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Nr. 10, 7. März 2010

 

 

Leseprobe 4

Endloses Blau – ewiges Licht

Der Glaskünstler Johannes Schreiter wird 80 Jahre alt 

Johannes Schreiter mit einem Glasbild in seiner Wohnung im süd­hessischen Langen.
Johannes Schreiter mit einem Glasbild in seiner Wohnung im süd­hessischen Langen.
von Dieter Schneberger

Johannes Schreiter ist der bekannteste und auch bedeutendste Glaskünstler unserer Zeit. Seine Werke geben zahlreichen Kirchen eine ganz besondere Atmosphäre. Für sein Werk spielt auch eine „wunderbare Heilung“ eine Rolle. Die Bilder aus Schreiters Werkstatt tragen als Signatur die Buchstaben „S.D.G.“ – „Soli Deo Gloria“.

Die beiden 9,2 Meter hohen Fenster der Sakramentskapelle des Mainzer Doms sind eine Einladung zum Gebet und zur Meditation. Mächtig bahnt sich auf ihnen das endlose Blau des Himmels den Weg zu den Menschen. Das ewige Licht erreicht sie aber nur durch das Leben und Sterben Christi, das mit einem glühenden Rubinrot angedeutet ist. Die beiden Kirchenfenster stammen von Johannes Schreiter. Der wohl bedeutendste Glaskünstler der Gegenwart feiert am 8. März im südhessischen Langen seinen 80. Geburtstag.

„Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Diese Zeile aus einem Gedicht Friedrich Hölderlins ist die geheime Melodie in Schreiters Leben, aber auch das bestimmende Thema seiner Kunst der vergangenen drei Jahrzehnte. Trotz aller Bedrohungen und aller Ängste ist der Mensch nicht verloren, sondern von Gottes Liebe getragen, lautet seine Botschaft. „Es gibt keinen Zufall, nur göttliche Fügung.“

Für Schreiter sind auch die beiden zentralen Ereignisse seines Lebens nichts anderes als „Fügung“: 1983 seine „Rückkehr zu Gott, zum christlichen Glauben“, und fünf Jahre später seine „wunderbare Heilung“. Nach einer Viruserkrankung, die er sich als Gastprofessor in Neuseeland zugezogen hatte, verlor er seine Stimme und musste in der Folge auch seine Professur an der Frankfurter Städelschule an den Nagel hängen. „Die Ärzte hatten mich bereits aufgegeben.“

Doch dann begegnete er am Rande eines Bibelabends im Odenwald zufällig einem Prediger aus der Schweiz. „Dieser 83 Jahre alte Mann sprach mit mir über meine Krankheit und segnete mich anschließend mit folgenden Worten: ,Der Geist Gottes ist über dir, du bist geheilt‘“. Schreiter bekennt: „Nach einem fürchterlichen Schmerz, der sich durch meinen Körper zog, konnte ich wieder sprechen und wenige Tage später wieder arbeiten. Härter und intensiver denn je.“ Die Heilung verändert nicht nur sein Leben, sondern auch seine Kunst. Das Dunkle und Düstere verliert an Gewicht; helle, strahlende Farben gewinnen die Oberhand.

Zu verkopft? "Das Medizinfenster", gestaltet für einen Zyklus von 22 Fenstern in der Heidelberger Heiliggeitskirche, stieß wie die anderen Entwürfe bei der Gemeinde auf Ablehnung.
Zu verkopft? "Das Medizinfenster", gestaltet für einen Zyklus von 22 Fenstern in der Heidelberger Heiliggeitskirche, stieß wie die anderen Entwürfe bei der Gemeinde auf Ablehnung.
In diese Zeit fällt auch der sogenannte Heidelberger Fensterstreit. Nach harschen Bürgerprotesten verzichtet der Kirchengemeinderat der Universitätsstadt am Neckar darauf, die Entwürfe des Künstlers für die 22 Fenster der evangelischen gotischen Heiliggeistkirche ausführen zu lassen. Schreiter wird insbesondere wegen seiner provokativen und wenig heimeligen Bearbeitung der Themen Medien, Medizin, Computertechnik, Physik oder Verkehr angefeindet. Die Entwürfe seien „verkopft und geschmacklos“, sie verhöhnten die „Gesetze der Theologie“ und verstießen gegen das „gesunde Gemeindeempfinden“. „In Heidelberg ging es darum, dass sich die Bürger eine ungetrübte Idylle erhalten wollten“, bilanzierte später der Hagener Publizist und Kurator Andreas Mertin. Was daran allerdings erschreckt habe, sei der „gedankenlose beziehungsweise bedenkenlose Umgang mit Vokabeln, die dem ,Wörterbuch des Unmenschen‘ entstammten“.

