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Wintersemester 2003/2004
Andachten von früheren Semestern sind auf der Predigtdatenbank unter Pfr. Rainer Huy einzusehen.
Andachten im Januar 2004
Morgenandachten
Mittwoch, 10. Dezember 2003 Tageslosung: 2. Mose 20,13 – Lehrtext: Matthäus, 5,44
Mittwoch, 03. Dezember 2003 Tageslosung: Psalm 11,7 – Lehrtext: 1. Korinther 6,11
Mittwoch, 26. November 2003 Tageslosung: Sacharja 2,15 – Lehrtext: Matthäus, 28,19
Mittwoch, 19. November 2003 Tageslosung: Psalm 67,2 - Lehrtext: 2. Korinther 13,13
Mittwoch, 12. November 2003 Tageslosung: Jesaja 50,7 – Lehrtext: 1. Timotheus 2,4
Mittwoch, 5. November 2003 Tageslosung: Nahum 1,7 – Lehrtext: 2. Tomotheus 2,19
Mittwoch, 29. Oktober 2003 Tageslosung: Psalm 111,4 - Lehrtext: Lukas 22,19
Morgenandacht in der esg am Mittwoch, 10. Dezember 2003 Tageslosung: 2. Mose 20,13 – Lehrtext: Matthäus, 5,44
(Ein Brief) „Ich fühle mich echt überfordert!“ Lieben soll ich den? Diesen Typen, von dem jeder weiß, dass er ein ganz schräger Vogel ist. Verschlagen, hinterlistig und verlogen. Wenn du dem den Rücken zuwendest, tötet er dich allein mit seinen bösen Gedanken. Ich bin wirklich überfordert, lieber Jesus. Ich will durchaus dein Anhänger sein, ich möchte Christ sein und Christ bleiben. Aber ich muss dir ehrlich gestehen, wenn du das von mir verlangst, wenn du so was Megaschweres von mir erwartest, dann weiß ich beim besten Willen nicht, wie ich das machen soll. Mir wird doch schon körperlich schlecht bei dem Gedanken, solche Fieslinge lieben zu müssen.
Ich könnte mir´s ja leicht machen und einfach behaupten, dass ich meine Widersacher liebe. Wer kontrolliert das denn schon? Jetzt, so kurz vor Weihnachten, wo so viele Menschen in einer fast unheimlichen Friedensstimmung sind, könnte ich ganz einfach das seichte Lied von dem bisschen Frieden und dem bisschen Liebe mitträllern. Das käm´ ganz gut an, die Leute wollen so was hören. Aber ich sag dir ganz ehrlich: Ich kann das nicht und ich will das nicht! Ich will mir morgens noch ins Gesicht schauen können und mich nicht selbst belügen. Und außerdem, lieber Jesus, will ich auch dir nichts vormachen, du würdest es mir ohnehin nicht abkaufen.
Kurzum, lieber Jesus: Ich schaff´ das einfach nicht mit der Feindesliebe. Das krieg ich so nicht hin.
Was machen wir nun, lieber Jesus? Was machen wir bloß mit mir und mit deiner Feindesliebe? Was machen wir mit mir, der ich mit Ernst Christ sein und Christ bleiben möchte und der trotzdem nicht in der Lage ist, jeden Fiesling zu lieben? Oder meinst du das mit der Feindesliebe gar nicht so wie du es sagst? Manche Leute behaupten so was Ähnliches. Meinst du vielleicht, ich müsste das mit dem Lieben nicht so eng sehen. Bist du schon zufrieden, wenn ich auch nur ein bisschen lieb bin? Ich kann mir das, ehrlich gesagt, so wie ich dich kenne, nicht vorstellen. Hast du nicht mal gesagt, dass wir vollkommen sein sollen? Mit dem bisschen Liebe und dem bisschen Frieden bist du doch bestimmt nicht einverstanden, oder?
