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09.08.2012

Aus dem Briefkasten eines Malers

Slevogt-Nachlass dokumentiert Entstehen des „Golgatha“-Altarbilds in Ludwigshafener Friedenskirche


Neuer „Nachlassverwalter“: Archivar Armin Schlechter plant eine Ausstellung über den Slevogt-Briefverkehr. Fotos: Landry, frei

Neuer „Nachlassverwalter“: Archivar Armin Schlechter plant eine Ausstellung über den Slevogt-Briefverkehr. Fotos: Landry, frei

Vermächtnis des Impressionisten: Das Golgatha-Altarbild.

Vermächtnis des Impressionisten: Das Golgatha-Altarbild.

Das ist unverwendbarer Mörtel“, wettert der Maler Schabborn im Jahr 1932 in einer Notiz an den „Herrn Professor“. Hinter den Kulissen des wichtigen Kirchenbaus herrscht hummelmäßige Betriebsamkeit. In wenigen Monaten soll die Ludwigshafener protestantische Friedenskirche, eine moderne Rundkirche, eingeweiht werden. Allein das Herzstück, das riesige Altarfresko „Golgatha“, haben der berühmte impressionistische Maler Max Slevogt (1868 bis 1932) und seine Mitarbeiter noch nicht fertiggestellt.

Das rund 100 Quadratmeter große Werk, das die Kreuzigung von Jesus Christus in dunklen Farbtönen zeigt, ist sein letzter und zumindest in den Dimen­sionen größter künstlerischer Nachlass. Wenige Wochen nach der Fertigstellung stirbt der Wahlpfälzer Slevogt, der als einer der wichtigsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts gilt. Das Bild wurde 1944 bei einem alliierten Fliegerangriff auf Ludwigshafen zerstört. 1957 schuf der Heidelberger Maler Harry MacLean in der neu errichteten Friedenskirche ein Glasmosaik mit Anleihen beim Slevogt-Original.

Einen besonderen Teil seines Vermächtnisses hat das Landesbibliothekszentrum Speyer im September 2011 erworben: seinen schriftlichen Nachlass. Zwei Umzugskartons bergen einen Schatz aus Papier, den sich die Slevogt-Erben versilbern ließen. Zu einem „fairen Preis“, informiert der Archivar Armin Schlechter, habe das Land Rheinland-Pfalz die in Seidenpapier gewickelten Pakete erstanden, in denen Dokumente in Klarsichthüllen gesteckt sind.

Mit heller Freude kramt Schlechter im Briefkasten des Impressionisten Slevogt. Der Handschriftenexperte ist der neue „Nachlassverwalter“. Seine Aufgabe ist die Erschließung des „wertvollen“ schriftlichen Nachlasses, der auch Alltagspost wie Glückwünsche zum Geburtstag oder Einladungen umfasst. Die Arbeit sei Voraussetzung für die zukünftige wissenschaftliche Nutzung.

Das schriftliche Erbe, das nach dem Tod Slevogts seit 1932 auf dem Slevogthof in Leinsweiler-Neukastel bei Landau lagerte, umfasst rund 3700 hand- und maschinengeschriebene Schriftstücke – private und geschäftliche Korrespondenz, Werkmanuskripte, Abrechnungen. Darunter befindet sich auch der Briefwechsel des gebürtigen Landshuters mit Künstlerkollegen wie Max Liebermann, Gerhart Hauptmann, Käthe Kollwitz und Christian Morgenstern.

Unter der Signatur N 100 soll der katalogisierte Slevogt’sche Nachlass bis spätestens 2015 vollständig zugänglich sein. Nachlässe sind für Wissenschaftler aller Couleur eine wahre Fundgrube. „Sie geben Einblicke in Beziehungsgeflechte und persönliche und geschäftliche Netzwerke“, sagt Schlechter. Mit ihrer Hilfe sei es möglich, sich ein genaueres Bild von einem Menschen zu machen und dies aus verschiedenen Blickwinkeln: biografisch, künstlerisch und sozialgeschichtlich.

