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25.09.2015

Hallo an die Nachbarn im Quartier

Zehnköpfige Behindertenwohngruppe des Diakoniezentrums Bethesda lebt in neuem Landauer Stadtteil


Mittendrin: Integrative „Wohngruppe Siebenpfeiffer“ des Diakoniezentrums Bethesda in Landau. Fotos: VAN

Mittendrin: Integrative „Wohngruppe Siebenpfeiffer“ des Diakoniezentrums Bethesda in Landau. Fotos: VAN

Eigene vier Wände: Erika Happersberger mit einer Betreuerin fühlt sich in ihrem Zimmer mit Pfälzerwaldblick wohl.

Eigene vier Wände: Erika Happersberger mit einer Betreuerin fühlt sich in ihrem Zimmer mit Pfälzerwaldblick wohl.

Erika Happersberger fühlt sich pudelwohl in ihren neuen eigenen vier Wänden. „Ich bin gerne hier – auch wenn einige meiner früheren Mitbewohner traurig sind, dass ich nicht mehr da bin“, sagt die 56-Jährige und lenkt ihren Rollstuhl in ihr Zimmer. Aus großen Fenstern schweift der Blick über Neubauten auf dem früheren Kasernengelände in Landau, im Hintergrund sind die Ausläufer des Pfälzerwaldes zu sehen. Fast 48 Jahre lang lebte die geistig behinderte Frau im „Heim“ – in Einrichtungen des Diakoniezentrums Bethesda in Landau. Jetzt ist sie mittendrin im städtischen „Quartier“.

Im Mai erfüllte sich der Lebenstraum von Erika Happersberger, die Vorsitzende des Bewohnerbeirats bei Bethesda ist und in einer Behindertenwerkstätte arbeitet: Schon lange wollte sie dazugehören zur Gesellschaft, nicht ausgesondert sein. Die gebürtige Wormserin bewarb sich um einen Platz in der „Wohngruppe Siebenpfeiffer“, einem neuen integrativen Wohnangebot des Alten- und Pfle­ge­zent­rums Bethesda: In einem Mehrfamilienhaus leben derzeit zehn behinderte Menschen mit hohem Betreuungsbedarf in einer Wohngemeinschaft zusammen, zwölf sollen es insgesamt sein. Direkt nebenan sind nicht behinderte Nachbarn eingezogen, vor allem junge Familien und Paare.

Erika Happersberger hat von ihrem „Wunsch- und Wahlrecht“, so zu leben, wie sie es will, Gebrauch gemacht, sagt Bethesda-Geschäftsführer Dieter Lang. Ziel des bemerkenswerten Projekts sei es, behinderte Menschen aus ihrer „Sonderwelt“ hinein ins gesellschaftliche Leben zu holen, ergänzt Jürgen Boesche, Leiter des Bereichs für Menschen mit Behinderung. Bethesda, eine Einrichtung der Diakonissen Speyer-Mannheim, mietete dafür Räume an, die ein Wohnungsbauinvestor behindertengerecht gestaltet hat: Zimmer, Bäder, Küchen und Gemeinschaftsräume sind großräumig, hell und barrierefrei. Der neue Wohnpark „Am Ebenberg“, der am Rand der Stadt Landau auf dem ehemaligen französischen Kasernengelände in unmittelbarer Nähe zur Landesgartenschau entsteht, scheint für das Wohnprojekt das passende Versuchsterrain zu sein: Dort sprießen immer mehr Wohnhäuser, aber auch Restaurants, Geschäfte und Freizeitangebote aus dem Boden. In dem neuen, integrativen Stadtteil sollen zukünftig behinderte und nicht behinderte Menschen Tür an Tür zusammenleben.

Erika Happersberger freut sich darauf, schon bald mit dem Elektrorollstuhl das „Quartier“ zu erkunden. Dann nimmt sie ihren „Schatz“, ihren blinden Verlobten Andreas, ganz sicher mit auf die Erkundungsreise. 20 Jahre lang, so berichtet die humorvolle Frau, lebte das Paar getrennt in unterschiedlichen Wohneinrichtungen. Jetzt endlich hat jeder von ihnen ein eigenes Zimmer unter dem gleichen Dach. Auf zwei Etagen lebt die Behindertenwohngruppe zusammen – in zwei Fünfer- und einer Zwei-Personen-WG. In der Dachetage wohnen nicht behinderte Nachbarn.

„Ich wollte mal woanders leben“, nennt Erika Happersberger den Grund, warum sie sich nach einer „Schnupperwoche“ in der WG dafür entschied, ihr Leben möglichst selbstbestimmt zu gestalten. Die vier Frauen und sechs Männer kochen, waschen und spielen gemeinsam, gehen einkaufen. Joey, der jüngste Bewohner, ist 19 Jahre alt, der älteste – Heinz – ist 81.

