenem Jahr wurde die Kohlengrube Labach wegen Unrentabilität geschlossen. Lillis Ehemann Georg Sicks wurde als Betriebsleiter in die Bergmanns-Pension (-Rente) geschickt. Er half hinfort uneingeschränkt beim Betreiben der Gaststätte bis zu seinem Tod im April 1949. Als gelernter Bergmann aus Niederlinxweiler (Saarland) war es nicht überraschend, dass er gut kochen konnte. Damals blieben ja die Bergleute die ganze Woche auf der Grube und waren aus Gründen der Kostenersparnis gezwungen, sich ihre Mahlzeiten selbst zuzubereiten.

Während des 2.Weltkriegs hatten die Eheleute Sicks keine besondere Mühe damit, die verordneten zwei Tage mit fleischloser Kost in jeder Woche zu Überstehen, da ihnen als Landwirten im Nebenerwerb genügend vorhandene eigene Landwirtschaftsflächen in der Nachbarschaft (im Weibergraben und im Weißen Pfuhl) das Erzeugen von Gemüse erlaubte. Am Sonntag klebte die Familie die unter der Woche eingelösten Lebensmittelmarken auf Papierseiten. Dafür erhielten die Wirtsleute wieder die begehrten Bezugsscheine für rationierte frische Lebensmittel.

Nach Kriegsende beschlagnahmten die amerikanischen Besatzungstruppen das Hotel vollständig für drei Monate. Sogar die Inhaberfamilie wurde nicht mehr in ihren eigenen Räumen geduldet; sie wurde kurzerhand auf die Straße gesetzt. Sechs Wochen nach der Freigabe durch die Amerikaner richtete die französische Besatzung in dem Anwesen ein Offizierskasino ein. Die Eigentümerfamilie durfte dort wieder wohnen; ja, die Wirtin Lilli Sicks hatte neben dem militärischen Küchenpersonal sogar in der eigenen Küche bei der Zubereitung der Speisen zu helfen. Bei der Übergabe des französischen Kasinos von den Offizieren an die Unteroffiziere wurde sie von dieser Mitwirkung entbunden. Die Familie bewohnte aber weiterhin ihre Privaträume im Haus.

Im Jahr 1948 wurde das Hotel wieder vollständig freigegeben und sofort von den Wirtsleuten wieder eröffnet. Durch die eigene Landwirtschaft konnte das Speisenangebot über das auch damals noch schmale Lebensmittelkontingent hinaus erweitert werden. Bis in die fünfziger Jahre hinein wurde noch geschlachtet, allerdings kein selbst gemästetes Vieh mehr. Eine Schülerpension ermöglichte Jugendlichen aus Kusels weiterer Umgebung den Besuch des Gymnasiums, weil der öffentliche Nahverkehr nur erst in Ansätzen den Bedarf decken konnte. Es war sehr schwierig, von den nicht durch eine Buslinie berührten Ortschaften die Bildungsstätten in Kusel pünktlich und sicher zu erreichen.

Der Arbeitsanfall für die ganze Familie Sicks nach der Wiedereröffnung des Hotel- und Gaststättenbetriebes ließ sie die Antragsfrist auf eine Entschädigung für die Beschlagnahme versäumen. Sie hat deshalb keinerlei Entschädigung für die Jahre der Fremdnutzung durch die Besatzungstruppen erhalten.

Als die Eheleute Hannelore und Helmuth Overkamp ihr neu errichtetes Eigenheim im Jahr 1959 bezogen, wurde der Hotel- und Gaststättenbetrieb verpachtet.

Ab 16.9.1959 hieß der Pächter Carl-Heinz Steinkühler aus dem Kreis Erkelenz. Zwei Jahre darauf wurde die Brauerei Koch Pächterin, die Walter Rothkirch aus Reutlingen als Unterpächter einsetzte. Die Konzession zum Führen des Hotels erhielt er für die Zeit vom 20.8. bis zum 20.12.1960.