Was also schlägst du vor, lieber Jesus? Muss ich mich von dem Gedanken verabschieden, jemals zum Club der vollkommenen Christen zu gehören? Gibt es andere, die so was schaffen? Ich habe so was ähnliches im Studium gelernt. Gebildete Theologen haben einmal behauptet, die Feindesliebe und die anderen super schwierigen Anforderungen seien nichts für das gemeine Volk. Nur die absolut tollen, die mönchsmäßig lebenden Christen könnten so was umsetzen. Alle anderen seien christliche Leichtgewichte, Amateure, die nie in der Bundesliga der Profichristen mitspielen werden. Na gut, dann bin ich halt Amateur und kümmere mich nicht um Feindesliebe und all diese schwierigen Dinge. Aber ehrlich gesagt, dass kann´s doch eigentlich auch nicht sein, oder? Wenn das, was du lieber Jesus einmal wolltest, nur für eine kleine Elite Gültigkeit haben sollte, wärst du dann nicht umsonst gekommen? Wenn alle anderen grad so weitermachen dürfen, wie sie wollen, dann finde ich das, gelinde gesagt, ziemlich schade. Dann können wir Weihnachten, die Feier deiner Geburt doch gleich abschaffen. Wenn ich mir das so überlege, lieber Jesus, dann bin ich doch eher dafür, dass wir das mit der Feindesliebe zumindest mal ausprobieren. Was haben wir denn zu verlieren? Es kann doch nur besser werden. Und ist es nicht genau das, was du wolltest, dass es besser wird mit uns und bei uns? Ist es nicht so, dass du die Welt, so wie sie Gott geschaffen hat, wieder in Ordnung bringen wolltest? Ich finde diese Idee nach wie vor sehr sympathisch. So schnell werde ich also nicht aufgeben. So leichtfertig werde ich deine guten Ratschläge nicht über Bord werfen. Selbst wenn´s nicht immer klappt mit der Feindesliebe, selbst wenn ich so manchen Mitmenschen nur unter suggestiver Intensivbehandlung lieben kann, selbst dann ist das, was du uns da gezeigt hast viel zu gut, als dass man es wegschmeißen und vergessen könnte.
Lieber Jesus, ich schlage dir folgendes vor: Ich will´s versuchen! Ich will es wirklich ausprobieren! Ich will mich von deinen Worten leiten zu lassen. Ich will mich an dir orientieren, auch wenn ich die tollen Ideen nie so gut rüberbringen werde wie du. Um eins bitte ich dich aber: Wenn ich wieder mal nicht friedlich, nicht christlich, nicht gut genug bin, dann dreh´ mir bitte keinen Strick draus, sondern gib mir eine neue Chance. Darin hast du doch Übung. Das hast du doch mit den Leuten, mit denen du zu tun hattest, immer so gemacht. Kannst du dich darauf einlassen? Kannst du dich darauf einlassen, dass ich mich bemühe und du mich nicht fallen lässt, wenn´s schief geht? Ist das in Ordnung so? Über eine baldige Antwort würde ich mich sehr freuen.
RAINER HUY
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Morgenandacht in der esg am Mittwoch, 3. Dezember 2003 Tageslosung: Psalm 11,7 – Lehrtext: 1. Korinther 6,11
Mit sich selbst im Reinen sein, dass ist so, wie wenn du morgens in den Spiegel schaust und zu dir selbst sagen kannst: „Hey, ich bin zufrieden mit dir. Zufrieden mit deinem Aussehen, zufrieden mit dem, was du kannst, zufrieden mir dem, was du erreicht hast. So wie du bist, bist du okay.“ Wenn du so was sagen kannst, am frühen Morgen, kurz nach sechs, im Badezimmer, vor dem Spiegel, ungekämmt und noch ziemlich zerknittert, dann bist du mit dir im Reinen.
Bist du einer dieser begnadeten, beschenkten Menschen? Gehörst du dazu? Gehörst du zu denen, die mit sich und der Welt zufrieden sind? Wenn du es nicht weißt, dann probier´s mal aus! Am besten gleich morgen früh. Stell dich vor den Spiegel und sage zu dir selbst: „Du, ich find´ dich gut. Ich hab´ dir nichts vorzuwerfen. Ich brauch nicht mit dir zu hadern. Kurzum: Ich bin zufrieden mit dir!“ Und dann wirst du erleben, wie es ist, mit sich selbst im Reinen zu sein – ich wünsche es dir jedenfalls!
