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Losung

Losung für Sonntag, 31. Mai 2020
Wehe denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und ihr allein das Land besitzt!
Jesaja 5,8

Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.
1.Korinther 12,13

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Angedacht


Andacht Pfingsten 2020

Liebe Gemeindeglieder, liebe Leserinnen und Leser,

um das vierte und letzte Element, das Feuer, soll es heute an Pfingsten gehen.

Die Naturwissenschaft erklärt uns, dass die Bändigung des Feuers einen Riesenschub in der Entwicklung des Menschen bedeutete. Ganz einfach, weil unsere Vorfahren sich damit ganz andere Nahrungsquellen erschließen konnten und das die Entwicklung unseres Gehirns enorm gefördert hat. Ohne die Nutzung des Feuers wären wir vielleicht heute gar nicht die, sie wir sind. Ohne Licht, das Feuer des Himmels, die Sonne kein Leben hier auf Erden. Aber halt im richtigen Abstand dazu. Auch das eine Erkenntnis der Wissenschaft.

Doch auch schon in der antiken Mythologie gibt es herrliche Geschichten vom Feuer. Etwa die des Prometheus, der Zeus das Feuer stiehlt und es den Menschen bringt. Als der erste Holzstoß auf Erden lodert, ist Zeus so sauer, dass er sich mit der Büchse der Pandora rächt, aus der alle mögliche Übel hervorkommen und sich über die Welt verbreiten, sobald man sie öffnet. Bald schon zeigt das Feuer, dass es zwei Seiten hat. Zum einen die, welche das Leben erleichtert und möglich macht, die nährt und wärmt. Auf der anderen aber auch die zerstörerische Kraft, die alles verbrennt und vernichtet, was ihr zu nahekommt. Wir haben das in den vergangenen Monaten überall auf der Welt in Form von Wald- und Buschbränden erleben müssen, wie verheerend Feuer sein kann. Feuer, es kann zur Bedrohung für den Menschen und alle Geschöpfe werden. Ein Symbol dafür ist darum seit alters her der Drache, der Feuer speit. Wie viele Geschichten und Sagen gibt es nicht, in denen mutige Ritter und Prinzen gegen Drachen kämpfen müssen. Hier bei uns kennt jeder noch die Sage von Siegfried, dem Drachentöter. Aber auch in der Bibel wird berichtet – im Buch der Offenbarung – dass der Erzengel Michael mit seinen Getreuen gegen den Drachen zum Kampf antritt. Feuer, so überlebenswichtig für uns, es kann auch zum Feind des Menschen werden, wenn es nicht gebändigt wird.

In der Bibel wird das Feuer auch mit dem Strafgericht Gottes in Verbindung gebracht. Denken wir nur an die Vernichtung der Städte Sodom und Gomorra, wo Gott Schwefel und Feuer vom Himmel regnen lässt. Jesus warnt in seiner Bergpredigt: „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig!“ Und in Matthäus 25 heißt es: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.“

Das Höllenfeuer, das Fegefeuer (was übrigens nicht das Gleiche ist!) als Symbol für Qualen und Schmerzen, Strafe und Verdammnis. Zeichen der Vernichtung und des Verderbens, der Bedrohung und Gefahr, Symbol des Todes.

Feuer. In der Bibel kann es auch für die Seite Gottes stehen, die uns fremd, unbekannt, unverständlich, ja manchmal unheimlich bleibt. Denken wir an die Geschichte vom brennenden Dornbusch, der brennt aber nicht verbrennt. Hier hält da Euer den Menschen Mose auf Distanz. Das Heilige lässt sich von uns nicht vereinnahmen, der Mensch ist nicht Gott, auch wenn wir das oft meinen und uns entsprechend verhalten. Mose muss die Schuhe ausziehen und den Blick senken aus Respekt vor dem Heiligen und um dessen Nähe überhaupt ertragen zu können. Doch: Was ist uns heute noch heilig?

In der Sage bringt Prometheus den Menschen das Feuer, weil er es gut mit ihnen meint. Denn das Feuer hat ja eben auch noch diese positive Seite. Es bedeutet Wärme und Schutz gegen die Kälte. Es bringt Licht in die Dunkelheit und gibt Orientierung. Das Feuer ist auch der Freund des Menschen. Und so bedeutet der brennende Dornbusch nicht nur Distanz, sondern auch Befreiung aus Unterdrückung und Sklaverei. Der Gott, der sich da zu erkennen gibt, ist der Gott, der mit uns auf dem Weg ist und bei uns ist.

Der Gott, der das Chaos ordnet und die Finsternis vertreibt, indem er am Anfang der Schöpfung spricht: Es werde Licht! Der Gott, der Leben will, schenkt und erhält. Und zwar alles Leben!

Der Gott, der im Dunkel wohnen will und es doch erhellt, wie es Jochen Klepper in dem Lied: „Die Nacht ist vorgedrungen“ gedichtet hat. Der Gott, der beides ist: Der verborgene und der offenbare, der Richter und der Retter, verzehrendes Feuer und das helle, barmherzige Licht.

Wo Feuer brennt, kann es sich ausbreiten. Das kann furchtbar sein oder auch segensreich. Denken wir nur einmal an die Pfingstgeschichte. Als der Heilige Geist – Feuerzungen gleich – auf die Jünger herunterkommt und sie begeistert, in Bewegung bringt, die frohe Botschaft der ganzen Welt auszurichten. Dabei werden dann Barrieren überwunden. Sprache, Herkunft, Stand und Ansehen spielen keine Rolle mehr. Alle sollen spüren: Wir gehören zusammen, weil Gott uns alle mit Licht und Leben, Wärme und Liebe, Hoffnung und Kraft beschenken will. So wird Feuer als Zeichen des unzerstörbaren Lebens von Gott.

Die ersten Jünger, sie waren sozusagen Feuer und Flamme für Gott, für seine frohe Botschaft an alle Welt. Doch auch dieses Feuer will gebändigt sein. Durch die Liebe, die Gott selbst ist. Wo das nicht passiert, wo Menschen meinen, sie hätten Gott jetzt ganz und gar erkannt, verstanden, seien ihm ganz nah, da wird aus Begeisterung für Gott, wird aus Glauben Fundamentalismus und Fanatismus, dem nur Hass und Gewalt entspringen, Zerstörung und Tod.

Das Feuer des Glaubens, der Gott tatsächlich die Ehre gibt brennt in uns, aber verzehrt uns nicht. Es mag uns auch einmal läutern, aber es verbrennt uns nicht – und erst Recht keine anderen. Es zieht uns an, wärmt uns, gibt uns Orientierung auf dunklem Weg. Das Licht der Liebe Gottes in uns, es ist ein ewiges Licht, eines das niemals erlöschen kann, wenn wir in der Liebe bleiben, die Gott selbst ist.

ER will uns anstecken mit der Flamme seiner Liebe, damit wir sie weitergeben und die Welt heller machen, wo immer wir leben und handeln. Gottes Liebe ist wie die Sonne, die am Morgen aufgeht und ihre warmen Strahlen auf die Erde schickt, die Licht und Leben schenkt, aber diejenigen verzehrt, die ihr zu nahekommen und die wohltuende Distanz nicht einhalten, weil es ihnen an Respekt vor dem heiligen mangelt.

Das Feuer, es ist unverzichtbar für unser Leben. Genau wie Gott. Richtig verstanden und recht verwendet ein Bild für die Liebe Gottes, die uns jeden Tag am Leben hält und die uns eines Tages zu dem bringen wird, der dieses ewige Lebenslicht in uns entzündet hat.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Pfingstfest!

 

Seien sie gesegnet und behütet!

 

Ihr Pfarrer Andreas Gutting


Andacht zum Sonntag 24.05.20

Liebe Gemeindeglieder, liebe Leserinnen und Leser,

Joseph Haydn, der Komponist, der „Schöpfung“, war ein frommer Mann und guter Katholik. Seine Partituren begann er oft mit den Worten: „In nomine domini“ („Im Namen des Herrn“) und er beendete sie wie Johann Sebastian Bach mit: „Soli deo gloria!“ („Allein Gott sei die Ehre!“)

Er gestand einmal: „Wenn es mit dem Komponieren nicht recht fort will, gehe ich im Zimmer auf und ab, den Rosenkranz in der Hand, bete einige Ave Maria und dann kommen mir die Ideen wieder.“ Und das steigert sich noch, wenn er schreibt: „Ich war nie so fromm als während der Zeit, als ich an der Schöpfung arbeitete. Täglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir die Kraft zur glücklichen Aufführung verleihen möchte.“

Vor dem grandiosen Werk des Schöpfers gerät ein Mensch in Staunen und Ehrfurcht. Welch ungeheurer Auftrag, die Erschaffung der Welt in Töne umzusetzen. Haydn folgt natürlich den biblischen Quellen, insbesondere der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose, die mit den Worten beginnt: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Kaum ein anderes Wort kommt in der Bibel sooft vor, wie das Wort Erde. Es sind mehrere hundert Stellen. Die Erde – unser Lebensraum, sie ist entstanden, lange bevor es uns Menschen gab. Was wären wir ohne sie?

