“mmh…” Passion Mensch. Anders einkaufen.

“Rainer, schau, wie goldisch”, ruft die Kassiererin über die Warteschlangen und hält das Eis in Schlumpfform hoch. Mein Patensohn trippelt neben mir, wartet, dass der Schlumpf in seinen Händen landet, doch Rainer mit der Topffrisur schaut nicht auf. Er scannt drei Reihen weiter stoisch die Waren auf seinem Band. “Goldisch!”, krächzt der Kassenengel lauter. “Wo gibt’s des bei uns?”, fragt sie mich verzückt.

“Jou, Ute, do hinne in de Kühltruh, kenn ich schunn”, antwortet Rainer für mich. Seine Aussprache ist verwaschen. Der Blick von Ute hellwach. Weiterlesen

“mmh…” Sommerharmonie und Barliturgie

Psst, ihr Leser und Lauscher zwischen WordPress, Facebook und NSA, ich bin wieder da … aber nein, nicht mit dem Dauerlauschthema. Viel zu heiß für das Sommerloch. Lieber noch ein wenig kühl blieben, wo immer ihr weilt, zwischen Bürowüste oder Stranddüne. Der Hochsommer hat uns jedenfalls alle. Und er singt und swingt auf seine Weise, wie eure Summermusic eindrucksvoll belegt.

Meine Musik dieser Wochen: Fado und Techno im portugiesischen Madeira. Passt zusammen wie die Menschen in jener Bar am Rande der Hauptstadt Funchal, hoch über der Klippe. Am Abend, die Sonne blinzelnd ins Meer gerutscht, ein mildes Lüftchen unterm Akazienhain. Weiterlesen

“mmh…” Ein (un)vergesslicher Engel

“Am Sonntag, da macht Nadine richtig den Engel“, nuschelt Justin aus dem Plätzchenmund. Gerade mal fünf Jahre alt, ist er mächtig stolz auf seine große Schwester. Und er fühlt sich für sie verantwortlich. Denn die elfjährige Nadine ist anders. „Mongo“ wird sie gerufen, erzählt sie mir und ahnt, das ist nichts Nettes. Aber heute hat sie nur Grund, zu strahlen: „Hast Du gesehen, ich war der Engel, gell?“

Ja, ich hab sie gesehen, bei der Probe zum Krippenspiel ihrer Schule. Nur einige Lehrer und Mütter waren dabei und ein paar Freundinnen, so wie ich. Aber für Nadine und alle, die mitspielen – Kinder mit und ohne Behinderungen – da ist die Generalprobe schon aufregend genug. Die Kleinen fiebern in der kalten Kirche, bis es endlich losgeht. Besonders Engel Nadine, mit rotglühenden Backen.

Sie betritt die Szene, mit Flügeln wie die anderen, aber nicht mit wallendem Haar sondern mit einer arg zerzausten Wollmütze. Denn die gehört zu Nadine, die mag sie niemals ausziehen.  Feierlich schreitet sie auf die Empore. Ein nervöser Blick unter ihrer bunten Mütze nach unten, auf Maria und Josef und die Hirten. Nun liegt alles an ihr. Den Hirten soll sie verkünden: „Sie-he ich …“ Stockend kramt sie in ihrem Gedächtnis. „Ich, ich… sie-hie-he…“

Einige halten schon etwas verlegen die Luft an. Ihr Bruder Justin sieht gebannt nach oben und vergisst fast zu atmen. Doch alle bleiben still. „Ich ver…“ Da stupst Nadine den Engel neben ihr etwas unsanft an und der souffliert “ich verkündige euch“. „Große Freude“ platzt Nadine heraus und ihr Gesicht leuchtet von oben noch mehr als ihre bunte Mütze. Und als wir alle aufatmen, ruft sie lauthals: „So, das wars!“ Und das wars.

So fröhlich haben wir uns da unten in der Kirche noch selten gefühlt. „Nadine macht am Sonntag richtig den Engel, da weiß sie den Satz“, meint Bruder Justin danach. Und ich sage zu seiner Schwester: “Für mich bist Du bist ein richtiger Engel.“ Denn niemand, den ich kenne, lacht so ansteckend wie sie. Nadine, das Mädchen mit dem Down-Syndrom ist anders. Nein, nicht immer ist sie fröhlich. Das ist eins von vielen Vorurteilen. In manchem hat sie es leichter, aber in vielem schwerer als ihr Bruder Justin.

Doch bei der Probe stand sie im Mittelpunkt. Montag war ihr Tag. Vielleicht kein Zufall, der 3. Dezember war der Welttag der Menschen mit Behinderungen. Wenn Nadine am Sonntag „große Freude“ verkündet, wird sie wieder ein Strahle-Engel sein. Und schon am zweiten Advent kommen wir Weihnachten näher. Kleine kommen groß raus, Schwache werden stark und Menschen werden einander Engel…

Und ihr so? Schon ähnliches erlebt?