„Ich bin zufrieden mit mir!“ Nein, das stimmt nicht immer. Es gibt Tage, an denen meint es mein Spiegel nicht gut mit mir. Schon in aller Herrgottsfrühe zeigt er mir einen zerknirschten Menschen, der nicht im Reinen mit sich selbst ist. Nichts ist in Ordnung. Ich nicht und auch nicht mein Leben. Solche Tage gibt es. Leider! Gnadenlose Tage.
Auch er, Martin Luther, hatte sie kennen gelernt, diese gnadenlosen Tage. Aber es waren nicht nur Tage. Es waren Jahre. Jahre ohne Gnade und Barmherzigkeit. Jahre ohne Ruhe und Zufriedenheit. Jahre des Zweifels und des Zweifelns - an sich, am Leben, an Gott. Wie lange hat er sich erfolglos gequält? Wie lange gekämpft und gerackert? Und doch kam er nicht ins Reine mit sich und der Welt, nicht ins Reine mit Gott.
„Ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt“, schreibt der Apostel in der heutigen Losung. Ja, wie sehr hatte Luther sich das gewünscht, ins Reine zu kommen.
„Du bist rein gewaschen, du bist geheiligt.“ Lange hat´s gedauert, bis Luther das checkte. Jahre brauchte er, um schließlich erleichtert sagen zu können: „Ja, das gilt auch für mich. Für mich, Martin Luther. Für mich, den Theologen und Christen, der sich so lange quälte, um endlich ins Reine zu kommen mit sich und mit Gott.“ Ein harter Kampf war es gewesen, bis ihm endlich klar wurde: Gott ist zufrieden mit mir. Er akzeptiert mich ohne Wenn und Aber. So wie ich bin, mit allen Ecken und Kanten, mit allen Schwächen und Ticks, so wie ich bin, findet Gott mich okay.
„Ich bin zufrieden, im Reinen mit dir“, das sagt Gott dem so lange zaudernden Luther. Und das reichte ihm, um endlich zur Ruhe zu kommen. Das reichte ihm, um sagen zu können: „Da fühlte ich mich geradezu neu geboren. (Und) Es war mir, als träte ich... ins Paradies...ein“
So was zu erfahren ist ein Geschenk, eine Gnade! Martin Luther hat es erlebt.
Und wie ist es mit dir? Wenn du morgen früh in den Spiegel schaust und du nicht sicher bist, was du von dir halten sollst, ob du im Reinen mit dir bist, dann steck den Kopf nicht in den Sand, sondern halte ihn unters Wasser. Und wenn du dann, mit kaltem Wasser gewaschen, wieder hochkommst, dann schau in den Spiegel und sag´ einfach mal zu dir selbst: „Ja, Gott hat auch mich reingewaschen, er jedenfalls ist im Reinen, er ist zufrieden mit mir. In Gottes Augen bin ich okay.“
Vielleicht macht dich das ruhig. Vielleicht macht dir das Mut
Vielleicht ist das der Beginn eines guten Tages.
RAINER HUY
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Morgenandacht in der esg am Mittwoch, 26. November 2003 Tageslosung: Sacharja 2,15 – Lehrtext: Matthäus, 28,19
Nie und nimmer wäre sie mit dem neu geborenen Baby auf die Straße gegangen. Auf gar keinem Falle hätte sie das Kind im Kinderwagen durch die Gassen geschoben, bevor es nicht getauft ist. „Was hätte nicht alles passieren können!? Der Kinderwagen hätte umkippen, vielleicht sogar von einem Auto gestreift werden können. „Nein, nein! Das ist alles zu riskant! Erst wird getauft, dann geht´s raus auf die Gass´!“ So sollen die Mütter früher, vor 40 oder 50 Jahren, gedacht, geredet und gehandelt haben. So hat man es mir jedenfalls erzählt. „Erst wird getauft, dann geht´s raus auf die Gass!“
Kaum zu glauben, was die Mütter damals glaubten. Die Taufe - ein Schutzschild gegen feindliche Angriffe auf wehrlose Babys. Das ist Geschichte, vergangen und vorbei. Aber getauft wird nach wie vor. Warum eigentlich? Warum lassen Eltern ihre Kinder taufen? Weil es so schön ist, so festlich und so feierlich? Weil man wieder mal mit Oma und Opa, Tante und Onkel, Bruder und Schwester, mit der ganzen Großfamilie eben zusammenkommt? Das kann doch nicht alles sein!
