„aha…“ alexander hat’s aufgeschrieben: Die geteilte Aufmerksamkeit. Social Media immer und überall?

Iphoneipadnetbook

“Was ist an dem Ding eigentlich so interessant? Sie geben mir das Gefühl, Sie seien an unserer Begegnung im Grunde gar nicht interessiert. Ich empfinde das als unhöflich. Und ich frage mich, warum Sie überhaupt hier sind.”

Da musste ich erst mal schlucken, als das kürzlich bei einer Fortbildung eine andere Teilnehmerin so direkt und unverblümt zu mir sagte. Irgendwie immer noch im Rundherum-24/7-Technik-und-Online-Modus des ReliCamps anderthalb Wochen zuvor, hatte ich auch hier ganz selbstverständlich iPad, iPhone und Bluetooth-Tastatur ausgepackt. Auf dem iPad schrieb und markierte ich Vortrag und Diskussion mit (sehr schöne und preisgünstige App: Notability!), auf dem iPhone warf ich hin und wieder einen Blick in den Twitterstream … und, ja, ich gestehe, auch auf die aktuell laufende Partie der Schach-WM. Als es bei der Fortbildung tags darauf gar um das Thema „Social Media“ ging, schrieb ich Vortrag und Diskussion mit Hilfe eines Etherpads öffentlich sichtbar, „live“ mit, twitterte auch ein wenig dazu und brachte die eine oder andere Reaktion „von außen“ in die Diskussion ein (bei der Schach-WM war zum Glück Ruhetag).

Immerhin drei weitere Teilnehmer neben mir hatten Netbook oder iPad vor sich auf dem Tisch; so fühlte ich mich nicht ganz alleine – aber freilich kein Vergleich zum Relicamp mit 100% Techniknutzungsdichte … Ohnehin glaubte ich, dass zumindest Note- und Netbooks mittlerweile in solchen Runden akzeptiert sind. Der Umgang mit dem iPad, zumal in Verbindung mit einer Bluetooth-Tastatur, provoziert gar nach wie vor die eine oder andere bewundernde Rückfrage. Abschätzige Blicke bin ich freilich auch gewohnt, versuchte sie aber bislang zu ignorieren, weil ich sie als Unverständnis gegenüber meiner „Arbeitsweise“ deutete. Dass der Umgang mit diesen Geräten in ihrer Gegenwart von manchen Mitmenschen tatsächlich als unhöflich, als Herabsetzung ihrer Person erlebt wird, diese Erkenntnis überraschte mich.

Und sie löste ein Nachdenken aus. Selbstkritisch muss ich zugeben, dass ich im lockeren Gespräch zu oft das Smartphone zur Hand nehme. Darauf will ich künftig achten. Eine Mail, eine Twitternachricht hat doch immer ein paar Minuten Zeit, auch wenn die Neugier zerrt, sobald es in der Hosentasche vibriert.

Aber in Arbeitssitzungen? Welchen Unterschied macht es, ob ich eine Diskussion mit Papier und Stift, Laptop oder iPad mitschreibe? Die Nutzung der technischen Geräte verringere den Blickkontakt, hieß es, und damit verändere sich das Empfinden, das andere von meiner Aufmerksamkeit ihnen und dem Thema gegenüber haben. Aber kann dieses doch recht subjektive Empfinden ein Grund sein, meine Arbeitsmethode zu ändern? Soll ich – wie im vormobilen Zeitalter – handschriftliche Mitschriften anfertigen, um sie erst später zu digitalisieren, ein Vorhaben, das früher schon meist auf der Strecke blieb? Und ist es nicht auch eine Unhöflichkeit mir gegenüber, mir von vorneherein zu unterstellen, ich beschäftigte mich mit anderen Dingen, nur weil ich moderne Technik benutze? Dass ich damit also „nur herumspiele“?

