Leseprobe 1
Huber nennt Reformprozess unumkehrbar
Vertreter aller 23 Landeskirchen diskutieren in Wittenberg über kirchliche Reformperspektiven bis 2030

Die Debatte über die Größe der Landeskirchen wird weitergehen: Rund 300 von 25 Millionen Protestanten reden mit. (Foto: epd)
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sieht sich durch den Zukunftskongress in Wittenberg in ihrem Reformkurs bestärkt. Einen Weg zurück gebe es nicht mehr, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber zum Abschluss der Tagung in der Lutherstadt. Kirchliche Kernaufgaben wie die Gottesdienstgestaltung stünden im Mittelpunkt der geplanten Reformen, so Huber. Die Entscheidung über konkrete Projekte liege nun bei den Leitungsgremien der Landeskirchen und der EKD. Führende Vertreter großer Landeskirchen äußerten sich zufrieden mit dem Kongress.
Mehr als 300 Vertreter aller 23 Landeskirchen hatten in Wittenberg über die kirchlichen Reformperspektiven bis 2030 diskutiert. Grundlage war das vor einem halben Jahr vorgelegte EKD-Papier „Kirche der Freiheit“. Die Empfehlungen einer Expertenkommission hatten in der Kirche eine zum Teil heftige Diskussion ausgelöst. Mit der Reformdebatte reagiert die EKD auf langfristige Entwicklungen wie Mitgliederschwund, sinkende Finanzkraft und Bevölkerungsrückgang.
Von Wittenberg gehe das Signal aus, dass die Konzentration auf die kirchlichen Kernaufgaben kein leeres Wort sei, sagte der Ratsvorsitzende. Trotz aller Kontroversen sei auf dem Kongress klar geworden, dass die evangelische Kirche in einen unumkehrbaren Zukunftsprozess hineingeraten sei. Nun gehe es darum, Reform- und Pilotprojekte in Gang zu bringen und gelungene Beispiele auf allen kirchlichen Ebenen bekannt zu machen. Als vorrangige Handlungsfelder nannte der Berliner Bischof die Qualität der Gottesdienstgestaltung, das Zusammenwirken von Ehren- und Hauptamtlichen sowie das Verhältnis von herkömmlichen und neuen Gemeindeformen. Der Zukunftskongress habe Entscheidungen nicht vorgegriffen, betonte Huber. Die Gremien von Landeskirchen und EKD müssten nun bestimmen, welche Prioritäten sie setzen wollten. Der oberste Repräsentant von rund 25 Millionen Protestanten äußerte die Erwartung, dass die Debatte über Größe und Gestalt der Landeskirchen weitergehen werde.
Führende Repräsentanten der großen evangelischen Landeskirchen äußerten sich unterdessen zufrieden über den „Zukunftskongress“. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker zeigte sich überzeugt, dass das Treffen unmittelbare Auswirkungen auf den Reformprozess in der evangelischen Kirche haben werde. „Ich bin mit großer Skepsis dorthin gefahren und kehre sehr, sehr befriedigt zurück“, sagte Steinacker. Auch die Präsides der rheinischen und der westfälischen Landeskirche, Nikolaus Schneider und Alfred Buß, erklärten, der Kongress habe wichtige Impulse gegeben. Schneider sprach von einem wichtigen Meilenstein. Rainer Clos
Kommentar zum Zukunftskongress in Wittenberg
EKD wirbt um Vertrauen für Reform
Der Zukunftskongress in Wittenberg hat nach Ansicht von Kirchenpräsident Eberhard Cherdron das Vertrauensverhältnis zwischen den 23 evangelischen Landeskirchen und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gestärkt. Um zukunftsweisende Reformen auf den Weg zu bringen, brauche es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der Landeskirchen mit dem Kirchenamt der EKD, sagte der pfälzische Kirchenpräsident nach Abschluss der Tagung in Wittenberg.
Cherdron wies darauf hin, dass es im nun beginnenden Reformprozess zwischen Landeskirchen und EKD noch einige offene Fragen gebe, die aber nur in einem konsensorientierten Miteinander anzugehen seien. Wie Oberkirchenrätin Karin Kessel, die leitende Juristin der pfälzischen Landeskirche, erklärte, soll dabei auch geklärt werden, was die Kriterien für eine funktionierende Landeskirche sind. Nach dem Willen der EKD soll der Zuschnitt der Landeskirchen „in den nächsten vier Jahren einer gründlichen Klärung zugeführt werden“. Dabei seien auch Selbstständigkeit und Grenzen kleinerer Landeskirchen zu überprüfen.
Weitere pfälzische Teilnehmer an dem Zukunftskongress der EKD waren Synodalpräsident Henri Franck und Diakoniepfarrer Gordon Emrich, die Oberkirchenräte Christian Schad und Gottfried Müller sowie die Dekane Manfred Sutter (Bad Bergzabern), Michael Gärtner (Ludwigshafen) und Fritz Höhn (Homburg). Sie waren mit Eberhard Cherdron der Meinung, dass die im Impulspapier der EKD genannten Bestrebungen nach einer Zentralisierung landeskirchlicher Kompetenzen auf dem Kongress in Wittenberg nicht die Oberhand gewonnen hätten. Vielmehr habe sich gezeigt, dass Landeskirchen, Kirchenbezirke und Gemeinden längst schon vieles praktizierten, was in dem EKD-Papier gefordert werde. mez
Scharfe Kritik an der Reformdiskussion
Der Schleswiger Bischof Hans-Christian Knuth hat die Reformdiskussion in der evangelischen Kirche fundamental kritisiert. „Wir sind Kirche Jesu Christi, und nicht Kirche der Freiheit“, sagte Knuth vor dem Plenum des Zukunftskongresses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Wittenberg.