Aber was ist das eigentlich, die Taufe? Was passiert, wenn Pfarrer plärrende Babys nass spritzen? Was geschieht eigentlich noch, wenn Onkel und Tante mit der Video- und Digitalkamera um den Altar tänzeln, wenn Opa und Oma aus lauter Rührung feuchte Augen kriegen? Wenn gelangweilte Verwandte zwischendurch aus der Kirche gehen, um kurz eine Zigarette zu rauchen? Was passiert bei einer Taufe? „Die Taufe bewirkt nichts!“, sagen manche Theologen. Sie ist ein Zeichen für die Zugehörigkeit zur Kirche und sonst nichts weiter. „Das gibt´s doch nicht,“ sagen andere. „Doch, es passiert was! Die Taufe wirkt!“ „Sie (die Taufe) wirkt Vergebung der Sünden, erlöst von Tod und Teufel und gibt die ewige Seligkeit allen, die es glauben!“ So hatten wir es als Konfirmanden bei Martin Luther gelernt. „Die Taufe wirkt“, meint Martin Luther. Sie wirkt von Anfang an. Sie wirkt auch bei wehr- und hilflosen Babys. Sie wirkt ohne mein Zutun, weil Gott was bewirkt.
Als wir unsere jüngste Tochter nach einer schwierigen Schwangerschaft, nach einer schweren Geburt, nach Kinderklinik und ärztlichen Konsultationen taufen ließen, schlug uns die Pfarrerin folgenden Taufspruch vor: „Ich bin guter Zuversicht, dass (Gott), der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden.“ Diesen Satz legte die Pfarrerin bei der Taufe auf unsere Tochter, um die wir uns anfangs so viele Sorgen machten.
„Ich bin guter Zuversicht, dass Gott alles, was er angefangen hat, auch vollenden wird.“ Dieser Satz und diese Taufe...! Was soll ich euch sagen? Dieser Satz und Tabeas Taufe, sie haben gewirkt!
RAINER HUY
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Morgenandacht in der esg am Mittwoch, 19. November 2003 Tageslosung: Psalm 67,2 – Lehrtext: 2.Korinther 13,13
Wie der da vorne steht! Wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Sieht irgendwie witzig aus. Wahrscheinlich ist das sein erster Auftritt. Da steht er nun, der neue Vikar, Anwärter für das Pfarramt. Leichenblass! Hineingesteckt in den viel zu großen, schwarzen Talar. Aber er hat ihn bald hinter sich – seinen ersten großen Auftritt vor den neugierigen Augen der Gemeinde. Insgesamt ist es bis hierhin gar nicht so schlecht gelaufen. Er hat sich kaum versprochen und war gut zu verstehen. Die Predigt verlangte zwar geduldige und extrem ausgeschlafene Hörer aber für einen Anfänger war´s, wie gesagt, ganz in Ordnung. Und nun ist sein erster Gottesdienst bald zu Ende. Den Rest schaffst du auch noch, lieber Vikar! Das Schlusslied geht zu Ende. Jetzt noch schnell der Segen. Und schon steht der Vikar auf, geht zum Alter, dreht sich um und spricht den Segen. Aber was macht er da? Hätte er doch nur seine Hände unten gelassen. Wieso auch noch eine Segens-Geste? Zum Schießen, wie er das macht! Wie er seine Hände und Arme unbeholfen und viel zu dicht am Körper hochzieht, um den Segen auszuteilen. Wär´ das kein Gottesdienst, man könnte meinen, hier wird einer mit der Waffe bedroht: „Bitte nicht schießen!“ Aber es schießt keiner, es ist eben nur zum Schießen komisch, wie er da steht mit erhobenen Armen, um den Segen zu sprechen.
