Social Web

Facebook

Folgen Sie unseren Beiträgen:

Hinweis

In eigener Sache: Seit Oktober 2016 hat der Evangelische Kirchenbote eine neue Homepage. Falls Sie durch einen veralteten Link auf diese Seite gekommen sind: Hier befinden sich nur alte Artikel - sozusagen als Archiv. Die aktuellen Leseproben finden Sie auf unserer Homepage:

www.evangelischer-kirchenbote.de

01.08.2013

Jenseits von Winnetou

Die soziale Situation der Oglala-Indianer hat mit dem Indianerbild aus den Romanen Karl Mays nicht mehr viel zu tun


Auf den farbenprächtigen Pow-Wows pflegen die Lakota ihr Brauchtum. Fotos: privat

Auf den farbenprächtigen Pow-Wows pflegen die Lakota ihr Brauchtum. Fotos: privat

Die Deutsche Christina Voormann reist regelmäßig in die Pine-Ridge-Reservation, um dort bei Hilfsprojekten zu unterstützen.

Die Deutsche Christina Voormann reist regelmäßig in die Pine-Ridge-Reservation, um dort bei Hilfsprojekten zu unterstützen.

Die Versorgung der Lakota mit unbelastetem Trinkwasser ist eines der Probleme um die sich Christina Voormann kümmert.

Die Versorgung der Lakota mit unbelastetem Trinkwasser ist eines der Probleme um die sich Christina Voormann kümmert.

von Nils Sandrisser

Die Lakota hatten einst den Ruf als äußerst wehrhaftes Indianervolk. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie in Reservate umgesiedelt. Die Pine-Ridge-Reservation, wo die Oglala-Lakota leben, ist heute das ärmste Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika. Aus Reiternomaden wurde ein Volk von Arbeitslosen.

Karl May konnte die Lakota offenbar nicht besonders gut leiden. Wer seine berühmten Erzählungen gelesen hat, der kennt dieses Volk, das den meisten unter dem Namen ­„Sioux“ bekannt ist, als eingeschworene Feinde von Winnetou und Old Shatterhand. Vor allem den Oglala-Lakota hatte der Volksschriftsteller eine besonders schurkische Rolle zugedacht: Es waren Oglala – Karl May nennt sie „Ogelallah-Sioux“ –, die im Roman „Winnetou III“ den Blutsbruder Old Shatterhands heimtückisch meuchelten.

In den USA dagegen sind Karl May und seine Geschichten zwar weithin unbekannt. Die Lakota haben aber auch hier einen ziemlich wehrhaften Ruf. Denn gemeinsam mit ihren Verbündeten, den Cheyenne und Arapaho, setzten sie dem Vordringen der weißen Amerikaner harten Widerstand entgegen.

1876 schließlich wollte die US-Armee die Lakota aus ihrem letzten angestammten Gebiet vertreiben. Besonders forsch ging dabei der Offizier George Armstrong Custer vor: Mit seinem Kavallerieregiment griff er ein großes Zeltdorf der Indianer am Little Bighorn River an. Deren Führer Sitting Bull und Crazy Horse allerdings wussten sich zu wehren – keiner der rund 250 Soldaten überlebte die Schlacht. Es war die schlimmste Niederlage, die die US-Armee gegen die amerikanischen Ureinwohner hinnehmen musste. Das Schlachtfeld in Montana ist heute eine nationale Gedenkstätte der USA.

Einen milderen Blick auf die Lakota brachte Anfang der 1990er Jahre der Kinofilm „Der mit dem Wolf tanzt“. Der Streifen erzählt die Geschichte eines Weißen, den es mutterseelenallein in den fernen Westen verschlägt, der dort die Lakota kennenlernt und allmählich in deren Welt eintaucht, mit ihnen lebt, feiert, lacht und auf Bisonjagd geht. Der Film gewann sieben Oscars.

Die heutige Lage der Lakota hat mit dieser Romantik nichts gemein. Ihr Sieg gegen Custer änderte nichts daran, dass bis 1880 die großen Bisonherden verschwunden waren und damit auch die Nahrungsgrundlage der Pferdenomaden. Die Lakota konnten sich weder ernähren noch ihre Blöße bedecken und mussten sich auf Gnade oder Ungnade den Weißen ergeben. Die sperrten sie in Reservate. Die Oglala mussten nach South Dakota in die Pine-Ridge-Reservation ziehen, auf eine Fläche so groß wie Oberbayern. Dort lebten sie in hilfloser Armut.

Arm sind sie bis heute. Das Reservat an der Grenze zu Nebraska ist die ärmste Gegend der Vereinigten Staaten, das Pro-Kopf-Einkommen liegt hier auf dem Niveau des afrikanischen Äquatorialguinea. Die Arbeitslosenrate liegt bei weit über 80 Prozent, 40 Prozent aller Familien leben unterhalb der Armutsgrenze, oft in alten, baufälligen Häusern aus Holz oder in Wohnwägen.

