Leseprobe 1
Glocken setzen Energie und Fantasie frei und stärken Zusammenhalt der Gemeinde
Neues Geläut für die protestantische Kirche in Alsenborn findet Förderer nicht nur in Kirchenkreisen

Durch Spenden finanziert: Glocken der Alsenborner Kirche (Foto: view)
Drei Wochen war es still in Alsenborn im Jahre 1999. Eine seltsame Stille. Vertraute Töne schwiegen, die Generationen von Bürgern des Ortes Heimat boten. Die Glocken der protestantischen Kirche läuteten anlässlich der Jubel-Konfirmation ein letztes Mal. 80 Jahre begleiteten die aus Eisenhartguss gefertigten Glocken das Gemeindeleben und damit den Alltag und die Festtage der Gemeindemitglieder. Entsprechend groß war das Interesse der Alsenborner. Interessiert und ein wenig traurig beobachteten sie, wie das alte Geläut aus dem Turm der Kirche in den Garten davor gehievt wurde.
„Das war eine logistische Meisterleistung“, sagt Helke Rothley, die Pfarrerin der Gemeinde. 1,20 Meter hatte die große alte Glocke im Durchmesser, die Öffnung des Turmes jedoch maß nur 1,21 Meter. Millimeterarbeit war nötig und so mancher Beobachter hielt den Atem an. Der Abschied von den alten Glocken war nicht nur anrührend, sondern auch spannend. Doch es gelang, wie so vieles, was mit und durch die Glocken in der rund 1800 Mitglieder zählenden Gemeinde geschah.
Zwei Jahre vor dem Abbau der Glocken und mit ihnen des alten Glockenstuhls mussten die Presbyter der Gemeinde die Nachricht des Glockensachverständigen der Landeskirche, Volker Müller, entgegennehmen, dass die Schäden und Mängel der Glocken extrem zugenommen hätten. Dabei ging es nicht mehr nur um den Klang, vielmehr hatten die drei Exemplare Rost angesetzt und drohten zu springen. Hinzu kam, dass der Klöppel der großen Glocke immer öfter einfach abfiel. „Wir mussten regelrecht Angst haben, dass die große Glocke herunterfällt“, sagt Presbyterin Heidi Runge. Bei einem solchen Absturz wären nicht nur die wertvollen Fresken im Chorraum der Kirche unwiederbringlich verloren gegangen, auch für Besucher der Kirche drohte Gefahr.So musste das Presbyterium sich mit der Frage der Anschaffung neuer Glocken beschäftigen, „obwohl wir die alten so geliebt haben“. Und nicht nur Heidi Runge ahnte, dass „wir ein solch lautes Geläut nicht wiederbekommen“. Dass mit einem formellen Beschluss, neue Glocken für die Alsenborner Kirche anzuschaffen, nicht alles erledigt wäre, hatten die Presbyter gewusst. Sie richteten daher gleich einen „Glockenfonds“ ein, denn die Beschaffung eines neuen Geläutes musste durch die Kirchengemeinde finanziert werden.
Ein Artikel und ein Aufruf im Gemeindebrief waren das Startsignal eines rekordverdächtigen Spendenmarathons. Mit 100 000 Mark wurde die Gesamtmaßnahme mit Abbauten, Glockenbeschaffung, Neubau eines Glockenstuhls, Hammerwerke für den Uhrschlag und Uhranpassung kalkuliert. Und bereits nach anderthalb Jahren war mehr als die Hälfte des Betrages zusammengekommen. „Es waren nicht nur kirchenverbundene Menschen, die gespendet haben, auch Kirchenferne beteiligten sich“, sagt Presbyter Gerhard Buch. Es sei deutlich geworden, dass Glocken stark mit Heimat- und Kulturverbundenheit in Zusammenhang stünden.