Am 5.5.1961 eröffnete die Schwester von Frau Rothkirch, Gretel Maier aus Reutlingen, erneut das Lokal. Ihre Erlaubnis wurde bis zum 15.9.1961 befristet. Ab 15.3.1962 übernahm Otto Becker aus Neunkirchen/Saar die Pacht des Betriebs, ab 14.4.1967 Klaus Mahlstädt aus Kusel, ab 10.11.1967 die Schweizerin Louisa Lina Gasser, geb. Furrer und ab 15.5.1968 die Eheleute Klaus und Leontine Kube aus Heilbronn. In deren Zeit erfolgte die Geschäftsaufgabe der Kuseler Brauerei Koch und damit die Pachtaufgabe im Jahr 1973 zugunsten der anderen Kuseler Brauerei Emrich, die das Anwesen im gleichen Jahr käuflich erwarb. Bis dahin hatten die jeweiligen Eigentümer der Familie und Erben Neu für den Unterhalt des Hauses einzustehen.         

Vom 18.12.1977 bis zum 30.9.2001, also 24 Jahre lang, wirkte als letzte Gastronomin Ursula Maurano als Pächterin in der Schank- und Speisewirtschaft „Ristorante Pizzeria Ischia“. Den traditionsreichen Namen „Hotel Schwan“ hatte die Brauerei Emrich nach dem Erwerb des Hauses getilgt.

Die Chronik Baum berichtet aus dem Jahr 1603 von einem „Gasthaus zum Schwanen“, wie es im Volksmund gelautet haben mag. Daraus wurde schriftdeutsch „Hotel Schwan“, wie es weiter unten noch belegt sein wird.

Betriebsinhaber und –pächter des Gasthauses Schwan 

In der folgenden Tabelle sind die bekannt gewordenen Betriebsinhaber in der zeitlichen Abfolge aufgeführt, wobei die jeweiligen Pächterinnen und Pächter kursiv gesetzt sind.

 

1795    Hellriegel, Jakob, Wirt, Bäcker und Brauer

1818

1.)Neu, Johann Daniel und Ehefrau Elisabeth Katharina, geb. Mörschfelder

1845

2.)Neu, Daniel, Sohn von 1.)

1857

Neu, Daniel und Ehefrau Katharina, geb. Rieß

1867

Witwe Katharina

1880

Emrich, Rudolf Ludwig & Ehefrau 3.)Caroline Mathilde, geb. Neu, Tochter von 2.)

1887

Witwe Caroline

1892

4.)Neu, Adolph, Sohn von 2.) und Ehefrau Helene, geb. Ulrich

1912

Witwe Helene

1925

Neu, Alfred, Sohn von 4.)

1926

Neu, Karoline Luise (Lilli), Tochter von 4.), mit Mutter Helene

1928

Sicks, Lilli, geb. Neu, mit Mutter Helene bis zu ihrem Tod 1935

1936

Pächterin Sichau, Irene

1937

Sicks, Lilli, geb. Neu

1937

Pächterin Wagensonner, Thea

1938

Sicks, Lilli mit Ehemann Georg Sicks

1949

Witwe Lilli Sicks

1959

Pächter Steinkühler, Karl-Heinz

1960

Pächter Rothkirch, Walter

1961

Pächterin Maier, Gretel

1962

Pächter Becker, Otto

1967

Pächter Mahlstädt, Klaus

1967

Pächterin Gasser, Louisa Lina

1968

Pächter Kube, Klaus und Leontine, 1973 Ankauf durch Brauerei Emrich, Kusel

1977

Pächterin Maurano, Ursula,  

2001

Ende des Betriebes, Verkauf des Anwesens an die Protestantische Kirchengemeinde Kusel

 

Eine Auswertung der Tabelle ergibt die nachstehend aufgeführten Zeiten:

 

Nachweisliches Bestehen des Gastwirtschaftsbetriebes seit 1818        183 Jahre;

Davon im Besitz der Familie Neu                                                    155 Jahre

Eigentum der Braurei Emrich                                                  28 Jahre

 

Betriebsinhaberinnen                                                           89 Jahre

Eheleute als Betriebsinhaber                                                 73 Jahre

Betriebsinhaber                                                                            21 Jahre

 

Die aktenkundige Aussage von 1937 zum Entstehungsdatums des Betriebes im Jahr 1779, die durch die dendrochronologischen Bestimmungen nicht widerlegt werden kann, bedeutete eine ununterbrochene Nutzungsdauer des Gebäudes als Gastronomie- und Beherbergungsbetriebs von mindestens 222 Jahren.

 

Grundstückseigentümer nach 1818 waren Johann Daniel Neu, Daniel Neu, Adolf Neu, Helene Neu, geb. Ulrich, Lilli Sicks, geb. Neu, Hannelore Overkamp, geb. Sicks sowie  Brauerei Emrich KG. Die hier nicht aufgeführten Betriebsinhaber waren gleichsam Pächter im Gebäude.