Es ist nicht Desinteresse am „real life“, was mich motiviert, mich parallel dazu in die „virtual reality“ zu begeben. Sondern im Gegenteil: Was ich erlebe und erfahre, sehe, höre und lerne, finde ich immer wieder so interessant, dass ich es mitschreibe und darüber hinaus nicht für mich behalten will. Ich gebe weiter, wovon ich meine, dass es auch für andere wertvoll, nützlich zu wissen oder manchmal auch einfach nur schön oder amüsant ist.

Als Hanno Terbuyken, Portalleiter bei evangelisch.de, zur ReliCamp-Eröffnungskeynote in Frankfurt überleitete, tat er das mit den Worten: „Wenn ich kurz um eure geteilte Aufmerksamkeit bitten dürfte …“. Hinter dem vordergründig amüsanten Wortspiel steckt aus meiner Sicht viel mehr: der Hinweis auf eine neue kommunikative Grundhaltung. Nein, die Aufmerksamkeit von uns „Onlinern“ ist nicht mehr ungeteilt. Aber es ist Aufmerksamkeit – in einer anderen Form. Die Aufmerksamkeit wird geteilt, geteilt mit anderen. Jede und jeder teilt das, worauf er oder sie aufmerksam wurde. Im Ergebnis ist das Gesamtbild aus der geteilten Aufmerksamkeit Vieler größer als dasjenige aus der ungeteilten Aufmerksamkeit Einzelner; letztere ist ohnehin nur ein unerreichbares Ideal. In diesem Sinn gilt: Geteilte Aufmerksamkeit ist nicht halbe, sondern vervielfachte Aufmerksamkeit!

Mit Liveblogs, Etherpads und Twitter ist eine neue Kultur und neue Qualität des Mitschreibens entstanden. Die Inhalte einer Sitzung verändern sich durch das gemeinschaftliche Erleben, das sich nun nicht mehr nur auf die Gemeinschaft der im Raum körperlich Anwesenden bezieht, sondern eine Entgrenzung erfährt. Das ermöglicht neue Erfahrungen und Wahrnehmungen.

Es stellt sich allerdings doch eine Etikette-Frage: Die Referentin zum Social-Media-Thema hatte ich zuvor noch gefragt, ob es ihr recht sei, dass ich ihren Vortrag gleich ins Netz weiterreiche. Bezüglich der Diskussion hatte ich mir diese „Erlaubnis“ von den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht eingeholt. Auch wenn ich die Diskussionsbeiträge anonymisiert weitergab: Durfte ich die „Onlinegemeinde“ einfach so mit in unsere Runde „einladen“? Für die ReliCamper ist das schon eine Selbstverständlichkeit.

Daher meine Frage(n) zum Freitag: Brauchen wir auch Guidelines, einen „Knigge“, für den Umgang zwischen „Analogen“ und „Digitalen“? Zwischen denjenigen, für die ihre Techniknutzung eine abgegrenzte Phase im Tages- oder Wochenablauf darstellt – und denjenigen, die morgens mit dem Internet aufstehen und abends damit zu Bett gehen? Wie sind eure/Ihre Erfahrungen mit Kommunikation und Höflichkeit unter On- und Offlinern in der Kohlenstoffwelt?

Zum Antworten auf „responses“ oder die Sprechblase daneben klicken.

Ihr und euer
Alexander Ebel

13 Gedanken zu “„aha…“ alexander hat’s aufgeschrieben: Die geteilte Aufmerksamkeit. Social Media immer und überall?

  1. Danke für die guten GedankenFür mich bleibt dennoch die Frage, was wir bei geteilter Aufmerksamkeit auch verpassen? Welche Zwischentöne und menschlichen Gesten uns verloren gehen, weil wir in dieser Sekunde auf das Schachspiel geschaut haben oder gern auch mal ein sachfremder, aber umso amüsanterer oder ärgerlicher Tweet unsere Aufmerksamkeit eingefangen hat? Die Sorge der anderen Anwesenden, dass man eben nicht nur arbeitet, sondern auch “spielt”, oder anderes als das im Raum stehende bearbeitet ist ja keine Paranoia, sondern Erfahrung, oder?Nein, kein zurück zur handschriftlichen Mitschrift, aber bewussteres Abwägen, dass wir eben nicht bei mehreren Dingen gleichzeitig da sein können – aber manchmal eben schnell wechseln und mehr teilen können!

