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17.05.2012

Pfälzer Dekan als letzter Aufbauhelfer

Thomas Vieweg wird Propst im russischen Kaliningrad – Fusion der Kirchenbezirke wird wohl vorgezogen


Bessern ihr Russisch mit einem Crashkurs auf: Thomas Vieweg und seine Frau Monika gehen drei Jahre nach Russland. Foto: Stepan

Bessern ihr Russisch mit einem Crashkurs auf: Thomas Vieweg und seine Frau Monika gehen drei Jahre nach Russland. Foto: Stepan

Seine besondere Mission bezeichnet er als „Kärrnerarbeit“ – aber eine, die Spaß macht. Thomas Vieweg, derzeit noch Dekan des Kirchenbezirks Kirchheimbolanden, übernimmt ab 1. August eine spannende und zugleich anstrengende Aufgabe: Er wird die Evangelisch-Lutherische Propstei im russischen Kaliningrad, dem früheren Königsberg, drei Jahre lang leiten. Dort wird der 59-Jährige der vermutlich letzte von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandte Propst für die nur noch rund 2100 Lutheraner sein.

In dieser Zeit muss der gebürtige Erfurter Vieweg viel Arbeit schultern: Zunächst soll er den Aufbau und die Vernetzung von ambulanten Diakoniestationen in den Dörfern und Städten in der Region um die frühere Hauptstadt Ostpreußens vorantreiben. Und dann geht es darum, seinen einheimischen Nachfolger in der russischen Exklave zwischen Polen und Litauen an der Ostsee einzuarbeiten. Seine Frau Monika unterstützt Vieweg als theologische Mitarbeiterin. Aus persönlichen Gründen war sein Vorgänger, Jochen Löber, im vergangenen Jahr nach Deutschland zurückgekehrt. Bisher waren alle Kaliningrader Pröpste Deutsche.

Seit 1991 leistet die EKD den Protestanten in der Region Kaliningrad, die fast so groß wie Schleswig-Holstein ist, Aufbauhilfe. Diese gründeten nach dem Ende der Sowjetunion mit Hilfe ihrer Glaubensbrüder und -schwestern aus Deutschland die lutherische Propstei, die heute rund 40 Gemeinden mit sieben Pfarrern umfasst. Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele der vorwiegend russischen Einwohner in der Region den christlichen Kirchen angehören. Dort leben rund eine Million Menschen. Von den einstigen Sowjetherren wurden die Religionen unterdrückt.

„Ich freue mich auf die Aufgabe, für die mich die EKD angefragt hat, weil ich dort in besonderer Weise seelsorgerlich und diakonisch tätig sein kann“, sagt Vieweg, der sein Dekanat in einer Umbruchphase verlässt. Noch zweieinhalb Jahre hätte er als Dekan von Kirchheimbolanden den Weg zur Fusion der Kirchenbezirke Kirchheimbolanden und Obermoschel im Jahr 2015 begleiten sollen. Danach wäre er in die Altersteilzeit gewechselt, der Obermoscheler Dekan Stefan Dominke hätte den Stab übernommen. Nun werde ein vorgezogener Zusammenschluss der beiden kleinen nordpfälzischen Dekanate zum 1. Januar 2013 geprüft, berichtet Vieweg. Eine Sondersynode soll in Kirchheimbolanden am 24. August darüber befinden.

Die Mission Kaliningrad sei quasi vom Himmel auf ihn herabgefallen, sagt Vieweg, der seit 13 Jahren an der Spitze seines Kirchenbezirks steht. „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, kommentiert er den plötzlichen Wechsel in seiner Lebensplanung. Bei der Propstwahl der lutherischen Kirche in Kaliningrad wurde Vieweg kürzlich einstimmig gewählt. Als Pfarrer wird er außer in Kaliningrad noch in zwei weiteren Orten wirken.

Ein Grund, weshalb das Referat für Mittel- und Osteuropa der EKD in Hannover an ihn herangetreten sei, ist die Partnerschaft zwischen den Protestanten in Kirchheimbolanden und Tschernjachowsk (Insterburg). Neben seiner Leitungserfahrung sei ihm auch seine besondere Biografie zugute gekommen, sagt der frühere DDR-Bürger Vieweg.

Seine persönlichen Erfahrungen mit autoritären Regimes machte er als Theologiestudent in Ost-Berlin. Nach Schikanen durch die Stasi siedelten Vieweg und seine Familie in den Westen über, 1987 begann er seinen Dienst in der pfälzischen Landeskirche. Ihr Schulrussisch wollen die Viewegs vor ihrer Abreise mit einem Sprach-Crashkurs aufbessern. Für die in Kaliningrad zweisprachig gehaltenen Gottesdienste steht ihnen eine Dolmetscherin zur Seite.

Nach den drei Kaliningrader Jahren wollen sich Thomas Vieweg und seine Frau in ihrer pfälzischen Wahlheimat oder in Mainz, wo ihr Sohn lebt, niederlassen. Dann, so ist der designierte Propst überzeugt, werden sein Nachfolger vorbereitet und die kirchlich-soziale Arbeit in der Region gestärkt sein. Die helfenden Hände aus Deutschland würden dort dann hoffentlich weniger gebraucht. „Nach 20 Jahren Aufbauarbeit sind die Menschen inzwischen selbstbewusst geworden.“ Alexander Lang