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Nr. 20, 15. Mai 2005

 

Leseprobe 3

Modell für die gespaltene Christenheit

Taizé: Der Gründer der ersten ökumenischen Brüdergemeinschaft Frère Roger Schutz wird 90 Jahre alt 

Gelebte Brüderlichkeit: Abendgebet mit Frère Roger Schutz beim Europäischen Jugendtreffen in Warschau Ende 1999. (Foto: epd)
Gelebte Brüderlichkeit: Abendgebet mit Frère Roger Schutz beim Europäischen Jugendtreffen in Warschau Ende 1999. (Foto: epd)

Überall in der Welt haben sich junge Menschen in das Dörfchen Taizé im südfranzösischen Burgund und seine Mönchsgemeinschaft verliebt. Die Brüder von Taizé wollen ein Gleichnis der Versöhnung sein, ein Stück Zukunft der Kirche. Der Motor dieses Experiments ist seit Jahrzehnten ihr Prior Roger Schutz: ein schmächtiger Mönch mit schütterem Haar, bäuerlich-markanten Gesichtszügen und einer unaufdringlichen, aber unabweisbaren Ausstrahlung.

Wenn er sich nach dem Abendgebet zu den Besuchern in die „Versöhnungskirche“ setzt, um schweigend zu beten, nachzudenken, leise zu ihnen zu sprechen, dann gibt es keine fertigen Rezepte, höchstens Anstöße, die seine Zuhörer weiterspinnen, mit ihrem persönlichen Leben füllen sollen. Wenn ihn ein junger Mensch direkt fragt: „Wer ist Christus für Sie, Bruder?“, dann sitzt er eine Weile still da, in sich hineinhorchend, nach einer Antwort suchend, die keine Schablone ist. Und dann beginnt er langsam, behutsam die Worte wählend, und sagt etwas ganz Einfaches: „Für mich ist Christus der, von dem ich lebe, aber auch der, den ich mit euch zusammen suche.“

Roger Louis Schutz-Marsauche war eigentlich immer schon so, wie er sich die Kirche und die Welt wünscht: Er suchte die versöhnte Vielfalt. Unter seinen Vorfahren gibt es fast so viele Bauern wie Pfarrer. Geboren ist er vor 90 Jahren, am 12. Mai 1915, in der Schweiz, als Sohn einer Französin aus Burgund. Sein Vater war reformierter Pfarrer, der aber nicht zögerte, den Gymnasiasten bei einer katholischen Witwe in Kost zu geben, weil die jeden Pfennig brauchen konnte.

„Einige Jahre war ich ein Nichtglaubender“, berichtet Roger von seiner Gymnasialzeit. „Trotzdem, ohne selbst glauben zu können, war ich immer mit Achtung erfüllt vor jenen, die es konnten.“ Bauer und Schriftsteller wollte er damals werden. Doch weil ihm eine renommierte Zeitschrift zumuten wollte, den Schluss seines ersten Essays umzuschreiben, verzichtete er trotzig auf eine literarische Karriere und begann in Straßburg und Lausanne reformierte Theologie zu studieren.

Versöhnte Vielfalt

Zweifel hatte er immer noch. Aber Jesus Christus zog ihn zunehmend in seinen Bann: „Seine Barmherzigkeit, seine Fähigkeit, zu lieben und zu verstehen.“ Er führte lange Gespräche mit katholischen Ordensleuten und verbrachte viel Zeit in Klöstern. Und schon damals gründete er eine offene Gemeinschaft für Studenten und Angehörige akademischer Berufe.

Wenn es so etwas wie ein „Bekehrungserlebnis“ bei Roger gab, dann war es jener hereindämmernde Abend, als er sich fragte: „Warum dieses gegenseitige Sichbekämpfen unter den Menschen und selbst unter den Christen? Gibt es auf unserer Erde einen Weg, der soweit führt, alles vom anderen zu verstehen?“ Blitzartig, so erzählt er, habe er an diesem Abend eine Antwort gefunden: „Wenn es diesen Weg gibt, beginne bei dir selber und engagiere dich selbst; du selbst, um alles von jedem Menschen zu verstehen.“

Isolation erzeugt Mutlosigkeit. Deshalb begann er bereits 1940, während er seine Abschlussarbeit vorbereitete, nach einem Haus zu suchen, um „zusammen mit anderen die wesentlichen Dimensionen des Christseins zu leben“, als „bescheidenes Zeichen der Gemeinschaft“.

Roger dachte von Anfang an nicht an eine friedliche Insel, abgeschottet gegenüber der aufgewühlten Umwelt. Deshalb machte er sich in dem Teil Frankreichs, den die Nazis nicht besetzt hatten, auf die Suche, in einer vom Krieg verwüsteten Region. In dem fast entvölkerten Ruinendorf Taizé fand er so ein Haus. Roger begann sofort damit, das angrenzende Landstück zu bebauen, die einzige Kuh zu melken, eine winzige Kapelle einzurichten. Mit offenen Armen nahm er die Juden und politisch Verfolgten auf, die hier auf ihrer Flucht vor den Nazis untertauchten, bevor sie in die neutrale Schweiz hinüberwechselten.