Wie beruhigend ist es, wenn man mit beiden Beinen auf der Erde stehen kann, wenn man Grund und Boden unter den Füßen hat? Ohne die Erde könnten wir uns unser Leben doch gar nicht vorstellen. Ohne die Erde, auf der Pflanzen wachsen, Tiere ihren Lebensraum haben, mit und von denen wir leben. Auf der wir selbst unser Leben einrichten und gestalten. Die Erde – wieder eins vier dieser Elemente, ohne die wir nicht existieren könnten. Die Erde, sie ist der Raum in dem wir uns bewegen, in und von dem wir leben. Der heutige zweite Schöpfungsbericht im 2. Buch Mose lehrt uns sogar, dass Gott den Menschen aus Erde geschaffen hat. Adam heißt dieser erste Mensch. Das ist abgeleitet vom hebräischen Wort „adamah“ – Erde – und heißt so viel wie: „von der Erde genommen.“

Hier kommt zum Ausdruck, dass wir Menschen untrennbar mit der Erde verbunden sind. Wir sind ein Teil von ihr. Sie ist die Grundlage und Bedingung unserer Existenz und unseres Lebens, sie ist unser Schicksal. Wir bauen unsere Häuser auf ihr. Wir bestellen auf ihr unsere Felder, die uns ernähren und unser tägliches Brot geben. Auf ihr wachsen Bäume, die uns Früchte schenken und Sauerstoff zum Atmen spenden. So vieles wächst und gedeiht auf der Erde, das unser Herz, unsere Sinne, unsere Seele erfreut.

Wir Menschen sind Geschöpfe dieser Erde wie alles andere, was Gott geschaffen hat. Vermutlich deshalb nennen manche indigenen Völker sie auch „Mutter Erde“. Denn aus ihr kommt das Leben und zu ihr kehrt auch alles Leben wieder zurück. Ein Kreislauf des Werdens und Vergehens, umschlossen von der Erde, die für uns wie eine Mutter ist, die uns ernährt und erhält. Auch das können wir in der Bibel nachlesen: So sagt Gott nach der Vertreibung der Menschen aus dem Garten Eden: „Du bist Erde und sollst Erde werden.“ (1. Mose 3, 19) Denn in ihren Schoß kehrt alles Leben zurück. Uns so legen wir unsere toten in die Erde mit den Worten: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

In einem Lied unserer Tage heißt es: „Eine Handvoll Erde, schau sie dir an. Gott sprach einst: Es werde! Denke daran!“ Ja, eine Handvoll Erde sind wir Menschen bei Licht betrachtet. Nicht viel mehr. Wir sind aus Erde und werden wieder zu Erde. Ein winziges Staubkorn im riesigen Universum.

Dieser Gedanke hat auch den Psalmisten bewegt. Zum Beispiel in Psalm 8 wenn er betet: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und sie Sterne, die du bereitet hast; was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“

Verwundert schaut er ans Firmament und erkennt, dass wir Menschen, obwohl nur eine Handvoll Erde, ein Staubkorn im Universum, vom Schöpfer geliebt und angenommen sind. Darum kann er dann davon sprechen, dass Gott uns Menschen wenig niedriger gemacht hat als sich selbst, dass er uns mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt, uns zum Herrn über seiner Hände Werk berufen und uns alles zu Füßen gelegt hat.

Gott hat uns, die wir selbst nicht mehr sind als eine Handvoll Erde, diese Erde anvertraut, damit wir sie in seinem Sinn hüten und schützen, bebauen und bewahren, um sie als Lebensraum auch für künftige Generationen zu erhalten. Vor allem aber auch um eines zu tun: Ihn, den Schöpfer zu ehren. Ihn allein. In allem was wir tun. Soli deo gloria.

Allmählich beginnen wir zu begreifen – freilich ohne daraus wirkliche Konsequenzen zu ziehen – dass die Ressourcen unseres Lebensraums Erde begrenzt sind. Dass sie nicht einfach ein Objekt ist, das man hemmungslos und vor allem folgenlos ausbeuten kann, wie einen Steinbruch. Jeder von uns hat für seinen Bereich immer eine Ausrede parat, warum das, was er tut schon nicht so schlimm ist oder er allein ja doch nichts ändern kann. Und so geht der Raubbau weiter. Trotz der Tatsache, dass es sich abzeichnet, dass die Folgen schon für die Generationen, die bald nach uns kommen werden, dramatisch sein werden. Und manchmal denke ich, wenn schon nicht die Eltern, dass dann doch wenigstens die Großeltern für das Lebensrecht ihrer Enkel mit Klauen und Zähnen kämpfen müssten. Aber nichts passiert. Vielleicht hat uns der Krake unseres Lebensstils zu fest in seinen Armen gefangen und sind wir dem Gift der heutigen Zeit erlegen, das Gott durch Wachstum, Luxus, Schönheit und was weiß ich für moderne Götzen ersetzt hat.

Dem Duwamish – Häuptling Seattle werden, als die USA 1855 seinem Stamm anbietet, ihr Land abzukaufen, folgende Worte zugeschrieben: „Wir wissen, dass der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er braucht. Die Erde ist sein Bruder nicht, sondern sein Feind und wenn er sie erobert hat schreitet er weiter. Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern… Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wüste…Und erst, wenn der letzte Baum gerodet ist, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“ Und kein Handy, kein Smartphone, kein Auto, keine Klamotten und was uns heute noch alles so unentbehrlich scheint, um leben zu können.

Sollte Seattle die Rede nicht so gehalten haben, man müsste wünschen, es wäre so gewesen. Denn es ist ein eindrücklicher Appell, der Erde, unserer Mutter, wie sie auch Franz von Assisi nennt, mit Ehrfurcht und Freundschaft zu begegnen und nicht als etwas, das man bekämpfen muss oder darf.

Eine Handvoll Erde – kostbarer als Gold und Silber, wertvoller als alles Geld und alle Aktien dieser Welt. Geprägtes Metall und bedrucktes Papier: Was bedeutet das schon gegenüber der Erde, die uns das Leben ermöglicht?

Erde bedeutet Leben. Unsere Erde schenkt Leben – all ihren Bewohnern: Menschen Tieren, Pflanzen.

Sie sollte uns heilig sein. Denn sie ist vom Heiligen, von Gott selbst geschaffen. Wir sind von ihm beauftragt, sie zu bewahren. Um ihm die Ehre zu geben.

Soli deo gloria! Das ist der tiefste Sinn unseres Lebens. Wir sollten beginnen, unseren Auftrag ernst zu nehmen.

Seien Sie gesegnet und behütet!

Ihr Pfarrer Andreas Gutting

Andacht zum Sonntag, 17.05.20

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser,

nach dem Wasser, soll es heute um das zweite Grundelement des Lebens gehen. Die Luft.

Meistens können wir sie nicht sehen, schmecken riechen, anfassen, hören. Gott sei Dank.

Denn ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit in Ludwigshafen. Da konnte man die Luft oft genug riechen, bzw. das, was drin war. Und das war oft genug alles andere als angenehm. Natürlich: Heute sind Schadstoffe in der Luft manchmal nicht mit dem Geruchsinn wahrzunehmen und das macht sie deswegen nicht ungefährlicher.

Luft: etwas, was schwer zu greifen, zu erfahren ist. Wenn ich zu jemandem sage: Du bist Luft für mich, dann behandle ich ihn so, als sei er gar nicht da, als existiere er für mich nicht. Ist Luft so verstanden ein Bild für etwas, das gar nicht existiert?

Natürlich nicht. Sie umgibt uns von allen Seiten. Jeden Moment unseres Lebens. Wir atmen sie jede Sekunde ein und aus. Leben von ihr. Geht uns die Luft aus, dann ist es mit unserem Leben vorbei. Alles auf der Erde braucht Luft und Sauerstoff, um zu leben. Adam wurde ein lebendiges Wesen, als Gott ihm den Lebensodem einblies. So erzählt es der zweite Schöpfungsbericht. (1. Mose 2)

Luft ist also eine existentiell wichtige Lebensgrundlage für uns. Sie erst macht uns lebendig. Für mich ist sie mit den Jahren der Beschäftigung sogar zum Bild für die Seele geworden, das was uns eben lebendig, zugleich aber auch unverwechselbar macht. Was uns von Gott mitgegeben wird und was – unsterblich – zum Schöpfer zurückkehrt, wenn die Zeit gekommen ist.

Wie gesagt: Meist nehmen wir die Luft nicht wirklich wahr. Es sei denn wir blasen mit einem Strohhalm in ein Glas Wasser, dann sehen wir die Luftblasen aufsteigen. Wenn es kalt wird im Winter, dann sehen wir unsere Atemluft aufsteigen sehen. Wir können die warme Luft, die den Kaminen entsteigt beobachten.

Und manchmal kann sie laut werden, die Luft. Der Fahrwind auf dem Rad, oder im Auto. Oder schlimmer: Wenn ein Sturm losbricht. Dann heult der Wind, wir können die Gewalt sehen, hören und spüren mit der die Luft an allem zerrt, was ihr im Weg ist. Wir kennen die Bilder der Zerstörung, die solche Stürme anrichten können. Verheerende Urgewalt. Vor Jahren war ich einmal in Südfrankreich im Land der Katharer unterwegs und beim Besuch einer ihrer Burgruinen wurde ich aufgefordert, oben auf der Burg die Brille abzusetzen, weil dort Windgeschwindigkeiten von 130 und mehr Stundenkilometern gemessen würden. Es bestünde die Gefahr, dass die Brille in der Mitte brechen könnte. Also bin ich quasi halbblind auf die Burg und es war sehr beeindruckend, diese Kraft am eigenen Leib zu spüren.