  2. Du hast es richtig *gedreht*, finde ich. Da ich ähnlich Netz-affin bin, teile ich Deine Empfindungen, möchte aber noch etwas ergänzen: Nach meinem Erleben halte ich diese *guidelines* für nicht notwendig – es kommt ja auch niemand auf die Idee, bei solchen oder ähnlichen Veranstaltungen *guidelines* für die *Nichtvernetzen* vorzuschlagen. Ich denke, das beide Seiten in der Regel tolerant genug sind. Zudem möchte ich mich auch nicht dauernd dafür entschuldigen, dass ich ein anderes Schreibwerkzeug benutze als einen Kugelschreiber. Und noch eine Erfahrung: Mein Gegenüber möchte (zu Recht!), dass ich ihn in meiner Wahrnehmung ernst nehme. Ich erwarte das auch in gleicher Weise von ihm. Das setzt auf beiden Seiten immer eine gewisse Grundhaltung voraus. Und dann ist es egal, ob ich einen Notizblock oder ein iPad benutze.Kommunikation bedeutet Aufmerksamkeit, ganz sicher. Aber sie entsteht immer nur mit zwei Parteien. Das will man eben, oder eben nicht… ;-)

  3. Hmm, also im persönlichen Gespräch ist das sicher nervig, wenn da einer nur am iPhone rumbastelt, aber bei nem Vortrag? Vielleicht bin ich da zu univerwöhnt, wo die Profs sich damit auseinandersetzen müssen, daß Kommilitonen in der ersten Reihe bei nem Dosenbier die BILD lesen (gut, besagter Kommilitone wollte gezielt provozieren – er hat bei der Abschlußklausur im Gegenteil zu mir aber auch ne glatte 1 geschrieben). Ich denke bei solchen one to many/all Kommunikationen kann man nicht verlangen, daß jetzt nur Kugelschreiber oder gar Schiefertafeln benutzt werden. Das ist sicher auch gewöhnungsbedürftig für den ein oder anderen Dozierenden.Was die Weitergabe der Diskussionsbeiträge ins Netz angeht: Schwer zu sagen. Kommt auch ein wenig auf die Betroffenen an. Ich glaube das würde ich davon abhängig machen, wie ich die einschätze. Aber es wäre vielleicht nicht verkehrt anzudenken von Organisatorenseite, ob man nicht klare Regeln mit Widerspruchsmöglichkeit aufstellt, um für Klarheit zu sorgen. Also etwa: Sie können gerne Diskussionen ins Netz verbreiten, falls keiner Einspruch erhebt etc… Ein kurzer Satz am Anfang der Veranstaltung, ein Stimmungsbild, dauert höchstens ne Minute, und alles ist klar.

  4. Hallo Alexander,das Befremden anderer zumindest gegenüber der Twitterei kenne ich – neben dem geschilderten Ärgern über die geteilte Aufmerksamkeit wird man da gerne belächelt… Dabei bin ich nur ein kleiner Onliner: Tablet hab’ ich nicht und Netbook kommt höchstens zum Einsatz, wenn ich im Presbyterium Protokoll führen muss, dann meckert naturgemäss keiner…Regeln finde ich wie Chris eher unnötig, ein gewisses gegenseitiges Verständnis für den Gegenüber jedoch nicht! Anders sieht es bei der liveberichterstattung von Veranstaltungen aus – da kann ein Hinweis auf den gewünschten Umgang mit der virtuellen Öffentlichkeit von Nutzen sein.Das sage ich, edr von der letzten Synode getwittert hat – ich möchte nicht wissen, was die Synodalen dabei dachten, ich sass auch noch direkt vorm Superintendent. Und Fotos habe ich mit dem Smartphone auch noch gemacht: http://wp.me/pJFxU-1b0