So gehe ich danach, am Ende dieses denkwürdigen Gottesdiensts hinaus in die Welt. Geleitet von einem Segen, von dem ich nicht weiß, ob es überhaupt einer war. Aber, was macht eigentlich den Segen zum Segen? Sind es die richtigen Worte? Hängt´s an der Person, die ihn spricht? Oder braucht´s gar die richtige Segenshaltung, damit das ganze wirkt? Oh weh, wenn das stimmt, dann hat mich der unbeholfene Vikar um den Segen gebracht und mich schutzlos in die neue Woche geschickt.
Was macht den Segen zum Segen?
Ihr wisst es längst – das hoffe ich jedenfalls! Der Vikar macht´s jedenfalls nicht und auch nicht der Pfarrer. „Gott sei uns gnädig und segne uns.“, heißt es in der heutigen Losung. Gott segnet. Und was er segnet, dass ist gesegnet. Da kann kommen was und wer will. Wie – du glaubst das kaum? Zur Beruhigung und Vergewisserung ein kleiner Hinweis: In einer biblischen Geschichte wird der heidnische Wahrsager Bileam beauftragt, das Volk Israel zu verfluchen. Aber es klappt nicht. Er kann´s einfach nicht. Jedes Mal, wenn er fluchen soll, segnet er, weil Gott es so will. „Wie soll ich fluchen,“ fragt er, „wenn Gott nicht flucht,...Gott hat gesegnet und ich kann´s nicht wenden!“ „Gott sei uns gnädig und segne uns.“ Wenn du, Gott, deinen Segen gibst, dann gilt er auch: Er gilt für mich, für meine Familie, meine Freunde, für die Menschen, die du segnen willst. „Herr, wir bitten, komm und segne uns. Lege auf uns deinen Frieden. Segnend halte Hände über uns, rühr uns an mit deiner Kraft!“
RAINER HUY
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Morgenandacht in der esg am Mittwoch, 12. November 2003 Tageslosung: Jesaja 50,7 – Lehrtext: 1. Timotheus 2,4
1+1=2. Die 3 ist eine ungerade Zahl. Wenn´s donnert und blitzt, gibt’s ein Gewitter. Wenn´s regnet wird man nass. Deutschland ist größer als Holland und Amerika größer als Deutschland. Das alles ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
„Die Iraker haben gefährliche Waffen, mit denen Sie die Welt ins Unglück stürzen können. Wir kennen die Wahrheit.“ Schulter an Schulter, Seit´ an Seit´ bekräftigten sie es – die Amerikaner und Engländer. Das alles ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Was ist Wahrheit? Was ist Lüge? „1+1=2.“ Der Mathelehrer sagt die Wahrheit. „Die Iraker haben Massenvernichtungswaffen.“ Der Engländer Tony Blair und der Amerikaner George Bush haben höchst wahrscheinlich die Unwahrheit gesagt. Das eine ist die Wahrheit, das andere war Lüge?
Ist das immer so leicht zu unterscheiden – Wahrheit und Lüge?
Ein Beispiel: Ein Kind wird von seinem Lehrer vor der Klasse gefragt, ob es wahr sei, dass sein Vater oft betrunken nach Hause komme. Obwohl jeder weiß, dass es stimmt, sagt das Kind: „Nein! Mein Vater trinkt nicht!“ Hat das Kind nun die Wahrheit gesagt oder gelogen? Dumme Frage. Natürlich hat es gelogen. Der Vater säuft, das weiß, wie gesagt, jeder und trotzdem behauptet das Kind das Gegenteil. Dieses Beispiel stammt von dem Theologen Dietrich Bonhoeffer, als er sich die Frage stellte: „Was heißt: die Wahrheit sagen? (in: D. Bonhoeffer, Ethik 1981, S.385ff.)
Natürlich sagt das Kind die Unwahrheit, wenn es die Alkoholexzesse des Vaters abstreitet. Aber trotzdem, so Bonhoeffer, ist es mit der Wahrheit und der Lüge doch nicht ganz so einfach und so eindeutig, wie man meint. Wahr ist nämlich auch, dass es den Lehrer und die Klasse nichts aber auch gar nichts angeht, was in der Familie des Kindes abgeht. Wahr ist auch, sagt Bonhoeffer, dass es so etwas wie eine Privatsphäre gibt. Und die muss geschützt werden. Und von dieser Einsicht, von dieser Wahrheit lässt sich das Kind leiten. Das Kind lügt und dient dennoch gleichzeitig der Wahrheit.
