“aha…” Heimat unser im Himmel. Und also auch auf Erden?

“Doo sin mir dehemm.” Ein bisschen Stolz, ein bisschen Zugehörigkeits-, Verbundenheitsgefühl, ein bisschen Nostalgie, das alles schwingt mit, wenn “der Saarländer” (ein jungianischer Archetyp?) sich zur Heimat bekennt. Auch ein wenig heiter-entschuldigendes Achselzucken ist dabei: so ist es nun mal, das musst du akzeptieren, denn das stiftet meine Identität, und davon kann ich nicht ab.

Das “Doo” (Hier, an dieser Stelle) führt allerdings leicht auf eine falsche Fährte. Denn “wo man daheim ist”, Heimat also, das lässt sich nicht auf die Geografie reduzieren. Heimat, da sind sich Stern und Spiegel im Anschluss an Herbert Grönemeyer einig, “Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl”. Weiterlesen

“mmh…” Tolle Toleranz. Lutherpreis für Pussy Riot?

Na, heute schon tolerant gewesen? Zur Halbzeit der Dekade heißt es nämlich ab vorgestern „Reformation und Toleranz“. Botschafterin Käßmann predigte zur Eröffnung in Worms, Toleranz sei nicht Gleichgültigkeit sondern “Interesse am anderen, am Gegenüber, an der anderen Religion oder auch am Nicht-Glauben”. Ui. Nicht leicht.

Auch das Themenheft spiegelt die Bandbreite des Begriffs. Samt der Einsicht: Toleranz ist keine kirchliche Erfindung und nicht gerade eine lutherische Tugend. Es galt und gilt also, weiter zu üben. Doch wie tolerant darf´s denn sein in Luthers Namen?

Etwa im Streit um den „Lutherpreis“, dem Preis, den der Bund der Lutherstädte verleiht. „Das unerschrockene Wort“ geht an Menschen, die für ihr mutiges Auftreten bereit sind, alles zu riskieren. Wie weiland Luther vor der Kaiserpapstmacht in Worms.

Angesichts der Putinstaatsmacht sind unerschrockene Redakteure wie Anna Politkowskaja ermordet worden. Der Chefredakteur ihrer Moskauer Zeitung wurde folgerichtig voriges Jahr mit dem „Lutherpreis“ ermutigt. Die Lobrede hielt Friedrich Schorlemmer.

In diesem Jahr wettert er. Und zwar gegen den „verheerenden Vorschlag“, Pussy Riot auszuzeichnen. Für ihr Punkgebet gegen Putins Demokratur und die kungelnde Kirche. „Maria erlöse uns von Putin. Heilige Sch…“ Eine Provokation in der Christus-Erlöser-Kathedrale. Obszön, übermütig, doch auch mutig. Denn der Wortlaut zeigt, es ging nicht gegen Gott sondern gegen die Mächtigen in der Politik und Kirchenpolitik.

Unerschrocken. Die Folgen waren erschreckend klar. Es gab keine Ordnungsstrafe, wie für Nachahmer hierzulande. Zwei der drei Feministinnen gehen zwei Jahre ins Straflager. Wegen zwei Minuten Aktion. Eine politische Motivation spricht man ihnen ab. Dabei waren die Wahlfälschungen im Dezember 2011 ein Anlass für die Kirchenaktion.

Pussy Riot unterstützt damals die massiven Proteste, singt öffentlich für eingesperrte Oppositionelle „Tod dem Gefängnis“. Patriarch Kyrill fordert indes Demonstranten auf, lieber an frommen Prozessionen teilzunehmen. Nachdem er zuvor empfohlen hatte, Putin zu wählen. Staatsfeinde sind Kirchenfeinde, so das Credo des Patriarchen. „Heilige Sch…“ also?

Verurteilt werden Pussy Riot jedenfalls wegen “Rowdytums” und “Anstiftung zu religiösem Hass”. Richtig, urteilt mancher auch hierzulande. Wenn die Strafe auch überzogen sei, gelte doch Null Toleranz bei „Blasphemie“. Auch Dauerprotestant Friedrich Schorlemmer empfindet den Auftritt als blasphemisch „und am falschen Ort provoziert.” Doch welcher Ort wäre richtiger gewesen, um zu provozieren, um himmelschreiendes Unrecht herauszurufen? Das Video ging um die Welt.

Ja, viele orthodoxe Gläubige waren verletzt. Die Drei haben sie um Entschuldigung gebeten. Andere begrüßten die Aktion aber auch als das, was sie sein wollte: Protestschrei. „Wir können nicht schweigen“, meint die freigelassene Jekaterina. Also doch das „unerschrockene Wort“? Es gibt andere aussichtsreiche Kandidaten. Die Aktionistinnen Preiswürdig?

Toleranz wäre wohl gefragt. Und Mumm, den lutherischen Mutpreis zu verleihen. Doch der scheint eher klein. Mancher mutmaßt bei der EKD bereits das „erschrockene Wort“. Die Dauermutige Margot Käßmann nannte den Vorschlag nun doch “mutig” und wünscht eine “Diskussion im lutherischen Sinne”. Als denn mal diskutiert.

Lässt sich eine solche Provokation in der Kirche tolerieren? Das heißt ja „dulden“, erdulden und nicht akzeptieren. Müssten wir nicht lauter gegen Menschenverachtung schreien als gegen Gotteslästerung? Null Toleranz gegen Intoleranz, in welchem Regime auch immer? Kurz gefragt…

Wie tolerant darf´s denn nun sein?

Bleibt frech und fröhlich
Eure Mechthild Werner