Luft – eine Urgewalt, die alles mitreißen kann, was sich ihr in den Weg stellt. Uralte, große Bäume, Dächer, Häuser, alles. Ein Kraft, die ein ruhiges Gewässer – sei es Meer oder See – in ein brodelndes Inferno verwandeln kann.

Nicht zuletzt deswegen meinten die Menschen früherer Zeiten, in solchen Stürmen den Zorn der Götter zu erkennen. Und auch Martin Luther dürfte bei seinem Erlebnis im Gewitter bei Stotternheim nicht nur von dem einen Blitz, sondern der Kombination aus Blitz, Donner und Sturm so beeindruckt und verängstigt gewesen sein, dass er sein Gelübde, ins Kloster zu gehen, ablegte. Überleben natürlich vorausgesetzt.

Richard Strauß setzt dieses Grollen und Brausen eines Gewittersturms in seiner „Alpensinphonie“ eindrucksvoll musikalisch um. Fast meint man im Zentrum des Sturms zu sein, fast meint man Thor auf den Amboss schlagen zu hören, oder Donar mit seinem Feuerwagen am Himmel fahren zu sehen. Die Götter, an die die Germanen glaubten und die sei mit solchen Ereignissen in Verbindung brachten. Oder man fühlt sich mit dem Propheten Elia auf den Berg Horeb versetzt, wo es heißt: „Und ein großer, starker Wind, die die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; aber der Herr war nicht in dem Wind.“ Der Gott, der uns in der Bibel offenbart wird, ist eben nicht Thor oder Donar, nicht irgendein zorniger, drohender Donnergott. Eine ähnliche Erfahrung macht der widerspenstige Prophet Jona, der sich in dem großen Sturm als Opfer über Bord werfen lässt, um den (angeblichen) Zorn Gottes zu besänftigen. Wir wissen: Gott rettet Jona. Er will und braucht sein Opfer nicht, sondern hat ganz anders mit ihm vor.

Erschüttert, verängstigt haben sich wohl auch die Jünger in der Situation gefühlt, die in der Schriftlesung erzählt wurde. Wie hilflos und machtlos sind wir Menschen doch, wenn die Naturgewalten ihre ganze Kraft entfalten und wir ihnen ausgesetzt sind! Dann hilft manchmal wirklich nur noch beten: Herr Errette uns! Erbarme dich über uns! Zwiespältig, wie Feuer und Wasser, so ist auch die Luft. Sie kann alles in seinen Grundfesten erschüttern und durcheinanderwirbeln. Sturm, das heißt Bewegung, Kraft, Energie. Energie, die wir Menschen aber auch seit alters her nutzen. Die Windräder überall im Land sind ein modernes Beispiel dafür.

Im neuen Testament wird die Luft, der Wind, zum Bild für den Geist Gottes. Im Gespräch mit Nikodemus gebraucht Jesus diesen Vergleich: „Der Wind bläst wo er will und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3, 8)

Vom Geist Gottes, der unter die Jünger fährt berichtet Lukas dann auch in der Apostelgeschichte beim ersten Pfingstfest zu Jerusalem als ein Brausen vom Himmel geschieht wie von einem gewaltigen Wind. Viele fromme Leute hörten das und kamen vor das Haus, in dem die Jünger waren. Menschen werden in Bewegung gebracht, Grenzen überwunden, eine Bewegung setzt ein, die bis heute nicht endet, weil der Geist unter uns lebt und weht. „The wind of change“ so sang einmal die Rockgruppe „Scorpions“ als der eiserne Vorhang gefallen war. Für mich bis heute ein modernes Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn der Geist Gottes durch die Geschichte weht – wo er will!

Luft, Wind – zerstörerische Urgewalt, lebensspendendes Element, das allem Kraft und Raum zum Leben schenkt – die Vögel unter dem Himmel sind da ein kleines Beispiel dafür – und das unserer Seel so guttun kann. „Frühling lässt sein blaues Band, flattern durch die Lüfte… Nach langem Winter erweckt die laue Luft wieder unsere Lebensgeister, erfüllt uns mit Freude und Glück. Wie angenehm ist nach einem heißen Sommertag abends ein kühlender Windhauch, der die Haare umspielt. Bei Menschen, die noch nicht völlig abgestumpft sind, weitet sich da das Herz, die Seele breitet ihre Flügel aus, wir spüren – hoffentlich – für einen Moment, wo unsere wirkliche Heimat ist und dass wir getragen sind, jeden Moment unseres Lebens.

Gott ist nicht im Sturm, als Elia auf den Horeb geht. Nicht in Feuer und Erdbeben. Am Ende hört der Prophet ein stilles sanftes Sausen. Und genau in diesem Säuseln des Windes da begegnet ihm Gott, der Schöpfer des Universums!

Vielleicht enttäuschend für alle, die aus allem – auch aus unseren Gottesdiensten – am liebsten immer ein Event machen wollen. Etwas, wo was los ist, Action angesagt.

Falsch gedacht. In der Stille, der Ruhe, dem Leisen begegnet Gott. In einem sanften Windhauch. So wie er später ja auch als Neugeborener in einer Krippe liegt und nicht als König mit Ross und Reitern daherkommt. Er begegnet uns als einer, der uns umschmeichelt, umwirbt mit einer zarten, zu Herzen gehenden, unsere Seele berührenden Liebe. Der trägt und errettet. Der Lebensraum und Lebenskraft gibt, allem was lebt.  Der, wie es Paul Gerhardt dichtete: „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“

Dieser Gott ist mit uns unterwegs. Auch mit Ihnen! Wir müssen vielleicht nur öfter auf das leise Säuseln hören, als auf die ach so großen Lautsprecher unserer Zeit.

 

Seien Sie gesegnet und behütet!

 

Ihr Pfarrer Andreas Gutting

Andacht zum 10. Mai 2020

Liebe Gemeindeglieder, liebe Leserinnen und Leser,

um die vier Elemente soll es in den kommenden vier Andachten gehen. Die vier Elemente, die seit alters her als die Grundlage allen Lebens angesehen werden.

Die uns, von Gott geschenkt, unser Leben erst ermöglichen. Oft so selbstverständlich hingenommen – wie zum Beispiel die Luft zum Atmen – merken wir erst wie wichtig diese vier Grundstoffe des Lebens sind, wenn sie fehlen oder knapp werden.

Vier Elemente. Vier ist die Zahl der Ganzheit, der Vollkommenheit. Ein Kreis hat vier Viertel. Der Monat vier Wochen. Es gibt vier Himmelsrichtungen. Vier Adventssonntage. Wir selbst haben vier Gliedmaßen.

Vier braucht man also, damit etwas vollständig und komplett ist. Und darum auch vier Elemente des Lebens. Feuer, Wasser, Erde und Luft.

Wir beginnen mit dem Feuer. Wie alles in unserer Welt, hat das Feuer in seiner Bedeutung für unser Leben zwei Seiten. Wir haben unsere ganze Welt so eingeteilt und erfahren sie so, dass es von allem auch den Gegensatz gibt. Zum Feuer das Wasser. Zum Himmel die Erde – oder schlimmer: die Hölle. Schwarz und weiß, groß und klein, gut und böse, schön und hässlich, reich und arm… was wir auch nehmen und betrachten, es gibt immer auch das Gegenteil davon. Und weil wir Menschen uns darum die Welt gar nicht anders vorstellen können, als dass es das Gegenstück dazu geben muss, haben wir auch dem, der eigentlich einzigartig ist, eines verpasst: nämlich Gott. Ausgerechnet der soll kein Gegenüber haben? Nein, das kann nicht sein und schon war der Teufel als angeblicher Verursacher alles Bösen in der Welt. Dass das aber so gar nicht stimmt, können wir schon in der Geschichte von Adam und Eva nachlesen, als die von den Früchten des Baums der Erkenntnis essen. Vielleicht lesen Sie die Geschichte mal in den kommenden Tagen nachzulesen. Und noch ein letzter kleiner Tipp dazu: Dass die Schlange quasi der Teufel sei, steht zumindest in der Bibel so nicht drin.

Aber kommen wir endlich zu unserem ersten Element, dem Wasser.

Wasser. Ein erstaunliches Element. In flüssiger Form, als Nebel oder Dampf, in Form von Schnee und Eis kann es uns begegnen. Es kann uns von Herzen erfreuen, wenn Kinder im Winter eine Schneeballschlacht machen können und es kann uns den letzten Nerv rauben, wenn wir meinen, es würde scheinbar nie wieder aufhören zu regnen. Im Urlaub zum Beispiel.

Wasser. Von Anfang an spielt es auch in der Bibel eine Rolle. Zwar heißt es im Johannesevangelium: Im Anfang war das Wort, jedoch können wir gleich im 2. Vers unserer Bibel lesen: „Und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“

Von der Urflut ist da die Rede, Teil des ursprünglichen Chaos auf der Erde, in das Gott Ordnung bringt. Nach der Erschaffung des Lichts drängt er die Wassermassen zurück, bändigt das Wasser, damit Land entstehen kann. Land, auf dem Leben möglich wird. In der Sintflutgeschichte – einige Kapitel weiter – erfahren die Menschen hautnah und existentiell, was es heißt, wenn Land untergeht, Wasser nicht gebändigt werden kann. Dass Menschen heute wieder diese Erfahrung machen müssen ist insofern tragisch, dass sie in armen Ländern und Gegenden dieser Erde leben, die uns hier nicht wirklich interessieren. Wären Städte wie New York oder Hamburg in absehbarer Zeit von der Überflutung bedroht, längst würde wesentlich mehr gegen die Ursachen getan. So aber lässt uns das in kalt.