„Die Wahrheit sagen“, heißt für Bonhoeffer, die Wirklichkeit, die Umstände ernst nehmen und ggf. ein Geheimnis zu bewahren, wenn es unbedingt geschützt werden muss. Alles andere sei ein Wahrheitsfanatismus, der Geheimnisse preisgibt, Schamgrenzen überschreitet, Vertrauen bricht, Gemeinschaft verletzt. Ja, es gibt sie tatsächlich, die Wahrheitsfanatiker.
Der berühmte Philosoph Immanuel Kant soll einmal behauptet haben, er würde selbst einem Verbrecher Auskunft über einen Freund geben, den er bei sich zu Hause versteckt hält. Verrückt! Das musst du dir einmal vorstellen! Du willst jemanden schützen, versteckst ihn und dann lieferst du ihn ans Messer, weil du ein Wahrheitsfanatiker bis. Das ist so, als ob du einen Freund vor einem bissigen Köter schützt. Und wenn das Vieh vor der Tür steht, gibst du den Freund zum Fressen frei, weil der Köter schließlich auf der richtigen Spur ist. Alles muss seine Ordnung haben. Du bist ja schließlich ein Verfechter der Wahrheit. Pervers! „Der Wahrheitsfanatiker fühlt sich wie ein Gott, über den Schwachen Kreaturen und weiß nicht, dass er dem Satan dient“, sagt Bonhoeffer.
Jesus dient nicht dem Satan. Jesus ist nämlich kein Wahrheitsfanatiker. Als man ihm beispielsweise eine Ehebrecherin vorstellt, von der jeder wusste, was sie getan hat, gibt er sie dennoch nicht zur Vernichtung, zur Steinigung frei. Es ist schon wahr, die Frau hatte gesündigt, da beißt die Maus keinen Faden ab. Diese Wahrheit kannte auch Jesus. Aber Jesus liebt eine andere Wahrheit. Und deshalb sagt er einfach nur: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Und dann schickt er die Frau hinaus ins Leben, indem er sagt: „Ich verdamme dich nicht. Geh´ und sündige nicht mehr!“ Wahrheit ohne Liebe, das ist nicht die Sache Jesu. Wahrheit baut auf und zerstört nicht. Wahrheit macht den Weg frei, sie hilft weiter. Es stimmt schon: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der (dieser) Wahrheit kommen.“
RAINER HUY
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Morgenandacht in der esg am Mittwoch, 5. November 2003 Tageslosung: Nahum 1,7 – Lehrtext: 2. Tomotheus 2,19
„Kennst du mich noch?“ „Nö, nie gesehen! Wer bist du denn?“ Eine solch abweisende Antwort auf die Frage „Weißt du, wer ich bin?“ kann verletzen und ganz schön weh tun. „Niemand kennt mich, keiner weiß was mit mir anzufangen!“ Dabei gehört es zu den tiefsten Wünschen des Menschen, von anderen wahrgenommen und schließlich auch erkannt zu werden. Jeder von uns möchte als unverwechselbares Individuum gesehen werden und nicht einfach nur in der großen Masse der vielen anderen verschwinden. „Kennst du mich?“ Weißt du, wer ich bin? Nimmst du mich überhaupt wahr?“
15 erwachsene Menschen sitzen im Kreis. Vor ihnen liegen Fotos mit unterschiedlichen Motiven: Bäume, Kinderhände, Landschaften, Autos, Motorräder, lachende Menschen sind auf den Bildern zu erkennen. Es sind Fotos, die von den 15 Personen ausgesucht wurden. Jedes Bild sollte etwas Typisches für jeweils eine Person in dieser Gruppe zum Ausdruck bringen. Einer wählt das Foto mit dem schweren Motorrad. Die andere bevorzugt eine Ablichtung mit Bäumen und viel Natur. Der nächste zieht das Bild mit den Kindern vor. 15 Fotos liegen auf dem Fußboden und um sie herum warten 15 Menschen darauf, dass man ihnen das richtige Foto zuordnet. „Wird man mein Bild finden?“ Eine Frau fängt an und sagt: Das Bild mit dem großen Motorrad hat bestimmt der Heinz ausgesucht. Und dann redet sie ihn persönlich an und sagt: „Heinz, es stimmt doch, du bist doch ein begeisterter Motorradfahrer. Du fährst lange Touren mit deiner Motorradclique. Dieses Foto kann doch nur zu dir gehören.