 

Umbau zum Protestantischen Gemeindezentrum

Am 27.11.2001 wurde die Protestantische Kirchengemeinde Kusel als Eigentümerin des Anwesens Marktplatz 4 ins Grundbuch eingetragen. Sie erteilte der BauWerk GbR in Wiesbaden den Auftrag zu einem Bauhistorischen Gutachten für das Gebäude, das als Grundlage für die Planung eines Gemeindezentrum für die Protestantische Kirchengemeinde Kusel in diesen historischen Gemäuern diente. Das Gutachten ließ die Bauherrin zu dem Schluß kommen, dass sich die Erhaltung des weit überwiegenden Teils der vorhandenen Bausubstanz nicht verantworten ließe. Erhalten werden konnten eigentlich nur die Ostfront sowie der östliche Teil der Nordfront. Sämtliche übrigen Teile des Gebäudes waren neu zu errichten; es war komplett zu entkernen und über dem teilweise neu zu errichtenden Keller aufzubauen. Dabei hat dann bei der Bauherrschaft der Wunsch überwogen, die zu ergänzende Nordfassade zum Marktplatz hin im gleichen Stil zu halten, der durch die zu erhaltende Wand vorgegeben war.

 

„Der zweigeschossige Bau wurde massiv im Erdgeschoss in Bruchsteinmauerwerk, im Obergeschoss in Ziegelmauerwerk errichtet und ist vollständig verputzt. Ein hohes Walmdach übergibt das gesamte Gebäude und zeigt abgewalmte Dachflächen zu allen Fassaden. Die südöstliche Gebäudeseite ist an das Nachbargebäude angebaut, auch die Dächer stehen in baulichem Zusammenhang und gehen hier ohne Abwalmung ineinander über.

Die östliche Fassade ist symmetrisch durch fünf Fensterachsen in Erd- und Obergeschoss gegliedert, die drei mittleren Achsen sind durch Dachgauben bis ins Mansardgeschoss fortgesetzt. Die hochrechteckigen Fenster mit modernen Kunststofffensterverschlüssen sind von breiten, weiß gefassten Bekleidungen umgeben, die im geraden Sturz einen leicht erhöhten, profiliert abgesetzten Schlussstein aufweisen. Die Gebäudeecken werden von Eckverquaderungen in bossierter Optik betont. Eine horizontale Gliederung ergibt sich durch das weiß gefasste Gesims zwischen Erd- und Obergeschoß sowie durch die aufwendig profilierte Traufzone.

In Fassadenmitte zeigt sich das Fenstergewände im Erdgeschoss in deutlich breiterer Profilierung in dreifacher Abstufung und unter Verzicht auf den Schlussstein. Die Sohlbank entspricht jedoch den Sohlbänken der übrigen Fenster. Diese war der o.g. ursprüngliche Hauseingang zur Marktstraße.

Die nördliche Fassade zeigt sich in zwei unterschiedlichen Abschnitten, welche durch einen weiß gefassten Pilaster in bossierter Quaderung geteilt sind, die den auch hier zu findenden Eckquaderungen gleichen. Die Erschließung des Gebäudes erfolgt durch eine unsymmetrisch angeordnete Tür im östlichen Gebäudeteil. Dieser ist ansonsten symmetrisch durch fünf Fensterachsen gegliedert, die die gleichen Fensterbekleidungen mit einfacher Profilierung und erhabenem Schlussstein aufweisen. Der westliche Fassadenteil zeigt im Erdgeschoss drei ungleich große Fensteröffnungen mit gleicher Rahmung sowie eine zugesetzte Türöffnung in direktem Anschluss an die westliche Eckquaderung. Im Obergeschoss finden sich vier Fensteröffnungen, deren äußere ebenfalls an die Eckquaderungen anschließen.

Das hohe Walmdach übergibt die Fassade gleichmäßig, die insgesamt fünf Dachgauben sind annähernd gleichmäßig angeordnet.“ Soweit ein Zitat aus dem Gutachten.