  5. Ich für eine Etikette, wenn es darum geht, Referate, Kommentare, Diskussionsverläufe, besonders wenn Namen genannt werden, ins Netz zu stellen. Dass heißt es soll vorher geklärt werden, was, wie und wo verbreitet werden kann und darf. Öffentlichkeit mag einerseits zur Diskussion beitragen, allerdings kann es auch irgendwann zum Nachteil gereichen.Das jemand sein Netbook ect. zum Mitschreiben für den persönlichen Gebrauch (!)verwendet ist m.E. okay. Nicht okay finde ich in Seminaren, dass ständige Schauen auf Nachrichten, die auf dem Smartphone ect. auftauchen. Es muss auch ein oder zwei Stunden ohne gehen. Ich unterhalte mich ungern mit jemanden, der nur teilweise anwesend ist. Denn ich möchte Aufmerksamkeit, Respekt und Achtung meinem Gegenüber zollen und das gleiche erwarte ich auch von meinem Gegenüber. Denn dann brauchen wir uns nicht mehr persönlich zu treffen also nicht mehr face to face, dann reichen die Zeilen, die wir Facebook posten.

  6. Ungeteilte Aufmerksamkeit heißt: Sich jemandem wirklich zuwenden, nicht etwa nur die Seite zuwenden, richtige Distanz, alles andere ausblenden, sich nicht ablenken lassen, konzentriert auf mehreren Ebenen zuhören und Feedback geben. Wer das kann, kann Menschen für sich gewinnen. Selbst ohne Elektronik kann man hier viel falsch machen, mit Smartphones, Rechnern und anderen Ablenkern im Blickfeld ist man von vorherein chancenlos.

  7. Es ist toll, diese nahezu unbegrenzten Möglichkeiten der geteilten Kommunikation mit vielen Menschen anhand unserer technischen Möglichkeiten zu nutzen. Noch nie war es so einfach, auf dem Laufenden zu bleiben, Wissen zu teilen, Kontakte zu knüpfen, Informationen schnell weiterzugeben und auch zu bekommen….immer und ohne Wartezeiten. Ich nutze die Möglichkeiten gerne und sehr oft, nur…es macht uns auch wahnsinnig abhängig und ich sehe durchaus Gefahren darin. Online sein ist selbstverständlich geworden und beinahe lebensnotwendig, zumindest für einige User und das nicht nur beruflich. Nicht nur, dass wir von der uneingeschränkten Verfügbarkeit des Stroms und des Internets abhängig sind, wir sind öffentlich geworden, unser Leben ein- und durchsichtig für jedermann. Ich habe gewisse Hemmungen, mein Privatleben so an die Öffentlichkeit zu tragen. Auch beruflich ist es nicht unbedenklich, eine nachvollziehbare Spur im Netz zu hinterlassen. Ansichten, Einstellungen und Interessen waren bisher nur einer begrenzten Anzahl von Menschen in einem relativ überschaubaren Rahmen bekannt, nun fließen diese Infos ungefiltert in die weite Web-Welt. Die technischen “Hilfsmittel” sind in unserem Leben allgegenwärtig geworden. Kein Tag ohne. Das Vibrieren in der Hosentasche lenkt im Gespräch zweier Menschen sehr wohl ab, denn wer reagiert nicht darauf. Doch man traut sich auch nicht abzuschalten, denn es könnte ja … ja, was eigentlich? Es hat ein gewisses Suchtpotenzial, oder? Trotzdem nutze ich es auch und bin davon begeistert, nur mit gewissen Hemmschwellen ;-)

