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Losung

Losung für Montag, 18. November 2019
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Psalm 139,5

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?
Römer 8,35

© Evangelische Brüder-Unität

Gemeindebrief

Orgel der Martin-Luther-Kirche

Orgel

Unsere heutige Orgel hat eine lebendige Vorgeschichte, die uns zu den Anfängen der evangelischen Gemeinde in St. Ingbert zurückführt.

Für die 1859 in Dienst gestellte Martin-Luther-Kirche stiftete Maria Krämer geb. Stumm, Frau des Eisenwerkbesitzers Heinrich Krämer, 2600 Gulden für eine neue Orgel als Dank an Gott für die glückliche Geburt ihres zweiten Sohnes Fritz (*1863). Am 26. Januar 1864 erstellte der Orgelbauer Friedrich Ladegast (Weißenfels) einen Kostenvoranschlag zu 1207 Thalern für ein neues romantisches Werk mit 16 klingenden Registern auf 2 Manualen. Sein Angebot wurde ohne Änderungen angenommen, am 11. März 1864 wurde die Orgel von Pfarrer Ernst Krieger in Auftrag gegeben. Die Einweihung der Orgel, Ladegasts 41. Opus, erfolgte am 10. Dezember 1865. Wie der Kontakt zu dem berühmten Orgelbauer zu Stande kam, ist bis heute ungeklärt. Ladegast, der 1865 in seinem Betrieb 17 Mitarbeiter beschäftigte, hatte sich über Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht, u.a. mit den großen Neubauten im Dom zu Merseburg (1855, 81/IV) und in der Nicolaikirche zu Leipzig (1862, 84/IV), und stand unmittelbar vor seinem nächsten Großprojekt, der Schweriner Domorgel (1871, 84/IV). Zwei weitere ihm in der Pfalz angetragene Neubauten, in Wolfstein (1869, 19/II) und Heimkirchen (1878,13/II), hat er an seinen Mitarbeiter, den später selbständig tätigen Orgelbauer Wilhelm Rühlmann (Zörbig) weiter gegeben. Von Ladegast selbst ist, außer in St. Ingbert, kein weiterer Neubau im gesamten süd- und südwestdeutschen Raum zu verzeichnen.

Die Orgel von St. Ingbert soll nach dem Bericht des Stadtchronisten Wolfgang Krämer in der Folgezeit mehrfach umgebaut und in ihrer Leistungsfähigkeit gesteigert worden sein. Allerdings ist bis 1933 nur der Austausch eines Registers (Oktave 2’ gegen Äoline 8’), vermutlich in der Periode der Hochromantik um 1900, nachzuweisen, ansonsten blieb das Werk im Wesentlichen unverändert.

Erst 1933 ging Ladegasts Werk zur Steigerung der klanglichen Möglichkeiten in einem großen Orgelneubau der Firma Walcker (Ludwigsburg) auf. In dem elektro-pneumatisch gesteuerten, mit großflächigem Gartenzaunprospekt versehenen Werk mit 36 Registern auf 3 Manualen wurden fast alle Ladegast-Register wieder verwendet, daneben auch die alten, mechanischen Schleifladen, die in einem technisch aufwändigen Verfahren mit elektro-pneumatischer Traktur versehen wurden. Die Disposition der Walcker-Orgel stammt von dem 1905 geborenen Theologen, Musikwissenschaftler und praktizierenden Musiker Imanuel Schäfer, der in den 1930er Jahren als Vikar in St. Ingbert tätig war. Der erst 2001 in Zweibrücken verstorbene Imo Schäfer gilt als einer der geistigen Väter der pfälzischen Kirchenmusik im 20. Jahrhundert. Die neue Walcker-Orgel (opus 2402) wurde am 25. April 1933 bestellt und am 21. August 1933 angeliefert. Ihre Einweihung wurde – zusammen mit der der ganzen Kirche nach deren Renovierung und Erweiterung 1932/33 – am Erntedanktag, dem 1. Oktober 1933, gefeiert. Es wäre – zusammen mit der ein Jahr zuvor fertig gestellten Walcker-Orgel der Ev. Stadtkirche in Homburg – die größte Orgel im Saar-Pfalz-Kreis geworden, wenn nicht zwei Wochen zuvor, am 17. September 1933, die neue Späth-Orgel der St. Ingbert Hildegardskirche (50/III) in Dienst gestellt worden wäre, die ihrerseits nur eine Woche später, am 24. September, den „ersten Preis der größten Orgel der Region“ an die große Späth-Voit-Orgel von St. Joseph (59/III) zu deren Einweihung weiter gab. Die Walcker-Orgel der Martin-Luther-Kirche, die bei einer mäßig-barocken Disposition eher romantisch intoniert war, wurde vom Kaiserslauterner Lehrer Rudolf Barbey geprüft und abgenommen. Barbey, von 1924 bis 1935 amtlicher Orgelsachverständiger der Pfälzischen Landeskirche, zollte dem Werk höchstes Lob.

Erst im Oktober 1960 wurde die Renovierung und klangliche Umgestaltung an die Orgelbaufirma Oberlinger (Windesheim) für 18.000 DM in Auftrag gegeben. Doch der Beginn der Arbeiten verzögerte sich. Anlässlich eines Ortstermins am 27. November 1962 stellte Graf dann fest, dass für die Pedallade kein Stimmgang vorhanden sei. „Das Werk ist völlig verbaut“, konstatierte er, „ein Umbau kann nicht verantwortet werden. Darum kann nur ein Neubau in Frage kommen.“

1963 wurde die alte Orgel abgebrochen, am 2. März 1964 wurde der Auftrag für einen Orgelneubau mit 25 klingenden Stimmen auf 2 Manualen an die von Graf favorisierte Orgelbaufirma Oberlinger erteilt. Aus Kostengründen konnte zunächst nur ein Teilbau mit 14 Registern realisiert werden. Im April 1966 wurde das Teilwerk in der Kirche aufgebaut, am 12. Juni erfolgte die Einweihung der neuen, neobarock disponierten Oberlinger-Orgel. In der Zeit von 1971 bis 1976 wurde die Orgel sukzessive um 8 Register ergänzt. 1982 wurde die Wartung des Instruments von Oberlinger auf die Orgelbaufirma Mayer (Heusweiler) übertragen. Im März 1984 wurde das Werk von Mayer renoviert, am 27. Mai 1984 konnte die Orgel in einem Konzert feierlich wieder in Dienst gestellt werden. Bis heute fehlen in der Orgel noch 3 Register und ein Cymbelstern, eine Komplettierung wäre sehr wünschenswert. Möglicherweise existieren in dieser Oberlinger-Orgel noch ein oder zwei historische Holzregister der früheren Ladegast-Orgel. Zukünftige Untersuchungen werden diese Frage klären. Würde die Ladegast-Orgel heute noch existieren, wäre sie wahrscheinlich die wertvollste historische Orgel im Saarland. Möge uns ihre Geschichte zur Mahnung dienen, dass es im Orgelbau – wie in so vielem – nicht nur eine Wahrheit gibt.

Christoph Jakobi