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09.09.2016

Der Mann hat den Swing im Blut

Bezirkskantoren im Porträt: Tobias Markutzik in Kusel – Ein stilistischer Mehrkämpfer im Musikantenland


Übt auch große Oratorienliteratur: Bezirkskantorei Kusel bei der Probe zum Mozart-Requiem in Lauterecken. Fotos: M. Hoffmann

Übt auch große Oratorienliteratur: Bezirkskantorei Kusel bei der Probe zum Mozart-Requiem in Lauterecken. Fotos: M. Hoffmann

Das bleibt im Gedächtnis: Die großartige Gesangstruppe mit den markanten Strohhüten und ihrem Leiter, Keyboarder und Arrangeur Tobias Markutzik werden die Besucher des Landauer Chor- und Bandfestivals im Juni dieses Jahres vor ihrem inneren Ohr nicht so rasch ad acta legen. In der Westpfalz und darüber hinaus ist der Sambacher „Vocalis“-Chor längst kein Geheimtipp mehr. Chef Tobias Markutzik sortiert die rund 40-köpfige Truppe, die munter und sehr bühnenaffin zwischen Popsong, Gospel, Schlager und Filmmusik changiert, auch mal die „Ärzte“ oder die „Toten Hosen“ covert, nachdrücklich unter „privat“ und „Freizeit“ ein.

Vor allem ist der heute 38-Jährige seit 2010 Kantor für den Kirchenbezirk Kusel. Und da zählen zunächst die Kerngeschäfte. Allsonntäglich sind Gottesdienste in der Krankenhauskapelle und in der Stadtkirche zu bespielen, wo Markutzik ein Oberlinger-Instrument im historischen Prospekt der einstigen Stumm-Orgel zur Verfügung steht. Wochentags gibt es zudem ab und an eine Kinderkirche, dies in Zusammenarbeit mit den beiden evangelischen Kindertagesstätten. Wer ihn denn vertrete, lautet die Frage. „Eigentlich keiner“, pariert er das lapidar. „Im Notfall gibt es Orgelschüler, die einspringen.“

Stichwort Orgelschüler: Dem Kirchenmusikalischen Seminar – unverzichtbare Nachwuchsschmiede für die nebenamtlich dienstbaren Geister des sonntäglichen Gottesdienstgeschehens – widmet Tobias Markutzik besonderes Augenmerk. Er unterrichte gerne, bekennt er, derzeit sechs Personen von jugendlich bis fortgeschritten erwachsen. „Ich selbst habe in Kaiserslautern bei Helmut Freitag meine D- und C-Prüfung abgelegt. Damit habe er alle fundamentalen Grundlagen für das spätere Musikstudium erworben. Das wiederum hat er 2008 an der Musikhochschule Saarbrücken mit dem A-Examen abgeschlossen.

Zurück zu seiner aktuellen Arbeit: Auch die Bezirkskantorei Kusel probt wöchentlich, will für Gottesdienste und ein bis zwei Konzerte im Jahr mit Oratorienliteratur präpariert werden. Mendelssohns „Paulus“ sowie „Krönungsmesse“ und „Requiem“ von Mozart finden sich da etwa aus jüngerer Zeit. Eine traditionsreiche, gewachsene Gemeinschaft sei das, beschreibt Markutzik. Teilweise engagierten sich mehrere Familienmitglieder im Chor.

Der Gospelchor „Unity“ wiederum ist ein Angebot für Freunde der Popularmusik und pflegt mit „Modern Songs“ kirchliches Liedgut der Jugendkultur. Durchaus konzertant übrigens wie mit der sehr erfolgreichen Aufführung des Rockoratoriums „Eversmiling Liberty“. Und gerne wird die quer durch die Generationen aufgestellte Formation für Hochzeiten und andere Familienfeiern gebucht, gestaltet auch mal ein Open-Air-Konzert oder einen Gottesdienst „uff Pälsisch“.

