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25.11.2010

Rot glühende Masse in Form geblasen

Glasbläser aus dem lothringischen Meisenthal stellen Weihnachtskugeln auf traditionelle Weise her


In vielen Farbschattierungen sind die Weihnachtskugeln „Made in Meisenthal“ erhältlich – bisher nur vor Ort im Verkaufsladen und auf einigen Weihnachtsmärkten in Lothringen und im ­Elsass.

In vielen Farbschattierungen sind die Weihnachtskugeln „Made in Meisenthal“ erhältlich – bisher nur vor Ort im Verkaufsladen und auf einigen Weihnachtsmärkten in Lothringen und im ­Elsass.

Mit Augenmaß bläst Jean Marc Schildt eine Weihnachtskugel in der Werkstatt des Internationalen Glaszentrums in Meisenthal. Fotos: CIAV

Mit Augenmaß bläst Jean Marc Schildt eine Weihnachtskugel in der Werkstatt des Internationalen Glaszentrums in Meisenthal. Fotos: CIAV

Rund 20 000 Exemplare stellen der Glasbläser und seine Kollegen noch bis zum Jahres­ende her. Die Handwerker müssen die glühend heiße Glasmasse schnell verarbeiten, bevor sie erkaltet, wobei der Kugelhals mit ­einer Zange geformt wird.

Rund 20 000 Exemplare stellen der Glasbläser und seine Kollegen noch bis zum Jahres­ende her. Die Handwerker müssen die glühend heiße Glasmasse schnell verarbeiten, bevor sie erkaltet, wobei der Kugelhals mit ­einer Zange geformt wird.

von Alexander Lang

Richard Loesel perlt der Schweiß über das Gesicht, auf seinem
T-Shirt sind Nässeflecken. Mindestens 40, vielleicht auch 50 Grad Celsius ist es heiß in der Nähe der beiden Schmelzöfen, in denen das flüssige Glas feuerrot glüht. Doch nicht nur wegen der Hitze in der Werkstatt kommen Loesel und seine Kollegen gehörig ins Schwitzen: Seit September blasen die Handwerker eine Weihnachtskugel nach der anderen im Minutentakt.

In der Glasbläserei des „Centre International d’Art Verrier“ im lothringischen Meisenthal läuft das Geschäft mit den bunten Weihnachtskugeln bis zum Jahresende auf Hochtouren. „Rund 20 000 Stück sollen es in dieser Saison sein“, gibt Jann Grinnenberger, der Direktor der Glasmanufaktur, als Ziel für seine 15 Mitarbeiter vor. Jahr um Jahr steigern die Glaskünstler aus der französischen Grenzregion, wo der Legende nach die Weihnachtskugel erfunden wurde, ihre Produktion ein wenig.

Die Nachfrage nach handgemachtem weihnachtlichen Glas aus Lothringen wächst: „Die meisten Weihnachtskugeln verkaufen wir direkt in unserem Laden, noch exportieren wir sie nicht“, erzählt Grinnenberger. Und auch immer mehr Weihnachtsmärkte in der Region, etwa in Straßburg und Colmar, nähmen Weihnachtskugeln ab. Alle Jahre wieder gibt es ein Weihnachtskugel-Sondermodell. Kumuluswolken sind es in diesmal, die ein Designer aus Berlin für die Glaskünstler entworfen hat.

Warum sich immer mehr Menschen den gläsernen Weihnachtsschmuck an den Tannenbaum hängen, ist für Glasbläser Loesel keine Frage. „Was sie daran fasziniert, ist die Handarbeit“, sagt der 47-Jährige, der seine seltene Profession in einer Kristallglasmanufaktur im wenige Kilometer entfernten St. Louis erlernte. „,Made in Meisenthal‘ hat noch immer einen guten Ruf bei Glasliebhabern“, versichert er.

Rund ein Jahrhundert lang, bis Ende der 1960er Jahre, war das kleine Dorf Meisenthal im Bitcher Land in den Nordvogesen eines der Zentren der künstlerischen Glasherstellung. Europaweit wurden von dort hochwertige Haushaltswaren aus Pressglas sowie von Künstlern verzierte Einzelstücke exportiert. Niederlassungen hatten die Meisenthaler Glashersteller um 1900 in Berlin, Hamburg, Paris und London, später in Mailand, Buenos Aires und in Mexiko. Die Massenware aus asiatischer Produktion brachte schließlich 1969 das Aus.

Seit einigen Jahren haben die Glasbläser in den umgebauten Räumen der ehemaligen Glashütte der Firma Burgun, Schverer und Cie. wieder gut zu tun. Im Centre International d’Art Verrier gibt es neben der Werkstatt auch ein Museum, das die lokale Geschichte des Glases darstellt und grandiose Exponate des Jugendstilkünstlers Emile Gallé (1846 bis 1904) aus Nancy zeigt. Die Kunsthochschulen in Saarbrücken, Nancy, Metz und Straßburg lassen im Zentrum ihre Entwürfe für Glasobjekte umsetzen.

In den Verpackungskisten liegen fein sortiert die Erzeugnisse aus den Schmelz­öfen: blaue und grüne Tannenzapfen und Traubenstauden, rot und gelb schimmernde Kugeln und Glöckchen aus Glas. Rund drei Minuten dauert der Weg vom Flüssigglas zur fertigen Kugel, erläutert Glasbläserin Marie Dandel und legt los. Sie taucht das Blaseisen, ein langes Metallrohr, in einen der Schmelzöfen, wo jeweils 170 Kilogramm Glasmasse aus Quarzsand, Kalk, Soda und Pottasche auf eine Arbeitstemperatur von rund 1100 Grad Celsius erhitzt werden.

