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Nr. 8, 19. Februar 2006

 

Leseprobe 2

Endzeit-Prophetie prägt Nahostpolitik

Trimondi: Ideologien aller Fundamentalistengruppen weisen dieselben apokalyptischen Grundmuster auf 

Viele befürchten einen Kampf der Religionen: Junge Iraner demonstrieren gegen die Mohammed-Karikaturen. (Foto: epd)
Viele befürchten einen Kampf der Religionen: Junge Iraner demonstrieren gegen die Mohammed-Karikaturen. (Foto: epd)

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad leugnet den Holocaust, ruft zur Vernichtung Israels auf und beschwört die Rückkehr eines militanten muslimischen Messias. Einflussreiche amerikanische Christen bejubeln den Schlaganfall Ariel Scharons und werten den Sieg der radikal-islamischen Hamas in Palästina als Zeichen der Endzeit. Wird die Nahostpolitik zunehmend von Apokalyptikern beeinflusst?

Als die Israelis aller politischen Lager um das Leben ihres schwer kranken Premiers Ariel Scharon bangten, meldete sich eine Stimme aus Amerika. Der Schlaganfall des israelischen Ministerpräsidenten sei eine Strafe Gottes, urteilte der einflussreiche US-Fernsehprediger Pat Robertson. Die von Scharon angeordnete Räumung des Gaza-Streifens habe Gottes Land geteilt, wetterte er in seinem Fernsehsender. Seine apokalyptisch geprägte Theologie ließ den 75-jährigen Medienmogul zum christlichen Hassprediger werden. Robertson glaubt fest daran, dass die territoriale Unversehrtheit Groß-Israels Vorbedingung für die Wiederkunft Jesu sei.

Die Rache Gottes an Scharon

Wie diese Wiederkehr aussehen soll, präzisiert Hal Lindsey, ein anderer Vertreter der christlichen Rechten in den USA. Er prophezeit zum Hamas-Sieg, abgeleitet aus Bibelzitaten, es werde in den nächsten Jahren eine islamische Großarmee unter der Führung Russlands und Persiens (Irans) gegen Israel antreten und das Land beinahe total zerstören. Dann erscheine in letzter Minute Jesus Christus als übermächtiger Feldherr, um nach der Armageddon-Schlacht die Juden vor der völligen Vernichtung zu retten.

Auch Lindsey glaubt, Gott habe sich an Scharon gerächt, weil er gegen den göttlichen Willen die „road map“, den aktuellen Friedensplan, unterstützte. Lindsey wertet dies als Gebetserhörung. Während des Abzugs aus dem Gaza-Streifen hätten Hunderttausende von Juden und Christen zu Gott gefleht, um ihn zu einer Intervention zu bewegen.

Scharon gilt als „Verräter“, der die endzeitlichen Pläne Gottes für den Nahen Osten durchkreuzen wollte. Dabei hat er als Likud-Chef lange Jahre selbst seine Siedlungspolitik aus der Bibel abgeleitet und so die Stimmen der Rechten gesichert. Erst im Oktober 2004 änderte er seine Strategie und sagte den Siedlern: „Ihr seid wunderbare Pioniere, Erbauer Israels, Siedler auf dürftigem Boden, im Regen und im Winter, durch alle Schwierigkeiten hindurch. Aber ihr habt unter euch einen messianischen Komplex entwickelt.“ Damit hatte Scharon den endzeitlichen Kern des jüdischen Fundamentalismus infrage gestellt, der durch die Vertreibung der Palästinenser und durch die Souveränität über „Groß-Israel“ die Ankunft des Messias beschleunigen will.

Wie stark sich Apokalyptik und Messianismus weltweit in allen Glaubensrichtungen ausbreiten, zeigen die Religionsforscher Victor und Victoria Trimondi in ihrem neuen Buch „Krieg der Religionen“. Die Endzeit-Ideologien aller Fundamentalisten weisen dieselben apokalyptischen Grundmuster auf, so die These der beiden Autoren. Wobei der Gott des einen der Teufel des anderen ist. Apokalyptik, warnen sie, ist keine fromme Spinnerei, sondern „höchst gefährlich“, weil sie zu grausamen Religionskriegen führen könne. Apokalyptiker glauben fest, dass durch die Zerstörung der bestehenden bösen und sündigen Welt eine neue gute und paradiesische Weltordnung geschaffen werden könne.

