“MiJ…” Matthias in Jerusalem: Auf Schritt und Tritt

Wir sitzen im Chorraum der Erlöserkirche im Stuhlkreis; Eltern, Kinder, ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter. Es ist die erste Krippenspielprobe am vergangenen Samstag. Eine Kollegin erzählt den Kindern die Weihnachtsgeschichte, die wir in diesem Jahr in einer besonderen Fassung spielen wollen: „Maria und Josef mussten nach Bethlehem…“.

Ich bleibe gedanklich daran hängen. „Bethlehem“ – In unseren Gottesdiensten und Liedern klingt das immer soweit weg, ein ferner Ort. Hier für die Kinder ist das anders, das wird mir in diesem Moment bewusst. Nur einige Kilometer sind wir von Bethlehem entfernt. Es ist so, wie wenn ich je nachdem, wo ich in der Pfalz bin, von Speyer, Rodalben, Kusel oder anderen Orten sprechen würde. Weiterlesen

“aha…” Krippe, Pech und Pannen…

Der kleine Hirte liegt am Boden, den Schlapphut halb übers Gesicht gezogen, neben ihm der Stab. Er liegt fast zu Füßen seiner beiden Hirtenkollegen. Die sind wach, lassen sich vom Engel die Furcht nehmen und große Freude verkündigen. Der Engel zieht ab, endlich kommen die beiden Wachen auf die Idee, ihren schlafmützigen Kompagnon zu wecken und zu informieren: “Wach auf, wach auf. Etwas Wunderbares ist geschehen. Ein Engel hat uns große Freude verkündet!”

Der kleine Hirte ist offenkundig bereit aufzuwachen und etwas zu erwidern, doch er scheint noch auf etwas zu warten, auf ein Stichwort. Weiterlesen

“mmh…” Ein (un)vergesslicher Engel

“Am Sonntag, da macht Nadine richtig den Engel“, nuschelt Justin aus dem Plätzchenmund. Gerade mal fünf Jahre alt, ist er mächtig stolz auf seine große Schwester. Und er fühlt sich für sie verantwortlich. Denn die elfjährige Nadine ist anders. „Mongo“ wird sie gerufen, erzählt sie mir und ahnt, das ist nichts Nettes. Aber heute hat sie nur Grund, zu strahlen: „Hast Du gesehen, ich war der Engel, gell?“

Ja, ich hab sie gesehen, bei der Probe zum Krippenspiel ihrer Schule. Nur einige Lehrer und Mütter waren dabei und ein paar Freundinnen, so wie ich. Aber für Nadine und alle, die mitspielen – Kinder mit und ohne Behinderungen – da ist die Generalprobe schon aufregend genug. Die Kleinen fiebern in der kalten Kirche, bis es endlich losgeht. Besonders Engel Nadine, mit rotglühenden Backen.

Sie betritt die Szene, mit Flügeln wie die anderen, aber nicht mit wallendem Haar sondern mit einer arg zerzausten Wollmütze. Denn die gehört zu Nadine, die mag sie niemals ausziehen.  Feierlich schreitet sie auf die Empore. Ein nervöser Blick unter ihrer bunten Mütze nach unten, auf Maria und Josef und die Hirten. Nun liegt alles an ihr. Den Hirten soll sie verkünden: „Sie-he ich …“ Stockend kramt sie in ihrem Gedächtnis. „Ich, ich… sie-hie-he…“

Einige halten schon etwas verlegen die Luft an. Ihr Bruder Justin sieht gebannt nach oben und vergisst fast zu atmen. Doch alle bleiben still. „Ich ver…“ Da stupst Nadine den Engel neben ihr etwas unsanft an und der souffliert “ich verkündige euch“. „Große Freude“ platzt Nadine heraus und ihr Gesicht leuchtet von oben noch mehr als ihre bunte Mütze. Und als wir alle aufatmen, ruft sie lauthals: „So, das wars!“ Und das wars.

So fröhlich haben wir uns da unten in der Kirche noch selten gefühlt. „Nadine macht am Sonntag richtig den Engel, da weiß sie den Satz“, meint Bruder Justin danach. Und ich sage zu seiner Schwester: “Für mich bist Du bist ein richtiger Engel.“ Denn niemand, den ich kenne, lacht so ansteckend wie sie. Nadine, das Mädchen mit dem Down-Syndrom ist anders. Nein, nicht immer ist sie fröhlich. Das ist eins von vielen Vorurteilen. In manchem hat sie es leichter, aber in vielem schwerer als ihr Bruder Justin.

Doch bei der Probe stand sie im Mittelpunkt. Montag war ihr Tag. Vielleicht kein Zufall, der 3. Dezember war der Welttag der Menschen mit Behinderungen. Wenn Nadine am Sonntag „große Freude“ verkündet, wird sie wieder ein Strahle-Engel sein. Und schon am zweiten Advent kommen wir Weihnachten näher. Kleine kommen groß raus, Schwache werden stark und Menschen werden einander Engel…

Und ihr so? Schon ähnliches erlebt?

Bleibt frech und fröhlich im Advent
Eure Mechthild