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28.06.2012

Beginn einer lebendigen Gemeinde

Ankunft hugenottischer Glaubensflüchtlinge in Frankenthal vor 450 Jahren – Gründungsväter der Stadt


Am Roxheimer Altrhein gelandet: Der Theaterkreis Bobenheim-Roxheim gestaltet die Ankunftsszene der Flüchtlinge. Foto: Bolte

Am Roxheimer Altrhein gelandet: Der Theaterkreis Bobenheim-Roxheim gestaltet die Ankunftsszene der Flüchtlinge. Foto: Bolte

Vor 450 Jahren kamen 58 niederländische Flüchtlingsfamilien von Frankfurt mit Schiffen den Rhein herauf und fanden in Frankenthal eine neue Heimat. Die Stadt Frankenthal begeht das Jubiläum der Ankunft mit einem ganzjährigen Festprogramm.

Die Emigranten, die zu den Gründungsvätern Frankenthals werden sollten, waren kein singuläres Phänomen, sondern Teil einer im Glauben begründeten Flüchtlingsbewegung. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte sich die Glaubensspaltung verfestigt. „Die gegenreformatorischen Kräfte – und dazu gehört das habsburgische Spanien mit seinen Gebieten, die auch in das heutige Belgien und die Niederlande hineinreichten – haben dann versucht, unter dem spanischen König Philipp II. (1527 bis 1598) den katholischen Glauben mit scharfen Repressionen durchzusetzen“, erklärt der frühere Oberkirchenrat und Vorsitzende des Vereins für pfälzische Kirchengeschichte, Klaus Bümlein. Wegen dieser systematischen Unterdrückung blieb den reformierten Gläubigen nur die Flucht als Ausweg. „So kam die Emigrationsbewegung damals in Gang“, erläutert Bümlein. Die Wissenschaftler gehen heute von etwa 100 000 Menschen aus, die bis nach England, Skandinavien und Polen flohen, um ihren Glauben außerhalb habsburgischer Besitzungen leben zu können. Die Mehrheit suchte in den Territorien Norddeutschlands Zuflucht.

„Einige schlugen sich auch in den deutschen Südwesten durch und landeten unter anderem in der Kurpfalz links und rechts des Rheins“, sagt Bümlein. So wie jene reformierten Christen, die am 3. Juni 1562 in zwei Schiffen am Rheinufer bei Roxheim anlegen sollten. Sie hatten zunächst in der lutherisch geprägten Reichsstadt Frankfurt Zuflucht gesucht. Doch auch hier stießen sie bald auf Schwierigkeiten. Die Frankfurter Exilgemeinde, die um 1561 vermutlich an die 2000 Personen zählte, ging zum Teil nach England, andere zogen zurück in die Heimat und wurden meist zu Opfern der Inquisition. 58 Familien setzten ihre Flucht mit ihrem Pfarrer Petrus Dathenus fort und fanden in Frankenthal eine neue Heimat.

Hier hatte Petrus Dathenus mit Kurfürst Friedrich III. (1559 bis 1576), genannt der Fromme, einen Herrscher gefunden, den eine große Offenheit in religiösen Fragen auszeichnete. Mit der Einführung der Heidelberger Kirchenordnung und des Heidelberger Katechismus war der Fürst zum Calvinismus übergegangen und von daher auch bereit, die verfolgten Glaubensbrüder aufzunehmen. „Er versuchte, den Reformierten Platz zu schaffen. Daraus resultierte seine Bereitschaft, die Emigrantengruppen aufzunehmen“, erklärt Bümlein. Friedrich gewährte den Glaubensflüchtlingen in den leer stehenden Räumlichkeiten des 1562 aufgelösten Augustiner-Chorherrenstifts Großfrankenthal Asyl.

Am 13. Juni 1562 schlossen der Kurfürst und die Neuansiedler einen Vertrag, eine sogenannte Kapitulation, der Rechte und Pflichten regelte. Der Vertrag, der bis heute erhalten ist, gestand den Exulanten, so werden die Glaubensflüchtlinge des 16. Jahrhunderts von Historikern bezeichnet, das Wohnrecht, einen eigenen Pfarrer und Gottesdienste in ihrer eigenen Sprache zu. Dafür wurden sie zu neuen Untertanen des Kurfürsten. Alle in der Kurpfalz geltenden Vorschriften waren auch für sie bindend. Mit den niederländisch-flämischen Flüchtlingen kamen auch Wallonen nach Frankenthal, sodass der Alltag nun dreisprachig zu meistern war. In den ersten Jahren lebten in dem Ort ausschließlich reformierte Glaubensflüchtlinge. „Diese erste geschlossene Gruppe wurde später als Hugenotten bezeichnet“, sagt Bümlein. „Gleichzeitig sind sie die Gründer Frankenthals.“ Die alten Stadtrats- und Gerichtsprotokolle der Stadt zeigen, dass Kirche und Stadt sehr eng zusammenarbeiteten, jedoch personell und organisatorisch getrennt agierten.

