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Losung

Losung für Montag, 27. Mai 2019
Ich will dich preisen und deinen Ruhm besingen unter den Völkern.
Psalm 18,50

Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.
Apostelgeschichte 4,20

© Evangelische Brüder-Unität

Gemeindebrief

Thesen zur Feier des Gottesdienstes

1. Der Gottesdienst ist die Quelle aller Aktivitäten einer Kirchengemeinde. Hier schlägt das Herz. Mit „Gottesdienst“ ist nicht nur die sonntägliche Morgenfeier gemeint, also ein bestimmter Typ  gemeindlicher Veranstaltungen. Die Aktivitäten einer Gemeinde verlieren ihre Substanz und ihren Grund, wenn der Gottesdienst zu einer Veranstaltung unter anderen wird. Er ist die spirituelle Mitte, um die Menschen ganz unterschiedlicher Art und aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus sich sammeln. Hier fließt die Quelle, aus der das Gemeindeleben sich speist.

2. Wir stehen zur Zeit in einer Umbruchsituation! Der evangelische Gottesdienst, wie er weithin „gehalten“ wird, wird nur eine Zukunft haben, wenn er sich seiner ursprünglichen Bedeutung gemäß erneuert. Luther zum Gottesdienst seiner Zeit: „Sie haben die Wände angeblökt!“. Das durfte und das darf nicht sein. Gottesdienst ist dialogisch, er bringt in Kontakt miteinander und mit Gott. Er ist ein gemeinschaftliches Tun der versammelten Menschen, die miteinander das Evangelium feiern. Dies kann sehr schlicht und sehr festlich geschehen. In jedem Fall gehören Schweigen, Stille und Hören dazu.

3. Der Gottesdienst ist

  • weder eine Unterrichtsstunden
  • noch eine Vortragsveranstaltung
  • noch eine bürgerliche Feierstunde
  • noch eine geistliche Animationsveranstaltung.

Er ist eine religiöse Feier, in der der Kontakt mit einer anderen Welt gesucht und gepflegt wird und in der - wenn dieser gelingt – etwas von der heilbringenden Kraft Gottes auf die Menschen ausstrahlt. Es gibt darin in erster Linie nichts zu lernen, sondern primär etwas zu feiern: das Geheimnis, welches Gott selbst ist.

Deshalb ist sowohl sein Informationswert als auch sein Unterhaltungswert in der Regel begrenzt. Sein Wert liegt nicht in erster Linie darin, dass ich, wenn ich daran teilnehme, danach über irgend einen Sachverhalt, oder auch über Gott, genauer Bescheid wüßte. Auch nicht darin, daß ich kurzweilig unterhalten werde. Sein Wert liegt in ihm selbst. Sein Wert liegt darin, daß Menschen - so Gott will („ubi et quando visum est deo“) ! -  gemeinschaftlich eine Erfahrung mit Gott, miteinander und mit sich selbst machen, die sie außerhalb des Gottesdienstes so nicht machen können. Dieser Wert liegt in der Erfahrung selbst, so wie der „Wert“  einer persönlichen Begegnung mit einem Menschen in der Begegnung selbst liegt. Vgl. auch die Analogie einer Geburtstags- oder Hochzeitsfeier, deren „Wert“ in erster Linie ja auch nicht in einem Zuwachs an Information, sondern in einem Zugewinn an positiver Energie (Anerkennung, Nähe, Liebe, Kraft, Segen) liegt.

Versteht und gestaltet man hingegen den Gottesdienst in erster Linie als Lehr- und Lernveranstaltung mit einer außerhalb seiner selbst liegenden Abzweckung, darf man sich nicht wundern, wenn die „Lernenden“ (die „Schüler“) eines Tages den Eindruck gewinnen, „ausgelernt“ zu haben, und darum wegbleiben; auch die Schule besucht man nicht das ganze Leben lang! Gestaltet man den Gottesdienst in erster Linie als eine showmäßige Animationsveranstaltung zur Unterhaltung derer, die ihn besuchen, darf man sich nicht wundern, wenn Menschen nicht kommen, weil sie anderswo professioneller unterhalten werden.

4. Im Gottesdienst geschieht Kontaktsuche und Kontaktpflege mit dem Urgrund des Lebens, wie er in dem Gott Jesu Christi sich geoffenbart hat. Der heilige und barmherzige Gott Jesu Christi ist eine verborgene, d.h. hintergründige aber durchaus erfahrbare Wirklichkeit, in deren Machtbereich sich die versammelten Menschen einer Gottesdienstgemeinde begeben, um sich seiner heilsamen Kraft  - dem Evangelium, dem Wort Gottes - auszusetzen. Das ist ein erhebendes (in den Kraftbereich Gottes „hineinhebendes“) Tun, das weder bloß unterhaltsam noch rein informativ bleibt.

5. Die Feier des Gottesdienstes ist ganzheitlich. Sie umfasst auch die Körperlichkeit des Menschen. Genauso, wie wir in der zwischenmenschlichen Begegnung als leibhaftige Menschen mit Körper, Geist und Seele miteinander kommunizieren, so bringen wir auch in die Kommunikation mit Gott uns als leibhaftige Menschen mit Körper, Seele und Geist ein. Darum darf nicht alleine der Text Mittelpunkt des Gottesdienstes sein. Mit anderen Worten: Der Körper ist in einem Gottesdienst nicht nur dazu da, den „Kopf unter die Kanzel“ zu bringen (Wilhelm Stählin). Vgl. wieder die Analogie der Geburtstags- oder Hochzeitsfeier, wo ja auch nicht ausschließlich geredet, sondern auch gegessen, getrunken, gespielt, gesungen, musiziert, getanzt, gelacht und geweint usw. wird. Diese Sichtweise hat Folgen für die „Umgangsformen“ eines Gottesdienstes: die Körpersprache der Menschen spielt auch hier eine nicht zu unterschätzende Rolle und muss deshalb bewusst gemacht, eingeübt und gestaltet werden. In der Feier des heiligen Abendmahles wird dies in besonderer Weise eindrücklich: die Begegnung mit Gott bleibt hier kein Kopfereignis, sondern geht gewissermaßen durch den Kopf in den Bauch hinein.

6. Die Gestaltung der Räume, in denen sich Menschen zum Gottesdienst versammeln, ist nicht gleichgültig. Es gibt Räume, deren Architektur und Gestaltung der Feier des Gottesdienstes hinderlich, und Räume, die ihr förderlich sind. Ein Kirchenraum soll die, die ihn betreten, in eine andere Welt hineinführen. Der Alltag soll vor der Tür bleiben bzw. der mit hereingebrachte Alltag soll im Kirchenraum in eine andere, größere, weitere Welt hineingenommen, von ihr berührt und verwandelt werden.

7. Ein Kirchenraum ist nicht ausschließlich ein Versammlungsraum für bestimmte Veranstaltungen. Er ist zugleich ein Stimmungsraum mit einer eigenen Atmosphäre. Er strahlt eine Botschaft aus, „eine Liturgie aus Glas und Stein“. Deshalb macht es Sinn, ihn auch dann zugänglich zu halten, wenn keine Veranstaltung darin stattfindet. Die Räume, in denen Gottesdienst gefeiert wird, tragen Spuren der Feier in sich. Sie strahlen etwas aus, das auch außerhalb der „Veranstaltung“ Gottesdienst auf Menschen zu wirken vermag.

Pfr. Roland Wagner