Viel spricht dafür, dass sich auch die radikal-islamische Hamas diesem Irrglauben verschrieben hat, nachdem sie die Anerkennung Israels und eine Abkehr von der Gewalt kategorisch ausschließt. In Artikel 6 der Grundsatzerklärung der Hamas von 1988 heißt es zum Beispiel: „Das Land von Palästina ist heiliges, islamisches Besitztum, das für zukünftige muslimische Generationen bis zum Jüngsten Tag bestimmt ist. Keiner kann darauf verzichten, auch nicht auf einen Teil davon, oder es abtreten, auch nicht einen Teil davon.“ Ein endzeitlicher Bezug findet sich auch in Artikel 34. Dort ist festgeschrieben, dass die Organisation den Heiligen Krieg (Dschihad) bis zum Jüngsten Tag fortsetzen wird. Von Mohammed ist die Prophezeiung überliefert, die Bewohner Syriens und Palästinas würden sich im Dschihad befinden bis zum Tage der Auferstehung.

Der populäre Hamas-Scheich Ibrahim Madhi, Imam in Gaza-Stadt, predigte wiederholt: „Die Juden erwarten den falschen jüdischen Messias, während wir, mit Allahs Hilfe, den Mahdi und Jesus, Friede sei mit ihnen, erwarten. Mit reinen Händen wird (der islamische) Jesus den falschen jüdischen Messias töten.“ In seinem Bestseller „Das Ende Israels im Jahr 2022“ prophezeit Hamas-Scheich Bassam Jirrar den Untergang des Staates in 16 Jahren. Aus solchen und vielen anderen Statements schließt der amerikanische Religionswissenschaftler David Cook, bei der Hamas handle es sich eindeutig um eine apokalyptische Gruppe. Artikel 7 der Hamas-Charta zitiert ein Prophetenwort, das die Vernichtung der Juden zur Bedingung macht, damit die Endzeit-Ereignisse überhaupt eintreten können. Eine Islamisierung der gesamten Region und die Vernichtung Israels gilt deswegen bei islamischen Fundamentalisten als erste Stufe auf dem Weg zu einer muslimischen Weltherrschaft. Deswegen sind auch die iranischen Ayatollahs so auf die Heilige Stadt Jerusalem fixiert.

Vom Heiligenschein umgeben

Der „Jerusalem Tag“, 1978 von Ayatollah Khomeini eingeführt, dient als religiös-politischer Feiertag, an dem zum Ende des Fastenmonats Ramadan die Vernichtung Israels propagiert wird. Am „Jerusalem Tag“ 2005 gab sich der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad auf einer Konferenz mit dem Titel „Eine Welt ohne Zionismus“ zuversichtlich, dass „eines Tages die Mitte der islamischen Welt von dem Schandfleck Israel gesäubert sein wird“.

Wie sein Vorbild Khomeini pflegt auch Ahmadinedschad einen bescheidenen Lebensstil. Der Sohn eines armen Schmiedes fährt einen Peugeot Jahrgang 1977, lebte als Bürgermeister Teherans in einer Arbeiterwohnung, kleidet sich mit abgetragenen Anzügen und verabscheut Krawatten. In seiner spirituellen Selbsteinschätzung ist der 49-Jährige dagegen weniger bescheiden. „Es war Mahdi, der verborgene Imam, der mich dazu berufen hat“, sagt er über seine überraschende Wahl zum Staatspräsidenten.

Seitdem fragt er den Imam regelmäßig um Rat, zum Beispiel vor seiner Antrittsrede vor der Uno im September. Außerhalb des Saals habe ihn kaum jemand wahrgenommen, berichtete er. „Da kam mir der verborgene Imam zu Hilfe. In dem Augenblick, als ich den Saal betrat, umgab mich plötzlich ein Heiligenschein. All die Staatshäupter, die da saßen, erstarrten vor Erstaunen. Ich redete eine halbe Stunde lang, und während der ganzen Zeit hörten mir alle gebannt zu, nicht ein Einziger zuckte mit der Wimper. Sie waren alle wie erstarrt.“ Am Schluss seiner Rede beschwor er die Wiederkunft des muslimischen Welterlösers, des schiitischen Messias „Imam-Mahdi“, der angeblich zurückkehren und eine apokalyptische Revolution der Unterdrückten gegen die Mächte der Ungerechtigkeit anführen wird. Oberstes Ziel des iranischen Präsidenten ist, die Rückkehr des Imam Mahdi zu beschleunigen. Ahmadinedschad folgt damit dem Gesetz, denn diese Form des Messianismus ist in der iranischen Verfassung verankert.

Christliche Fundamentalisten haben dem iranischen Präsidenten bereits seine Rolle im apokalyptischen Welttheater zugewiesen: Die Funktion des Anti-Christen, die Saddam Hussein bisher spielen musste, wird jetzt auf Ahmadinedschad übertragen. Hauptbühne ist der Nahe Osten, im Fokus Israel, das Finale in Jerusalem. Will er dafür die Atombombe? Helmut Frank

Buchtipp: Trimondi, Victor und Victoria: Krieg der Religionen. Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse. München, Fink-Verlag 2006, 597 Seiten, 39,90 Euro.

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