Die Frankenthaler Flüchtlinge sollten nicht die Einzigen bleiben, die in der Kurpfalz Aufnahme fanden. Fast zeitgleich siedelten sich in der ehemaligen Zisterzienserabtei in Schönau im Odenwald und in Heidelberg Exulantengemeinden an, 1567 fand eine Gruppe Wallonen, die aus dem französischen Teil des heutigen Hollands stammte, im ehemaligen Kloster St. Lambrecht bei Neustadt eine neue Heimat. Eine weitere wallonische Gemeinde kam 1577 in das ehemalige Zisterzienserkloster Otterberg. In Frankenthal wurde 1578 eine zweite Gruppe angesiedelt.

All diese Orte, die Asyl gewährt hatten, erlebten binnen weniger Jahre eine Blütezeit und wurden zu wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Zent­ren. Denn unter den Glaubensflüchtlingen waren Kaufleute, Gewerbetreibende und Handwerker, die ihre Kenntnisse mit in die neue Heimat brachten. „Frankenthal war die erste dieser aufblühenden Gemeinden und wurde später eine der Hauptstädte der Kurpfalz“, so Bümlein. Die Frankenthaler Gruppe beispielsweise bestand in der Mehrzahl aus Flamen aus dem südwestlichen Flandern, die das dort hoch entwickelte Textilgewerbe mitbrachten. Als Konsequenz dieser schnellen Entwicklung erhielt der Ort am 29. Oktober 1577 von Pfalzgraf Johann Casimir (1543 bis 1592) die Stadtrechte verliehen. Ohne die homogene Zuwanderung einer so großen Gruppe Glaubensflüchtlinge hätte sich Frankenthal damals sicher nicht zu einer solch angesehenen Stadt entwickelt.

Daher ist davon auszugehen, dass die Aufnahme der Exulanten nicht nur religiöser Toleranz geschuldet war, sondern auch machtpolitische und wirtschaftliche Gründe hatte. „Hugenotten in der Pfalz – das ist ein großes Thema, das bis heute wirkt“, erklärt Klaus Bümlein. Das Geburtsjahr der Stadt Frankenthal sei zugleich der Beginn einer lebendigen und geschichtswirksamen reformierten Gemeinde. Die Wirkung der hugenottischen Flüchtlinge habe sowohl auf wirtschaftlichem Gebiet als auch im kirchlichen und geistigen Leben der Pfalz eine große Rolle gespielt. Anette Konrad

Wortführer der Reformierten

Dathenusstraße und Dathenushaus in Frankenthal erinnern an den Prediger, der die Glaubensflüchtlinge vor 450 Jahren in die neue Heimat begleitete. Der 1531 in Flandern geborene Petrus Dathenus trat als junger Mann in das Karmeliterkloster in Ypern ein. Beeinflusst vom Calvinismus verließ er das Kloster und verkündete als reisender Prediger seinen neuen Glauben.

Als 1550 in den Niederlanden die evangelischen Christen zunehmend verfolgt wurden, floh Dathenus zur reformierten niederländischen Flüchtlingsgemeinde in London. Mit dem Verbot der reformierten Gemeinden durch Mary Tudor 1555 zog der Theologe zunächst nach Emden und von dort aus nach Frankfurt, wo er im September 1555 der erste Prediger der dortigen niederländischen Gemeinde wurde. „Dathenus hat für die Frankenthaler Gruppe schon vor der Ankunft in Frankenthal eine wichtige Rolle gespielt“, erklärt Klaus Bümlein. Dathenus blieb bis zum Ausbruch des niederländischen Aufstandes 1566 in der Pfalz. In den folgenden Jahren verfolgte er mit großem Engagement die Einigung der niederländisch-reformierten Kirche und trat bei Konventen und Synoden als Wortführer der Reformierten in Erscheinung. Petrus Dathenus gilt als eine der führenden Persönlichkeiten der ersten Generation des niederländischen Calvinismus. Der Reformator starb am 17. März 1588 in Elbing. rad