Historische Schlaglichter
Erste und einzige direkte Wahl der Landessynode
Historisches Schlaglicht – Folge 5: Wahlkampf erhitzt Gemüter: Vier Gruppierungen treten an – Vorabsprachen kommen nicht zustande

Gruppenfoto von Landeskirchenrat und Kirchenregierung, aufgenommen am
26. März 1927 (von links): In der unteren Reihe abgebildet sind Justizrat
Richard Müller, Kirchenpräsident Karl Heinrich Fleischmann, Oberkirchenrat
Heinrich Drescher und Oberkirchenrat Hans Stichter. In der mittleren Reihe
stehen Oberkirchenrat Eugen Mayer, der Ludwigshafener Dekan Ferdinand
Stepp, Oberkirchenrat Friedrich Tillmann und der Landauer Dekan Karl
Munzinger. Weitere Gremienmitglieder sind dahinter zu sehen.
(Foto: Zentralarchiv)
Einen historischen Sonderfall bildeten die Kirchenwahlen des Jahres 1927: Zum ersten und letzten Mal in der Geschichte der Landeskirche wählten die Pfälzer Protestanten ihre Landessynodalen in direkter Wahl. Gewählt werden konnten allerdings nicht einzelne Kandidaten, sondern Listen.
Um die 45 Plätze in der Landessynode bewarben sich vier kirchenpolitische Gruppierungen: der liberale Protestantenverein, die für strenge Kirchlichkeit stehende Positive Vereinigung, der Volkskirchenbund der evangelischen Sozialisten und die Evangelisch-kirchliche Friedensvereinigung. Als sich die Religiösen Sozialisten und die Friedensvereinigung gegen Vorabsprachen sperrten, entbrannte ein heftiger Wahlkampf, der zu einer wahren Schlacht in der kirchlichen und weltlichen Presse führte. Auch im „Kirchenboten“ erschienen damals polemisierende Wahlaufrufe.
1921, als erstmals nach dem Ersten Weltkrieg gewählt worden war, hatten sich die Positive Vereinigung und der Protestantenverein im Vorfeld auf eine gemeinsame Liste geeinigt. Die neue Kirchenordnung vom 19. Oktober 1920 sah vor, dass in diesem Fall eine Wahl entfallen könne.
Sechs Jahre später gelang diese Absprache nicht. Als am 22. Mai 1927 die Stimmen ausgezählt wurden, entfielen auf den Protestantenverein 21 Sitze, 18 Sitze verbuchte die Positive Vereinigung. Die Religiösen Sozialisten erreichten fünf Mandate, ein einziger Sitz entfiel auf die Friedensvereinigung. Die Wahlbeteiligung lag nur bei 38,5 Prozent. Die nächste Wahl im Jahr 1933 stand bereits im Zeichen der nationalsozialistischen Herrschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand wieder eine Neuordnung der Kirche an. 1947 und 1948 rang eine vorläufige Landessynode um ein neues Wahlrecht und entschied sich gegen die unmittelbare Wahl der Landessynode, wie sie im Geist des politischen Liberalismus in der Weimarer Republik entwickelt worden war. dz
© Copyright Evangelischer Kirchenbote 2005 - 2008
Den "Evangelischen Kirchenboten" abonnieren
Der Artikel/Text dient als Angebot des Evangelischen Kirchenboten ausschließlich der persönlichen Information des Nutzers. Eine Vervielfältigung, Veröffentlichung oder Verbreitung des Inhaltes in elektronischer oder gedruckter Form stellt einen Urheberrechtsverstoß dar.