 

Abbildung 1 Ansicht des Anwesens im Januar 2002 vom Marktplatz her (aus Nordosten)  Foto: BauWerk

 

 

 

In den nachfolgend aus dem Gutachten wiedergegebenen Zeichnungen lassen sich die festgestellten Bauphasen anhand der farblichen Markierungen deutlich erkennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ansicht von der Marktstraße

 

 

 

Ansicht vom Marktplatz

 

 

Schnitt durch das Gebäude, vom Marktplatz aus gesehen

 

 

 

Grundriß des Erdgeschosses

 

Marktplatz

 

 

Beim Betrachten der beiden Grundrisse fällt auf, dass doch nennenswerte Bausubstanz die Brandkatastrophe von 1794 überdauert hatte und in den Wiederaufbau einbezogen werden konnte. Diese zweite Bauphase war sichtbar in den oberen Geschossen. Nach 1830 war der Bau der Stadtkirche an der heutigen Stelle beschlossen. Die Eheleute Johann Daniel und Elisabeth Katharina Neu fassten nach einem reichlichen Dutzend an Betriebsjahren den Entschluss, ihr Anwesen, der damals künftig veränderten Situation angepasst, um einen sich nach Westen erstreckenden Anbau zu erweitern, den Eingang an die Nordseite zu verlegen. Der Marktplatz erhielt damals seinen heute noch vorhandenen Anblick.

Die dendrochronologisch ermittelten Daten aus den vorgefundenen untersuchten Hölzern unterstreichen die vorgenannten Angaben. Danach stammt das älteste Holz aus Jahren 1794/95. Alle übrigen Hölzer wurden in den Jahren 1830/31 eingeschlagen.

Die vormals unbefriedigende Situation der Keller im Haus wurde anhand des nachfolgend dargestellten Planes wesentlich verbessert. Beide sind nun miteinander verbunden und allein von innen her zugänglich.

 

 

Bauplan Kellergeschoß (verkleinert), Decker Ingenieure, Kusel

 

 

 

 

 

Die schwarz eingefärbten Mauern bezeichnen den vorgefundenen Bestand an Kellermauerwerk, der künftig erhalten bleiben wird. Die beiden Keller werden künftig miteinander durch einen Gang verbunden, dessen fünf Stufen den Höhenunterschied vom östlichen zum höhergelegenen westlichen Keller überwinden. Eine volle Unterkellerung verbot sich aus Gründen der Statik, da ansonsten die Fassade zum Marktplatz hin nur mit übermäßigem Kostenaufwand hätte erhalten werden können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alte Ansichten des Gebäudes

Kusel war als Ort mit Bedeutung an touristischem Interesse noch nie aufgefallen, weshalb sich nur sehr spärlich Abbildungen seiner Gebäude finden lassen. Dazu beigetragen hat die Tatsache, dass Kusels weitreichende Bedeutung in seiner  einheitlichen Bebauung liegt, die jedoch kein Beispiel aufweisen kann, das lohnte, herausragend abgebildet zu werden. 

Drei Abbildungen sollen ............................................................

 

Diese Zeichnung dürfte um die Zeit des 1. Weltkriegs herum entstanden sein. Sie ist der Baumschen Chronik entnommen, die auch die Mitteilung enthält, dass bereits im Jahre 1603 in Kusel ein „Gasthaus zum Schwanen“ bestanden haben soll.

 

 

 

 

 

 

                                                                       Fotosammlung D. Zenglein

Dieses Postkartenbild ist um 1925 entstanden. Der damalige Wirt hieß Alfred Neu. Die dunkle Farbe der Fassade stammt noch von der Renovierung des Jahres 1923 durch seine Mutter Helene. Erstaunlich ist an dem Foto, dass die Tür zur Marktstraße damals noch vorhanden war. Das Gewände hatte den Brand von 1794 überdauert. Die noch vorhandenen Türblätter waren sicherlich dem Wiederaufbau von 1795 zu verdanken. Die vormals vorhandene Treppe unter der ebenfalls noch sichtbaren Schwelle war aber bereits entfernt. Um 1831 war diese Tür geschlossen worden, um die Gastwirtschaft zur Kirche und damit zum Marktplatz hin zu orientieren. Mehr als achtzig Jahre lang hatte diese funktionslose Tür die Fassade zur Marktstraße dennoch eindeutig bereichert. Es spricht für das Gespür für Ästhetik der Eigentümer, sich so lange diese stilvolle Ansicht erhalten zu haben. Oder waren fehlende Mittel zum Umbau ein Grund für den Bestand der Tür?

Die Terrasse am Marktplatz war von erkennbar schlichter Bauart.

 

Die Ansichtskarte stammt aus dem Verlag Otto Schlicke, Dresden-A 16.

