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Folge 11

 

 

Historische Schlaglichter

Stephan ist unvergessen

Historisches Schlaglicht – Folge 11: Erinnerung an einen Gefangenen 

Polnische Erntehelfer in der Pfalz: Ihr Anblick erinnert Karl Korn an den Kriegsgefangenen Stephan, der auf dem Hof seiner Eltern arbeiten musste. (Foto: Landry)
Polnische Erntehelfer in der Pfalz: Ihr Anblick erinnert Karl Korn an den
Kriegsgefangenen Stephan, der auf dem Hof seiner Eltern arbeiten musste.
(Foto: Landry)

Es war im Jahr 1942. Einer meiner beiden älteren Brüder war schon über drei Jahre, und ich, der Jüngste, war schon zwei Jahre zum Kriegsdienst eingezogen. Mein anderer um zwei Jahre älterer Bruder hatte als Kind ein Auge verloren. Bei seiner Musterung hatte ihm der untersuchende Arzt versichert, dass er nicht eingezogen werden dürfte. Für unsere Mutter, die in zwei Weltkriegen unsere große Land- und Gastwirtschaft in Erlenbach bei Kaiserslautern alleine führen musste, war es eine Beruhigung.

Dennoch erschienen eines Tages der Ortsgruppenleiter, der Bürgermeister und ein Offizier vom Wehrbezirkskommando und erklärten, dass es nicht sein könne, dass ein so junger Mann als Einziger noch zu Hause sei. Also wurde mein Bruder eingezogen.

Als Ersatz sollten wir einen polnischen Kriegsgefangenen erhalten. Da ich gerade in Urlaub war, holte ich diesen in Kaiserslautern ab. Auf dem Fußweg nach Hause stellte ich beruhigt fest, dass er so gut deutsch sprach, dass man sich mühelos mit ihm unterhalten konnte, und dass wir es mit einem freundlichen und praktisch veranlagten Menschen zu tun hatten. Er hieß Nepalla Woicék, wir nannten ihn Stephan.

Die schriftlichen Anweisungen über die Behandlung der Gefangenen hatte meine Mutter gleich beiseitegelegt: „Der isst mit uns am Tisch, der schläft im Haus und gehört zur Familie.“ Stephan war Metzger von Beruf, stammte aus Lemberg, war ein Turner, was durch seine körperliche Gewandtheit bezeugt wurde. Da ich nun gesehen hatte, dass meine Mutter eine wertvolle Stütze erhalten hatte, fuhr ich beruhigt wieder auf mein Schiff.

Stephan verrichtete alle Arbeiten gewissenhaft, konnte mit Pferden gut umgehen und schonte sich bei keiner Arbeit. Als er einmal einen großen Acker pflügte, trat eines der beiden Pferde in ein Wespennest im Boden. Sofort fielen die Wespen über die Pferde her. Da behielt Stephan die Ruhe. Er fasste ein Pferd am Halfter und führte das Gespann, ohne auf seine eigenen Wespenstiche zu achten, aus der Gefahrenzone.

Im Dorf hatte es sich bald herumgesprochen, was meine Mutter für einen tüchtigen Gefangenen erhalten hatte. Da erschien eines Tages ein Bauer und bat meine Mutter, Stephan für einen Tag für eine Hausschlachtung zu überlassen. Da meine Mutter nicht Nein sagen konnte, kamen bald noch andere Bauern. Mutter versäumte nicht, Stephan für seine gute Arbeit zu loben. Aus diesem Grund sollte er auch seinen Sonntag haben. Auf dem nahe gelegenen Weinbrunnerhof bestand schon immer eine wenig besuchte Gaststätte. Dort traf sich Stephan sonntags mit polnischen Kameraden.

Wie froh waren unsere Verwandten in Morlautern und Kaiserslautern, als nach dem Bombenangriff auf die Stadt noch ein Pferdegespann zur Verfügung stand, um unversehrte Habe sicherzustellen. Morlautern war zu 80 Prozent zerstört, aber in Erlenbach wurde nur ein Haus am hellichten Tage getroffen. Der Erste, der den Einschlag der Brandbombe gehört hatte, war Stephan. Als Turner kletterte er wie eine Katze auf das Dach des Geräteschuppens und sah, wo der Einschlag stattfand. So war er auch der Erste, der am Brandort war und helfen konnte. Als die Amerikaner im März 1945 kamen, nahmen sie Stephan mit, und wir wussten nichts über sein weiteres Schicksal.

Im November 1945 waren wir alle drei wieder glücklich zu Hause angekommen. Da erschien eines Tages Stephan in amerikanischer Uniform und erzählte, dass er Soldat geworden und mit einer Amerikanerin verheiratet sei. Wie viele Vorurteile gegenüber dem polnischen Volk mussten wir durch das Zusammenleben mit ihm ablegen. Wenn wir heute die vielen polnischen Erntehelfer sehen, eilt so mancher Gedanke an Stephan zurück. Karl Korn

Der Autor ist Leser des „Kirchenboten“ und wohnt in Kandel. Mit seinem Bericht reagiert er auf den „Kirchenboten“ 31, Seite 5. Dort berichtet Walter Kuhn aus Heuchelheim von den guten Erfahrungen, die seine Familie mit französischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg machte.

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