“mmh… mechthild meint heute”: Verteilungskämpfe. Koran, Bibel oder Bild?

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„Hey, hier ein Buch über den Sinn des Lebens, kostenlos!“ Klar habe ich genickt. Damals, als Studentin. Und schon hatte ich das Buch in der Hand: Dianetik. Die „Bibel“ der Scientologen. Blauäugigerweise dazu noch dem blonden jungen Mann meinen Namen hinterlassen – schwupps war ich drin in der Sektenkartei. Da wieder rauszukommen hat Zeit und Nerven gekostet. Von wegen kostenlos.

Danach war ich vorsichtiger. „Geschenkt? Nein, danke.“ Oder wie meine Pfälzer Oma zu sagen pflegte: „Mir nemmen nix!“ Was habe ich inzwischen schon alles nicht genommen. Hare-Krischna-Bücher, das Buch Mormon oder den Wachtturm. Dazu all die profane Werbung, Wegwerfwurfsendungen und bald die Jubiläums-Bildzeitung.

Die möchte ich auch nicht im Briefkasten. Selbst wenn das Hechelblatt von rechts bis links hoffähig geworden ist. Nach dem Motto, sind wir nicht alle ein bisschen BILD? Glücklicherweise nicht alle. „Nein, danke“, sagen einige und schütteln wie ich gewissenhaft den Kopf. „Mir nemmen nix!“

Nein, auch den Koran habe ich nicht genommen. Nicht weil er ein Hetzbuch wäre, wie die Islamophoben meinen (einmal mehr auch auf der Islamkonferenz vertreten). Er ist es nicht mehr als die Bibel, wenn sie einäugig und einseitig gelesen wird. Die Antwort ist schlicht: Bei uns in der Pfalz wurde er noch nicht verteilt, der Koran. Doch selbst wenn, werde ich sagen, „ach nö, danke“.

Denn ich habe schon einen Koran. Selbstverständlich. Auch als „Ungläubige“. Wir Christen blättern ja bekanntermaßen in ähnlichen Geschichten, stammen aus der gleichen Wurzel Israel. Doch wie oft habe ich im Koran gelesen? Kaum. Denn er versteht sich nicht von selbst. Heilige Schriften lassen sich lesen, aber sie sprechen erst durch den Glauben – und die Gläubigen.

Doch die Korankampagne ist nicht auf Gespräche aus. Sie heißt „Lies“, nicht „Sprich“. Angeblich geht es darum, Andersgläubige zu retten. Sozusagen lies oder stirb, ungläubig. Das ist nicht gerade das Bild, das tolerante, dialogbereite Muslime hierzulande abgeben wollen. Sie meinen, die Aktion der wenigen radikalen Salafisten schade dem Islam, sie gewinne keine Gläubigen. Das Gegenwerfen von Bibeln übrigens, das manche Christen vorschlagen, wird auch kaum jemanden gewinnen.

Heilige Bücher brauchen Botschafter. Und wenn einer nicht drüber reden will, ist das bereits die Botschaft. Der Koran, unters Volk verteilt wie ein Werbekatalog, wirbt für anderes. Er wird benutzt, im Kulturkampf oder gar für unheilige Kämpfe. Das zu beobachten steht sicher dem Staat an. Aber warum und wozu mir wer was in die Hand drückt, das muss ich schon selbst sehen und hinterfragen.

Viele Passanten haben den kostenlosen Koran erst mal angenommen. Doch dann? Lesen? Die meisten werden jedenfalls weder Muslime noch Islamisten werden, und das Buch landet… Eigentlich darf der Koran nicht auf den Müll, warnt wohltemperiert ein kirchlicher Pressesprecher, ja nicht mal auf den Boden legen darf man das heilige Buch. (Eine Warnung, die eigentlich von den Salafisten selbst kommen müsste, denn darauf stehen harte Strafen.) Nur gut, dass man mit der Bildzeitung beides machen darf.

Ja, wir haben Meinungs- und Religionsfreiheit. Jeder darf den Koran verteilen, die Bibel – anders als in Pakistan – oder dumme Dianetikbücher. Sogar billige Boulevardblätter können teure Werbekampagnen fahren. Aber jeder von uns darf im Zweifelsfall sagen: “Mir nemmen nix.“ Selbst wenn´s kostenlos ist. Denn wir haben schließlich auch Demokratie. Und tja, das Mitdenken aller, das kostet was…

Oder was meint ihr?
Antworten gleich hier unter responses.

Bleibt frech und fröhlich, eure
Mechthild Werner