Wasser, es ist eine Urgewalt. In den vergangenen Jahren haben wir quasi live und in Farbe immer wieder die Schrecken und das Leid miterlebt, die Tsunamis oder auch Flüsse, die über die Ufer treten, auslösen und mit sich bringen. Sintflut. Auch heute. Noch nicht weltweit, aber für die betroffenen Menschen nicht weniger schrecklich. Da wird Leben zerstört, Existenzen werden vernichtet. Angst gräbt sich in Seelen ein davor, dass das Ganze sich wiederholen könnte. „Land unter“ – dieser Ruf wird an Küsten und Flüssen immer wieder zu Fanal. Die Macht des Wassers ist gewaltig. Kaum etwas kann ihr standhalten. Unglaubliche Energie steckt im Wasser.

Energie, die wir Menschen uns aber auch zunutze machen. Schon unsere Vorfahren haben das getan. Denken wir nur einmal an die vielen Wassermühlen, die es einmal auch hier bei uns gab.

Wasser – eine Naturkraft, die wir Menschen nur bedingt zähmen können, die wir zu domestizieren verstehen, der wir aber immer wieder auch hilflos ausgeliefert sind und vor der wir von Zeit zu Zeit einfach nur in Deckung gehen können.

Es ist zutiefst beeindruckend solche Schauspiele wie eine Sturmflut am Meer, den Abgang einer Lawine in den Bergen, das Rauschen eines großen Wasserfalls beobachten und hören, ja geradezu körperlich spüren zu können. Da fühlt man sich als Mensch ganz klein, den Naturgewalten unterworfen. Staunt, wird andächtig vielleicht, hoffentlich auch wieder einmal ehrfürchtig.

Wasser – wie das Feuer, über das wir vergangenen Sonntag nachgedacht haben – es birgt beides in sich, kann beides werden: Fluch und Segen. Es zieht uns magisch an und flößt uns doch immer wieder auch Angst ein. Wir versuchen es zu bändigen und kommen dabei doch immer wieder auch an unsere Grenzen. „Macht euch die Erde untertan“ – dem Versuch von uns modernen Menschen, das im Sinne einer totalen Unterwerfung der Natur unter unseren Willen zu bewerkstelligen, wird besonders durch das Wasser immer wieder ein Strich durch die Rechnung gemacht. Fast könnte man das Wasser als eine Art Wolf im Schafspelz bezeichnen: Lebensspendend im einen Moment, Tod und Vernichtung bringend im nächsten.

Wasser bedroht Leben. Das ist wohl wahr. Und doch ist es ja nur die halbe Wahrheit, die eine Seite der Medaille. Ohne Wasser gäbe es kein Leben hier auf unserer Erde. Ja das Leben kommt aus dem Wasser. Nichts könnte ohne es existieren: Keine Pflanze, kein Fisch, kein Vogel, kein Mensch. Zu ¾ bestehen wir selbst aus Wasser. Wir können zwar relativ lange ohne feste Nahrung, aber nur wenige Tage ohne Wasser auskommen.

Im zweiten Schöpfungsbericht muss es erst regnen, bevor Menschen, Pflanzen und Tiere erschaffen werden. Gleich vier große Ströme durchfließen den Garten Eden. Es braucht Wasser, damit aus der Erde ein Paradies werden kann. Wasser bedeutet Wachstum, Fruchtbarkeit, Leben. Wasser ist eine Wohltat für alles, was lebt. Bleibt das Wasser aus verdorrt und vertrocknet alles. Das Leben stirbt ab. Wo Wasser Mangelware ist, wird es zum kostbaren Gut. Das war auch bei uns hier einmal so, als Wasser beileibe nicht selbstverständlich getrunken werden konnte, wie heute. Zur Zeit Luthers hat man darum auch Bier zum Frühstück getrunken. Und in manchen Gegenden ist es heute noch geradezu eine Kostbarkeit. So rar, dass manche Wissenschaftler befürchten, dass Kriege der Zukunft um Wasser geführt werden könnten.

Wir hier können uns das nur schwer vorstellen. Wir drehen den Wasserhahn auf und schon läuft es in beliebiger Menge. Wir können uns damit erfrischen, reinigen sooft uns danach ist. Können es verschwenden. Können sogar den Rasen damit sprengen, weil wir nicht auf den nächsten Regen warten wollen, der aus der braunen wieder eine grüne Fläche macht. So etwas nennt man Luxus. Ob uns das bewusst ist?

Wasser ist ein kostbares Gut. Ohne Wasser kein Leben. Das war den Menschen seit jeher klar. Und darum haben sie an Flüssen, Seen, Küsten gesiedelt. Um beides wissend, das vom Wasser ausgehen kann: Segen und Fluch. Doch der Segen wurde wohl allemal höher eingeschätzt.

Im Johannesevangelium sagt Jesus einmal im Gespräch mit einer samaritanischen Frau am Brunnen Jakobs: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten, wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, der wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. (4, 14)

Jesus benutzt das Wasser als Symbol für das, was unser Leben wirklich trägt und was wir uns nicht selber geben können. Er selbst, der Glaube an ihn und den Vater, ist Wasser, Grundlage für unser Leben. Hier und in Ewigkeit. Wo er vertrocknet, das vertrocknet das Leben und da herrschen am Ende nur Chaos und Tod. Schauen Sie sich die Welt und unseren gedankenlosen Alltag auch hier bei uns an und Sie wissen was ich meine. Jesus macht das Wasser zum Zeichen dafür, dass das nicht so sein muss und nicht so sein soll. Uns soll das Leben blühen und nicht der Tod! Und darum taufen wir auch mit Wasser zum Zeichen dafür, dass er uns durch unser Leben tragen will, über Höhen und durch Tiefen hindurch bis in die Ewigkeit: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Das Wasser der Taufe, es verbindet uns mit dem, der für uns gestorben ist, damit wir das ewige Leben haben. Das Wasser der Taufe verbindet uns mit Gott, der Quelle allen Lebens, damit auch von uns Ströme lebendigen Wassers ausgehen und wir selbst zur Quelle für anderen werden, dass wir Leben schenken und erhalten statt zu zerstören. Denn Ein Glaube, der nur für sich selbst bleibt, der sich nur um sich selbst sorgt, der ist so überflüssig und nutzlos wie nur irgendetwas.

Das Wasser der Taufe, es steht für die Kraft Gottes, die uns die Energie schenkt, Leben zu wagen. Vertrauen auch, Liebe und Hoffnung. Weil wir wissen dürfen, dass nichts uns von Gott, der Quelle des Lebens trennen kann.

Wasser. Zu bändigendes Chaos und kostbare Lebensgrundlage zugleich. Zwiespältig. Am Ende aber ermutigendes Zeichen für den Willen Gottes zum Leben, an dem wir teilhaben dürfen. Vielleicht denken wir einmal daran, wenn wir in dieser Woche einen Schluck Wasser trinken. Ganz bewusst. Und sagen vielleicht auch einfach einmal: Danke!

 

Seien sie behütet und gesegnet!

 

Ihr Pfarrer Andreas Gutting


An(ge)dacht

Liebe Gemeindeglieder,

es ist Frühling. In den vergangenen Wochen war es nicht zu übersehen. Die Sonne lachte vom Himmel, die Zugvögel kehrten aus ihren Winterquartieren zurück. Die einen früher, die anderen etwas später. Auch manche müssen wir noch etwas warten. Aber spätestens, seit die Schwalben wieder da sind ist doch klar: Der Sommer kommt! Auch wenn eine Schwalbe nach wie vor noch keinen Sommer macht.

Was mir in diesem Jahr besonders auffällt: Es scheint mehr Nachtigallen zu geben als in den vorangegangenen Jahren. Wer genau hinhört kann sie auch hier im Dorf bei Tag und Nacht hören. Es ist berührend diesem Gesang einmal mitten in der Nacht zu lauschen. Gotteslob einmal ganz anders…..

Es macht überhaupt Freude jetzt draußen zu sein. Trotz mancher Beschränkung. Irgendwie ist es stiller, die Luft scheint sauberer zu sein. Man hört mehr, man riecht mehr. Man kann regelrecht zuschauen, wie sich das Leben Bahn bricht.

Für mich jedes Jahr aufs Neue eine ganz besondere Zeit im Jahr.

Wenn ich in den letzten Tagen unterwegs war kam mir dabei immer wieder eins unserer vielleicht schönsten Kirchenlieder in den Sinn: Geh aus mein Herz und suche Freud… von Paul Gerhardt.

Eigentlich ist es ja eher ein Sommerlied. Aber der April fühlte sich ja in Teilen auch schon an wie Sommer.

Paul Gerhard nimmt uns in seinem Lied mit auf einen Spaziergang. Durch die Gärten der Stadt oder des Dorfs, hinaus in die Flur der Felder und Wälder. Mit offenen Augen, dem Blick auch fürs Detail, die kleinen Dinge wandert er und es berührt sein Herz, seine Seele. Freude zieht ein bis ihm das Herz so voll ist, dass sein Mund überquillt und er gar nicht anders kann als einzustimmen in das Lob des Schöpfers, das die ganze Schöpfung, jedes einzelne Lebewesen anstimmt. Jedes nach seiner Art.