Markutzik, verheiratet und Vater zweier Töchter, fühlt sich in allen musikalischen Stilen zu Hause, bemüht, jedem Genre mit Respekt und dem Gebot der Authentizität zu begegnen. Und er ist ein Freund und Meister der Improvisation – ein Musikant im Musikantenland und ein Ideenfinder. So organisiert er zum Beispiel die sogenannte „Sommerkirche“ mit Programmen im ausgewiesen unterhaltenden Format; keineswegs ohne Tiefgang. Da tritt Markutzik auch mal als singender Alleingestalter am Piano oder mit der Gitarre auf und sowieso als pfiffiger Arrangeur; wie Anfang Juli unter dem vielsagenden Titel „Die Last mit der Lust“.

Die „Stunde der Kirchenmusik“ wiederum, jeweils am ersten Samstag des Monats terminiert, lockt mit kleinen Kammermusiken und Orgel-Recitals. Bei all den fabelhaften Musikangeboten bliebe zu erwähnen, dass natürlich auch die „Randgeschäfte“ zu erledigen sind: „Verwaltung, Organisation, Pressearbeit, Plakate gestalten und verteilen – steht alles auch auf meiner Agenda.“

Blickt man angelegentlich auf Markutziks Geschwister und deren berufliche Ausrichtung, die Schwester ist darstellende Künstlerin, der Bruder Sozialpädagoge, so ist man unwillkürlich versucht, im umtriebigen Kuseler Bezirkskantor die Schnittstelle von beidem auszumachen. „Da ist was dran“, lacht er, der einst seinen Zivildienst in einem Resozialisierungsheim für psychisch Kranke absolvierte. Menschenführung, Ausstrahlung und gelebter Glaube nennt Tobias Markutzik als unverzichtbar für seine Profession. „Ohne diese Qualitäten wäre ein noch so ambitioniertes künstlerisches Wirken für mich kaum vorstellbar.“

Dann ist da auch noch die kollegiale Komponente. „Wir sind als pfälzische Bezirkskantoren wirklich eine tolle Truppe – das muss einfach mal gesagt werden“, bekräftigt er. Besonders eng sei die Vernetzung mit den Nachbarkantoraten Homburg und Pirmasens, den Kollegen Stefan Ulrich und Maurice Croissant. Darüber freut sich der Kuseler Kirchenmusiker ungemein; und ebenso über die Tatsache, dass Landeskirchenmusikdirektor Jochen Steuerwald ihn in diesem Jahr zum vierten Mal zu den Internationalen Singwochen in Gosau bestellt hat. Sein Orgelseminar dort erfreut sich offenbar großer Beliebtheit. Obendrein war der Tondichter Tobias Markutzik gefragt: eine Komposition für Sopran, Chor und Orgel aus seiner Feder erlebte im Gosau-Jubiläumsjahr zu Füßen des Dachstein-Massivs ihre Uraufführung. Gertie Pohlit

Basisarbeit und der richtige Zungenschlag

Zwischen den Kirchtürmen von Morlautern, wo er zu Hause war, und Kaiserslautern, wo er sein Abitur machte, spielten sich Kindheit und Erwachsenwerden ab. „Ich bin einer von hier“, sagt Tobias Markutzik. „Die Menschen dieser etwas spröden Gegend reden mit meinem Zungenschlag – wir verstehen uns.“ Jenseits dieser Verneigung vor Land und Leuten spürt man Markutziks tiefe Verbindung auch zur Kulturlandschaft Westpfalz, speziell dem Kuseler Umfeld, das seinen Namen nicht von ungefähr führt: Musikantenland.

„Viel Potenzial“, findet der Kantor, aber die eingetretenen Pfade führten zuweilen auch in Sackgassen. So gelte es, mutig das Ohr am Puls der Zeit zu haben, die Menschen musikalisch abzuholen, wo ihr Herz schlägt, Angebote zu machen für Alt und Jung – traditionelle und auch unkonventionelle.

Vor allem ist der Zungenschlag die Brücke zum Dialog. Den hat Markutzik schon in Studienjahren mit der Basisarbeit trainiert. Als Leiter des „GV Siegelbach 1876“, des „MGV Morlautern 1875“ oder der „Vocalis“-Gruppe beim „AGV Liederkranz Sambach“ hat er Volksliedtradition und flotte Jugendkultur wirkungsvoll unter die Leute gebracht. „Schlechte Musik gibt es nicht, nur schlecht gemachte“, sagt er. Alles, was ehrlich und professionell daherkomme, habe seinen souveränen Wert im Spektrum des Ganzen. gpo