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Nr. 33, 15. August 2010

 

 

Kommentar

Pflege zwischen Effizienz und Würde

von Wolfgang Weissgerber

Knapp 1800 Euro pro Monat kostet eine polnische Betreuerin, legal vermittelt vom Arbeitsamt mithilfe der Caritas in Paderborn. Die Sozialversicherung ist darin enthalten, Kost und Logis gehen extra, bei Urlaub und Krankheit übernimmt die Caritas-Sozialstation. Das ist gewiss kein Schnäppchen, aber doch eine halbwegs bezahlbare Alternative zum Pflegeschwarzmarkt mit billigen Arbeitsmigrantinnen aus immer östlicheren Ländern. Die Beamtenwitwe im abbezahlten Eigenheim kann sich diese Hilfe rund um die Uhr wohl leisten, während ein Durchschnittsrentner seine liebe Not hat, die demente Gattin wenigstens einmal in der Woche ins Alzheimer-Tages­zent­rum zu bringen. Auch da also erleben wir die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Der medizinische Fortschritt – auch er kostet mehr und mehr – lässt die Menschen länger leben, aber nicht gesünder werden. Wer früher nach kurzem Siechtum dahingerafft wurde, liegt heute oft noch jahrelang im Bett.

Pflege ist aber auch ein Wirtschaftsfaktor. Seit Einführung der Pflegeversicherung vor 15 Jahren, die frisches Geld in den Markt gespült hat, hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Bereich um mehr als 50 Prozent erhöht. 1,12 Millionen Arbeitsplätze hat die Pflegebranche mittlerweile, hat das Wifor-Institut der Technischen Universität Darmstadt errechnet, deutlich mehr als die Automobilindustrie.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste warnt gleichwohl, dass seine Branche in den nächsten zehn Jahren weitere 300 000 Fachkräfte benötige. Typische Folgen einer alternden Gesellschaft. Die Pegelstände in den Rentenkassen sinken auf dramatische Weise, schon in weniger als einer Generation wird die Normalrente gerade noch für das Nötigste reichen.

Rente, Pflege, Krankenkassen – da rollen gleich drei Kostenlawinen an. Darum wird das System auf Effizienz gebürstet. Was dabei leicht verloren geht, ist die Würde. Darauf hat der Mensch auch im letzten Lebensabschnitt ein Anrecht. Wer nicht mehr gehen, sprechen oder sich selber waschen kann, wer nur noch im Gestern lebt, gehört nicht weggesperrt oder festgeschnallt. Die Kirchen und ihre sozialen Organisationen nehmen für sich in Anspruch, mehr zu tun und mehr zu geben als nur das Nötigste: Zeit. Zeit für ein Gespräch, ein Lächeln, eine sanfte Berührung oder ein Gebet. Doch aus dem Klammergriff knappen Geldes können auch sie sich nicht befreien. Sie sind nicht nur mildtätige Einrichtung, sondern als einer der größten Arbeitgeber des Landes auch in der Verantwortung für ihre Beschäftigten, die Anspruch auf ordentliche Entlohnung haben. Was die Sozialkassen nicht hergeben, muss aus anderen Töpfen bezahlt werden.

Gerade da aber schließt sich der Kreis. Aus denselben Gründen, die das Sozialsystem ins Wanken zu bringen drohen, brechen auch den Kirchen die Einnahmen weg. Ganz langsam nur scheint diese Botschaft anzukommen: Hilfe aus Polen allein löst das Problem nicht.

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