“mmh…” Passion Mensch. Anders einkaufen.

“Rainer, schau, wie goldisch”, ruft die Kassiererin über die Warteschlangen und hält das Eis in Schlumpfform hoch. Mein Patensohn trippelt neben mir, wartet, dass der Schlumpf in seinen Händen landet, doch Rainer mit der Topffrisur schaut nicht auf. Er scannt drei Reihen weiter stoisch die Waren auf seinem Band. “Goldisch!”, krächzt der Kassenengel lauter. “Wo gibt’s des bei uns?”, fragt sie mich verzückt.

“Jou, Ute, do hinne in de Kühltruh, kenn ich schunn”, antwortet Rainer für mich. Seine Aussprache ist verwaschen. Der Blick von Ute hellwach. Weiterlesen

“mmh…” Das Gesetz des (Weihnachts) Marktes

Advent, Advent, der Euro rennt. „Von draus aus Osten komm ich her und muss euch sagen, es weihnachtet sehr.“ Ja, in Potsdam, Halberstadt und Rostock schon lange. Da öffneten die Weihnachtsmärkte bereits vor dem Ewigkeitssonntag ihre Lebkuchen-pforten. Wer will auch schon ewig drauf warten? „Die Händler“, heißt es zur Begründung, „beklagen die kurze Adventszeit in diesem Jahr“.

Ha! Jault da unsereiner auf. Was für eine „Entwertung der Adventszeit,“ eine Verbeugung vor dem Gesetz des Marktes. Alles beugt sich Gott Mammon. Ja, zum Teufel. Aus dem Fest der Liebe ist längst ein lukratives Geschäft geworden. Das erinnert mich irgendwie… genau, an weitere Schlagzeilen dieser Tage, an den Streit ums Geld in der Diakonie. Denn, so der Tenor, aus der tätigen Liebe sei auch ein knallhartes Geschäft geworden.

Klar, in Caritas und Diakonie zählt das Marktgesetz. Und auf dem Pflegemarkt werden Mitarbeitende oft ebenso schlecht bezahlt wie behandelt. Rund um´s Urteil zum Streikrecht sah ich einige schnaubende Sendungen wie „Gott hat hohe Nebenkosten“. Berechtigt oder nicht. Die Marktwirtschaftende Diakonia muss sich (auch von den Mitarbeitenden) fragen lassen, inwieweit noch drin ist, was drauf steht. Liebesgebot und Marktgesetze gehen nicht leichthin Hand in Hand.

Drum steht eine Haushaltsetat-Kirche kaum selbstredend an der Seite Jesu, der die Händler aus dem Tempel vertreibt. Längst händeln und wirtschaften wir kräftig mit. Vielleicht sogar mit gutem Grund. Wer also, zurück zum Glühweinduft, mag den Händlern, kleinen erzgebirgigen Handwerksbetrieben gar, wie weiland Joseph, ihr Jahreshauptgeschäft verderben?

Die klammen Kommunen setzen konsequent auf Kohle statt aufs Kirchenjahr. So viele K´s dieser Satz enthält, so wenige Tage dieser Advent. Dadurch stimme das „Kosten-Nutzen-Verhältnis“ nicht. Aua. Gesagt hat´s der OB von Halberstadt, Michael Haase, seines Zeichens – nein, kein Linker – Christdemokrat. Nu ja, wie gesagt, letztlich nur korrekt im benachteiligten Osten. Jetzt, da geflügelte Jahresendfiguren wieder Engel heißen, dürfen sie auch gut kapitalistisch vermarktet werden. Wer will es den Heiden verdenken, wenn sie sich ihr Fest zurückholen?

Nu mal ernst: Dieses Fest zur Wintersonnwende kam lange ohne Christkind aus. „Doch, doch denne kenn ich…“, stirnrunzelt der Vater vor der lebensgroßen Krippe auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt. Sein Kleiner steht Liebesapfelverschmiert und fragend vor dem Jesuskind in Holz. „Jou, des war, des is der aus dem Erzgebirge. Der macht die hier nebenan, ooch in kleen, ne.“ Tja, nicht nur im Osten muss vom Christkind neu erzählt werden. In Thüringen haben das Theologiestudenten auf dem Weihnachtsmarkt angeboten, Touri-Führungen „zur Krippe“ sozusagen.

Ach, Erfurt, einer der schönsten Märkte, am Fuße des Doms. Glocken läuten, nicht irgendeine, die Gloriosa. Da schmeckt der Glühwein gleich besser, am besten übrigens am Stand mit dem Pfalzwein. Kinderchöre unterm Riesenrad. Dazu Posaunen. Dieses evangelische Engelsblech, das die Herzen höher schlagen lässt. Meins zumindest. Gut, für christlich Unmusikalische klingt „Tochter Zion“ auch nur nach dem Gedudel im Kaufhaus. Kurzum: Lässt sich da noch missionieren, mitten im Markttreiben? Also rein mit uns und unserer Botschaft…

Oder ist der Weihnachtsmarkt schlicht Markt? Wir halten uns raus, setzen auf unser ureigenes Geschäft, öffnen die Kirchen. Sorgen für Adventsandachten, Adventskonzerte, für Atempausen zwischen dem Marktgerausche. Und dann laden wir zum Geburtstag ein, feiern Christfest statt Weihnachten. Ja, schaffen das Wort Weihnachten überhaupt ab. Wobei wir ja alljährlich unter dieser „Marke“ das „Hauptgeschäft“ betreiben. Ach, ich weiß auch nicht. Ihr vielleicht?…

Wie geht ihr um mit dem Gesetz des (Weihnachts-)Marktes?