Durch Einzelspenden konnten die beiden kleinen Glocken finanziert werden. Eine Alsenborner Familie und der protestantische Kirchenchor übernahmen dabei die Kosten. Noch bevor der erste Schlag der neuen Glocken ertönte, setzten diese enorme Energien und viel Fantasie frei. Es wurden Glockentaschen genäht und bestickt, Glockentopflappen gehäkelt, Glockenhüte geformt und ein Glockengedicht-Wettbewerb ausgeschrieben. „Wir haben uns gegenseitig mit unseren Ideen angesteckt“, sagt Heidi Runge im Rückblick. Es gab ein Glockencafé, das im Turm der Kirche eingerichtet wurde, ein Glockenfest, der örtliche Gesangverein stellte den Reinerlös seiner „Revue“ zur Verfügung. Die Glocken konnten bestellt werden.
Das Presbyterium hatte sich zuvor für ein Geläute entschieden, das auf das Motiv der katholischen Kirche abgestimmt wurde. Ein Familienbetrieb mit Tradition, die Glockengießerei Rinker im hessischen Sinn, erhielt den Auftrag. Dorthin zog es zahlreiche Alsenborner zum Glockenguss. „Es ist ans Herz gegangen“, sagt Heidi Runge und beschreibt damit nicht nur ihr Gefühl. Zu Beginn des Gusses sei ein Gebet gesprochen worden, ergänzt Helke Rothley, die die Stimmung „total andächtig“ fand. Während des Gusses habe absolute Ruhe geherrscht, erinnert sich das Gemeindemitglied Ulla Knecht. „Nur am Geräusch und durch Fühlen mit den Fußsohlen können die Gießer erkennen, ob der Guss gelingt“, schreibt sie in ihrem Rückblick im Gemeindebrief. Die Besucher aus der Pfalz waren erleichtert, als „ihre“ Glocken gelangen.
Der „Einzug“ der neuen Glocken und ihre Indienststellung geriet in Alsenborn wieder zum Großereignis. Damit jeder die Prachtexemplare aus der Nähe sehen konnte, wurden sie zunächst in der Kirche aufgestellt. Mit einem Riesenkran wurden sie schließlich in den neuen Glockenstuhl aus Holz gehoben. Mit „frischem, klarem und kraftvollem Klang“ ertönten die neuen Glocken. Nicht alle Alsenborner hatten sich gleich damit angefreundet. „Am Anfang hatten sich auch Leute beschwert, die aufgrund des neuen Klanges die Glocken nicht mehr hörten“, sagt Gerhard Buch. Je nach Windrichtung drang der Glockenton nicht überall hin. Doch die Glocken der protestantischen Kirche gehören mittlerweile zum gemeinsamen „Schatz“ aller. Nur kurz vor Jahresende kommt etwas Wehmut bei Heidi Runge und Gerhard Buch auf. Sie erinnern sich in diesen Tagen an die Zeiten, als die Glocken noch von Hand geläutet wurden. Da hatten sich zu Silvester vor allem die jungen Leute kurz vor Mitternacht vor der Kirche und im Glockenturm getroffen, um die erste Stunde im neuen Jahr zu läuten. „Das Gefühl ist mir immer noch präsent“, sagt Gerhard Buch. Dennoch ist er mit den neuen automatisch bedienten Glocken zufrieden. Und gemeinschaftsbildend sind sie auch. wrs
Der Sachverständige
Helmut Noll ist seit Juni 2004 Glockensachverständiger der Evangelischen Kirche der Pfalz. Der 45-Jährige ist Pfarrer an der Alexanderskirche in Zweibrücken und hat das Amt von seinem Mentor Volker Müller übernommen, der ihn ab 1995 fachlich begleitet hatte. Ab dem Jahr 2000 übernahm Noll bereits die Betreuung einzelner Kirchenbezirke.
Im Vordergrund seiner Arbeit steht für den Glockensachverständigen der musikalisch-liturgische Aspekt. Ein spezieller Schwerpunkt liegt für Noll in der Ausarbeitung einer Theologie der Glocke, die bisher noch nicht geschrieben worden sei. „Sowohl bei der Argumentation über die grundsätzliche Notwendigkeit als auch über liturgische Einsatzmöglichkeiten beschränkt sich die Literatur auf liturgiegeschichtliche Abrisse und eher poetisch-assoziative Reihungen“, sagt Noll.
