Leseprobe 1
Von Geistesblitzen und klugen Köpfen
Dauerausstellung „Erfinderland Rheinland-Pfalz“ im Speyerer Technik-Museum zeigt viele zündende Ideen

Spannender Ideenreichtum: Viele junge Familien sind unter den zahlreichen Ausstellungsbesuchern. (Fotos: Landry)
Blick auf den Wecker: Wieder viel zu spät, raus aus dem Bett. Heißes Wasser aufgesetzt, schnell ein, zwei Löffel braunes Pulver hinein. Typisch amerikanisch beginnt so ein Morgenmuffel den Tag. Doch halt – nicht im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ wurde der lösliche Kaffee erfunden, wie man gemeinhin glaubt. Der „Nescafé“ wurde erstmals in Rheinland-Pfalz aufgebrüht. Der deutsche Zweig der Firma Nestlé in Mainz führte 1965 das neuartige Verfahren der Gefriertrocknung ein. Dem Erfindergeist in Rheinland-Pfalz ist eine Dauerausstellung im Speyerer Technik-Museum gewidmet.
„Erfinderland Rheinland-Pfalz“ heißt die kleine, aber informative Ausstellung der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz, einer Institution, die vom Land und von Unternehmen getragen wird. Der Titel hat durchaus seine Berechtigung, wenn man das Feuerwerk an Geistesblitzen überschaut, das die Region in ein gutes Licht stellt. „Es gibt zwar viele großartige Erfindungen aus Rheinland-Pfalz“, sagt Ausstellungsmacherin Simone Zahn, „aber niemand bringt sie mit dem Land in Verbindung.“
Tüftler und Nobelpreisträger aus Rheinland-Pfalz haben nicht nur das Land als erfolgreichen Wirtschaftsstandort geprägt, sondern auch die Welt verändert. Klassische Erfindungen, innovative Dienstleistungen und außergewöhnliche Marketingideen werden in Vitrinen in Form von Holzkästen auf einer Empore der LillerHalle im Technik-Museum vorgestellt. Daneben gibt es historische Fahrzeuge zu bewundern.
Blue Jeans gäbe es ohne die Ludwigshafener BASF nicht. 1891 erfanden Chemiker das künstliche Indigo, das als Färbestoff für die Stoffhosen verwendet wird. Die Indigo-Produktion war der erste große Markterfolg des Chemiekonzerns. Als Mitte der 1960er Jahre die Herstellung auslaufen sollte, wurde ganz Europa vom Jeansfieber erfasst. Bis heute ist Indigo ein Verkaufsschlager für die BASF.
Zahlreiche Pioniere der Technik sind Landeskinder. 1893 ließ der in Heimbach bei Neuwied geborene USA-Emigrant Franz Xaver Wagner die Typenhebelschreibmaschine patentieren. Georg Michael Pfaff aus Kaiserslautern entwickelte 1862 die erste Nähmaschine, die noch keine textilen Materialien, sondern Leder vernähte. Sicher zur Freude von Tierschützern präsentierte die F. Raschig GmbH aus Ludwigshafen 1934 die erste Billardkugel aus Kunstharz. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Kugeln aus Elfenbein geschnitzt, für das zahllose Elefanten ihr Leben lassen mussten.

Auch für das leibliche Wohl gesorgt: Schmackhafte Erfindungen aus Rheinland-Pfalz.
Manche Erfindungen wurden aus purer Not heraus geboren. Theodor Kläs aus dem Eifeldorf Neroth sorgte um 1830 mit einer einfachen und doch genialen Geschäftsidee dafür, dass die Menschen in der strukturschwachen Region wirtschaftlich überleben konnten. Mit Draht und Holz stellte die Bevölkerung in Heimarbeit Mause- und Rattenfallen her und vertrieb diese als Wanderhändler bis in die 1950er Jahre.
Zwar können Rheinland-Pfälzer nicht für sich beanspruchen, das Rad erfunden zu haben; doch brachten sie es zum Rollen. Otto Feick aus dem pfälzischen Reichenbach kam um 1920 die Idee für das Rhönrad. Ursprünglich gedacht als ein „Turngerät für Arbeiter zur Entspannung und zum Training“ wurde das Rad mit der Patentnummer DRP 442 057 zunächst von Artisten bei Varietévorstellungen verwendet. Die Nationalsozialisten nutzten das rollende Klettergerät dann für ihre Sportpropaganda. Erst 1960 wurde das mannshohe Rhönrad ein Wettkampfgerät, 1995 fanden damit erste Weltmeisterschaften statt.
Auch das Auto wäre ohne den rheinland-pfälzischen Erfindergeist undenkbar. Besonders viele Erfindungen und Verbesserungen aus dem Automobilwesen stammen aus dem Land. Noch heute rattert weltweit in den meisten Blechkarossen der Viertakt-Otto-Motor. Nicolaus August Otto aus Holzhausen im Rhein-Lahn-Kreis konstruierte 1876 einen Kolbenmotor, in dem ein Kraftstoff-Luft-Gemisch gezündet wird. Ein weiterer Pionier des Automobilbaus war August Horch aus Winningen an der Mosel, der 1899 eine eigene Automobilfirma gründete.
Der futuristische Heinkel-Kabinenroller wurde bis 1958 in Speyer hergestellt. Der zehn-PS-starke dreirädrige Kleinwagen im Flugzeugdesign und andere Kabinenroller wie die populärere BMW Isetta stellten in der Nachkriegszeit eine Alternative zum Auto dar. Heinz Rath, Chefingenieur der britischen Firma Lucas Automotive im Zweigsitz Koblenz, trug mit seinen Erfindungen immens zur Sicherheit von Fahrzeugen bei. Unter rund 250 Patenten, an denen er beteiligt war, findet sich das Konzept der Scheibenbremse für Autos und Lastkraftwagen.
Für das leibliche Wohl sorgten sich Rheinland-Pfälzer schon immer besonders. Johannes Mehring aus Frankenthal erfand 1858 eine Bienenwabenpresse, die erstmals eine intensive Honigproduktion ermöglichte. Eine Geschäftsidee im Lebensmittelwesen hat bis heute durchschlagenden Erfolg. Der Mainzer Bäckermeister Heinz Ditsch baute 1975 sein Familienunternehmen zu einer Brezel-Großbäckerei aus. Heute hat die Brezelbäckerei 170 Filialen bundesweit, in denen die tiefgefrorenen Laugen-Teiglinge ofenfrisch gebacken werden.
Aus dem Fundus von mehr als 200 Erfindungen, die sich aus Firmenarchiven, dem Patentamt des Landes und Museen bei der Ausstellung der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz angesammelt haben, darf natürlich der Hinweis auf die wichtigste Erfindung im Land nicht fehlen: Johannes Gutenbergs Idee des Buchdrucks, der zweifellos die Welt veränderte. Der Mainzer entwickelte um 1450 sein Druckverfahren mithilfe beweglicher Metall-Lettern. Das Buch der Bücher, die Bibel, war das erste Buch, das maschinell gedruckt wurde. Die Kopie eines Blattes der wunderschönen Gutenberg-Bibel, die zwischen 1452 und 1456 in der Landeshauptstadt gedruckt wurde, schmückt die Schau, die täglich von 9 bis 18 Uhr zu sehen ist. Internet: http://www.technik-museum.de/ Alexander Lang
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