 

Fotosammlung D.Zenglein

Diese Postkarte wurde im Jahr 1941 aus Kusel versandt. Sie dürfte etwas mehr als zehn   Jahre jünger als die oben abgebildete sein. Das „Hotel Schwan“ hat einen helleren Fassadenanstrich erhalten. Der Schriftzug des Namens ist um ein ganzes Fassadenfeld nach außen gerückt. Der Abgang zum Keller ist zufällig geöffnet. Die Terrasse scheint nicht mehr behelfsmäßig zu sein.

Erschienen ist die Postkarte beim Verlag Theodor Oberfrank, Kusel.

 

Stadtsanierung Kusel

Im Ergebnis hat die Stadt Kusel jetzt einen Marktplatz erhalten, der noch nie in seiner Geschichte ein solch geschlossenes Bild abgeben konnte auf der Grundlage der von den Altvorderen geschaffenen baulichen Tatsachen.

Seit 1968 waren auch in Kusel Bestrebungen im Gange, Vorstellungen über die Zukunft der Stadt rechtlich abzusichern. Am 29. Mai jenes Jahres beschloß der Stadtrat die Aufstellung eines Sanierungsplanes durch den Frankfurter Architekten Albert Speer. Sein Vorschlag für Kusels bauliche Entwicklung lief darauf hinaus, die in weiten Bereichen ungenügende und überalterte Bausubstanz durch zeitgenössische zu ersetzen, auch um dem Straßenverkehr mehr Raum zu verschaffen. Das hieß in erster Linie: Abriß aller Altbauten. Er setzte damit das weit verbreitete Konzept um, das Deutschland eine weit schlimmere Zerstörung der Städte einbrachte als es die alliierten Luftangriffe überhaupt vermochten. Für diese Eingriffe in die Altbausubstanz, ob sie erhaltbar, erhaltenswert oder erhaltensunwert war, wurde der verharmlosende Begriff „Ordnungsmaßnahme“ geschaffen. In Kusel sollten weite Bereiche der Innenstadt einer solchen Ordnungsmaßnahme unterzogen werden. Einer Niederschrift vom 23. November 1972 zufolge regte das Straßenbauamt Kaiserslautern in einer Stellungnahme zum Bebauungsplanentwurf an, den straßenseitigen Giebel zurückzusetzen anstatt dort einen Arkadengang zur Aufnahme des Bürgersteigs anzulegen.

Gegen diese Vorhaben, die tief in die denkmalwürdige Bausubstanz eingreifen wollte, regte sich ein breiter Widerstand unter den Grundstückseigentümern, die bereits andere, weniger weitgehende Pläne mit ihren Anwesen umsetzen wollten.

Am 26. Juli 1973 berichtete „Die Rheinpfalz“ über das Unvermögen der Stadt Kusel, der Bezirksregierung Rheinhessen-Pfalz Anträge auf die Erteilung von Fördermitteln zur Stadtsanierung zu übermitteln. Die Stadt Kusel habe es bis dahin nicht vermocht, die Sanierungsgebiete nach den Vorschriften des Städtebauförderungsgesetzes förmlich festzulegen. Die weithin unpopuläre Stadtsanierung nach den Vorschlägen von Albert Speer ließ sich auch in den folgenden Jahren nicht in die notwendigen rechtlichen Formen fügen; sie wurde also sang- und klanglos beerdigt.

 

Im zweiten Anlauf zu einer Stadtsanierung erhielt die Planungsgemeinschaft Rittmannsperger + Partner in Darmstadt im Jahr 1977 einen Planungsauftrag. Sie erstellte unter Anwendung des Denkmalschutz- und Pflegegesetzes für das Land Rheinland-Pfalz (DSchPflG), das am 1. Mai 1978 in Kraft trat, den unten stehenden Plan von Kusel.

Nach damaligem Kenntnisstand wurde im Stadtzentrum jedes einzelne Gebäude bewertet auf seine Denkmalwürdigkeit, die im Plan in Rot erscheint. Für die Kuseler war es nicht überraschend, dass die Innenstadt weitgehend rot eingefärbt war; so auch der gesamte Marktplatz.  

 

 

 

 

 

 

    

 

Dieses Foto vom September 2006 (H.-C. von Steinäcker): Keine Fensterläden mehr. Der rechte Gebäudeteil ist vollkommen neu in direkter Anlehnung an den linken gestaltet, entspr. den Erfordernissen der Kirchengemeinde. Die Fassadengliederung ist beibehalten worden. Die Gauben sind weitgehend den Fensterachsen zugeordnet und somit zahlreicher geworden. 