„Wir beten nicht die Freiheit an, die Freiheit ist nicht unser höchster Wert, der unserer Kirche Daseinssinn und Berechtigung gibt“, sagte Knuth. Das Schlagwort der Freiheit werde in dem EKD-Impulspapier verwendet, um ein „gutes berauschendes Gefühl“ zu erzeugen, kritisierte der Theologe aus der nordelbischen Kirche in Schleswig-Holstein und Hamburg. Er äußerte die Befürchtung, dass die Reformvorschläge zu Zentralismus und Hierarchisierung in der Kirche führten. Knuth wandte sich gegen den „Versuch der Steuerung und Lenkung aller kirchlichen Lebensprozesse nach einer einheitlichen Strategie“. Unter dem Vorwand der Profilierung träten Kopfgeburten an die Stelle der lebendigen Erfahrung und der lebendigen Selbstorganisation.
Im weltlichen Bereich habe man „den Glauben an die zentrale Steuerung sozialer Großsysteme längst hinter sich gelassen“, sagte Knuth. Die evangelische Kirche als „Institution der Freiheit“ lebe vielmehr aus den Charismen der Kirchengemeinden und der einzelnen Glaubenden, die durch das lebendig machende Wort Gottes auf den Weg gebracht wurden. Der leitende Bischof der rund 2,1 Millionen Mitglieder zählenden Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche schloss mit den Worten: „Das Impulspapier der EKD atmet jedenfalls nicht den Geist der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, sondern lediglich den Geist jener Freiheit, die die Zentralmächte in der Weltgeschichte bei ihrem Griff nach dem Ganzen immer wieder gerne für sich beanspruchten.“ KB
Stärkung des evangelischen Profils gefordert
Huber an der Wirkungsstätte Luthers – Schäuble für starke Kirchen – Kardinal Lehmann bescheinigt Mut
An der Wirkungsstätte des Reformators Martin Luther (1483 bis 1546) hatte Bischof Wolfgang Huber zum Kongressauftakt zur Erneuerung der Kirche aufgerufen und eine Stärkung des evangelischen Profils gefordert. „Zukunft gewinnt die evangelische Kirche durch ihre geistliche Kraft“, sagte Huber. Die evangelische Kirche wolle aber auch im 21. Jahrhundert eine „gesellschaftlich engagierte und wache Kirche“ sein.
Es gehe vor allem darum, sich der eigenen Wurzeln neu bewusst zu werden und den besonderen Glaubensschatz der evangelischen Kirchen aufs Neue zu heben, sagte der Berliner Bischof in der Wittenberger Stadtkirche. Er erinnerte an die von Luther vor fast 500 Jahren gepredigte „Freiheit eines Christenmenschen“. Diese Freiheit bleibe „Gründungsakt und Verfassungsurkunde“ aller reformatorischen Kirchen. Alle Reformen und Erneuerungen müssten sich als Dienst an dieser Freiheit verstehen. „Sonst taugen sie nichts“, so Huber.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) unterstützte die Reformbestrebungen. „Unser Land, unser Volk brauchen starke, zukunftsmutige Kirchen“, sagte er bei einem Empfang für die Teilnehmer des Kongresses. Es sei ermutigend, dass die evangelische Kirche nicht klage, sondern versuche, einen Weg in die Zukunft zu finden. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, bescheinigte der evangelischen Kirche, mit ihrem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ habe sie den Mut zu Konzentration und Zuspitzung bewiesen. Davon könnten alle einen Nutzen haben.
Bei den Reformen gehe es nicht um „den Zwang zur Veränderung um ihrer selbst willen“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Huber. Die Kirche habe vielmehr die Freiheit, ihre Strukturen immer wieder daran zu prüfen, ob sie ihrem Auftrag entsprechen. Huber sagte, die Beschäftigung mit den kirchlichen Kernkompetenzen wie Gottesdienst und Spiritualität sei keine Abwendung vom gesellschaftlichen Engagement der Kirche. Vielmehr ergebe sich aus dem „geistlichen Mentalitätswandel“ die Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden, für die Würde des Menschen und die Bewahrung der Natur. Jürgen Prause
Rolle der Kirchen in Niederlanden nur gering
Der Präses der Protestantischen Kirche der Niederlande, Jan-Gerd Heetderks, verwies in einem Vortrag auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Kirchen in den beiden Nachbarländern. Die Synode der Protestantischen Kirche in den Niederlanden habe 2005 ein Positionspapier vorgelegt, in dem wie bei der EKD von einem Wachstum gegen den Trend die Rede sei. Dem niederländischen Papier wie auch dem EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ könne indes vorgeworfen werden, sie erweckten den Eindruck, als sei Kirche „machbar und ganz und gar zu gestalten“. Die Kirche spiele in den Niederlanden eine weitaus geringere Rolle als in Deutschland, so der Präses. Der Anteil der nicht kirchlich gebundenen Niederländer betrage bereits knapp zwei Drittel. epd
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