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Ein frischer Wind

Pfarrerin Dorothee Wüst
Pfarrerin Dorothee Wüst

Andacht zum Pfingstfest

von Pfarrerin Dorothee Wüst

Und Mose sprach zu dem Herrn: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? … Und der Herr sprach zu Mose: Sammle mir 70 Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst. Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des Herrn und versammelte 70 Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die 70 Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

4. Mose 11, 11 (12.13–15) 16–17.24–25

Mose vor dem Burnout. So nennt man das heute, wenn jemand am Tiefpunkt ist, sich ausgelaugt und ausgebrannt fühlt. Und Mose selbst nimmt sich in die Verantwortung: Habe ich nicht genügend Vision, Kraft, Mut, Motivation, Engagement, Glaube, Stärke, Persönlichkeit? Bin ich nicht genug?

Nein, in gewisser Weise ist er nicht genug. Weil in diesem Fall einer nicht genug ist. Und Gott sieht das ein. Diese Verantwortung ist für einen einzigen Menschen zu viel. Selbst ein geistreicher Mensch wie Mose darf sich überfordert fühlen. Es reicht nicht, wenn der Geist Gottes nur auf einem Einzigen ruht. Er soll sich verteilen, damit frischer Wind durch dieses müde Volk weht, damit Verantwortung geteilt wird. Deswegen werden 70 Männer zusammengerufen, auf die Gottes Geist herniederkommt. Und sie geraten in Verzückung. Und alles wird gut. Alles wird gut?

Die nächste Krise kommt. Und die nächste. Und die nächste. Und von den 70 Begeisterten und Verzückten ist im Verlauf der restlichen Geschichte keine Rede mehr. Wie es war, so bleibt es: Mit Mose steht und fällt das Unternehmen „gelobtes Land“. Wo bleibt der Geist, die Verzückung, der frische Wind? Offensichtlich geht alles wieder unter in den Mühlen des Wüstenalltags. Ausgerechnet zu Pfingsten also eine Geschichte über Hoffnung, die sich zerreibt, und Geist ohne Nachhaltigkeit?

Freilich zu Pfingsten. Denn trotz oder gerade wegen ihrer merkwürdigen Pointe ist diese Geschichte eine gute Geschichte. Sie ist zum Beispiel eine Mut-mach-Geschichte.

Sie macht all denen Mut, die sich wie Mose zwischen den Stühlen fühlen, restlos überfordert von dem, was sie und andere von sich erwarten. Für all die, die vor Sehnsucht nach dem gelobten Land schier umkommen und täglich spüren, wie kraftlos ihre Visionen geworden sind. Für all diese sagt unsere Geschichte: Gerade auf dem Tiefpunkt, mitten in der Wüste, wo du fast mit allem abgeschlossen hast, kann sich Gottes Geist ereignen.

Die Geschichte vom frischen Wind, der dann so sang- und klanglos versandet, ist auch eine Hoffnungsgeschichte. Jede Zeit kämpft mit ihren eigenen Wüstenerfahrungen. Und wir sind eben noch immer auf dem Weg, singen unser Klagelied, dürsten nach Begeisterung, spüren ab und an Begeisterung und wissen doch nicht recht, wie man sie aushält und durchhält. Aber noch immer sind wir in Begleitung eines sehr barmherzigen Gottes, der sehr geduldig an seinem Ziel mit uns festhält.

Und schließlich ist diese Geschichte eine Zeigefingergeschichte. Nicht der Zeigefinger, der moralisch ist. Sondern der, der sich in Wunden legt. Die 70 Verzückten sind eine Anfrage an uns, wie wir es mit Gemeinschaft halten, mit Solidarität, mit geteilter Verantwortung. Ob wir es mit Pfingsten an zwei Feiertagen genug sein lassen oder ob wir vielleicht auch darüber hinaus mit Geist und Begeisterung rechnen. Dass sich Geist ereignet, ist das eine. Aus dem Geist zu leben, offensichtlich eine ganz andere Geschichte und immer wieder eine Herausforderung.

Und deshalb meine „Moral von der Geschicht’“: Möge uns Gottes Geist widerfahren und uns Mut machen – gerade dann, wenn die Wüste übermächtig wird. Mögen wir aushalten und durchhalten, weil uns gelingende Gottesbeziehung etwas wert ist und weil Milch und Honig eine gute Perspektive sind. Mögen wir geistreich sein und bleiben – nicht nur an Pfingsten, sondern an jedem Tag unseres Lebens.

Dorothee Wüst ist Dekanin im Kirchenbezirk Kaiserslautern.

Gebet

Lass uns deinen Geist spüren, du gnädiger Gott, wie ein kühler Windhauch an einem heißen Tag, der uns erfrischt und Kraft gibt, wie ein Lied voll Freude inmitten der Stummheit, wie eine frische Windböe, die alles durcheinanderwirbelt, wenn unser Leben so unbeweglich scheint. Sende uns deinen Geist der Liebe, der Hoffnung und der Kraft. Amen.