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09.02.2012

Kultureller Gedächtnisverlust durch den Scanner

Archivare warnen vor Risiken der Digitalisierung ihrer Bestände – Zentralarchiv in Speyer beteiligt sich an evangelischem Kirchenbuchportal


Kommt ins weltweite Netz: Archivmitarbeiterin Monika Lauer präsentiert ein pfälzisches Kirchenbuch. Fotos: Landry

Kommt ins weltweite Netz: Archivmitarbeiterin Monika Lauer präsentiert ein pfälzisches Kirchenbuch. Fotos: Landry

Trauungen dokumentiert: Ein Kirchenbuch von 1754 aus Lauterecken.

Trauungen dokumentiert: Ein Kirchenbuch von 1754 aus Lauterecken.

Mit einer gehörigen Portion Skepsis schaut Archivarin Gabriele Stüber in die schöne neue digitale Welt. Mit einem Mausklick zoomt die Leiterin des Zentralarchivs der pfälzischen Landeskirche in Speyer auf ihrem Computer die eingescannte Seite eines Kirchenbuches heran. Messerscharf ist die geschwungene Handschrift des Kirchenschreibers zu lesen, der vor rund 300 Jahren die Geburtsdaten von Täuflingen seines Dorfs akribisch auflistete.

Auch die Evangelische Kirche der Pfalz hat sich wie alle anderen 65 evangelischen Archive in Deutschland darangemacht, ihre Bestände zu digitalisieren: Kirchenbücher, Urkunden, Fotos und andere wichtige Dokumente werden nach und nach eingescannt. Die meist gebührenpflichtigen digitalen Dateien sind dann privaten und wissenschaftlichen Nutzern im Internet zugänglich. Für die pfälzischen Kirchenbücher, die Eigentum der Kirchengemeinden sind, müssten aber zunächst die rechtlichen Voraussetzungen für eine Veröffentlichung im Internet geprüft werden, sagt Stüber.

Was auf den ersten Blick als der Traum eines jeden Wissenschaftlers erscheint, hat auch seine Tücken, warnt die Archivarin vor den Verheißungen der Digitalisierung. Rund um die Uhr sollen vom heimischen Computer aus Urkunden und Dokumente einzusehen sein – bequem, unbürokratisch und in vielen Fällen auch kostenlos. Umstritten ist unter Archivaren und Bibliothekaren in Deutschland jedoch, ob der technologische Wandel wirklich Wissen für alle bringt und die Demokratie im Netz fördert.

„Auch die Kostenfrage wird bei der Entscheidung von Archiven für eine Digitalisierung oft ausgeblendet“, kritisiert Stüber. Wie teuer die langfristige Speicherung der digitalisierten Daten sein werde, wisse niemand. Allein für den Speicherplatz auf Servern in einem Rechenzentrum müsse das Archiv der Landeskirche jährlich 12 000 Euro berappen, die Gesamtkosten für das Einscannen der rund 6000 pfälzischen Kirchenbücher durch eine Fremdfirma könnten noch nicht beziffert werden.

Das kleine Team im Zentralarchiv in Speyer wandelt per Hand mit dem Scanner nur wichtige Dokumente und Fotos in Digitalisate um. Unmöglich sei es für die Archive, alle Materialien zu digitalisieren, macht Stüber deutlich. Nur fünf bis zehn Prozent der Bestände würden erhalten, der Rest werde „weggeworfen“. Auch die Frage der Haltbarkeit sei ungeklärt: Während uralte Bücher noch ein paar weitere Jahrhunderte überdauern könnten, gebe es über die Existenzdauer digitaler Bücher keine verlässlichen Aussagen.

Wie viele europäische Institutionen präsentiert das Archiv der pfälzischen Landeskirche seine digitalisierten Dokumente im virtuellen Archiv www.monasterium.net. Auch am Aufbau des für Benutzer gebührenpflichtigen Kirchenbuchportals der Evangelischen Kirche in Deutschland www.kirchenbuchportal.de ist die mit 5000 laufenden Metern Archivgut eher kleine Einrichtung beteiligt. Die landeskirchliche Bibliothek und Medienzentrale in Speyer hat hingegen keine Digitalisierung ihrer Bestände geplant, informiert Leiterin Traudel Himmighöfer.

Vor allem eine Überlegung bereitet Archivdirektorin Stüber Unbehagen: Da nur ein kleiner Teil der meist in Papierform vorhandenen analogen Medien seinen Weg ins weltweite digitale Netz finde, drohe auch ein Wissensverlust. Besonders für jüngere Menschen existiere oft nur, was im Internet ist, sagt sie.

Auch die Mitarbeiter des Bistumsarchivs in Speyer haben alle Hände voll zu tun, um die Bestände zu digitalisieren. Alle rund 1200 Bistumsurkunden sollen unter den Scanner kommen, berichtet Archivdirektor Hans Ammerich. Zwar könnten die Archive durch ihre benutzerfreundlichen digitalen Angebote besser ihre Bestände präsentieren. Der urheberrechtliche Schutz des eigenen Materials bleibe aber schwierig. Es gebe „schwarze Schafe“, die frei zugängliche Archivschätze verkauften oder missbräuchlich verwendeten.

Armin Schlechter, Leiter der Handschriftenabteilung der Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer, fordert deshalb eine gesellschaftliche Diskussion über die kulturellen Auswirkungen der Digitalisierung. In der virtuellen Welt von Internet und E-Book werde auch das Buch seinen Nischenplatz behaupten, prognostiziert der Handschriftenexperte.

Jeder technologische Umbruch habe, wie die Erfindung des Buchdrucks um 1500, drastische Auswirkungen auf das „kulturelle Gedächtnis“ einer Gesellschaft, sagt Schlechter. Wissen gehe verloren, weil Texte „den Sprung in ein anderes Medium nicht schafften“. Eine Gefahr stelle zudem der Trend zur Monopolisierung von Wissen durch mächtige Internetanbieter wie „Google“ dar.

Rundum begeistert von den Chancen der Digitalisierung zeigt sich hingegen Joachim Kemper. Der 37-jährige Archivar leitet seit einem Jahr das Speyerer Stadtarchiv. Sein Ziel ist es, alle reichsstädtischen Speyerer Urkunden ins Netz zu stellen und damit weltweit Forschern und auch Laien die Mitarbeit an der Stadtgeschichte zu erleichtern.

Für den Archivar ist die Präsentation seiner Archivalien im Netz auch „eine einfache Form von Öffentlichkeitsarbeit“. Dass Archive für jüngere Menschen nicht staubig sein müssen, zeige die Resonanz in den sozialen Netzwerken. Rund 500 000 Besucher verzeichne die Facebook-Seite des Stadtarchivs Speyer, sagt Kemper, der auch gerne in sozialen Netzwerken „twittert“. Einig ist er sich mit seinen Kollegen im wichtigsten Punkt: Ein Ende der Bücher und Bibliotheken werde es durch die Digitalisierung nicht geben. Alexander Lang