Leseprobe 1
Eine kurze Karriere mit vielen Aufregern
Menschliche Schwäche kostet Margot Käßmann das Amt der Ratsvorsitzenden – Emotionalität als Stärke

Spitzt gerne zu: Margot Käßmann hat in ihrer kurzen Amtszeit bei lebenspraktischen Themen klar Position bezogen. (Foto: epd)Ein Fehlverhalten, das wohl manchem passieren kann, führte zum Ende der kurzen Karriere von Margot Käßmann als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Zu schwer wog nach reiflicher Abwägung bei der Bischöfin und ihren Ratgebern die Sorge, dass durch eine Autofahrt unter Alkoholeinfluss ihr Ansehen und ihre Glaubwürdigkeit Schaden nehmen würden. Sie gab das Spitzenamt der 25 Millionen deutschen Protestanten und den Posten als Bischöfin der hannoverschen Landeskirche zurück.
Erst Ende Oktober war die 51-jährige Bischöfin als erste Frau zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt worden. In ihrer kurzen Amtszeit hielt Käßmann alle auf Trab. 83 Interviews, so notierten Beobachter, habe sie in den ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit gegeben. Babyklappen, Pflege, Armut, Sterbehilfe, Hartz IV – gerade in diesen lebenspraktischen Themen bezog die profilierte Protestantin Position. Die politische Debatte mischte die temperamentvolle Theologin durch zugespitzte Wortmeldungen auf. „Nichts ist gut in Afghanistan“, sagte Käßmann an Neujahr in der Dresdner Frauenkirche und stieß damit eine Debatte über den Bundeswehreinsatz am Hindukusch an. Mit ihrem Einspruch gegen ein „Weiter so“ in Afghanistan erfuhr sie heftigen Widerspruch aus unterschiedlichen politischen Lagern.
Persönliche Integrität, authentisches Auftreten, Emotionalität und Spiritualität gelten als ihre Stärken. Mit ihren Beiträgen und Ratschlägen findet die Theologin und Seelsorgerin Gehör in Kreisen, denen die Wortmeldungen ihres Vorgängers Wolfgang Huber zu akademisch geprägt erschienen. Ein Beispiel ist Käßmanns Predigt in der ökumenischen Andacht nach der Selbsttötung des Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke in Hannover.
Es gab auch manche kirchendiplomatische Aufreger in der kurzen Amtszeit. Enttäuschung rief die Ratsvorsitzende in Rom hervor mit ihrer Aussage, sie erwarte von Papst Benedikt XVI. ökumenisch nichts. Das Urteil wird zwar von vielen Ökumenekennern geteilt. Dass sie es aber ausgerechnet im Talk mit Gregor Gysi von der Linkspartei äußerte, erschien in Kirchenkreisen als nicht besonders geschickt. Zuvor hatte die Russische Orthodoxe Kirche der Spitzenfrau des deutschen Protestantismus die kalte Schulter gezeigt. Das Moskauer Patriarchat setzte den offiziellen Dialog mit der EKD aus. Die orthodoxe Kirche lehne eine Frau an der Spitze der EKD als Gesprächspartnerin ab, hieß es zur Begründung.
Käßmann ist nun nicht über politische Kontroversen oder ökumenische Verwicklungen gestolpert. Eine menschliche Schwäche setzte ihrer steilen Karriere einen Schlusspunkt. Vorläufig zumindest – denn ob sie sich ganz aus der Öffentlichkeit zurückzieht, bleibt abzuwarten. Rainer Clos
Schad respektiert Haltung Käßmanns
Kirchenpräsident Christian Schad hat mit Respekt und Bedauern auf den Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann von ihren kirchlichen Ämtern reagiert. Die Nachricht habe ihn sehr bewegt, sagte Schad. Er respektiere die konsequente Haltung Käßmanns. Zugleich bedauere er den Verlust einer führenden protestantischen Stimme, die sowohl im kirchlichen als auch im gesellschaftlichen Kontext gehört worden sei.
Er habe Käßmann als eine glaubensfeste und glaubwürdige Repräsentantin des deutschen Protestantismus kennen- und schätzen gelernt, sagte Schad. Sie habe evangelische Positionen pointiert in die Lebenswirklichkeit vieler Menschen hinein vermittelt und so Orientierung und Hilfe gegeben. Nachdem der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland ihr uneingeschränkt das Vertrauen ausgesprochen hat, wäre es nach Schads Worten für sie durchaus möglich gewesen, aus der Kraft der Vergebung heraus ihre Ämter weiter zu führen. Offenbar habe sie jedoch keine Möglichkeit gesehen, dabei ihre Freiheit und Selbstachtung sowie die Würde des Amtes zu wahren. So wie er Margot Käßmann kennengelernt habe, entspreche diese Entscheidung ihrem Charakter.