Im Herbst 1942, inzwischen war die Deutsche Wehrmacht auch in diesen Teil Frankreichs einmarschiert, besetzte die Gestapo das Haus und nahm alle Bewohner mit, als Roger gerade einem Flüchtling über die Schweizer Grenze half. Roger musste in der Schweiz bleiben, in Genf, wo er sogleich mit drei Freunden eine Wohnung mietete. Das Bild der künftigen Brüdergemeinschaft begann zu reifen. Studenten, Arbeiter, Gewerkschafter gingen im Haus der Freunde ein und aus, man diskutierte nächtelang über Gütergemeinschaft und Gesellschaftsreform.

1944, de Gaulle war als Befreier in Paris eingezogen, konnte Schutz mit seinen Freunden nach Taizé zurückkehren. Zum Ärger der Dorfbewohner kümmerten sie sich um die deutschen Kriegsgefangenen, die in einem Lager in der Nähe untergebracht waren, teilten ihre Nahrung mit den Verhassten; sie mieteten ein Haus dazu und richteten Wohngruppen für 20 Kriegswaisen ein. Die Brüder brachten später auch das Geld für ihre Ausbildung auf.

Sie bestellten den mageren Acker, beteten drei Mal am Tag und empfingen die Gäste, die zu Besinnungszeiten oder aus Interesse an ihrem Experiment kamen. Immer mehr wurde die kleine Communauté von Taizé zu einem prophetischen Gleichnis von Kirche: eine brüderliche Gemeinschaft, mitreißend und ausstrahlend.

Der kleine Frühling

Am Osterfest 1949 legten die mittlerweile sieben Brüder ihre Verpflichtung zum lebenslangen Engagement ab. Roger verstand diesen ersten protestantischen Männerorden als Ausdruck der Suche nach einem „Gleichnis der Gemeinschaft, verkörpert im Leben einiger Männer; denn Worte werden erst glaubwürdig, wenn sie gelebt werden.“ Immer habe er nur einen Gedanken gehabt: „Unter den Teig der gespaltenen Kirchen ein Ferment der Gemeinschaft zu mengen.“

„Bleib niemals auf der Stelle, zieh vorwärts mit deinen Brüdern“, verlangt die Regel. „Sei unter den Menschen ein Zeichen der brüderlichen Liebe und der Freude.“ Die Brüder wollen nicht predigen, nicht missionieren – einfach da sein wollen sie, als lebendiges Gleichnis.

1951 verließen die ersten Brüder Taizé und gingen in die Bergbauregion von Montceau-les-Mines, um dort zu wohnen und in den Bergwerken zu arbeiten. Weitere solcher Bruderschaften „auf Zeit“ entstanden in den algerischen Slums, in einem schwarzen Getto von Chicago, als dort schwere Rassenunruhen tobten, in Ruanda, Schweden, Großbritannien, im brasilianischen Recife bei Erzbischof Câmara, in Bangladesch im engen Kontakt mit jungen Moslems und Hindus.

Daheim in Taizé waren die ersten katholischen Brüder zur Communauté gestoßen; aus dem ersten protestantischen Orden wurde die erste ökumenische Brüdergemeinschaft der Kirchengeschichte. Der zuständige katholische Bischof – ermuntert vom Pariser Nuntius Roncalli – ermöglichte es der Gemeinschaft, die kleine Dorfkirche von Taizé mitzubenutzen. Später, als aus dem Nuntius Roncalli Papst Johannes der Gute geworden war, empfing er die Brüder des Öfteren zu angeregten Gesprächen und freute sich jedes Mal: „Ah, Taizé, der kleine Frühling …!“

Katholiken, Protestanten, Anglikaner geben in Taizé nichts von ihren kostbaren Traditionen auf, sie rühren keinen verwaschenen Einheitsbrei zusammen. Doch die Art, wie sie zusammenleben und zu einem gemeinsamen Zeugnis finden, könnte ein Modell für die ganze gespaltene Christenheit sein.
Das Vorbild gelebter Brüderlichkeit zieht suchende Menschen aus aller Welt an. Bis zu 200 000 Besucher kommen jedes Jahr, die in ihren Ländern ein Netz von Kontakten aufbauen, kleine Zellen des Gebets gründen, Initiativen für hilflose Minderheiten starten.

Ein Getto einsamer alter Menschen in Manhattan, ein Arbeiterviertel in Quebec, ein Lager lateinamerikanischer Flüchtlinge, Gefängnisse, Wohnsilos für Ausländerfamilien in Wien – die Jugendlichen möchten all diese tristen Stätten in „Orte der Hoffnung“ verwandeln, wo das neue Gesicht des Volkes Gottes bereits sichtbar wird, wo kleine Gruppen von Christen in aller Welt damit beginnen, die Seligpreisungen des Evangeliums täglich zu leben. Christian Feldmann

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