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18.11.2010

Flirt mit der dunklen Seite des Seins

Tod und Sterben führen ein langes Eigenleben in der Rockmusik


Den ewigen Kreislauf von Leben und Tod thematisiert die englische Rockband „Moody Blues“ auf dem Cover ihrer Schallplatte „In Search Of The Lost Chord“ aus dem Jahr 1968.

Den ewigen Kreislauf von Leben und Tod thematisiert die englische Rockband „Moody Blues“ auf dem Cover ihrer Schallplatte „In Search Of The Lost Chord“ aus dem Jahr 1968.

Der Heavy Metal zelebriert Tod und Sterben als Inbegriff des Lebens und absolute Grenzerfahrung. Dabei wollen Bands immer wieder schockieren und provozieren, manchmal augenzwinkernd wie „Iron Maiden“. Auf ihren Plattencovern und Konzerten lassen die Musiker das Monster „Eddie“ regelmäßig zum Leben erwachen.

Der Heavy Metal zelebriert Tod und Sterben als Inbegriff des Lebens und absolute Grenzerfahrung. Dabei wollen Bands immer wieder schockieren und provozieren, manchmal augenzwinkernd wie „Iron Maiden“. Auf ihren Plattencovern und Konzerten lassen die Musiker das Monster „Eddie“ regelmäßig zum Leben erwachen.

Darstellungen wie der angedeutete Selbstmord eines Jugendlichen der Punkband „Eddie and the Hotrods“ oder blutdürstige Gewaltbilder rufen immer wieder staatliche Zensoren auf den Plan. Fotos: Telos-Verlag

Darstellungen wie der angedeutete Selbstmord eines Jugendlichen der Punkband „Eddie and the Hotrods“ oder blutdürstige Gewaltbilder rufen immer wieder staatliche Zensoren auf den Plan. Fotos: Telos-Verlag

von Alexander Lang

In der Rockmusik scheint nicht immer nur die Sonne. Und längst geht es nicht mehr nur um das unendlich variierte Thema „Junge liebt Mädchen“. Auch die dunkle Seite des Seins wird in den Musikstilen und Texten der Rock- und Popmusik reflektiert. Seit rund 50 Jahren haben Tod, Sterben und Trauer dort einen festen Platz.

Der Tod trat spätestens ins Leben der Musikfans, als der „Leader of the Pack“, der Chef einer Motorradgang, in dem gleichnamigen Song der Mädchengruppe „Shangri-Las“ (1964) bei einem Unfall sein Leben ließ. Tod und Sterben waren in den Anfangstagen des Rocks, in den 1950er und frühen 1960er Jahren, noch ein Tabu. Musik sollte Spaß machen, den Klangteppich für Partys liefern. Musik sollte die Zuhörer aufbauen, aber keine Probleme wälzen. Erfahrungen von Tod und Verlust wollte man von den Teenagern abhalten.

Dies änderte sich in der politisch aufgeheizten und gesellschaftlich offeneren Atmosphäre der 1960er Jahre, sagt der Soziologe Josef Spiegel aus Schöppingen im Münsterland. Er gab einen Sammelband zum Thema Tod und Sterben in der Rockmusik heraus und konzipierte eine gleichnamige Ausstellung, die im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm, im Museum für Sepulkralkultur in Kassel sowie im Rock’n’Popmuseum in Gronau gezeigt wurde.

Wie in der Musik und Literatur früherer Zeiten, entdeckte die jugendliche Pop- und Rockkultur die faszinierende Seite des Todes, trieb ihr Spiel mit dem Gegensatz von blühendem Leben und Vergänglichkeit. „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ (1966) heißt der tieftraurige Song, mit dem die „Walker Brothers“ Endzeitstimmung verbreiteten. Auch auf Schockeffekte setzen seitdem viele Musiker, indem sie auf Plattencovern oder in Texten den Tod und das Sterben darstellen und oft auch verherrlichen.

„Jede Jugendszene hat ihren eigenen Umgang damit“, macht Spiegel deutlich. Für Heranwachsende, die ihren eigenen Weg durchs Leben suchten, seien Fragen auch nach dem Tod existenziell. Oft seien das „Wer bin ich?“ oder „Wer mag mich?“ für sie eine extreme psychische Belastung – und das Gefühl des Nichtverstandenseins durch die Erwachsenen könne sich in Lebensflucht und Sehnsucht nach dem Tod äußern.

Auf ihrer psychedelischen Selbsterfahrungsreise pflegten ab Mitte der 1960er Jahre viele Rockmusiker eine Todesromantik. Die britische Band „The Who“ gab 1965 mit ihrer Teenager-Hymne „My Generation“ ein Leitmotiv vor: „Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde“ (I hope I die before I get old) heißt es in einer Zeile. Das Liebäugeln mit dem Tod war plötzlich für viele junge Leute „cool“.

Mit dem lauten Ruf, lieber zu sterben, als so zu sein wie die Elterngeneration, grenzten sich die Jugendlichen demonstrativ von ihnen ab, analysiert Spiegel. Der Protest gegen die „Die da“ richtete sich gegen das Handeln und die oft verlogene Moral der Erwachsenen, gegen Morden im Krieg, etwa in Vietnam, und die tödliche atomare Bedrohung. Indem die Rockmusiker den aus dem Leben verdrängten Tod ins gesellschaftliche Bewusstsein zurückführten, brachen sie ein Tabu.