Probleme macht vor allem der Alkohol. Mni wakhan, das „Geisterwasser“, zerstört die Menschen in der Reservation. Schon kurz nachdem die ehemaligen Bisonjäger in die Reservate gesperrt worden waren und ihre soziale Organisation auseinanderfiel, begannen viele von ihnen zu trinken. Der Alkoholismus überträgt sich bis heute von Generation zu Generation. Zur Jahrtausendwende waren rund die Hälfte der Einwohner von Pine Ridge Alkoholiker. Lethargie, Gewalt, Kindesmissbrauch, Depression – die Ursachen und die Folgen der Trunksucht vermischen sich und werden zum Karussell. „Es ist ein traumatisiertes Volk“, stellt Christina Voormann fest. Die Deutsche ist die Vorsitzende des Vereins „Lakota Village“, der die Lakota darin unterstützt, sich selbst aus der Armut zu befreien. Seit 14 Jahren fliegt Voormann jedes Jahr nach ­Pine Ridge.

Immer noch stoßen die Lakota außerhalb des Reservats auf Ablehnung und offenen Rassismus. Viele Lakota ziehen sich daher von der Außenwelt zurück. Voormann spricht von einer „Scham, Indianer zu sein“. Bei den Weißen sind die Lakota höchstens als Kunden für Alkohol willkommen. Jenseits der Grenze zu Nebraska, direkt am Pine-Ridge-Reservat, liegt zum Beispiel der Ort Whiteclay. Er hat nur einige Dutzend Einwohner. Dennoch gehen hier im Jahr rund fünf Millionen Bierdosen über die Ladentheke. Die Käufer sind meist Oglala. Im Reservat ist der Verkauf von Alkohol verboten.

Die Suizidrate liegt viermal höher als im Rest der USA. Vor allem junge Lakota töten sich selbst, häufig sogar Kinder, manche kaum zehn Jahre alt. „Sie bekommen keine Liebe“, beklagt Voormann. „Viele Kinder, die ich dort sehe, sind wie Roboter.“ Die Eltern und Großeltern seien zu sehr mit sich selbst und ihrem eigenen Überleben beschäftigt – oder sie sind ständig betrunken.

Nachdem die Lakota ihr Leben als Bisonjäger aufgeben mussten, waren sie komplett von der Versorgung durch die Weißen abhängig. Daran hat sich im Prinzip bisher nur wenig geändert: Immer noch leben viele Oglala im Reservat von Lebensmittelrationen. Die sind aber meist ungesund: viel Zucker, viel Fett, wenig Gemüse. Mittlerweile sind mehr als die Hälfte der Oglala Diabetiker, schon knapp 50 Prozent der Schulkinder sind zuckerkrank – mit allen Folgen, die diese Krankheit hat: Schlaganfall, Herzinfarkt, Nierenversagen. Die Oglala sterben heute durchschnittlich mit knapp 50 Jahren. Das entspricht der Lebenserwartung des Drittweltstaats Haiti.

Aber nicht nur Elend und schlechte Ernährung machen die Oglala krank und lassen sie früh sterben. Die Krebsrate im Reservat ist hoch, das Trinkwasser ist oft mit Blei oder Uran belastet. „Das hat manchmal natürliche Ursachen“, erklärt Voormann. Im Nordosten des Reservats wird Uran in abbaufähiger Konzentration vermutet. „Wenn es regnet, kommt das alles ins Grundwasser“, sagt sie.

Viele Oglala beziehen ihr Trinkwasser aus einem eigenen Brunnen. „Wir haben über 100 Brunnen beprobt“, erzählt Voormann von der Arbeit ihres Vereins. Während Uran im Wasser meist natürliche Ursachen hat, stammt das Blei in der Regel aus alten Rohrleitungen. Für Wassertests oder eine vernünftige Wartung ihrer Quellen fehlt den Oglala aber oft das Geld. Das findet Voormann besonders tragisch, denn eigentlich könnte die Qualität des Wassers im Pine-Ridge-Reservat hervorragend sein. „Mit einer Aufbereitungsanlage ist das Uran zum Beispiel ruck-zuck aus dem Wasser heraus“, sagt sie. Viele Krebserkrankungen wären also ganz leicht vermeidbar.

