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09.08.2012

Pussy-Punk verstört russische Orthodoxie


Karsten Packeiser

Karsten Packeiser

von Karsten Packeiser

Es ist kein gutes Bild, das die Russische Orthodoxe Kirche abgibt, weder in der heimischen Öffentlichkeit noch in den internationalen Medien. Und erst recht nicht im Vergleich zu den drei artig gekleideten jungen Frauen, die seit Ende Juli in Russland vor Gericht stehen. In der Moskauer ChristErlöser-Kathedrale, der wichtigsten Kirche des Landes, hatten die drei und weitere Mitglieder der feministischen Punkrock-Truppe „Pussy Riot“ mit Sturmhauben vermummt den Altarbereich gestürmt und die Heilige Jungfrau Maria gebeten, Putin zum Teufel zu jagen. Auch Patriarch Kyrill I. bekam sein Fett weg: Er glaube an Putin statt an Gott, „dieser Hund“.

Statt den – zweifellos nicht sonderlich geistreichen – Vorfall herunter­zuspielen, fuhr die Kirchenhierarchie schweres Geschütz auf: Kyrill rückte die Feministinnen in die Nähe von ­Satanistinnen und verglich sie mit den Bolschewiki, die nach der Oktober­revolution Abertausende ­orthodoxer Priester massakriert und deren Kirchen und Klöster in die Luft gesprengt hatten.

Unbarmherzige Forderungen der Kirche nach Vergeltung erweisen sich als Bumerang. Die drei Provokateurinnen werden nach mehreren Monaten völlig überzogener Untersuchungshaft mittlerweile von der Weltpresse als Heldinnen gefeiert. Bissige russische Kommentare erinnern den Patriarchen an die ­Haltung von Papst Johannes Paul II., der seinen Attentäter im Gefängnis besucht habe.

Wenn der Konflikt bisher jemandem genutzt hat, dann Wladimir Putin. Er sagte nach dem Besuch der olympischen Judowettkämpfe in London, er hoffe auf eine milde Strafe für die Frauen – ein Satz, den die Verteidiger in Moskau als Prozesswende deuteten. Schließlich ist es mit der Unabhängigkeit russischer Gerichte nicht weit her. Putin als gnädiger Staatsmann steht auf einmal liberaler da als die Kirche. Das dürfte Kalkül gewesen sein, denn zu Beginn der Massenproteste gegen die Wahlfälschungen Ende 2011 war keineswegs abzusehen, wie sich die Orthodoxie positionieren würde. Je größer nun die Kluft zwischen Kirche und außerparlamentarischer Opposition ist, umso besser für das derzeitige System.

Innerhalb der Kirche erkennen nur wenige den Imageschaden. Der Theologieprofessor Andrej Kurajew, eigentlich patriotisch-konservativer Vordenker der Orthodoxie, erklärte sich bereit, „Pussy Riot“ zum Pfannkuchenessen einzuladen. Bei der Empörung über das Punkgebet handele es sich selbst um eine Performance, mutmaßte er. Orthodoxe Mitchristen, die Disziplinarmaßnahmen gegen ihn forderten, bezeichnete er als „orthodoxe Pussy Riots“. Ein tiefer Riss durch Kirche und Gläubige wegen der jungen Frauen ist nicht ausgeschlossen. Vermeiden ließe er sich durch einen Blick auf die eigenen 1000-jährigen Traditionen: Die Toleranz für sogenannte Narren in Christo war in den Ostkirchen seit jeher besonders groß.