Vor allem aber möchte der Glockensachverständige aus der Perspektive des Gemeindepfarrers beraten. „Mich interessiert die jeweilige Einzelgemeinde“, sagt Noll und verweist darauf, dass er als Sachverständiger in jedem Einzelfall so gut wie möglich ermitteln möchte, „was die Gemeinde selbst will und was sie bei den örtlichen Gegebenheiten tatsächlich braucht.“
Für den Sachverständigen steht fest, dass die Glocke ein Hilfsmittel für die Liturgie ist. „Die Arbeit an den Glocken darf nicht zum Selbstzweck werden“, sagt Helmut Noll. emd
Damit Läuten kein leeres Gebimmel ist
Glockensachverständiger Helmut Noll zum liturgischen Gebrauch der Glocken
Als Israel die Glocke (vermutlich im babylonischen Exil) kennen lernte, da diente sie bei den Völkern als Mittel, Unheil und böse Geister fernzuhalten. Im 2. Buch Mose wird sie zum ersten Mal erwähnt, bekommt dort aber eine ganz andere Funktion: Am Saum vom Obergewand des Hohenpriesters angebracht, zeigt ihr Klang die Anwesenheit des Heiligen an: „Und Aaron soll es anhaben, wenn er dient, dass man seinen Klang höre, wenn er hineingeht ins Heiligtum vor den Herrn und wieder herauskommt; so wird er nicht sterben“ (2. Mose 28, 35). Sie sagt: Gott ist da. Respektiert das. Nehmt es nicht auf die leichte Schulter. Die Glocke ruft zum Gottesdienst und zum Gebet – und nur dazu. Sie läutet nicht den Maifeiertag ein und nicht zum 3. Oktober. Es muss um Gott gehen – das ist der Fundamentalsatz jeder Läuteordnung. Dieser liturgische Gebrauch genießt übrigens bis heute den besonderen Schutz des Gesetzgebers – ganz im Gegenteil zum Uhrschlag, der eine reine Zeitansage ist.
Paulus weist uns auf die Gefahr hin, die in ihrem Gebrauch liegt: „… und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ Symbole können leer sein, Traditionen ihre Bedeutung verlieren – vor allem, wenn sie inflationär verwandt werden. Glocken sind nicht die „Stimmen der Sehnsucht“ nach der Heimat, wie es in einem berühmten Lied heißt. Sie sind nicht als „Hochzeitsglocken“ die Begleitmusik für die Trauung. Sie sind kein Klingelzeichen, dass ein Konzert in der Kirche oder ein neues Kalenderjahr gleich beginnt. Eine Gemeinde, die so läutet, entwertet die Bedeutung der Glocken. Durch Liturgie lässt sich keine Wirklichkeit schaffen. Das Läuten muss wie der ganze Gottesdienst aus dem Leben der Gemeinde als Gemeinschaft von Christen kommen oder es ist ein zwar faszinierendes, aber leeres Gebimmel.
In all dem ist die Glocke ein Hilfsmittel und nicht mehr. Zu Recht wurde deshalb in der Zeit der Reformation die Glockenweihe abgeschafft. Die Glocke zeigt das Heilige an, aber sie ist nicht selbst heilig. Sie wird daher in Dienst gestellt. Martin Luther schrieb dazu:
„Allermeist aber geschiehts um der Einfältigen und des jungen Volks willen, welches soll und muss täglich in der Schrift und Gottes Wort geübt und erzogen werden, dass sie in der Schrift gewohnet, geschickt, geläufig und kundig darinnen werden, ihren Glauben zu vertreten und andere mit der Zeit zu lehren, und das Reich Christi helfen mehren. Um solcher willen muss man lehren, singen, predigen, schreiben und dichten, und wo es hilflich und förderlich dazu wäre, wollt ich lassen mit allen Glocken dazu läuten und mit allen Orgeln pfeifen und alles klingen lassen, was klingen könnte.“ Helmut Noll
Es muss klingen und dem Anlass angemessen sein
Glockensachverständiger Helmut Noll über Läuteordnungen im Wandel der Zeiten – Grundsätzlich soll vor ungewöhnlichen Zusammenstellungen nicht zurückgescheut werden
Die Glocke fand in der europäischen Christenheit ihren Eingang durch die Klöster. Dort rief sie die Mönche zu den Stundengebeten zusammen. Sie konnte kilometerweit auf den Feldern noch gehört werden. Dieses Läuten war in der Bevölkerung so beliebt, dass der Weltklerus es übernommen hat, aber nun auf morgens, mittags und abends beschränkte. Als Angelusläuten erinnerte es an die Ankündigung der Geburt Jesu an Maria. In der Reformationszeit wurde dieses Läuten in verschiedenen Kirchenordnungen übernommen. Doch wurde der Sinn abermals geändert: Als Da-Pacem-Läuten ist es bis heute eine Bitte um Frieden, aber auch um eine verständige Obrigkeit und gesundes Gemeinwesen. Zuweilen war es praktisch, gerade das Betläuten mittags auf 11 Uhr vorzuverlegen: In den von Landwirtschaft geprägten Dörfern hatten die Frauen auf den Feldern nun ein Zeichen, dass es Zeit war, ans Kochen zu gehen.