Im Kopf vieler Menschen in Deutschland geistert immer noch der Mythos des „edlen Indianers“. Möglich, dass die Romane Karl Mays dabei eine gewisse Rolle spielen. Voormann sieht die Lakota aber ganz illusionsfrei. „Sie sind Menschen wie wir auch“, sagt sie lapidar. Sie verschweigt nicht, dass einige Oglala sich in der Rolle des Opfers der weißen Kultur eingerichtet haben. „Viele halten die Hand auf und warten darauf, dass irgendwer 20 Dollar reinlegt“, sagt sie. Sie kann sich in diese Menschen hineindenken, sieht die Gründe für so ein passives Verhalten und drückt es drastisch aus: „Wenn ich eine Oglala-Frau wäre, Diabetes hätte und an der Dialyse hängen würde, wenn sich schon zwei meiner Kinder umgebracht hätten und ich die anderen acht durchbringen müsste, während mein Mann ständig betrunken ist – dann würde ich auch etwas vom Pferd erzählen, um Hilfe zu bekommen.“

Viele Lakota wollen aber nicht auf Hilfe von außerhalb warten. Sie werden kreativ, um ihre Zukunft aktiv zu verbessern. Allerdings sind die Entwicklungsmöglichkeiten des Pine-Ridge-Reservats schlecht. Nur ein Bruchteil des Gebiets ist für die Landwirtschaft geeignet – was der Hauptgrund dafür gewesen ist, dass die US-Regierung die Oglala hier ansiedelte, denn fruchtbarer Boden sollte an weiße Siedler gehen. Aber die genügsamen Bisons finden hier ein Auskommen. Mittlerweile grast eine stammeseigene Herde im Reservat, einige Familien halten eigene Exemplare dieser Büffel.

Aus getrocknetem Bisonfleisch und Beeren stellen die Lakota einen „Tanka Bar“ genannten Riegel her, ähnlich wie die hier bekannten Salami-Snacks. „Die Lakota haben einen ganz tollen Vertrieb für diese Riegel“, erzählt Voormann, „die gibt es an Autobahnraststätten und Supermärkten zu kaufen.“ Diese „Tanka Bars“ sind der traditionellen Nahrung der altvordern Lakota ähnlich, denn als Nomaden mussten sie einen Großteil des erjagten Fleischs in transportfähigen Stücken trocknen.

Touristen könnten Geld ins Reservat bringen. Anziehungspunkte wären vor ­allem der Badlands-Nationalpark, eine wildromantische Halbwüste, in der viele Fossilien zu finden sind, und die Wounded-Knee-Gedenkstätte. Hier wurde 1890 eine Gruppe Lakota von der US-Kavallerie zusammengeschossen, nachdem die Soldaten die Ureinwohner entwaffnet hatten. Das Massaker gilt heute als der Endpunkt der Indianerkriege.

Allerdings liegt Pine Ridge weit abseits der großen Touristenströme. Die Badlands sind zwar teilweise recht gut durch Straßen, Campingplätze oder Hotels erschlossen, allerdings fast ausschließlich jener Teil, der außerhalb des Reservats liegt. Hotels gibt es im Reservat fast überhaupt nicht. Viele Hoffnungen setzen die Oglala auf ihr „Prairie Wind Casino“. Glücksspiel soll die Kassen der Stammesverwaltung füllen und den Oglala Arbeit bringen.

Mit dem Uran in ihrem Boden wollen die Lakota dagegen kein Geschäft machen. Eine Bergbaufirma hatte dem Stamm zwar 60 Millionen US-Dollar für die Schürf­rechte geboten. Die Menschen in der Pine-Ridge-Reservation lehnten damals jedoch ab. „Sie befürchteten weitere Gefahren für ihr Trinkwasser“, sagt Lakota-Village-Vorsitzende Voormann.

Die Lakota-Sprache spielt eine bedeutende Rolle bei der Rückbesinnung auf die alten Werte. Denn nur noch eine Minderheit der Lakota spricht ihre Muttersprache, meist sind das die Alten. Die meisten Jüngeren beherrschen nur Englisch. Im „Oglala Lakota College“ wird diese Sprache an die nachfolgende Generation weitergegeben und so die Identität des Volks wachgehalten – denn eine Sprache transportiert immer auch eine gewisse Art und Weise, die Welt zu interpretieren. Der Sonnentanz, eine alte Zeremonie der Prärieindianer, spielt mittlerweile wieder eine große Rolle im Kalender vieler Lakota. Andere treffen sich auf farbenprächtigen Pow-Wows, wo sie die alten Tänze pflegen.

Auch im Kampf gegen Alkoholismus und sexuellen Missbrauch setzen viele im Reservat auf die Tradition. In Zeltlagern in der Wildnis sollen zum Beispiel Strafgefangene resozialisiert werden, indem man ihnen nahebringt, wie ihre Vorfahren gelebt haben. In traditionellen Schwitzhütten sollen sie sich klar darüber werden, wer sie sind. Als Therapiehelfer setzen die Lakota auf die Tiere, zu denen sie schon aus ihrer Geschichte heraus eine besondere Beziehung haben – Pferde.

Spenden für den Verein „Lakota Village“ auf das Konto mit der Nummer 847 410 bei der Münchner Bank, BLZ 701 900 00. Mehr Informationen im Internet unter der Adresse www.lakota-village.de.