Und so singt Paul Gerhardt:

Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun, erweckt mir alle Sinnen

Ich singe mit, wenn alles singt und lasse, was dem Höchsten klingt aus meinem Herzen rinnen.

Wenn es hier auf der Erde schon so schön ist, wie muss es dann eigentlich im Himmel, bei Gott, erst sein? Gar nicht auszudenken, was da an Gutem auf uns wartet. Kurz blitzt der Wunsch auf: Wenn es doch nur schon so weit wäre, dass ich dieses Leben hinter mir lassen und die himmlischen Freuden genießen könnte…

Glaube als Hilfsmittel zur Weltflucht? Nicht bei Paul Gerhardt. Ja sein Glaube schenkt ihm Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ein besseres Leben nach diesem Leben. Doch aus dieser Hoffnung heraus wächst der Wunsch und die Kraft dieses Leben anzunehmen und gut zu gestalten. In Gottes Geist und durch Gottes Geist will er wirken, will er sich bewegen lassen, will er gestalten. Zum Lob und Ruhm Gottes.

Soli Deo Gloria. Allein Gott die Ehre. Auf diese Kurzformel hat Johann Sebastian Bach es später auf all seinen Werken gebracht.

Was Paul Gerhardt im Jahr 1653 gedichtet hat, ist kein religiös – volkstümlicher Kitsch!

Die Zeiten waren alles andere als rosig damals. Der verheerende 30-jährige Krieg war gerade einmal 5 Jahre vorbei. Weite Landstriche waren verwüstet und zum Teil entvölkert. Die Pest breitete sich aus. Die Frau Paul Gerhardts war depressiv. Gleich mehrere Kinder hatte das Ehepaar verloren. Auch er selbst hätte durchaus Grund gehabt zu klagen, mit seinem Leben und Gott zu hadern, den Kopf in den Sand zu stecken, aufzugeben.

Elend und Leid, das waren keine Unbekannten, sondern geradezu ständige Wegbegleiter.

Umso faszinierender, dass Paul Gerhardt solche Worte findet. Dass er in solch einer Weise an seinem Glauben festhalten und aus ihm heraus leben kann. Mit Hoffnung leben kann.

Für mich ist er darin ein Vorbild. Ein Vorbild auch im Jahr 2020.

Wir erleben derzeit besonders intensiv wie gefährdet und zerbrechlich Leben und unsere Art zu leben ist. Von einem Moment auf den anderen ist zwar nicht alles, aber doch vieles anders. Gewohnheiten werden über den Haufengeworfen. Wir müssen uns neu ausrichten. Sind verunsichert. Suchen Halt und Orientierung.

Das alles spüren wir doch sehr viel mehr als die ebenfalls sehr realen Bedrohungen, die uns aus Klimawandel und Artensterben erwachsen. Für viele sind das, habe ich manchmal den Eindruck, eher abstrakte, ferne Gefahren. Jetzt sind wir viel direkter betroffen, empfindsamer, verletzlicher.

Nehmen wir uns doch an Paul Gerhardt ein Beispiel. Betrachten wir doch die Natur, die Schöpfung um uns herum nicht mehr nur unter solchen Aspekten ob sie uns nutzt, Profit einbringt, sich zum Sportmachen, feiern oder sonst was eignet. Betrachten wir sie doch als ein Wunderwerk der Schöpfungskraft Gottes, das er uns anvertraut und zum Geschenk gemacht hat. Gehen wir mit offenen Augen und dem Blick auch für das Kleine und Unscheinbare. Und lassen wir unser Herz und unsere Seele davon berühren. Ich bin mir sicher: Wir können und werden dadurch ähnliche Erfahrungen, Glaubenserfahrungen machen wie Paul Gerhardt. Von der Schönheit und Vielfalt der Schöpfung auf die Liebe Gottes schließen zu können, mit der er uns betrachtet und irgendwann empfangen wird, das schenkt Hoffnung. Hoffnung, die trägt auch in schwerer Zeit.

Und solche Hoffnung gibt Kraft, nicht in Trauer, sorgen und Angst zu versinken. Sie gibt Kraft, das Leben und seine Herausforderungen anzunehmen, statt sie zu verdrängen.

Vielleicht gibt sie uns die Kraft, uns nach der Viruskrise den alten Herausforderungen, die ja nicht einfach verschwinden werden, mit neuer Kraft, neuen Ideen und der Bereitschaft als Kirche und Gesellschaft auch neue Wege zu gehen. Damit künftige Generationen und alles, was mit uns auf dieser Erde lebt, Raum und Zukunft haben können. Das wäre doch ein wirkliches Gotteslob im Sinne Paul Gerhardts, Glaubensfrüchte, wie er sie sich gedacht hat. Soli Deo Gloria!

 

Ich grüße Sie alle herzlich! Seien sie behütet und gesegnet!

 

Ihr Pfarrer Andres Gutting

An(ge)dacht

Liebe Gemeindeglieder,

an diesem Sonntag ist einer der wohl bekanntesten Texte unserer Bibel der Wochenpsalm. Also der Psalm, der uns auf unserem Weg durch die Woche hindurch begleiten soll, den wir vielleicht jeden Morgen lesen oder beten, für uns oder gemeinsam sprechen.

Der Herr ist mein Hirte--- So beginnt der 23. Psalm, dessen Wortlaut ich hier noch einmal in der Übersetzung Martin Luthers wiedergeben möchte:

Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Gerade in einer Zeit wie wir sie gerade erleben, haben diese Worte eine unglaubliche Kraft, Tiefe und Stärke. Das, was wir brauchen, für Leib und vor allem Seele.

Unser ganzes Leben, unsere ganze Existenz sind in diesen alten Worten enthalten, aufgehoben. Nicht nur die sonnigen, gelingenden Wegabschnitte. Nein, gerade auch die schwierigen Zeiten meines Lebens, die dunklen Täler, die Zeit von Anfeindung und Auseinandersetzung finden ihren Platz.

„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal ….“, „Im Angesicht meiner Feinde…“

So wie ein guter Hirte für seine Herde, so ist Gott für mich da. Immer. Selbst dann, wenn ich das gerade nicht fühlen oder spüren oder glauben kann. Oder will.

Gott ist da! Für mich und die Menschen, die mit mir auf dieser Erde leben! Ganz gewiss.

Diese Gewissheit bringt David, der als Dichter des Psalms gilt zum Ausdruck in dem er im Hebräischen den Namen JAHWE als Gottesbezeichnung wählt. Dieser Name kann zwei Bedeutungen haben.

Einmal als: Ich bin der Seiende. Oder als: Ich bin der, der für euch da ist.

Die zweite Übersetzung greift zurück auf die Szene, als Gott sich Mose im brennenden Dornbusch offenbart und ihm zusichert, der er selbst mit seinem Volk auf dem weg sein würde auf dem Weg aus Ägypten und durch die Zeit hindurch.

Die erste Übersetzung erinnert uns daran, dass wir es mit dem Schöpfer allen Lebens zu tun haben. Dem Ewigen, Heiligen, der wahren und wirklichen Liebe.

So wie alles, was ist, von ihm geschaffen und in ihm aufgehoben ist, so bin auch ich von ihm geschaffen, begleitet, bewahrt. Von ihm her und auf ihn zu darf ich leben, darf ich mich führen, leiten und versorgen lassen. An Leib und Seele. In guten und in schwierigen Zeiten. So wie jetzt gerade.

David schrieb den Psalm nicht, um uns daran zu erinnern, wie sehr wir Ruheplätze und Orte brauchen, an denen wir neu motiviert werden und neue Kraft bekommen. Er schrieb den Psalm nicht, um uns neu vor Augen zu halten, wie oft wir durch dunkle Täler gehen müssen und Angst haben. Er brauchte uns auch nicht an unsere Schuld zu erinnern.

Er schrieb diesen Psalm, um uns diese eine Botschaft zu überbringen, die wir schon so oft gehört haben, die aber immer noch so unbegreiflich ist: Gott ist der Hirte, der dein Leben für dich und mit dir in die Hand nimmt. Der da ist, wenn du dich nicht mehr auskennst. Der dir neue Kraft gibt, wenn die Kinder dich wieder einmal aussaugen. Der dir Ruhe verschafft, wenn du einen Brief öffnest und eine schlechte Nachricht fürchtest. Wenn du Angst um deinen Arbeitsplatz oder die Zukunft deiner Kinder hast.

Sich auf diesen Gott, diesen lebendigen Gott einzulassen, das verschafft innere Ruhe und Gelassenheit. Das gibt uns die Kraft, auch schwierige Zeiten durchzustehen und zu bewältigen.

Sich auf diesen Gott als guten Hirten einzulassen, befreit von der inneren Unruhe und Hektik, die uns die heutige Welt sooft aufzwingt, das schenkt inneren Frieden und Hoffnung. Weil uns der Psalm ja eine Perspektive aufzeigt, die weit über diesen Leben hinausweist. „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

Ich wünsche uns allen in diesen Tagen, in den gerade wieder so viel an Unruhe und Ungeduld zu spüren ist, diesen Frieden, diese Ruhe und Gelassenheit, die wir haben würfen, weil er für uns da und unser guter Hirte ist!