“ Alle Augen richten sich auf Heinz und die Augen von Heinz beginnen zu leuchten. So als wollten sie sagen, danke! Danke, dass du sofort erkannt hast, woran mein Herz hängt. Danke, dass du mich wahrnimmst und weißt, wer ich bin. Und dann fängt er an von seinen Motorradtouren zu erzählen, kriegt kein Ende mehr, so dass ich ihn schließlich bremsen muss. Heinz freut sich wie ein Schneekönig, weil man ihn bzw. seine Vorlieben sofort erkannt hat. Nach einer halben Stunde sind fast alle Fotos zugeordnet und vergeben. Nur noch einige wenige fehlen. Wem könnte dieses, wem, jenes Foto gehören? Die Blicke derjenigen, die noch nicht genannt wurden, rufen hilfesuchend in den Kreis: „Sag doch endlich, dass dieses Foto meines ist!“ Ihr Wunsch wird nicht erfüllt. Stattdessen zögerliches Herantasten und Raten. „Ich könnte mir denken, dass dieses Foto zu Klaus passt“, sagt einer. „Aber ich weiß nicht so recht. Den Klaus, den kenn ich halt nicht so gut. Ich glaub´, den kennt keiner von uns so richtig.“ Diese Bemerkung trifft Klaus wie ein Schlag. „Den Klaus kennt keiner so richtig!“ Was Klaus jetzt bräuchte, wär´ ein Loch im Boden, in das er schnell verschwinden könnte. Keiner weiß über Klaus Bescheid. Niemand kennt ihn wirklich. Ganz schön blöd, eine solche Erfahrung.
Keiner kennt mich. Keiner weiß Bescheid. Niemand weiß, wer und wie ich wirklich bin. Solche Erfahrungen wie Klaus machen viele von uns, vielleicht sogar alle. Die einen seltener, die anderen häufiger. Dabei braucht man das doch wie die Luft zum Atmen: Wahrgenommen, gesehen, erkannt werden. Hoffentlich trifft Klaus bald mit Menschen zusammen, die ihm zeigen, dass man auch ihn sieht und kennt. Ich würde ihm das von Herzen wünschen. „Gott kennt die Seinen.“ So steht´s heute in der Tageslosung.“ Ob auch Klaus das weiß? Vielleicht sollte ich ihn daran erinnern!
RAINER HUY
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Morgenandacht in der esg am Mittwoch, 29. Oktober 2003 Tageslosung: Psalm 111,4 - Lehrtext: Lukas 22,19
Marburg im Oktober 1529. Vier Männer sitzen vier Tage lang an einem Tisch und sprechen miteinander. Keine gemütliche Plauderei, sondern ein Gespräch von dem einiges abhängt. Wenn diese vier sich jetzt nicht einigen, könnte sich die Landkarte deutlich verändern. Und zwar so, dass das auch den vier gewichtigen Männer nicht gefallen würde. Der Initiator der Gespräche, Landgraf Philipp von Hessen, macht Druck. Er weiß, was vom Ausgang der Verhandlungen abhängt. Die vier müssen irgendwie zusammenfinden. Alles andere bedeutet eine empfindliche Niederlage der evangelischen Stände und ein Triumph der Altgläubigen, also der Katholiken. Das Land könnte, wenn sich die vier Protestanten nicht einigen, ganz und gar in katholische Hand fallen. Und so etwas kann doch keiner der vier Männer wirklich wollen. Die Namen der vier protestantischen VIPS aus dem 16 Jahrhundert sind: Luther, Melanchthon, Zwingli und Ökolampad. Werden sie sich einigen? Es sieht nicht gut aus. Zu weit liegen ihre Auffassungen auseinander, obschon sie alle Anhänger bzw. Köpfe der Reformation sind. Ihr fragt euch, um was es bei der Debatte ging? Worüber stritten die denn eigentlich? Was war so wichtig, dass die Zukunft eines ganzen Landes davon abhängen sollte? Nein, es ging nicht um Steuern, Kranken- und Rentenversicherung. Auch nicht um eine Beteiligung am Krieg gegen den Terrorismus. Um so was geht´s heute, wenn die politischen Größen gefragt sind. Man kann es heutzutage kaum nachvollziehen, um was die sich damals stritten und was damals die Welt bewegte. Es ging um das richtige Verständnis des christlichen Abendmahls. Ein Thema von theologischer und politischer Brisanz, das zu einer Klärung herausforderte. Stellt euch einmal vor, SPD, Grüne, FDP und CDU müssten sich heutzutage um das Abendmahl den Kopf zerbrechen. Undenkbar! Einige von denen haben daran noch nie teilgenommen, viele von ihnen vielleicht kurz nach der Konfirmation.