  8. Lieber Ed Ebel, ich danke zunächst mal für den geteilten und authentischen und bestens mit Tipps angereicherten Blogbeitrag – nicht nur, weil er mir ermöglicht hat, ungeteilt mein großes Familienfest zu meinem 50sten nach zu feiern.. ;)Auf dem ich im übrigen in mehr als einem Beitrag für meine spät berufene Twitterei auf den Arm genommen wurde. Als eben solche Old-Newcomerin muss ich sagen: Die Arbeitsweisen und die Aufmerksamkeiten besonders junger Leute haben sich längst verändert. Und inzwischen schreibe selbst ich vieles bei Sitzungen auch direkt ins Notebook und poste und wittere mal eben zwischendurch. Aber ich fühle weiterhin Unbehagen und Befremden, wenn wie heute am Bahngleis alle, aber wirklich alle der rund 20 Wartenden ! (hab´s gezählt!) entweder ihr Phone gestreichelt haben oder Knöpfe im Ohr hatten. I-zombies habe ich das in einem Blogbeitrag zu Beginn genannt. Und ich muss daran denken: Leben ist Wahrnehmen. Ungeteilt. Ungehindert. Die Nächsten hören und sehen. Hängt daran nicht auch ein gewisses Ansehen der Person? .. Nun ja, vielleicht ein wenig hochgegriffen. Aber achtsamer umgehen mit den medialen und den unmittelbaren Momenten, das wünsche ich mir. Und so gut und schön es sein mag, Inhalte zu teilen, würde ich eines nicht sagen: “Geteilte Aufmerksamkeit ist nicht halbe, sondern vervielfachte Aufmerksamkeit!” Für das unmittelbare Gegenüber bleibt geteilt eben geteilt, nämlich schlicht weniger …Bei der Masse an geteilten Meinungen und Inhalten muss ich überdies oft sagen: Weniger Weiterposaunen wäre mehr gewesen.Nichtsdestotrotz: Auf weiteres Geblogge, Getwittere und Geposte. Ohne allzuviel Guidelines, aber mit Gefühl!