Doch Schreiter steht zu seinem Zyklus. Statt gekränkt den weiteren Dialog mit der Kirche zu verweigern, intensiviert er ihn sogar. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die das sogenannte Medizinfenster für den Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main 1987 ausführen ließ. 1996 fand es in der Kirche des Darmstädter Elisabethenstifts seinen endgültigen Platz. Andere Entwürfe sind inzwischen in Karlsruhe, Linnich bei Aachen und im kanadischen Edmonton realisiert worden.

Johannes Schreiter wird 1930 in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge geboren. Seine Liebe zum Malen entdeckt der Sohn eines Kaufmanns bereits als kleines Kind. Aber auch das Violinespielen bereitet ihm große Freude. „Ich wusste bis zum Abitur nicht, was das Richtige für mich war – die Malerei oder die Musik.“ Die Entscheidung wird ihm abgenommen. Während seiner Flucht nach Greven im Münsterland verletzt er sich so stark am Arm, dass an eine berufliche Zukunft als Geiger nicht mehr zu denken ist. „Das Verlassen meiner ostdeutschen Heimat 1949 ist mir sehr schwergefallen“, erzählt Schreiter. „Es blieb mir allerdings keine andere Wahl, da mir die Zwangsverpflichtung zum Uranbergbau drohte und ich keine sehr starke Konstitution hatte.“ Im selben Jahr nimmt Schreiter in Münster ein Kunststudium auf, das er in West-Berlin und Mainz fortsetzt. 1960 erhält er vom Bistum Würzburg den Auftrag, die Kirchenfenster für St. Margareta in Bürgstadt bei Miltenberg am Main zu entwerfen. „Damit ging alles los“, erinnert sich Schreiter. Im selben Jahr wird er Lehrbeauftragter an der Kunstschule Bremen. Von 1963 bis 1987 wirkt er als Professor für Malerei und Grafik an der Frankfurter Städelschule.

Schon in den 1960er Jahren hatte Schreiter neben Otto Piene und Yves Klein mit seinen Brandcollagen Kunstgeschichte geschrieben. Diese neue Technik des Sengens und Verbrennens von Papier beeinflusste auch sein glasbildnerisches Œuvre sehr stark. Als ebenso revolutionär gilt seine Um-Interpretation der Bleiruten in Kirchenfenstern. Schreiter befreit die Metallstäbe, die die Glasstücke zusammenhalten, von ihrer rein technischen Funktion und nutzt sie als autonomes Mittel der Gestaltung.

In seinen Kirchenfenstern entsagt er der gotischen Bilderfolge und wendet sich wie Mark Rothko (1903 bis 1970) der Abstraktion zu, der Befreiung vom Überflüssigen. Er sucht die Stille, das Zu-sich-selbst-Kommen, die Andacht. Seit den 1960er Jahren findet sich in nahezu jeder seiner Arbeiten die U-Form als Symbol für die geöffnete Hand wieder. Sorgfältig gestaltet er Linien, Ornamente, Rechtecke und Netze, die oft durch Quereinschüsse gebrochen sind, „so wie das kontemplative Betrachten eines Ozeans durch einen vorüberfliegenden Vogel“.

Seine Fensterentwürfe fertigt Schreiter im Maßstab 1 : 10 an. Werden sie vom Auftraggeber akzeptiert, erstellt er das Fenster auf Papier in Originalgröße. Die sogenannten Werkkartons bilden die Vorlage für die Arbeiten im Glasstudio, bei denen der Künstler in der Regel anwesend ist und jedes gefertigte Teil persönlich prüft. S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seit 1995 seine Entwürfe. „Soli Deo Gloria“ – zur Ehre Gottes will er arbeiten, so lange er kann, wie Johann Sebastian Bach. „Das hält mich lebendig.“

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