Damit beginnt ein Kommen und Gehen zwischen Ofen und Werkbank, denn das Glas muss verarbeitet werden, solange es zähflüssig und formbar ist. Flink nimmt Mandel das Eisenrohr mit der glühenden Glasspitze heraus. Weich wie Honig ist die Masse, und geschickt dreht die Handwerkerin das Blaseisen, damit es nicht tropft. Soll aus der Glasmasse eine glatte Kugel ohne Verzierung werden, ist Mundblasen nach alter Schule gefragt: Mandel gibt einen kurzen Atemstoß in das Eisen – der Glaspfropfen bläht sich auf Handflächengröße.

„Rund 300 bis 500 Stück mache ich am Tag“, sagt sie schwitzend und nicht ohne Stolz und läuft zu einer Werkbank. Dort dreht sie die Glaskugel auf einer Seite mit einer Zange länglich zu. Wenige Sekunden später setzt sie die heiße Kugel in eine Halterung. Ein Kollege lässt etwas Glasmasse auf die Kugel tropfen, mit einer Schere schneidet Mandel ein kurzes, dochtartiges Stück ab und setzt einen kleinen Henkel darauf. Noch ein prüfender Blick, ob er gerade sitzt – voilà, die Weihnachtskugel ist fertig. Die Glasbläserin nimmt sie mit einem Stab und legt sie in den 500 Grad Celsius heißen Abkühlofen.

Größenunterschiede sind bei den mundgeblasenen Kugeln für den Betrachter kaum auszumachen. „Augenmaß braucht man schon“, nennt Glasbläser Jean Marc Schildt eine Voraussetzung für seinen Beruf, „Wenn man das 100 000-mal geblasen hat, geht das ganz von allein“, sagt er mit gespielter Bescheidenheit. Denn die Glasbläserei erfordert nicht nur geschickte Hände, Schnelligkeit und ausreichend Lungenvolumen, sondern auch ein wachsames Auge.

Wenn die Glasbläser mit ihrer heißen Fracht in der engen Werkstatt hantieren, besteht durchaus Verletzungsgefahr. „Da versengt man sich schon Mal die Haut“, berichtet der erfahrene Glasbläser Roesel. „Man muss auch hinten Augen haben, damit man dem Kollegen nicht ins Blaseisen läuft.“ Zu schlimmeren Zusammenstößen ist es bei dem aufeinander eingespielten Team jedoch noch nicht gekommen.

Nicht nur mundgeblasene Weihnachtskugeln werden in der Lothringer Glasmanufaktur hergestellt. Glaskugeln mit verschiedenen Formen oder Oberflächenverzierungen werden mit Pressluft in speziellen Formen geblasen. Mit einer Schutzbrille auf der Nase sitzt eine Hand­wer­ke­rin auf dem Boden und drückt das Blaseisen mit den Glasklumpen in eine Form hinein. Ihr Kollege setzt eine Pressluftpistole auf das Rohr. Mit einem „Plopp!“ bringt der Luftdruck die Weihnachtskugel in ihre dekorative Form.

Unterdessen ist Sylvie Burgun mit einem Spezialauftrag für einen zahlungskräftigen Kunden aus dem arabischen Emirat Katar beschäftigt. Mit einer UV-Lampe und Spezialkleber bringt sie kleine, blaue Blütenblätter aus Glas an einer Lampe an. „Wir stellen eine Lichtdekoration mit 77 Lampen her“, sagt sie, „die 77 Lampen stehen für die 77 Verse des Korans.“ Über den Preis schweigt sich die Glasdekorateurin aus, denn mit dem demokratischen Anspruch der Glasbläserzunft hat die Wunderlampe aus dem Orient nichts gemein.

„Unsere Ware ist nicht nur für Reiche gedacht, sondern sollte schon immer für ­alle erschwinglich sein“, sagt Glasbläser Loesel. Acht Euro kostet die günstigste Kugel in dem Verkaufsladen, der sich neben der Werkstatt befindet. Zehn bis 20 Euro muss der Kunde für ein größeres oder besonders geformtes Exemplar bezahlen. Dafür besitzt man aber garantiert ein wunderbares Unikat für den heimischen Christbaum, das an den Weihnachtstagen glänzende Augen bei Groß und Klein zaubert.

Und eine Geschichte aus dem Land der Weihnachtskugelmacher kann der Käufer obendrein mitbringen: Es begab sich nämlich im Jahr 1858, dass es nach einer großen Trockenheit in den nördlichen Vogesen an Äpfeln und Nüssen mangelte. Das war ein Problem für die Lothringer und Elsässer, auch weil sie ihre Weihnachtsbäume nach guter Tradition mit den Früchten ihrer Obstgärten zierten.

Kurzerhand beschlossen die Glasbläser, Äpfel und Nüsse aus Glas herzustellen. Der neue Baumschmuck verbreitete sich weit über das Elsass hinaus – die Weihnachtskugel, so heißt es, war geboren. Ob die Geburtsstätte nun wirklich in den Nordvogesen zu suchen ist oder vielleicht doch eher in Thüringen liegt, worauf dortige Glasbläser pochen: Diese Frage wird ungelöst bleiben, auch dann, wenn die Christbäume wieder abgeschmückt sind und die Glaskugeln für ein Jahr in den Schachteln verschwinden.