  9. Vielen Dank für die (wie eigentlich immer) engagierte und gar nicht einseitige Diskussion! Jeder eurer/Ihrer Beiträge gibt mir etwas zum (Weiter)Denken, Einhaken, Anknüpfen. Ich versuche mich auf einige Schlaglichter zu beschränken:
    1. Die Befürchtung, etwas zu “verpassen”: Was verpasse ich alles in der direkten körperlichen Gegenwart, wenn ich mich von meinen Gadgets so ablenken lasse? Und lasse ich mich ablenken, weil ich befürchte, online etwas zu verpassen? Hinter diesen Fragen steht für mich, wie ich auch im Beitrag geschrieben habe, ein illusionäres Ideal: die Vorstellung nämlich, ich könnte “alles mitbekommen”, sei es in der Kohlenstoffwelt, sei es in der Siliziumwelt. Tatsächlich ist es weder hier noch dort möglich. Ich nehme immer nur selektiv wahr.
    2. Das Handy auf dem Tisch scheint bei manchen besonderes Befremden oder Ärger auszulösen. Ich gebe zu bedenken: Ein Smartphone ist ein Kleincomputer. Es gab eine Zeit, da konnte man davon ausgehen, dass es sich um SMS-Kommunikation handelte, wenn jemand auf dem Handy herumtippte. Aber wenn ich will, kann ich heute Vortrag und Diskussion mithilfe der Bluetooth-Tastatur auch auf dem Phone mitschreiben. Und umgekehrt: Twittern, Surfen, Mailen, Spielen kann ich auch auf iPad oder Netbook/Notebook. Ein Fußballfan wird sich vielleicht zwei-, dreimal öfter auf den Weg zum Örtchen machen, um im Vorraum einen Blick aufs aktuelle EM-Spiel zu erhaschen. Wie ich hörte, sind in der einen oder anderen Landeskirche vor ein, zwei Jahren wieder Synodenstrickerinnen aufgetaucht. Und selbst wenn ich kein technisches Gerät auf dem Tisch habe: Bedeutet das zwangsläufig, dass ich besser zuhöre, anderen höhere Aufmerksamkeit zukommen lasse? Es muss ja nicht die BILD sein, aber FAZ, zeitzeichen, Pfarrerblatt? Der Aufsatz, den ich dringend “nebenbei” noch lesen muss? Wohlgemerkt: Ich will damit nicht der wilden Fremdbeschäftigung das Wort reden, sondern einfach nur die Wahrnehmung ein wenig “einnorden”: Elektronik bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich mich mit etwas anderem beschäftige – und keine Elektronik bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich voll bei der Sache bin.Nebenbei: Auch die “iZombies” am Bahngleis erscheinen uns doch nur so aufgrund der äußerlichen Uniformität der Elektroniknutzung. Doch in dem kleinen Kästchen steckt nun alles, was früher entfaltet war in Buch, Zeitung, Zeitschrift, Walkman, Gameboy, Fotoapparat, Portable-TV/DVD-Player, Laptop … Ich persönlich hatte jedenfalls früher genauso wenig Kontakte/Gespräche mit mir unbekannten Mitreisenden wie heute.
    3. Entscheidend ist darum nicht die Frage, was ich verpassen könnte, sondern doch vielmehr die Frage der Zuwendung (auf die Kommentator Thomas rekurrierte, obgleich ich mich bei seiner Beschreibung frage, ob dies, so verstanden, nicht auch eine Überforderung darstellt; aber ein hoher Anspruch an sich selbst ist ja erst mal nichts Schlechtes) – also: das rechte Gespür dafür zu entwickeln, in welcher Situation, welchen Menschen gegenüber nun welches Maß an persönlicher Zuwendung angemessen bzw. erforderlich ist. Im Tauf-, Trau-, Trauergespräch wäre auch bei mir alles Digitale abgeschaltet – außer vielleicht, um die nötigen Formalia gleich aufzunehmen; das würde ich von Situation und Gegenüber abhängig machen. Aber wie man sieht, ist das gegenwärtig manchmal schwer einzuschätzen, also doch lieber auf Nummer Sicher gehen und es grundsätzlich sein lassen? Im Konfi-Unterricht würde ich überlegen, ob und wie die im Raum sicher ohnehin anwesende Elektronik sich didaktisch nutzen lässt, wenigstens hin und wieder. Ein Gemeindefest wäre eine hervorragende Möglichkeit, “live” Eindrücke und Bilder zu posten, aber vermutlich hätte ich dazu aufgrund der unzähligen Begegnungen und Gespräche keine Gelegenheit. Nun, halt weiterdenken: Warum dafür nicht ein Social-Media-Team aufbauen, das – z.B. in Schichten eingeteilt – diese Aufgabe übernimmt? Zu sorglos geht “man” (ich) womöglich mit Familienangehörigen und Freunden um; die kennt man gut, die kennen einen gut, da meint “man”, es sich – zumal im alltäglichen, lockeren Miteinander – erlauben zu können.
    4. Was die “geteilte Aufmerksamkeit als vervielfachte Aufmerksamkeit” betrifft, so ist dies natürlich eine zugespitzte Formulierung. Sie bezieht sich allerdings auf die tatsächliche Erfahrung, die ich in den vergangenen Wochen mit der Mitschrift von Referaten, Vorträgen, Diskussionen über Etherpads gemacht habe. Beteiligen sich mehrere Personen an dieser Etherpad-Mitschrift, so ist diese hinterher vollständiger, als wenn nur eine Person mitschreibt. Fehlerkorrekturen, seien es Tippfehler, Verständnisfehler oder Überhörer in der Argumentation, können von anderen Online-Mitarbeitern noch während der Veranstaltung vorgenommen werden.Und die zweite Erfahrung hat mit der Kürze-Würze bei Twitter zu tun: Will ich solche Inhalte twittern, bin ich gefordert, sie schnell aufzunehmen, zu verarbeiten und in 140-Zeichen-Happen zu bringen. Ich meine: Unaufmerksamkeit sieht anders aus.
    5. Was ich der Diskussion ungeteilt ;-) entnehme, ist allerdings das Plädoyer für Sensibilität und Vorsicht in Bezug auf “ungefragte Live-Berichterstattung”.
    6. Schließlich noch zwei Hinweise zum Thema im weitesten Sinn:- Burkhard Heidenberger schreibt über “Aktives Zuhören”:http://www.zeitblueten.com/news/2012/aktives-zuhoeren/- Und die aktuelle Ausgabe des blick magazins aus der EKKW befasst sich mit dem Thema “Miteinander kommunizieren”. Bzgl. unserer Diskussion sind vor allem die Seiten 4-6 interessant:http://www.ekkw.de/blick-in-die-kirche/download/Magazin_Kommunikation(1).pdf