Was zunächst ein Spiel war, wurde Ende der 1960er Jahre und Anfang der 1970er Jahre zur harten Realität: Das schnelle Leben vieler Rockstars mit exzessivem Drogenkonsum forderte die ersten prominenten Opfer: Dem Weg ins Jenseits folgten nach dem Tod des „Rolling Stone“ Brian Jones auch Jimi Hendrix, Janis Joplin und „Doors“-Sänger Jim Morrison. „Der Tod war im Umfeld der Rockmusik angekommen, und damit fand ein Umdenken statt“, sagt Spiegel.

Wendepunkt ist für viele Popkritiker der „Sommer der Liebe“ im Jahr 1969, als die naive Blumenkinderzeit brutal endete. Auf das friedliche Festival in Woodstock folgte kurz darauf das „Stones“-Konzert im kalifornischen Altamont, bei dem ein Mitglied der Rockerbande „Hell’s Angels“ einen Besucher ermordete.

Tod und Sterben galten nun nicht mehr allein als bewusstseinserweiterndes Erlebnis, wie es anglo-amerikanische Bands wie „Jefferson Airplane“, „Grateful Dead“ oder „Velvet Underground“ zelebrierten. Der Tod verließ die drogenumnebelte psychedelische Sphäre. Der in den 1970er Jahren aufkommende Hard Rock und Heavy Metal sowie der Punk zeigten vor allem die ungeschönte Seite des Todes.

In dieser Zeit tauchten auch im Zusammenhang mit der „Jesus People“-Jugendbewegung religiöse Motive in der Rockmusik auf, die die Sinnsuche vieler junger Menschen reflektierten. Den Sonnenschein ins Leben lassen wollten die „Jünger“ in dem sehr erfolgreichen Rockmusical „Jesus Christ Superstar“, das 1971 in New York uraufgeführt wurde. Jesus erscheint hier als eine Art Pastor, der seiner bunten Hippiegemeinde ein Leben in Frieden und Liebe predigt. Ihre Gedanken über Unsterblichkeit versuchte die englische Band „Pink Floyd“ musikalisch umzusetzen. Vor allem in Krisenzeiten, während des Vietnamkriegs und der Nachrüstungsdebatten der 1980er Jahre, sei der Tod für Rockmusiker verstärkt ein Thema gewesen, sagt Thomas Mania, Kurator des Rock’n’Popmuseums.

Den Todeskult auf die Spitze treiben seit den 1980er Jahren verschiedene Schattierungen des Heavy Metal. In den Songtexten und der Kunstästhetik der Plattencover wird der Tod selbst zum Inbegriff des Lebens. Grausame Bilder von Krieg, Mord und anderen Gewalttaten dienen jedoch nicht immer der Gesellschaftskritik. Schwarz gekleidete „Death Metal“-Musiker setzen heute mit bluttriefenden Plattencovern und ebenso blutrünstigen Bühnenshows vor allem auf den Horror.

Während Liebhaber des Gothic-Rocks die Allgegenwart des Todes zu einem Fest machen, rufen manche Vertreter des Hip-Hop ihre Hörerschaft zu Gewalt und Rassismus auf. Das brachte ihnen die Aufmerksamkeit der Zensur und des Jugendschutzes ein. Die Grenzen zwischen künstlerischer Freiheit und strafbarer Handlung verschwimmen zunehmend – und führen zu den immer gleichen gesellschaftlichen Reflexen. „Verbote sind keine Lösung“, urteilt Spiegel, „aber es darf auch nicht alles frei auf den Markt kommen.“

Ein bizarres Beispiel dafür, wie die Zensurkeule zuschlagen kann, zeigt der Fall der englischen Metal-Rockband „Judas Priest“. Diese mussten sich 1985 vor einem amerikanischen Gericht dafür verantworten, zwei Jugendliche zum Selbstmord verleitet zu haben. Ihre „satanische Musik“ habe die Metalfans unterschwellig dazu aufgefordert, sich mit einem Gewehr zu erschießen, argumentierten die Ankläger. Als Beleg diente die Phrase „Tu es!“ (do it) des Songs „Better By You, Better Than Me“.

Zwischen dem Musik- und Medienkonsum von Jugendlichen und ihrem gewalttätigen Verhalten einen unmittelbaren Zusammenhang herzustellen, sei gewagt, warnt der Schulpsychologe Michael Sylla aus dem nordrhein-westfälischen Borken. In der Rockmusik, die sich immer drastischer dem Todesthema widme, liege das „Restrisiko“, die emotionale Instabilität mancher Jugendlicher zu verstärken. Nachweislich hätten viele psychisch kranke Schulattentäter gewaltverherrlichende Musik und Texte konsumiert. Über die dunkle Seite der Musik sollten Eltern und Lehrer deshalb mit ihren Kindern sprechen, rät Sylla.

Die vom Wunsch nach Tod und Sterben umwölkte Lebenswelt mancher Jugendlicher sei auch ein Ruf nach Hilfe, ergänzt der Soziologe Spiegel. An den Schulen sollte in einem neuen Unterrichtsfach „Medienlehre“ über Jugendkultur auch aus theologischer und philosophischer Sicht diskutiert werden. Im Idealfall, so hofft er, könne dadurch „ein fruchtbarer Dialog zwischen der Erwachsenen- und Jugendwelt“ entstehen, der immer wieder auch Schlimmes verhindern könne.

Über Tod im Rock

Roland Seim/Josef Spiegel (Hrsg.): „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ – Tod und Sterben in der Rockmusik. Telos-Verlag, Münster 2009. 267 Seiten, 16,80 Euro. ISBN 978-3-933060-26-6