Leseprobe 1
Glaubensstärke als ein gutes Vorbild
„As Vicus Sciferstat“ stellt den Ritterorden der Hospitaliter dar – Die Zahl der Mittelaltergruppen wächst

Pilgermarsch auf dem pfälzischen Jakobsweg: Die Mittelaltergruppe „As Vicus Sciferstat“ startet in der Speyerer Fußgängerzone. Die Ordensregeln der Hospitaliter können auch für die heutige Gesellschaft wichtige Impulse geben. (Fotos: Landry)„Ein Gebet“, befiehlt Ritterbruder Marius und faltet die Hände. Am groben Holztisch neben dem rot-weißen Ordenszelt kehrt schlagartig Ruhe ein. Pilgerfrauen, Ritter sowie Ordensbrüder und -schwestern senken die Köpfe und sprechen die Worte des Vorbeters nach. „Selbstverständlich beten wir gemeinsam dreimal am Tag“, erzählt der Chef der Mittelaltergruppe „As Vicus Sciferstat“ aus Schifferstadt bei Speyer. „Ein Ordensbruder musste täglich 150 ‘Ave Maria’ beten.“
Die Geschichtsbegeisterten aus der pfälzischen Kleinstadt stellen in jeder freien Minute in historischen Gewändern einen Klosterhof des geistlichen Ritterordens der Hospitaliter aus dem 13. Jahrhundert dar – vor allem bei Mittelalterfesten. Heute ist die mittelalterliche Ordensgemeinschaft besser als Johanniter bekannt. Die Hobby-Ordensleute im Alter zwischen 20 und 50 Jahren verbindet mit immer mehr Gleichgesinnten in Deutschland eine besondere Leidenschaft: Sie sind fasziniert vom Leben der Menschen im Mittelalter und schlüpfen zeitweise in deren Rollen.
Für die Mitglieder von „As Vicus“ und den wohl größten Teil der unüberschaubaren Zahl von Mittelaltergruppen und -vereinen ist das Leben wie im Mittelalter alles andere als ein billiger Klamauk. „Ich habe großen Respekt vor der Willenskraft und Glaubensstärke der Menschen“, gesteht Bruder Marius alias Mario Steinmetz, der im wirklichen Leben Computer programmiert. „Auf ihren Pilgermärschen und Kreuzfahrten ins Heilige Land nahmen sie unglaubliche Strapazen auf sich.“
Die christlichen Ordensritter und Pilger des Mittelalters können auch für die heutige Gesellschaft ein Vorbild sein, glaubt der Mann mit dem Spitzbart, auf dessen schwarzem Übermantel das weiße Kreuz prangt. Aus ihrem Gottesglauben heraus setzten sich die Ordensleute mit großer Opferbereitschaft für ihre Mitmenschen ein. Die Teilnahme der Hospitaliter, Malteser, des Deutschen Ordens und anderer Ritterorden an den blutigen Kreuzzügen habe allerdings einen schwarzen Fleck in deren Historie hinterlassen.
Im Rollenspiel gehe es darum, das geistige Erbe des Mittelalters für eine menschlich immer kältere Gesellschaft zu erhalten, sagt Bruder Marius, der als Provisor über die Ordensregeln wacht. Erst kürzlich pilgerten die Schifferstadter gemeinsam mit anderen Ordensgruppen mehrere Tage lang ein Stück auf dem historischen Pfälzer Jakobsweg. Bei Mittelalterschauen führt die Gruppe vor, wie die Hospitaliter Kranke pflegten. Und manchmal werden den Zuschauern Brot und Wasser als Armenspeisung gereicht.
Von Gruppen, die das Mittelalter als eine lustige Party-Epoche mit Festgelagen und Schaukämpfen missverstehen, distanzieren sie sich. „Einmal Ritter – immer Ritter“, lautet vielmehr der Wahlspruch von Ritter Udo Kühn aus Winden bei Kandel. Seine in Waffen stehende „Garde des Königs von Jerusalem“ ist mit den Klosterbrüdern und -schwestern aus Schifferstadt eng befreundet. „Man legt die Rolle nicht mit dem Gewand ab“, versichert er. Auch im zivilen Leben versuche man, ritterlich zu handeln.

Bruder Marius ruft seine Ordensbrüder und -schwestern dreimal am Tag zum Gebet.Hocherfreut zeigt sich der Mittelalterhistoriker Stefan Weinfurter über das wachsende populäre Interesse an der Zeit zwischen 500 und 1500. Vor allem junge Menschen wollten wissen, „was die tieferen Wurzeln unserer Welt und unserer Ordnung sind und welche Lebensentwürfe in der Geschichte anzutreffen sind“, sagt der Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg. Wenn sich heute viele Menschen auf den Pilgerweg machen, versuchten sie, der extremen „Beschleunigung der Zeit“ wenigstens für eine gewisse Zeit zu entkommen.
Eine wissenschaftliche Deutungshoheit dürften sich Wissenschaftler gegenüber Laien nicht anmaßen, betont der Mittelalterexperte. „Wer kann schon sagen, wie die ‚Wirklichkeit’ aussah – nur Annäherungswerte sind möglich.“ Die Auftritte von Mittelaltergruppen seien ein Angebot, „und in vielen Fällen, so jedenfalls mein Eindruck, stützen sich diese Gruppen auf ziemlich gute Recherchen“, urteilt Weinfurter.
Wenig erfreut über die Darstellungen von Mittelalterfans zeigen sich indes die Nachfolgeorganisationen der alten christlichen Ordensgemeinschaften. „Wir erteilen nur im Ausnahmefall Genehmigungen“, macht Stefan A. Beck, Sprecher des protestantischen Johanniterordens mit Sitz in Berlin, deutlich. Der wie die anderen geistlichen Orden in der Zeit der Kreuzzüge entstandene Orden achte streng darauf, dass der Doppelauftrag – der Dienst am Nächsten und das Eintreten für den Glauben – bei der Darstellung der Ordensgeschichte deutlich werde.
Auf die „ganz seltenen Anfragen von Mittelaltergruppen“ reagiert auch der Malteserorden mit Sitz in Köln eher reserviert. Drei bis vier Kontaktaufnahmen in den vergangenen 20 Jahren sind dem Sprecher des katholischen Ordens, Christoph Zeller, bekannt. Immer wieder gebe es jedoch die Bitte von Hobbyhistorikern, das Ordenszeichen, Wappen, Bilder oder alte Stiche zur Verfügung zu stellen oder Internetlinks auszutauschen – auch da reagiere die 900 Jahre alte Gemeinschaft zurückhaltend, sagt Zeller: „Wo Malteser draufsteht, muss auch Malteser drin sein.“ Alexander Lang
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