“mmh… mechthild meint heute”: (K)ein bisschen Frieden. Der Demokratie-Contest.

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Morgen abend ist es wieder soweit: Ta ta tatata ta taaa ta. Die Hymne zum Eurovision Song Contest. Diesmal wird Roman Lob den Tadel einfangen, wenn es nicht wie bei Lena oft genug heißt „10 Points for Germany“. Aber eins scheint klar, „0 Points for Democracy“. Das sagen kritische Stimmen über Aserbaidschan. Menschenrechte fordern, Boykott oder nicht Boykott, so tönt seit Monaten ein vielstimmiger Chor.

Sing for Baku“, hieß der Alternativcontest dieser Tage. Auf allen großen Plätzen verboten, traf man sich in einem Club und letztlich im kleinen Kreis. Der war sich allerdings einig: „Sing for Democracy“, für freie Menschen, für die Pressefreiheit. 

Man wolle den Contest nutzen, um die hässliche Seite hinter den Fassaden zu zeigen, meinen unter anderen die Reporter ohne Grenzen, Doch die meisten sind längst anderweitig unterwegs, berichten von der Crystal Hall, von Proben und Pressekonferenzen mit schönen Menschen. Kein Wunder, denn dafür sind sie ja gekommen.

Wer will schon mit dem Stadtplan von Human Rights Watch durch Baku schlendern: „Guck mal, wieder ein Gefängnis. Da gehen wir gleich mal rein und machen uns ein Bild.“ Andererseits. Muss man in einer Halle singen, an deren Stelle vor kurzem Menschen aus ihren Häusern vertrieben wurden, in einem Land, das Freiheit eher aus Songtexten kennt? 

 “We don’t need Eurovision, we want Democracy!” singen darum die Kritiker des schönen Scheins in Aserbaidschan. „We want it all“, meinen andere und setzen auf den Demokratieschub. Und da ist sie wieder, die Jetzt-nicht-Jetzt-erst-recht-Debatte. 

Warum finden mediale Großereignisse eigentlich immer in Demokratiefreien Zonen statt, zumindest gefühlt? Nun ja, in über 100 Ländern werden, nach jüngsten Angaben von Amnesty International, Menschenrechte verletzt. Allein beim Songcontest gäbe es als potentielle „12-Points-Winner“ Albanien, Armenien, Bosnien-Herzegowina, und – das gab´s schon mal – Russland und die Ukraine als Ausrichter. Der Europäische Dauer-Demokratie-Contest.

Apropos. Es soll ja Fußball gespielt werden in der Ukraine, aber gehen wir hin? Jein. Denn das Land hat ein Demokratiedefizit. Bekanntermaßen schon lange. Doch wenn internationale Scheinwerfer auch jenseits der Stadien Flutlicht setzen, muss debattiert werden. Einerseits. Aber andererseits, was bringt´s? Geht’s um Politik, um´s Geschäft, um den Sport, die Musik oder gar die Menschen? Das ist kaum auseinander zu halten. Und was bleibt, wenn die Spots wieder ausgeschaltet sind…

“Light your fire” heißt jedenfalls das Motto in Baku. Hoffentlich wird es Menschen geben, die den Mund aufmachen, die brennen für mehr Gerechtigkeit. Aber zuallererst hoffe ich auf Musik. Musik, die Menschen zusammenbringen kann. Gänsehaut beim Ta ta tatata ta taaa ta. Und vielleicht wird es bei aller glatten Show einige magische Momente geben, beinahe religiöse Gefühle.

Ach ja, das Wort zum Sonntag vor dem Contest gehört ebenso dazu wie die Reeperbahn-Party. Traumquote und Lampenfieber inbegriffen. Ich schwitze heute noch. 2003 stand ich live in Istanbul. Der deutsche Max sang „just can´t wait until tonight“. Tomorrow night singt Roman „standing still”. Und manches scheint tatsächlich still zu stehen. Denn worüber habe ich in der Türkei gesprochen? Über Menschenrechte. Und die Freude am Singen. Bei Nora Steen wird es morgen ähnlich klingen. 

Wie klingt euer Wort zum Samstag – sing for Baku? 
Worte direkt hier unten im Blog

Bleibt frech und fröhlich
Eure Mechthild Werner