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15.11.2012

Freie Elternentscheidung bei Beschneidung gefordert

Muslimischer Medizinethiker Ilkilic verteidigt in Ludwigshafen rituelle Handlung – Islambeauftragter Wenz begrüßt Kompromissregelung


Großer Tag für kleine „Prinzen“: Festlich gekleidete muslimische Jungen in Istanbul bei ihrem Beschneidungsfest.	Foto: Wenz

Großer Tag für kleine „Prinzen“: Festlich gekleidete muslimische Jungen in Istanbul bei ihrem Beschneidungsfest. Foto: Wenz

Muslimische Eltern müssen nach Ansicht des Mainzer Medizinethikers Ilhan Ilkilic frei darüber entscheiden dürfen, ob sie ihre minderjährigen Söhne rituell beschneiden lassen. Ein Beschneidungsverbot würde einen Ausschluss muslimischen Lebens in Deutschland zur Folge haben, sagte Ilkilic in Ludwigshafen. Der Humanmediziner, der seit diesem Jahr erstes muslimisches Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, sprach über die Frage, wer darüber entscheidet, welche Handlungen unter den Schutz der Religionsfreiheit fallen. Eingeladen hatten der Christlich-Islamische Gesprächskreis Ludwigshafen, die Evangelische Akademie der Pfalz, die Stadtbibliothek Ludwigshafen und die katholische Bildungsstätte Heinrich-Pesch-Haus.

Unterschiedliche religiös-kulturelle Überzeugungen müssten in der Gesellschaft akzeptiert werden, sagte Ilkilic. Für muslimische Eltern sei die Beschneidung von Jungen eine unaufgebbare rituelle Grundpflicht und ein religiöses Gebot. Die Entfernung der Vorhaut sei ein identitätsstiftendes Zeichen der Zugehörigkeit zur muslimischen Glaubensgemeinschaft und der persönlichen Gottesbeziehung. Deshalb müsse sie, wie es auch das geplante Beschneidungsgesetz der Bundesregierung vorsehe, straffrei bleiben. Die Beratung im Bundestag darüber steht noch aus.

Es gebe gute Gründe, die Entscheidung zur rituellen Beschneidung über den Vorwurf der Körperverletzung zu stellen, sagte der Humanmediziner, der auch an der Formulierung des Gesetzentwurfs beteiligt war. In jedem Einzelfall müsse abgewägt werden, ob dem Kindeswohl nicht durch die Beschneidung besser gedient sei. Familien, die ihre Kinder nicht beschneiden ließen, drohten Diskriminierung und Ausgrenzung in den muslimischen Gemeinden.

Das Ritual habe für viele gläubige Muslime eine ähnlich wichtige Bedeutung wie die christliche Taufe, sagte Ilkilic. Die Beschneidung sei ein gesellschaftlicher Initiationsritus: Ein muslimischer Junge werde dadurch zum vollwertigen Mitglied der Glaubensgemeinschaft. Der hohe Stellenwert der rituellen Beschneidung für Muslime müsse in ethischen Debatten, die oft polemisch geführt würden, besser beachtet werden.

Ilkilic wies Forderungen von Beschneidungskritikern nach einer inner­is­la­mi­schen Diskussion darüber, ob manche religiöse Gesetze oder Rituale noch zeitgemäß seien, als anmaßend zurück. Bei ethischen Debatten dürfe es kein Diktat der Vernunft geben. Die Frage für oder wider die religiöse Beschneidung von Jungen könne auch nicht naturwissenschaftlich und rein ethisch entschieden werden.

Ilkilic erneuerte seine Kritik, dass das geplante Beschneidungsgesetz die Muslime gegenüber den Juden benachteilige. Der Passus, der den von den Reli­gionsgemeinschaften bestellten Beschneidern ein halbes Jahr nach der Geburt den Eingriff an einem Jungen erlaube, scheine ihm allein für Juden gemacht. Bei Muslimen würden die Jungen meist erst später beschnitten.

Der Islambeauftragte der Evangelischen Kirche der Pfalz, Pfarrer Georg Wenz, begrüßte das geplante Gesetz, das die religiöse Beschneidung von muslimischen oder jüdischen Jungen unter strengen Auflagen zulässt. Rituale wie die Beschneidung dürften nicht nur juristisch bewertet werden. Auch ihre religiös-kulturelle Bedeutung sei zu berücksichtigen. Das Grundgesetz ziehe jedoch religiösem Handeln eine klare Grenze. „Jede Religionsgemeinschaft muss sich die Frage stellen, was es bedeutet, ihre Religion zu leben“, sagte Wenz, der auch Studienleiter der Evangelischen Akademie der Pfalz ist.

Er kritisierte eine traditionalistische Glaubenspraxis im Islam, die sich allein auf den göttlichen Willen und die religiöse Tradition berufe und andere Rechtsnormen ablehne. In der islamischen Gemeinschaft gebe es keinen Wertekonsens, sondern unterschiedliche Wertevorstellungen. Die Muslime müssten darüber diskutieren, wo für sie die Grenzen der Anwendung religiöser Normen in der pluralistischen deutschen Gesellschaft lägen. Alexander Lang