In der Hauptsache läutet die Glocke aber, um zu einem Gemeindegottesdienst zu rufen. Als liturgisches Instrument zeigt es die Wichtigkeit des Gottesdienstes im Gemeindeleben an. Dazu muss es vor allem einen schönen Klang haben. Wir entwerten durch ein unästhetisches Zeichen den Anlass, auf den es hinweist. Das Geläute muss klanglich auf optimalem Stand gehalten werden. Das kostet etwas, aber der Gottesdienst sollte es uns wert sein, dass wir für ihn Aufwand betreiben.
Das Läuten ist ein Zeichen, und ein Zeichen sollte man verstehen können. Man kann mit Glocken auf verschiedene Arten Eindeutigkeit erreichen: Man kann lange oder kurz läuten; mit einer hohen oder einer tiefen Glocke, mit einer oder mit mehreren Glocken. Was in der Gemeinde am wichtigsten ist, sollte die meisten und die tiefsten Glocken bekommen und es sollte am längsten dafür geläutet werden. Gerade in der Pfalz ist es im 19. Jahrhundert üblich geworden, tiefen Klang eher mit Ernst und Trauer zu verbinden und also die tiefste Glocke zum „Schiedzeichenläuten“ zu benutzen, dagegen die kleinste und hellste für die Taufe – weil es so kindlich klingt. Dabei hat der tiefe Klang vor allem mehr musikalisches Gewicht und sollte daher auch dem theologisch gewichtigeren Ereignis zugeordnet werden.
Hat eine Gemeinde nur eine Glocke, kann sie nur zwei Zeichen geben: an oder aus. Hat sie mehrere Glocken, läutet aber immer mit allen gleichzeitig, dann signalisiert sie auch nur „an“ oder „aus“ und hätte sich das Geld für die anderen Glocken sparen können. Mit Teilgeläuten können verschiedene Anlässe oder Zeiten des Kirchenjahres unterschieden werden. Dabei sollten die musikalischen Teilmotive mit dem Anlass harmonieren: Ein Dur-Motiv läutet eine festliche Zeit ein, ein MollMotiv passt eher zur Passion, das häufige „Te-Deum-Motiv“ (kleine Terz und große Sekund, zum Beispiel d-f-g) scheint mir trotz des Namens für den Advent wie geschaffen zu sein. Für Trauergottesdienste sind hohle Quinten und Quarten am besten. Man sollte grundsätzlich vor ungewöhnlichen Zusammenstellungen nicht zurückscheuen – es muss klingen und dem Anlass angemessen sein.
Glocken können auch schweigen – und auch das ist ein wichtiges Zeichen. Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, wichtige Ereignisse im Leben von einzelnen Menschen oder einer Gemeinschaft an sich hervorzuheben. Die Kirche verkündet das Evangelium – oder sie ist nicht Kirche. Das heißt aber auch: Keinem Menschen geschieht eine Ehre, wenn für ihn geläutet wird. Und keinem Menschen geschieht Unehre, wenn bei seiner Geburt, bei seiner Hochzeit, bei seiner Bestattung nicht geläutet wird. Denn die Glocken geben keinem Menschen, sondern allein Gott die Ehre. Helmut Noll
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