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Losung

Losung für Montag, 18. November 2019
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Psalm 139,5

Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?
Römer 8,35

© Evangelische Brüder-Unität

Gemeindebrief

Ohne Worte viel sagen

Warum es im Gottesdienst manchmal ganz still zugehen muss

Wo Menschen in Kontakt zueinander treten, reden sie nicht ununterbrochen. Sie lächeln auch, sie weinen, sie tauschen Blicke, gehen aufeinander zu oder voneinander weg, sie berühren sich. Und manchmal schweigen sie einfach, weil sie einander nichts mehr zu sagen haben oder weil sie einander so viel zu sagen haben, dass sie es gar nicht in Worte fassen können.

Wie sollte es in der Begegnung mit Gott anders sein?

Gott sucht nicht nur dann den Kontakt zu uns, wenn wir von ihm oder über ihn reden. Was er den Menschen zu sagen hat, hat er in der Person Jesu Fleisch und Blut annehmen lassen (Joh 1,14). Dies sollte auch in der Art und Weise, wie wir ihn feiern, leibhaftig spürbar sein.

Gottes Beziehung zu uns hat - wie jede andere Beziehung auch - immer eine körperliche Dimension. Wenn es im Evangelium nur darum ginge, den Menschen ein Gedankengebäude nahe zu bringen, dann bräuchten wir uns gar nicht erst zu einem Gottesdienst zu versammeln. Es käme nur darauf an, Papiere mit guten Texten unter die Leute zu bringen. Und man könnte auch auf das Abendmahl verzichten: dabei wird ja bekanntlich nicht bloß geredet, sondern etwas mit Händen gereicht, genommen und geteilt; Menschen gehen zum Altar, bekommen etwas zu kauen, zu essen und zu trinken.

Wir nehmen nicht nur dadurch Kontakt zu Gott auf, dass wir zu ihm reden. Jesus hat gesagt: “Wenn ihr betet, dann sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen” (Matth. 5,7). Zu Gott beten können wir auch ohne Worte. Ich kann zum Beispiel ein Licht anzünden und dadurch etwas “sagen”, was ich mit meinen Worten gar nicht richtig auf den Punkt bringen kann, weil ich es nur dumpf in mir fühle. Mein Körper spricht sowieso immer, auch wenn ich nichts sage. Manchmal spricht er sogar deutlicher als meine Worte. Verschränkte Arme verschließen mich, auch wenn ich beteuere, ich habe ein offenes Herz. Geöffnete Hände, die sich Gott entgegen strecken, können “lauter” beten als das, was der Mund sagt.

Pausenloses Reden ist dem Kontakt zwischen Gott und den Menschen genauso abträglich wie dem Kontakt der Menschen untereinander. Eine Beziehung bleibt durch das Miteinander-Reden allein nicht lebendig. Unsere Gottesdienste brauchen darum bestimmte Momente und manchmal sogar längere Phasen, wo niemand etwas sagt und sich trotzdem etwas tut. Solche Augenblicke der Stille sind kein peinliches Zeichen dafür, dass etwas nicht klappt. Im Gegenteil: sie schaffen eine eigentümliche Atmosphäre, die einlädt, vor Gott anzukommen und ganz präsent zu werden. Und sie führen dazu, dass ich die Distanz zu Gott am eigenen Leib spüre, sie nicht zerrede. Sie gehören in jedem Fall in eine lebendige, d.h. ganzheitliche und damit auch mehrdimensionale Kommunikation mit Gott hinein.

Während eines Gottesdienstes gibt es eine Reihe von Situationen, die sich - manchmal wie von selbst - zur Stille hin öffnen und dem Schweigen Raum lassen, ja es geradezu fordern: etwa nach der Aufforderung zum Beten; auch nach einer Lesung braucht man etwas stille Zeit, um das Gehörte im Herzen zu bewegen; beim Gedenken unserer Verstorbenen; und natürlich bei der Feier des Heiligen Mahles.

Mit Kindern kann man Stille spielerisch einüben. Eine Klangschale kann dabei hilfreich sein, sie gibt das Signal zum Schweigen. Die Erfahrung zeigt: es funktioniert und hilft auch Erwachsenen, die schrille und aufregende Welt, die man von draußen in die Kirche mitbringt, ein Stück weit hinter sich zu lassen.

Stille Momente schaffen Platz für das Evangelium. Wir fangen in solchen Momenten an zu ahnen, was es heißt: “Siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schön wüsstest” (Psalm 139,4). Das hat nichts mit Esoterik zu tun, im Gegenteil: Stille Augenblicke verlangen keine besondere Gebetstechnik. Hier finden Menschen selbst dann Raum zum Beten, wenn sie nicht wissen, was sie beten sollen. Ich brauche nämlich Gott “nichts zu erzählen”, nichts klein oder groß, gut oder schlecht, schön oder hässlich zu reden. In der Stille halte ich mich Gott einfach hin. Er kennt mich sowieso besser als ich mich selbst kenne.

Geben wir der Stille Raum, weicht der Rede- und Erklärungsdruck aus unseren Gottesdiensten. Wir werden mehr auf unseren Körper und seine nonverbalen Signale achten. Und wir werden gelassener, der Sache des Evangeliums angemessener und sinnlicher - mit Leib und Seele - Gott feiern.

Roland Wagner