 

 

 

 

 

Berichte von den Feiern zur Einweihung am 1. Oktober 2006

Der Lokalteil Kusel der Zeitung „Die Rheinpfalz“, die „Westricher Rundschau“, berichtete am Montag, dem 2. Oktober 2006, unter der Überschrift „Ideale Voraussetzungen für ein lebendiges Gemeindeleben“ von der offiziellen Einweihung des Katharina-von-Bora-Hauses am Vortag. Oberkirchenrat Rainer Schäfer aus Speyer hielt die Predigt in Anwesenheit von Dekan Lehr, Landrat Winfried Hirschberger, Bürgermeister Stefan Spitzer und Stadtbürgermeister Jochen Hartloff. Schäfer weihte das neue Gemeindezentrum offiziell ein.

Am 5. Oktober 2006 erschien das „Wochenblatt für Kusel, Altenglan und Glan-Münchweiler“ mit einem reich bebilderten Spezial-Bericht vom gleichen Ereignis. Ihm sind weitere Einzelheiten zum Entstehen dieses Gemeindehauses der protestantischen Kirchengemeinde Kusel zu entnehmen. Nach eingehenden Gesprächen des Presbyteriums mit den lokalen Behörden, mit der Denkmalbehörde, mit der Pfälzischen Landeskirche in Speyer wegen der Finanzierung habe man das Projekt beschlossen. Vom Gesamtfinanzbedarf von 1,7 Millionen Euro hätten die protestantische Landeskirche 1,2 Millionen Euro, die Stadt Kusel 250.000 Euro übernommen. Die Baugenehmigung sei im März 2004 erteilt worden. Die Bauarbeiten konnten im August 2004 beginnen. Wegen vieler aufgetretener Probleme während der Arbeiten konnte das Richtfest erst im Juni 2005 begangen werden.

Für die Auswahl des Namens sei die Rolle von Katharina von Bora, der Frau an der Seite des Reformators Martin Luther, ausschlaggebend gewesen.

Dass die Wahl des Namens gerade zur Tradition dieses Hauses passt, konnten die dafür Verantwortlichen nicht wissen. Die vorstehende Zusammenstellung ergibt, dass fast die Hälfte der Betriebszeiten von 183 Jahren von alleinstehenden Frauen gemeistert wurden. Weitere vierzig Prozent der Zeiten teilten sich Eheleute den Dienst am Gast.

 

Für die Anregung zur Erstellung dieser Untersuchung danke ich Christian von Steinäcker. Sie erreichte mich im Archiv der Kreisverwaltung Kusel, wo Frau(...) Lotter mich mit den Akten zur Konzessionserteilung    . Im Archiv der Verbandsgemeinde Kusel waren es die Herren (   ) Barz und (   ) Wenzel, die keine Mühe und Initiative scheuten im Beschaffen einschlägiger Aktenvorgänge. Wertvolle Anregungen zum Thema und zu dessen Ausgestaltung erfuhr ich von Dieter Zenglein aus Dittweiler. Die Durchsicht des Typoskripts übernahm bereitwillig Sandra Gehre aus Ehweiler, die sich sehr viele Verdienste um die Fertigstellung der Arbeit erwarb.  

 

 

 

 

 

 

Literaturverzeichnis

Archiv der Kreisverwaltung Kusel, Nr. 1173-1175

Archiv der Verbandsgemeinde Kusel Az.: 610-51 Stadtsanierung Kusel

Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 276, Nr. 139

Baum, L.H.: Kuseler Chronik, Verlag J. Kleinschmidt, Kusel 1928

Decker Ingenieure: Umbau zur Errichtung eines Prot. Gemeindezentrums, Planung Grundriss Kellergeschoss, Kusel 2005

Engel, Stefan: Über die Baugeschichte Kusels seit dem letzten Brand 1794, Westricher Heimatblätter1983, S.107

Rittmannsperger + Partner: Altstadtsanierung Kusel, 1978   

Schüler-Beigang, Christian: Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Band 16- Kreis Kusel,                              Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 1999

Schworm, Ernst: Kusel, Geschichte der Stadt, Stadt Kusel 1987

Speer, Albert: Sanierungsplanung Stadt Kusel 1972

Weißenmayer, Martina: Marktplatz 4, Kusel, Bauhistorisches Kurzgutachten, Januar 2002