Bleibt frech und fröhlich im Advent
Eure Mechthild

“mmh…” Das dumme B-Wort. Wer ist hier behindert?

Plötzlich schien er zurückgekehrt, de „Mä mit de abbene Bää“ aus meiner Pfälzer Gemeinde. „Der Mann mit ohne Beine.“ Er schwebt durch den Londoner Nachthimmel, das olympische Feuer in der Hand, die blauen Hosenbeine flattern leer im Wind. Eröffnung der Paralympics. Wieder ein großes Spektakel. Und doch mehr.

„Dieser Athlet hat beide Beine in Afghanistan verloren.“ Ich schlucke und überlege, wie sie den Ärmsten – ja, das denke ich unkorrekterweise – wohl herunterlassen. Schließlich bleibt er knapp über dem Boden schweben. Ein Ruck und da hängt er. Strahlend. Ich schlucke wieder, trockenen Mundes.

Die Kommentatoren mühen sich an jenem Abend so verkrampft um Lockerheit wie die Tage seither. Beschreiben Handicaps und Sportlerleben – „blind geboren, amputiert nach einem Unfall, spastisch gelähmt“ – und beschwören gleichzeitig „sportliche Höhepunkte“ herauf. Eine schamhafte Neugier macht sich breit.

Wie schafft man das, Tennis im Rollstuhl, einbeinig Weitspringen, einarmig Kraulen? Faszinierend, irritierend. Ebenso wie die Debatten um Punktesysteme und Prothesentechnik. Fährt es sich nun amputiert oder gelähmt einfacher, streiten zwei Handbiker. Zu lange Sprintfedern sind unfair, motzt Oscar Pistorius, der zur Olympiade solches selbst gehört hat. Dopingvorwürfe sozusagen. In den Medien glänzen Medaillenspiegel und die Werbung pirscht sich wie immer an die Schönen ran.

Also alles ganz normal? „Dieses Ja zu einem Leben, das nicht perfekt ist“, sinniert Bundespräsident Gauck. Und wird auf Twitter von Betroffenen gleich abgewatscht: „Unser Leben ist perfekt.“ „Also dieser Kampfgeist“, jubelt eine Moderatorin, „bei denen, die anders als wir Grund zum Jammern hätten.“ Oh je. Es bleibt beim Bemühen. Ohne Klischees, gar ohne “B-Wort” auskommen, wie ein Blogger fordert, scheint unmöglich.

Wie gut also, dass Betroffene selbst reden und selbstbewusst auftreten. Der „Mä mit de abbene Bää“, weltkriegsversehrt, wurde täglich an die Hauptstraße gerollt, saß bis Abends an seinem Platz. Da hatte er noch Glück. Nicht lange her, da wurden Behinderte versteckt, verleugnet, war körperlich gleich geistig behindert, wurde mein gehörloser Bruder trotz Hörgeräts angeschrien und angesehen, als wäre er nicht ganz gescheit. Seither hat sich vieles getan.

Aus Menschen mit Behinderungen könnten Menschen in der Mitte werden. Inklusion wird großgeschrieben. Manchmal nur auf dem Papier. „In einem Haus mit Behinderten?“, so hieß es just anlässlich eines geplanten Wohn-Projekts der Diakonie, „schön, aber mietmindernd, oder?“

Dennoch. Es geht deutlich voran, auch durch den Sport. Die größten Paralympics aller Zeiten setzen ein Zeichen. Wie Sportseelsorger Bode hofft, „auch für die Menschen mit Grenzen in dieser Gesellschaft“. In der Tat. Sportler mit und ohne was auch immer, sie laufen, ringen und reiten so, dass man fast vergisst… Fast, bis eine zweifingrige Siegerfaust gereckt wird. Dann zucke ich kurz zusammen. Und fiebere weiter mit. Wie Millionen Menschen in aller Welt und im Stadion.

Das Publikum in London wirkt ebenso leidenschaftlich wie die Sportler. Hemmungslos wird, wie nach jenem Tischtennismatch, gejubelt und geheult. “Also diese Emotionen“, stottert der Moderator, „ich will ja nicht sagen… ich weiß nicht, aber… das sieht man doch nur hier!“ Nun ja, ich glaube nicht. Nein, Paralympioniken müssen nicht emotionaler sein, nicht weniger ehrgeizig, nicht weniger siegen wollen. Sie dürfen einfach Sport machen. Und ganz selbstverständlich leben, mittendrin, oder ?

Was behindert uns?
Freue mich über Meinungen…
Bleibt frech und fröhlich
Eure Mechthild Werner