Bleibt frech und fröhlich
Eure Mechthild Werner

“mmh…” mechthild meint heute: Diakonie. Warmer Geist gegen rauen Wind?

Die Synode tanzt. Nein, nur fast. Aber sie singt und klatscht in Bad Herrenalb. Wie wir bereits der Twitterwelt verraten haben… Gestern, am Tag zwei. Zum Schwerpunktthema Diakonie. Bunte Videobotschaften aus allen Bereichen der Pfalz. Eine ermutigende Einführung von OKR Sutter und ein pfingstliches Grußwort von Sozialministerin Malu Dreyer. Doch, der Heilige Geist weht. 

Selbst durch die Diakonie-Diskussionen. Allerdings muss der Geist da recht kräftig pusten. Denn “der Wind weht rau”, meint Prof. Uwe Becker in seinem Referat. Und seine Worte klingen auch so: “Vermarktlichung. Kostensenkungsdruck. Konkurrenzdruck.” Ja, Kirche und Diakonie haben offenbar Druck. Wie gehen wir um mit der “Ökonomisierung des Sozialen”?

Druck, die Kosten zu senken. Druck, mit dem gesunkenen Image umzugehen. Angefacht von Verdi rauschen derzeit kirchliches Arbeitsrecht, Streikverbot, der dritte Weg durch die Medien. Bis hin zur Frage: “Verletzt die Diakonie die Menschenrechte”? Statt gemeinsam zu fragen, wie die Rechte bedürftiger Menschen zu wahren wären. Eine falsche Frontstellung gegen die Kirchen sieht Prof. Becker hier. 

Doch was ist der diakonische Mehrwert, damit wir nicht in einen “sinnlosen Betrieb” verfallen? Oder sind wir da schon längst gelandet? Die Schwestern und Pfleger im kirchlichen Krankenhaus haben genau so viel oder besser viel zu wenig Zeit für “humanitäre Extras” wie die in einem kommunalen. 

Und was ist der Auftrag, das diakonische Profil, über humanitäre Hilfe hinaus? Arbeitslose, Menschen in Armut etwa sind nicht nur in materieller, sondern auch in persönlicher Not. Keine Arbeit haben, heißt kein Ansehen, nichts “ihr Eigen” nennen können. Das gilt ähnlich für Menschen mit Behinderungen. Sie fühlen sich oft isoliert, anonymisiert, ausgegrenzt. Ziehen sich ins Private zurück. 

Eben da liegt laut Uwe Becker die Herausforderung: Die in der Öffentlichkeit Unsichtbaren wieder in die Mitte holen. Aber “unbehandelt” – ein treffendes Wort – unbehandelt und nicht als neu entdeckte Objekte der Barmherzigkeit. 

So aber werden sie häufig beschrieben. Wie in der EKD-Denkschrift “Gerechte Teilhabe”: “Arme haben ihre Stärken…, Spontaneität, in der Fähigkeit zu überleben, im Humor.” Gut gemeint, aber nicht gut gesagt. Diese Form von “bildungsbürgerlichem Fürsorgepaternalismus” sollte laut Becker längst vorbei sein. 

Wie könnte das stattdessen gehen: Die Unsichtbaren wieder sichtbar machen. Räume für alle eröffnen, offene Begegnungen, Nachbarschaftshilfe. Mehr Miteinander pflegen, in den Kirchengemeinden, in der Stadt, im Dorf, im Quartier? Diakonie ganz groß – jenseits der großen Einrichtungen. Gegen den rauen Wind ein warmer Geist. Gibt’s Hoffnung? Das habe ich gestern Prof. Becker gefragt. Und frage es heute zum Freitag… 

Frischer Wind in der Diakonie?
Antworten gleich hier unten … 

Bleibt frech und fröhlich
Eure Mechthild Werner

 

Diakonie-Schwerpunkt der Landessynode: Professor Uwe Becker im Gespräch

“Am Rande der Synode”, wie man so schön sagt, hat Mechthild Werner den Hauptreferenten am zweiten Sitzungstag, Pfarrer Prof. Dr. Uwe Becker von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, noch zum Kurzinterview gebeten – und die entscheidenden Knackpunkte aus seinem Vortrag zum Schwerpunktthema Diakonie angesprochen:

Interview_Becker.mp3
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Liveblog: Diakonie im gesellschaftlichen Wandel – Hauptreferat von Professor Uwe Becker (Düsseldorf) zum Schwerpunktthema der pfälzischen Landessynode