Auch wie der „Nachlasser“ von seinen Zeitgenossen bewertet wurde, lässt sich aus den meist unspektakulär aussehenden Dokumenten herauslesen. Die meisten Nachlässe berühmter Künstler oder anderer Persönlichkeiten werden in Archiven und Bibliotheken aufbewahrt. Die größte Zahl – 1400 Nachlässe – verwaltet das Deutsche Kunstarchiv in Nürnberg. Mehr als 300 Einzelpersonen hat Schlechter bisher aus dem Nachlass Slevogts herausgefiltert.

In dessen vergilbter Korrespondenz spiegelt sich unter anderem die Berliner Künstlerszene. Bei der „Kunst- und Verlagsanstalt“ der Gebrüder Cassirer verlegte Slevogt einen Großteil seines Werks. Deutlich werde im Briefverkehr, dass die Vorstellung eines von Zwängen freien Künstlers eine romantische Wunschvorstellung sei, analysiert Schlechter. Die Verleger hätten aus wirtschaftlichem Interesse versucht, Einfluss auf die ästhetische Gestaltung des Slevogt’schen Werks zu nehmen.

Doch der Maler versuchte sich aus Einengungen freizuschwimmen, indem er selbstbewusst mit Verlegern und Galeristen verhandelte. Und das mit Geschick: „Slevogt war ein Spitzenverdiener“, sagt Schlechter beim Blick über die Abrechnungszahlen.

Der Künstler, dem eine linke wie rechte Tendenzkunst zuwider war, habe sich stets für die Autonomie der Kunstschaffenden eingesetzt. Die brutalen Vorzeichen des Hitlerreiches nahm Slevogt wohl nicht wahr, glaubt Schlechter. Im Jahr vor der „Machtergreifung“ Hitlers sei er zu sehr in seine Arbeiten am „Golgatha“-Fresko in der Friedenskirche vertieft gewesen, um die Gefahren des braunen Terrors zu erkennen.

Der schriftliche Nachlass sei auch ein „Handbuch“ zur Entstehung der Kirche und ihres Freskos, sagt Schlechter. Der Künstler erhielt auf Vermittlung des Malers Adolf Kessler aus Landau-God­ram­stein den Werkauftrag. Der Ludwigshafener Dekan Karl Kleinmann versicherte, bei der Gestaltung der Kreu­zigungsszene „keine bindenden Vorschriften machen zu wollen“. Die Einweihung der Kirche werde „bis zur Fertigstellung hinausgeschoben“, machte er dem Maler jedoch sanften Druck.

Auch Friedenskirchen-Architekt Karl Latteyer aus Ludwigshafen signalisierte, für das Fresko, das direkt in die Wand gearbeitet wurde, „lagern Kalk und Sand auf Abruf“. Die vier erhaltenen Briefe an Slevogt beschreiben den Fortgang der Bauarbeiten und geben Hinweise auf kleinere Konflikte und Hemmnisse: „Ein Gerüst für die Bildaufhängung muss her“, vermerkt der Architekt an einer Briefstelle etwas gereizt.

Vor Begeisterung zerflossen Freunde und Kollegen Slevogts bei der Betrachtung von „Golgatha“. Maler Kessler ließ wissen, das Bild habe „große Wirkung auf die Massen. Meine Frau war so ergriffen, dass ihr die Tränen kamen“. Der Berliner Galerist Carl Nicolai berichtet 14 Tage vor Slevogts Tod, nachdem er „die Weltreise von Mannheim nach Ludwigshafen“ unternommen hatte: „Ich war wirklich von seinem Anblick erschüttert von der grandiosen Wucht und malerischen Wirkung.“

Seine Forschungsergebnisse will Schlechter 2013 oder 2014 mit einer Ausstellung präsentieren. Doch mancher Absender oder Empfänger werde auch wegen fehlender adressierter Briefumschläge im Dunkeln bleiben, weiß der Archivar: „Es gibt Leute, die keine Spuren hinterlassen.“ Alexander Lang