„Es gibt unter ihnen eine große Hilfsbereitschaft“, berichtet Stefan Schwender. Ein Team um den Heilerziehungspfleger ist für die Bewohner rund um die Uhr da. Das Miteinander von behinderten und nicht behinderten Bewohnern klappt recht gut, erzählt Schwender. Über das erste Kennenlernen hinaus hofft er auf zukünftige Besuche und persönliche Kontakte. Vorbehalte oder Berührungsängste bei den Menschen im „Quartier“ gegenüber der Behinderten-WG habe er bislang kaum gespürt, sagt er.

Ängste haben aber manche Angehörige, ein behindertes Familienmitglied aus einer behüteten Heimstruktur in ein möglichst selbstständiges Leben zu entlassen, weiß Mariel Hagelstein. Sie wollten es vor einer oft behindertenfeindlichen Umwelt schützen, sagt die Pädagogin, die für das Dezentralisierungsprojekt zuständig ist. Erika Happersberger freut sich indes über die neue Freiheit: „Ich kann ausschlafen, und ich habe ein eigenes Bad“, zählt sie auf. Die Krönung für die Wellensittichliebhaberin wäre ein eigenes Haustier. Grundsätzlich, sagt Heilerziehungspfleger Schwender, spräche nichts dagegen. „Ja, toll“, ruft Erika Happersberger und klatscht in die Hände. Alexander Lang

Vision eines inklusiven Gemeinwesens praktisch umgesetzt

Diakoniezentrum Bethesda will mit dezentralen Wohnprojekten behinderte Menschen besser integrieren – Neue Studenten-WG eingerichtet

Das Diakoniezentrum Bethesda in Landau will mit neuen dezentralen Wohnprojekten die Integration von behinderten Menschen in ihrem Lebensumfeld fördern. Im neu entstehenden Wohnquartier „Am Ebenberg“ in Landau gebe es neben der neu eingerichteten Behindertenwohngruppe in der Siebenpfeiffer-Allee seit Juli eine inklusive Studenten-WG, sagt Bethesda-Geschäftsführer Dieter Lang. Dort leben derzeit vier behinderte Menschen mit vier Studierenden der Landauer Universität und einem Auszubildenden zusammen.

Mit seinen Dezentralisierungsprojekten wolle Bethesda seine „Vision von einem lebendigen, inklusiven Gemeinwesen“ ganz praktisch umsetzen, informiert Lang. In betreuten Wohngruppen erlebten behinderte Menschen „mehr Bürgernähe“, könnten am gesellschaftlichen Leben besser teilhaben und entwickelten sich persönlich weiter, sagt Jürgen Boesche, Leiter des Bereichs für Menschen mit Behinderungen.

Der inklusive Ansatz sei kosten- und personalintensiv, doch zahle er sich aus: Die Akzeptanz von Behinderten in der Gesellschaft werde gesteigert. Behinderte Menschen könnten wählen zwischen einer Unterbringung in festen Heimstrukturen oder einer möglichst selbstbestimmten Wohnform. Zu ihren Wünschen seien rund 135 Bethesda-Bewohner in Zusammenarbeit mit der Landauer Universität befragt worden. Sehr viele von ihnen interessierten sich demnach für ein Leben in einer inklusiven WG. Bethesda plane deshalb in den kommenden Jahren weitere Wohnprojekte, unter anderem im neuen städtischen Quartier in Landau, sagt Lang.

Allerdings ist es nach den Worten des Bethesda-Geschäftsführers momentan kaum möglich, auf dem freien Wohnungsmarkt passende Räumlichkeiten oder auch Investoren für den Bau neuer behindertengerechter Wohnungen zu finden. Diese müssten barrierefrei sein und unterlägen zahlreichen strengen Auflagen, etwa zur Hygiene oder dem Brandschutz. Auch der Flüchtlingsstrom stelle viele Kommunen vor das Problem, ausreichend sozialen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Andere diakonische Einrichtungen bekundeten verhaltenes Interesse an den Bethesda-Projekten, sagt Boesche. Viele Träger von Behinderteneinrichtungen scheuten vor eigenen Projekten wegen des finanziellen Risikos zurück.

Für seine inklusiven Wohngemeinschaften in Landau wünscht sich Bethesda noch engere Kontakte zur Kommune und zu den Kirchengemeinden, sagt Sozialarbeiter Boesche. Schon lange engagierten sich Freiwillige in der Arbeit mit behinderten Menschen. Ziel sei es, die „sozialen Ressourcen“ der Kirchengemeinden besser zu nutzen. Für 2016 plant Bethesda eine Kindertagesstätte im Stadtquartier „Am Ebenberg“ mit zwei bis drei Gruppen. Ganz sicher würden sich dann die Kindergartenkinder und die Bewohner der Behinderten-WG gegenseitig besuchen. all