  10. Ich finde es gut, dass sich Pastoren ins Netz begeben. Blogs sind eine gute zusätzliche Gesprächsmöglichkeit. Interessant auch, wie reflektiert Ihr dabei seid. Freut mich. Die Möglichkeiten des Netzes werden bei Kirchens noch zu wenig genutzt und wahrgenommen. Sie bieten Chancen, aber auch Herausforderungen.Auch im Netz ist es wichtig, ganz da zu sein. Wenn ich mir hier zum Beispiel die Kommentarfunktion anschaue, finde ich es bedauerlich, dass man nicht alle Kommentare auf einmal sehen kann, ohne noch einmla zu klicken. Die Texte sind noch zu lang und zu vergrübelt. Aber das übt sich mit der Zeit. Eigentlich ist gegen lange nachdenkliche Texte nichts einzuwenden, aber man braucht dann schon eine hohe Nutzerbindung und gute Geschichten. AAber lasst Euch/lassen Sie sich davon nciht entmutigen. Es gibt im Netz Spannendes zu entdecken und mitzuteilen. Wir sollten die Freiheit nutzen, solange es sie noch gibt. MIt Rat und Tat stehe ich gerne zur Seite. E-Mail ist ja da. Viel Freude und WEITER SO!

  11. Danke für das in konstruktive Kritik verpackte Lob. Oder in Lob verpackte konstruktive Kritik? Egal. Was die Sache mit den Kommentaren betrifft, wird sich das hoffentlich lösen, sobald wir zum selbstgehosteten WordPress-Blog wechseln. Das geschieht bald. Demnächst. Also kurz- bis mittelfristig. Sobald ich Zeit habe. Und nicht schon im Urlaub bin :-)Und “zu lang und zu vergrübelt”. Hm, muss ich drüber nachdenken *grübel* …

  12. Lang Texte sind nichts Schlimmes, wenn man seine Leser hat. Wer sehr lang schreibt, ist der hier: http://faz-community.faz.net/blogs/stuetzen/archive/2012/06/27/das-platzen-de…Von dem kann man über Kommunikation im Internet viel lernen, gerade weil er kritisch gegenüber allen möglichen Entwicklungen ist, z.B. Facebook, Twitter etc. Er zeigt, dass die INhalte das Wesentlich sind. er hat mehrere Blogs, wo man mal reinlesen sollte. Meist sehr polemisch, aber auch sehr lehrreich:Hier die Links:
    http://www.blogbar.de
    http://www.rebellmarkt.blogger.de
    Für Eure Arbeit wäre auch das FAZ-Blog “Deus ex Machina” spannend, weil es da immer wieder über Internet “an sich” geht.Hier auch ein Link dahin: http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2012/06/30/ich-weiss-dass-ich…Und im übrigen: Weiter so!

  13. Pingback: “aha…” Religiös ansprechend sein. | protestantisch pfälzisch profiliert

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