Etwas von dieser Gelassenheit hätte ich mir übrigens auch von den ganzen Kirchenführern gewünscht, die jetzt in oft wehleidigem Tonfall (Ex EKD Ratsvorsitzender Prof. Wolfgang Huber) und spürbarer Unruhe die Aufhebung des Gottesdienstverbots forderten! (Dazu im Anschluss ein kurzer Text aus Funkensplitter.de)

Uns allen wünsche ich die Erfahrung, dass der lebendige Gott, der Schöpfer allen Lebens, der die Liebe ist unser guter Hirte ist. Auf allen Wegen. Wo sie auch hinführen, wie sie auch aussehen. Und dass wir darum keine Angst haben brauchen und, sondern Hoffnung haben dürfen!

Denn:

Der Herr ist dein Hirte. Dir wird nichts mangeln.

Er weidet dich auf einer grünen Aue und führet dich zum frischen Wasser.

Er erquicket deine Seele.

Er führet dich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob du schon wandertest im finsteren Tal, fürchte kein Unglück; denn er ist bei dir, sein Stecken und Stab trösten dich.

Er bereitet vor dir einen Tisch im Angesicht deiner Feinde.

Er salbet dein Haupt mit Öl und schenket dir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden dir folgen dein Leben lang und du wirst bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Seien Sie behütet und gesegnet!

Ihr Pfarrer Andreas Gutting


 

Funkensplitter vom 20. April 2020: Zum Nachdenken

Eine Kirche in jedem Haus

Es ist erstaunlich und erschreckend, wie sehr in der gegenwärtigen Diskussion der öffentliche Gottesdienst am Sonntagmorgen im Kirchengebäude im Zentrum steht. Für manche scheint geradezu die Zukunft des Christentums davon abzuhängen, möglichst schnell wieder die Kirchen öffnen zu können.
Nun ist der gemeinsame (öffentliche?) Gottesdienst zweifellos ein wichtiges Element des christlichen Glaubens.
Aber er ist doch bei weitem nicht alles!

Was ist mit dem persönlichen Gebet? Was mit der persönlichen Bibellektüre? Oder gar der Andacht im Familienkreis?
Hier gab es einmal eine reiche Kultur (und Literatur). Man denke nur einmal zurück an die vielen Andachts- und Erbauungsbücher der Orthodoxie und des Pietismus! Oder die Rosenkranzgebete in der katholischen Kirche.
Haben wir das alles verlernt?
Das wäre dann das eigentliche Alarmzeichen! Nämlich ein Zeichen für eine große religiöse Sprachlosigkeit – auch inmitten unserer Kirche.

Was ist mit dem vielgepriesenen Priestertum aller Gläubigen?
„Ubir das seyn wir priester, das ist noch vil mehr, denn kuenig sein, darumb, das das priesterthum vns wirdig macht fur gott zu tretten vnd fur andere zu bitten … Alßo hatt uns Christus erworben, das wir muegen geystlich fur ein ander tretten und bitten, wie ein priester fur das volck leyplich tritt und bittet …, hat Luther in der Freiheit eines Christenmenschen geschrieben.
Dass Christen priesterlich im Gebet füreinander eintreten, anderen das Evangelium bezeugen und aneinander Seelsorge üben, ist unabhängig von allen öffentlichen Gottesdiensten. (Und übrigens ist das genau die Form, wie viele Christen weltweit unter massiven staatlichen Repressionen ihren Glauben überhaupt praktizieren können.)
Oder hat Jesus, das mit den “zwei oder drei, die in meinem Namen zusammen sind”, nicht ernst gemeint?
Ich bin mir nicht sicher, ob die kircheninterne und kirchenexterne Fixierung auf den öffentlichen Sonntagsgottesdienst letztlich nicht einem Klerikalismus bzw. einer Pfarrer*innenzentriertheit entspringt…

Interessanterweise kursiert im Moment gerade auf katholischen Seiten(!) eine nette Anekdote:
„In Ägypten ließ ein Herrscher für neun Jahre alle Kirchen schließen. Eines Tages ging er durch die Straßen der Christen spazieren. Aus jedem Haus hörte er die Christen beten und Gott loben. Da befahl er: Öffnet die Kirchen wieder und lasst die Christen beten, wie sie wollen. Ich wollte in jeder Straße eine Kirche schließen, doch nun musste ich feststellen, dass ich in jedem Haus eine neue Kirche eröffnet habe.“

Vielleicht sollten auch wir uns ein wenig mehr auf “Kirche in jedem Haus” konzentrieren, statt uns in öffentlichen Bedeutsamkeitsdebatten zu verlieren…


An(ge)dacht

Liebe Gemeindeglieder,

die Geschichte geht weiter… nach Ostern.

Die Frauen sind es, die in die Hand nehmen und tun, was zu tun ist. Sie gehen zum Grab Jesu und wollen erledigen, was an seinem Todestag aufgrund des anbrechenden Sabbats nicht mehr getan werden konnte. Sie wollen seinen Leichnam einbalsamieren, so, wie es Brauch ist.

Doch sie finden ihn im Grab nicht. Vielmehr werden sie von zwei Männern, Engeln, angesprochen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!“ (Lukas 24, 5 + 6)

Da erinnern sie sich, was Jesus ihnen gesagt hatte, kehren zurück in die Stadt und erzählen die Botschaft von der Auferstehung den Aposteln und anderen Jüngerinnen und Jüngern. Aber es waren ja Frauen, die das erzählten und darum glaubte man ihnen erst mal nicht. Petrus untersucht das leere Grab selbst. Es ist so, wie die Frauen es berichtet haben. Glauben bewirkt das bei ihm in diesem Moment aber noch nicht. Er wundert sich. Wäre es nicht an ihm, dem ersten Jünger Jesu, gewesen, solch eine Botschaft auch als erster zu erfahren?

Den anderen geht es wohl nicht viel besser. Und so machen sich zwei von ihnen noch am gleichen Tag auf und kehren zurück in ihr Heimatdorf Emmaus.

Ich kann mir gut vorstellen, mit welchen Gefühlen sie unterwegs waren. So begeistert waren sie von Jesus gewesen, so voller Hoffnung, dass er der erwartete Messias sei, der sein Volk retten und befreien würde. War das wirklich erst eine Woche her, dass sie unter dem Jubel der Menschen nach Jerusalem eingezogen waren? Und dann das: Verhaftung, Verurteilung, Hinrichtung! Scheitern auf der ganzen Linie. Alle Hoffnung zerplatzt. Wie anders sollte man das verstehen? Da kann man auch nach Hause gehen, zurück in sein altes Leben. Wenn doch alles beim Alten bleibt.

Und so gehen sie ihren Weg. Lassen alles, was sie erlebt haben, noch einmal Revue passieren. Im Gespräch versuchen sie zu verarbeiten, was ihnen da widerfahren ist, was sie noch nicht verstehen können, was ihnen das Herz schwer macht.

Und da stößt er dann zu ihnen, der scheinbar Fremde. Jesus, von dem sie die ganze Zeit geredet haben und den sie jetzt nicht erkennen. Er scheint völlig ahnungslos zu sein von all dem, was in Jerusalem passiert ist. Kleopas bringt ihn auf den Stand der Dinge. Jesus hört und erkennt, dass sie noch nicht wirklich verstanden haben, um was es bei all den Geschehnissen wirklich ging. Dass alles so hatte kommen müssen, damit der Heilsplan Gottes für die Welt erfüllt werden konnte. Und er beginnt ihnen die Schrift zu erklären, von A bis Z sozusagen, erklärt ihnen, was da schon seit jeher von ihm gesagt und geschrieben war. Die beiden Jünger hören gut zu, verstehen aber immer noch nicht.

Erst in Emmaus angekommen, als sie ihn zum Nachtessen einladen und er das Brot bricht, wie er es so viele Male getan hatte, erkennen sie, wer da die ganze Zeit mit ihnen unterwegs war. Jetzt verstehen sie auch, was er ihnen auf dem Weg erklärt hatte. Jetzt kommt die Botschaft der Auferstehung tatsächlich bei ihnen an: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.

So ist das manchmal im Leben: Es wird vorwärts gelebt, so wie die beiden ihren Weg nach vorn nach Emmaus gegangen waren. Aber verstanden wird es oft genug erst rückwärts. Erst als Jesus wieder verschwunden ist, sie zurückschauen, verstehen sie.

Nicht durch das Hören, sondern durch die gelebte Gemeinschaft beim Essen, erkennen sie die frohe Botschaft von Ostern.

Und das verändert sie, Trauer und Enttäuschung verwandeln sich in Freude und Hoffnung. Und so kehren sie sofort zurück nach Jerusalem, um den anderen Jüngern zu erzählen, was sie erlebt haben. Die Geschichte geht weiter!

Was mir an dieser Erzählung so gefällt ist, dass über Auferstehung hier nicht nur in der Rückschau als vergangenes Geschehen oder in der Vorschau als zukünftige Erwartung geredet wird. Auferstehung geschieht, wird erlebbar, erfahrbar, spürbar im Leben der beiden Jünger. Und darum geht es glaube ich: Dass auch für uns Ostern, die Auferstehung zur Lebenswirklichkeit werden kann. Dass sich Trauer in Freude, Angst in Hoffnung verwandeln können immer wieder. Dass wir selbst spüren und es andere spüren lassen: Wir sind eingeladen zum Leben! Von Gott und mit Gott! Und in der Gemeinschaft der Menschen. Immer wieder neu.

Den Gedanken von der Auferstehung hier und heute hat der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti einmal in diese Worte gefasst:

Ihr fragt wie ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt wann ist die auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ihr fragt gibt ?s eine auferstehung der toten?

ich weiß es nicht

ich weiß nur wonach ihr nicht fragt: die auferstehung derer die leben

ich weiß nur wozu Er uns ruft: zur auferstehung heute und jetzt

 

Ich grüße Sie alle sehr herzlich. Seien Sie gesegnet!

