Leitartikel
Eigene Schuld und Hilflosigkeit
von Martin Schuck
Der Schock sitzt tief nach dem Tod von 20 Menschen bei der Loveparade in Duisburg. Es ist die Art und Weise, wie Menschen aus dem Leben gerissen wurden, die betroffen macht. Durch einen einzigen Zugang drängen zu viele Leute in einen zu engen Raum, einige geraten in Panik, und es entsteht eine nicht mehr zu kontrollierende Situation, in der Menschen förmlich zertrampelt werden. Die Hilflosigkeit derer, die Verantwortung für das Geschehene übernehmen müssen, ist mit Händen zu greifen. Eine Pressekonferenz jagt die nächste, und jeder bemüht sich, das Unbegreifliche zu erklären. Da geht es um fehlende Sicherheitskonzepte, um unerfahrene Ordner und leichtsinnige Veranstalter. Und auch die Trauernden versuchen das Unfassbare zu verstehen, indem sie sich in vordergründige Rationalisierungen flüchten. Wäre es zu verhindern gewesen, wenn …?
Eine Katastrophe wie die in Duisburg ist das Ergebnis einer Verkettung von unglücklichen Umständen. Natürlich findet man immer irgendwelche Verantwortlichen, die anders hätten handeln können. Ob dadurch die Ereignisse einen völlig anderen Verlauf genommen hätten, ist im Nachhinein schwer abzuschätzen. Aber für alle Menschen gilt die von tiefer Weisheit geprägte Einsicht der Bibel, dass wir mitten im Leben vom Tod bedroht sind. Es gehört zu den Bedingungen unserer menschlichen Existenz, dass wir Gefahren, selbst wenn wir sie erkannt haben, niemals vollständig ausweichen können – genauso wenig wie es uns gelingt, frei von Schuld durchs Leben zu gehen. Wie werden diejenigen weiterleben, die, vom Überlebenswillen getrieben, über am Boden Liegende hinweggetreten sind?
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