Kommentar
Religion als Moral: Fall Margot Käßmann
von Martin Schuck
Als der Augsburger Bischof Walter Mixa vor einigen Jahren in eine Alkoholkontrolle geraten war und seinen Führerschein abgeben musste, interessierte das die Öffentlichkeit kaum. Zwar ist Mixa durch seine Position als katholischer Militärbischof und wegen einiger kerniger Sprüche zur Ökumene und zur Politik ein recht bekannter Vertreter des Katholizismus. Allerdings kratzt das Fahren unter Alkoholeinfluss nicht an seinem Image, und niemand käme auf die Idee, dass er sich deshalb zum Rücktritt genötigt fühlen könnte.
Woran liegt es, dass bei Margot Käßmann mit völlig anderen Maßstäben gemessen wird? Liegt es daran, dass sie selbst andere Maßstäbe gesetzt hat als ihr katholischer Bischofskollege? Oder weil beide völlig unterschiedliche Persönlichkeiten sind und in der Öffentlichkeit unterschiedlich dargestellt und wahrgenommen werden? In diesem Falle scheint der Grundsatz zu gelten, dass es wohl nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun, denn ein katholischer Bischof und eine evangelische Bischöfin verkörpern eben Unterschiedliches.
Natürlich sind beide Repräsentanten ihrer jeweiligen Kirche, aber diese Kirchen stehen für unterschiedliche Formen der Repräsentation des Religiösen. Der Katholizismus tritt auf als weltumspannende Organisation, die zu allen Zeiten die gleiche Wahrheit kommuniziert hat. Diese Organisation hat ihr Zentrum in Rom, von wo aus über die Lehre gewacht wird und über Fragen der Moral entschieden wird. Die Ortsbischöfe als Statthalter dieses Zentrums haben über die Umsetzung zu wachen. Die moralische Integrität eines Amtsträgers ist in diesem System zwar nicht zu vernachlässigen, gehört aber nicht zu den entscheidenden Faktoren, die ihn in seinem Amt tragen.
Weil dem Protestantismus nicht nur das geschlossene Erscheinungsbild des Katholizismus, sondern auch dessen Eindeutigkeit in der Kommunikation der Wahrheit aus guten Gründen fehlt, liegt hier das Verhältnis zwischen Person und Amt völlig anders. Gelingt es dem Katholizismus, die Schwächen der Person hinter dem starken Amt verschwinden zu lassen, so steht der Protestantismus in der Gefahr, durch persönliche Schwächen der Amtsträger das Amt selbst zu beschädigen.
Seit immer größere Teile des Protestantismus, durch die Philosophie Immanuel Kants beeinflusst, Religion nur noch als Moral denken können, gerät die evangelische Kirche in eine gefährliche Schieflage: Sie verliert immer mehr das Bewusstsein ihrer Kirchlichkeit und reduziert ihre öffentliche Rolle auf die einer moralischen Instanz.
Wenn aber die Hauptaufgabe der Amtsträger darin besteht, moralische Ansprüche an die Gesellschaft heranzutragen, werden die Amtsträger gerade in ihrer persönlichen Lebensführung an den von ihnen gepredigten Ansprüchen gemessen. Dann aber trägt das Amt nicht länger die Person, sondern die Person muss mit ihrer persönlichen Integrität das Amt begründen – mit fatalen Folgen, wie im Fall Margot Käßmann sichtbar wurde.
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