Und: Eine fröhliche Auferstehung! Hier und heute!

 

Ihr Pfarrer Andreas Gutting

Andacht zu Karfreitag

Liebe Gemeindeglieder,

im Brief des Jakobus heißt es: „So seid nun geduldig, liebe Brüder und Schwestern, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis er empfange den Frühregen und den Spätregen.“ (Jakobus 5, 7)

Geduld zu haben, gilt als Tugend. Ungeduldige Menschen werden oft negativ beurteilt, doch fällt es vielen – gerade in diesen Tagen des Jahres 2020 – schwer, Geduld aufzubringen.

Die Geduld, sich wieder frei nach eigenem Gutdünken bewegen zu können. Die Geduld, wieder normal arbeiten zu können. Die Geduld, sich mit Freunden treffen zu können. Ja vielleicht sogar wieder die Geduld, in die Schule gehen zu können. Nicht mehr so sehr auf die eigenen vier Wände reduziert zu sein.

Dass der Geduldsfaden bei so manchem Mann recht schnell gerissen ist, zeigen, vor allem in größeren Städten, die steigenden Belegungszahlen der Frauenhäuser.

Der Duden sagt zur Geduld, sie sei ein „ruhiges und beherrschtes Ertragen von etwas, was unangenehm ist oder sehr lange dauert.“

Man spürt schon bei dieser Definition, dass Geduld zu haben nicht einfach ist. Und doch sind wir gerade als Christen dazu gerufen, geduldig zu sein. Denn unser Glaube ist nicht auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet. Viele Menschen heute warten montags auf das nächste Wochenende, den nächsten Urlaub, eine Gehaltserhöhung, den nächsten Frühling. Wir Christen warten auf die Vollendung der Schöpfung durch Gott, den neuen Himmel und die neue Erde, das Reich Gottes. Da ist langer Atem gefragt, Durchhaltevermögen, Geduld. Dabei hat das nichts mit einer passiven Haltung des Ertragens zu tun. Vielmehr ermutigt die Geduld des Glaubens dazu, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen und sich auch durch Rückschläge und Enttäuschungen oder Anfechtungen nicht davon abbringen zu lassen.

Und das, weil wir Hoffnung haben dürfen. Hoffnung, die wir uns nicht selbst zusprechen können, sondern die wir uns zusprechen lassen dürfen.

Der größte Grund unserer Hoffnung als Christen für uns selbst und für unsere Welt, liegt wohl in diesem Geschehen des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu begründet.

Mit Geduld ertrug Jesus alles, was ihm da an Leid, Demütigung, Schmerz und Gewalt angetan wurde. Weil er die Hoffnung nicht aufgab, dass Gott an ihm wahrmachen würde, was er versprochen hatte. Dass diejenigen, die nach den Regeln der Welt meinten, Recht zu sprechen, ins Unrecht gesetzt würden. Darum ließ er sich ans Kreuz nageln. Doch ließ er sich nicht festnageln auf die Rolle, die sie ihm zuschieben wollten, auf die Schulblade, in die sie ihn hineinstecken wollten. Er hielt fest an seiner Hoffnung, dass die Liebe Gottes zum Leben am Ende stärker sein würde als alle menschliche Rechthaberei, die am Ende immer nur den Tod bringt.

Seine Hoffnung hat ihn nicht getäuscht. Das Leben, die Liebe, Gott…sie haben über den Tod gesiegt. Und darum können und sollen wir Christen bis heute aus der Hoffnung heraus, dass Gott wahrmacht, was er verspricht leben. Und geduldig sein. Aushalten, was manchmal schwer zu ertragen ist. Was Angst macht. Festhalten an unserem Weg des Glaubens, dass Gott eine gute Zukunft für uns bereitet hat.

Vielleicht ist es im Jahr 2020 die Aufgabe von uns Christen beispielhaft vorzuleben, dass es möglich ist, ein paar Wochen der Zwangspause zu überstehen. Die Ruhe und Stille anzunehmen, deren Fehlen wir sonst so wortreich beklagen. Und eben nicht ungeduldig zu werden und in hektische Betriebsamkeit zu verfallen. Sondern vielmehr in geduldiger Gelassenheit festzuhalten am Gebet, an der Liebe zum Nächsten, die uns helfen lässt, wo es erforderlich ist, an der Hoffnung, dass wir auch diesen Weg nicht ohne Gott gehen müssen.

Er ist bei uns, er bleibt bei uns ganz gewiss. In Zeiten von Corona und danach. Wir sind auf ein Ziel hin ausgerichtet, von dem wir nicht wissen wann es einmal eintreffen wird. Von dem wir aber glauben dürfen, dass es für uns und die Welt Wirklichkeit werden wird. Das Reich Gottes, in dem dann endgültig die Maßstäbe der Liebe gelten werden. Für alle.

An Karfreitag und Ostern hat Gott das in Gang gesetzt. Seine Zukunft kommt auf uns zu. Daran können wir uns orientieren und darum geduldig und voller Hoffnung unseren Weg gehen.

Jakobus vergleicht die Geduld der Gemeinde mit der Geduld, die ein Bauer braucht, wenn er die Saat in den Acker ausgebracht hat. Wenn er das Seine getan hat, muss er warten können, bis diese aufgeht. Ihr beim Wachsen zuzusehen nützt nichts. Erst recht nicht, wenn man es täte wie jener Bauer, von dem eine Geschichte erzählt. Dem ging das Wachsen seiner Früchte nicht schnell genug. Er verlor die Geduld und fing an, an den einzelnen Pflänzchen zu ziehen, damit sie schneller groß würden. Das Ergebnis ist klar: Statt schneller zu wachsen, gingen die Pflanze ein, weil ihnen der Kontakt zur Erde verloren gegangen war. Durch die Ungeduld des Bauern.

Geduldig sein und bleiben. Auch jetzt in diesen Tagen. Aber nicht nur. Auch danach. Darum geht es. Für uns als einzelne wie als Gemeinde, als Kirche Jesu Christi. Verbunden bleiben mit dem Grund unseres Lebens und unserer Hoffnung. Gott, der bei uns ist, der auf uns zukommt, der uns zum Leben einlädt und zur Auferstehung. Hier und heute und am Ende unserer Tage.

In diesem Sinne: Bleiben Sie geduldig. Und seien sie behütet von dem Gott allen Trostes, der die Liebe und das Leben ist!

Ihr Pfarrer

Andreas Gutting


Andacht

Liebe Gemeindeglieder,

Nußdorf bei Landau. 1986. Religionsunterricht in der 3. Klasse. Behandelt wird die Geschichte von der Heilung des Gelähmten, der von seinen Freunden über und durch das Dach des Hauses, in dem Jesus sich aufhält, zu ihm gebrachte wird.

Auf die Frage des Pfarrers, ob die Kinder denn einen Verdacht hätten, warum dieser Mann gelähmt sein könnte, kam recht spontan die Antwort: „Der wird was ausgefressen haben!“ Seine Krankheit also eine Strafe Gottes für ein Fehlverhalten.

Ein Deutungsversuch von Krankheit, der sich teilweise bis heute gehalten hat.

Auch in der gegenwärtigen Krisenzeit tauchen solche Deutungsmuster wieder auf. Entweder werden einzelne Gruppen zu Sündenböcken gestempelt oder gleich die ganze Menschheit aufgrund mangelnden Glaubens in Haft genommen. Als Allheilmittel wird dann Umkehr, Bekehrung empfohlen und dann, so die Aussage, wird Gott diese Plage, die er uns geschickt hat, auch wieder von uns nehmen.

Nun ist Umkehr gerade für Christen immer ein Thema. Dazu habe ich in der letzten Andacht ja einiges geschrieben.

Doch bleibt mit dem gemeinsamen Wort der Evangelischen, Katholischen und Orthodoxen Kirchen in Deutschland vom 20. März festzuhalten:

Als Christen sind wir der festen Überzeugung: Krankheit ist keine Strafe Gottes – weder für Einzelne, noch für ganze Gesellschaften, Nationen, Kontinente, oder gar die ganze Menschheit. Krankheiten gehören zu unserer menschlichen Natur als verwundbare und zerbrechliche Wesen. Dennoch können Krankheiten und Krisen sehr wohl den Glauben an die Weisheit und Güte Gottes und auch an ihn selbst erschüttern. Krankheiten und Krisen stellen uns Menschen vor Fragen, über die wir nicht leicht hinweggehen können. Auch wir Christen sind mit diesen Fragen nach dem Sinn menschlichen Leids konfrontiert und haben keine einfachen Antworten darauf. Die biblische Botschaft und der christliche Erlösungsglaube sagen uns Menschen jedenfalls zu: Gott ist ein Freund des Lebens. Er liebt uns Menschen und leidet mit uns. Gott will das Unheil nicht. Nicht das Unheil hat darum das letzte Wort, sondern das Heil, das uns von Gott verheißen ist.“

Worum es gerade jetzt in der Passions- oder auch Fastenzeit geht ist nicht Umkehr zu einem bloßen Lippenbekenntnis.

Aber sehr wohl Umkehr zu einem neuen Umgang untereinander, zu einer neuen Sichtweise des Mitmenschen, der mein Nächster ist und dem ich zum Nächsten werden soll, wenn er mit braucht (so zum Beispiel das Gleichnis vom barherzigen Samariter, Lukas 10) und in dem mit Gott selbst begegnet! (vgl. Matthäus 25… Was ihr getan habt….)