Und knapp 500 Jahre vorher war es ein Politikum ersten Ranges. Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich. Das Abendmahl ein hochpolitisches Thema – kaum zu glauben. „Das ist mein Leib...,“ sagte Jesus vor 2000 Jahren. Und er löste damit einen Streit aus, der die Christen über Jahrhunderte hinweg beschäftigt. „Das ist mein Leib und mein Blut.“ Wie soll ich das denn nun deuten? „Dass Christi Leib wesenhaft und wirklich im Mahle da sei oder mit unserem Mund und Zähnen gegessen werde, das ... leugnen wir... es (ist) ein Irrtum.“ Mit solch deutlichen Worten grenzte sich Zwingli sowohl von den Katholiken als auch von seinem protestantischen Glaubensbruder Martin Luther ab. Das Abendmahl ist für Zwingli lediglich eine Art Erinnerung an die Gemeinschaft mit Christus, nicht mehr und nicht weniger.
Ob das auch die Überzeugung des gedankenlosen Kirchendieners war, der nach dem Abendmahlsgottesdienst den restlichen Wein kurzerhand hinter die Kirche kippte? Für Katholiken ist diese Handlung jedenfalls nicht zu entschuldigen. Nein, es muss für sie eine geradezu blasphemische Handlung sein. Aber auch für Lutheraner wäre dieser Kirchendiener nur schwer zu halten. Schließlich ist Christus in Luthers Augen „in mit und unter“ dem Brot und Wein gegenwärtig. Und der gedankenlose Kirchendiener schüttet den Wein hinter der Kirche aus – unglaublich!
„Das ist mein Leib!“ diesen Satz soll Luther damals trotzig auf den Tisch gekritzelt haben als Zwingli seine Überzeugung vom Erinnerungsmahl vortrug. Was gilt denn nun in der protestantischen Kirche? Ist Christus im Abendmahl präsent, wirklich da? Oder erinnern wir uns lediglich an ein längst zurückliegendes Ereignis? Fragst du dich auch manches Mal, beim Abendmahl, wie das gemeint ist mit den Worten: “Das ist mein Leib ... das ist mein Blut? Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass Christus auf einmal Wein und Brot sein soll, wie es in der katholischen Kirche behauptet wird… Auch die lutherische Meinung, Christus sei irgendwie „in, mit und unter“ die Abendmahlsgaben gemischt, ist nicht meine Sache. Aber kann er denn nicht trotzdem unter uns sein? In unseren Herzen und unserem Sinn? Kann er nicht bei und unter uns sein, beim Abendmahl, aber sicherlich auch woanders? Warum nicht jetzt und hier? Bei der Andacht, beim Frühstück, in der Lehrveranstaltung? Überall in deinem Leben? Gott und Christus lassen sich doch nicht einsperren. Nicht in das Brot und nicht in den Wein. Und sicherlich auch nicht in unsere eng begrenzten Denkvorstellungen. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ Da steht´s doch – in der Bibel! „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ Und wir sind heute Morgen sogar noch ein paar mehr!
Rainer HUY
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