Er hoffe, dass Käßmann in der kommenden Zeit Ruhe finden und aus dem Glauben Kraft schöpfen könne, sagte Schad. Er wünsche sich, dass sie durch die Ereignisse der vergangenen Tage nicht den Mut verliere und sich weiterhin zu Wort melde. In Achtung vor ihrer Person und ihrer Leistung halte er Personalspekulationen um die Nachfolge im Amt des Ratsvorsitzenden zum gegenwärtigen Zeitpunkt für unangebracht. Mit dem Präses der rheinischen Kirche, Nikolaus Schneider, stehe ein profilierter stellvertretender Ratsvorsitzender zur Verfügung. Alle weiteren Entscheidungen würden im November auf der EKD-Synode getroffen. koc
Warmherziger Theologe ohne akademisches Gehabe und Allüren
Rheinischer Präses Nikolaus Schneider führt zumindest vorübergehend die deutschen Protestanten – Vor allem als Sozialethiker profiliert
Auf ihren Stellvertreter konnte sich Margot Käßmann bis zum Schluss verlassen: Noch in der Telefonkonferenz des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) stärkte der rheinische Präses Nikolaus Schneider der angezählten Bischöfin den Rücken. Nach dem Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden steht ihr bisheriger Vize plötzlich selbst an der Spitze der 25 Millionen deutschen Protestanten – zumindest vorerst. Der 62-jährige Theologe ist ein bodenständiger Mahner, der sich vor allem mit profilierten Äußerungen zu sozialethischen Fragen einen Namen gemacht hat.
Seit 2003 ist Schneider Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, mit gut 2,8 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte der 22 deutschen Landeskirchen. Seine Amtszeit endet 2013. Ob er längere Zeit an der EKD-Spitze stehen wird oder eher eine Übergangsfigur ist, scheint offen. Regulär müsste die Neuwahl des Ratsvorsitzenden auf der nächsten EKD-Synode im November erfolgen. Wie anerkannt der nun ins Rampenlicht gerückte Schneider auch bundesweit ist, zeigt unter anderem sein Wahlergebnis auf der EKD-Synode im Oktober in Ulm. Die Wiederwahl in den Rat, dem er seit 2003 angehört, gelang ihm bereits im zweiten Wahlgang – nach Käßmann, aber deutlich vor den anderen leitenden Geistlichen. Als Ratsvize stellte sich Schneider mehrfach demonstrativ hinter Käßmann. Insbesondere nahm er sie gegen heftige Kritik wegen ihrer Afghanistanäußerungen in Schutz.
Schneiders Popularität liegt auch in seiner Person begründet. Persönliche Eitelkeiten und Ambitionen liegen dem warmherzigen Theologen eher fern. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt ohne akademisches Gehabe oder Allüren daher. Der ehemalige Wirtschaftsstudent sorgt sich um die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, geißelt die „egoistische Abzockermentalität“ unter Managern und sieht in der Finanzkrise auch eine Folge von kapitalistischem Größenwahn. Mit Blick auf die sozialen Umwälzungen in der Gesellschaft hält er ein neues Sozialwort der Kirchen für geboten.
Geboren wurde Nikolaus Schneider am 3. September 1947 in Duisburg. Nach dem Theologiestudium in Wuppertal, Göttingen und Münster wurde er 1976 Gemeindepfarrer in Duisburg-Rheinhausen, später Diakoniepfarrer im Kirchenkreis Moers, ab 1987 war er dort Superintendent. Nach dem Wechsel ins Düsseldorfer Landeskirchenamt 1997 war Schneider zunächst als Vizepräses für die über 2000 Theologen der rheinischen Kirche zuständig.
Anfang 2003 wählte ihn die Landessynode als Nachfolger von Manfred Kock zum Präses. Dass er ebenso wie Kock, der sich 1997 gegen den Berliner Bischof Wolfgang Huber durchsetzte, einmal das Spitzenamt des deutschen Protestantismus ausüben würde, war damals nicht absehbar. Das Ruder bei der EKD jedenfalls übernimmt er – wie schon seine übrigen Ämter – in unruhigen Zeiten. Ingo Lehnick
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