Dazu passt das Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja, wo es in Kapitel 58 in den Versen 5 – 8 heißt:

5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten…

Das tun, was ich kann, um für lebenswerte, menschliche, gerechte Verhältnisse mit zu sorgen. Gemeinschaft und Solidarität üben, statt egoistische Eigenfürsorge durchzuziehen nach dem Motto: „Jeder ist sich selbst der Nächste!“ Und das in dem Bewusstsein: Hier, im Menschen der mich braucht, schaue ich Gott selbst ins Gesicht! Hier begegne ich ihm höchstpersönlich. Garantiert!

Das wäre ein Fasten, eine Umkehr im Sinne Gottes. So hat es Jesaja verstanden und Jahrhunderte nach ihm auch Jesus.

Als Christen dürfen wir uns dabei gewiss sein, dass wir diesen Weg nicht alleine gehen müssen. Denn uns gilt die Zusage des Auferstandenen: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage. Bis an der Welt Ende!“ Und darum fürchtet euch nicht!

Fürchtet euch nicht! Ich bin bei euch!

Dass diese Zusage und Ermutigung Jesus für uns alle zu einer spürbaren Erfahrung wird in diesen Tagen, das wünsche ich uns. Und dass sie Früchte trägt, die das Leben blühen lassen, auch jetzt, wo Krankheit und Tod so bedrohlich für uns alle werden.

Dietrich Bonhoeffer hat dieses Getragen werden durch Gott in diese Worte gefasst:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Seien Sie in diesem Sinne getragen, bewahrt und gesegnet!

Und bleiben Sie gesund!

Ihr Andreas Gutting, Pfarrer



Andacht | Kirchenpräsident Dr. h.c. Christian Schad

Liebe Schwestern und Brüder!

Als ob wir mit dem Drama der Geflüchteten an der türkisch-griechischen Grenze nicht genug hätten, um uns zu besinnen auf das, was dran ist und uns wahrhaftig gut zu Gesicht stünde! Dazu jetzt – mit immer rasanterer Vehemenz – die Corona-Krise. Kein Tag, ohne neue Nachrichten zu diesem Virus. Kaum noch eine Begegnung irgendwo, beim Einkaufen, im Bus oder im Zug, zu Hause oder am Arbeitsplatz, in der nicht etwas mitschwingt von unserer Sorge und Angst:

„Ist da womöglich ein Virenträger dabei?“

„Oder bin ich am Ende selber betroffen?“

Wie paradox! Wir suchen in diesen Zeiten Nähe und Geborgenheit – und müssen doch voneinander Abstand halten. Wir sehnen uns nach Gemeinschaft und Kommunikation – und müssen uns doch vereinzeln. Wie gut, dass wir große Kirchenräume haben, die beides ermöglichen: Distanz und Nähe, sodass wir gemeinsam beten und singen, gemeinsam auf Gottes Wort hören können.

Freilich, die Zahl derer, die demonstrativ den Kopf in den Sand stecken, sie bröckelt: immerhin! Auf der anderen Seite nehmen Panik und Hysterie zu. Auch die Stigmatisierung von Menschen durch Menschen, die die Ursache allen Übels schon längst ausgemacht haben: Wer beispielsweise aus Asien kommt, ist schnell unter Verdacht und wird nicht selten zur Zielscheibe von Anfeindungen.

Liebe Schwestern und Brüder, so heftig wir von der Corona-Welle betroffen sind, es ist ein Geschehen, das unter den Bedingungen einer globalen Welt nicht auszuschließen ist. Auch erinnert uns die gegenwärtige Ohnmacht dem Virus gegenüber nicht nur an die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens, sondern sie erschüttert auch unsere zum Teil ungebrochene Wissenschaftsgläubigkeit: als ob der Mensch alles könne, alles im Griff habe …

Kein Zweifel: Die gegenwärtige Krise mit ihren gravierenden Folgen, sie fordert uns heraus: den Forschergeist, um einen geeigneten Impfstoff zu entwickeln; den verantwortlichen Umgang untereinander; auch den zeitweiligen Verzicht – oder die Änderung im Blick auf gewohnte Veranstaltungsformate: im Sport, in der Kultur und eben auch bei uns, in der Kirche – bis hin zu unseren Gottesdiensten.

Es gehört für mich zur Christenpflicht, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, um das Infektionsrisiko auch in Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen zu minimieren. Für Gottesdienste – und selbst für Trauerfeiern auf dem Friedhof oder in unseren Kirchen gilt zurzeit die Obergrenze von 75 Personen.

Schweren Herzens plädiere ich auch dafür, die jetzt anstehenden Konfirmationen und Jubelkonfirmationen auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen; ebenso Konzerte abzusagen und die Gruppen und Kreise in unseren Gemeinden vorerst ruhen zu lassen. Auch – für eine gewisse Zeit – auf die Feier des Heiligen Abendmahls zu verzichten; ist doch nach evangelischem Verständnis auch ein reiner Wortgottesdienst ein vollwertiger Gottesdienst. Durch diese und ähnliche Schutzmaßnahmen wollen wir Sorge tragen dafür, dass insbesondere für die Älteren und Schwächeren unter uns, auch für Menschen mit Vorerkrankungen, weiterhin die medizinischen Ressourcen in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen. Diese Personen sind darauf angewiesen, dass ihnen unser Gesundheitssystem helfen kann.

„Suchet der Stadt Bestes… und betet für sie“ (Jeremia 29, 7), so lautet die Aufforderung des Propheten Jeremia an seine Glaubensgeschwister in Babylon. Indem wir Verantwortung für uns und unsere Nächsten übernehmen – und zugleich die in unser Gebet einschließen, die erkrankt sind bzw. sich zu Hause oder in den Kliniken um Erkrankte kümmern – Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und Angehörige – nehmen wir unseren Auftrag als Christinnen und Christen ernst.

Früher, liebe Gemeinde, haben Menschen unter ihre Pläne oft zwei Buchstaben gesetzt: C und J. Diese Abkürzung steht für: „Conditio Jacobea“, zu deutsch: „die Bedingung des Jakobus“. Das „C und J“ geht auf den biblischen Brief des Jakobus zurück. Der Briefschreiber warnt vor allzu großer Selbstsicherheit und schließt ab mit der Bemerkung: „So Gott will und wir leben“ (Jakobus 4, 15). Das also ist die „Conditio Jacobea“: eine demütige Einschränkung, eine Relativierung unserer Pläne und Entwürfe.

Heute ist dieses „C und J“ weithin aus der Mode gekommen. Alles schien planbar und funktionierte danach – zumindest war das vor Corona so. Jetzt sieht die Welt anders aus! Sie konfrontiert uns mit unserer eigenen Machtlosigkeit und fordert uns auf, inne zu halten – und dann solidarisch und verantwortlich zu handeln.

So haben Verzicht und Vorsicht auch etwas Gutes. Sie sind: praktizierte Nächstenliebe! Und vielleicht bietet ja die – durch Absagen gewonnene – Zeit die Chance, Menschen, die etwa unter Quarantäne stehen, zu begleiten, für sie einzukaufen, mit ihnen zu telefonieren, ihnen Nähe und Zuwendung zuteil werden zu lassen. Zeit, bewusster und intensiver zu leben …

So begleite Gott uns und alle Menschen in diesen Tagen mit seinem Schutz und mit seinem Segen. Er schenke uns die Gabe, achtsam füreinander zu sein – und vor allem die Kraft, Gewohntes zu lassen, loszulassen, zu vermeiden, um gerade durch solchen Verzicht Menschen zu schützen und ihnen zu helfen.

Suchen wir der Stadt Bestes – und beten wir für sie. Amen.

Gebet:

Gott,unser Halt,ratlos, auch mit Ängsten, verbringen wir zur Zeit diese Tage. Lass uns besonnen und mit klarem Blick erkennen, was wir hier und heute lassen sollen, zum Schutz für uns –und zum Schutz für Andere. Wir beten für die Menschen, die erkrankt sind, auch für die Angehörigen, die einen lieben Menschen verloren haben und um ihn trauern. Wir beten für die Ärztinnen und Ärzte, für die Schwestern und Pflegenden zu Hause und in den Kliniken, in den Altenheimen und Hospizen. Barmherziger Gott, die gegenwärtige Krise, sie erinnert uns daran, dass wir alle unter einem Dach leben, dass wir verletzlich sind und voneinander abhängig; und dass es notwendiger ist denn je, Solidarität zu üben, den achtsamen Blick füreinander zu schärfen, anstatt auszugrenzen. Wir denken in dieser Stunde auch an die verzweifelten Kinder, Frauen und Männer, die an der türkisch-griechischen Grenze lagern. Dramatische Szenen spielen sich dort ab: Tränengas, Wasserwerfer, militärische Abschottung ...Was ist los im sich christlich nennenden Europa?!Schenke uns –und den politisch Verantwortlichen –die Einsicht, dass auch hier nicht Abgrenzung und Ausgrenzung, sondern Solidarität und Nächstenliebe das Gebot der Stunde sind. In der Stille bringen wir jetzt vor dich, was unser Herz bewegt ...

Mit der ganzen Christenheit auf Erden beten wir:

Vater unser im Himmel!

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Kirchenpräsident Dr. h.c. Christian Schad