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Visitation der Kirchengemeinde im August 2018 siehe

Andacht

RPR1. "Angedacht": Geht ruhig baden - mit Quitscheente!

Andacht vom 21.11.2019 von
Pfarrer Henning Lang
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Die Baugeschichte der Martinskirche

Es geht hier nicht um Kirchengeschichte, auch nicht um die Beschreibung des Gebäudes, sondern es ist vielmehr der Versuch einer Entstehungs-und Entwicklungsgeschichte dieser ehemals bedeutenden Stadtkirche. Welche Beiträge haben die verschiedenen Epochen nacheinander zu diesem Gebäude in seinem heutigen Zustand geleistet, einem Gebäude an herausragender Stelle im Ortszentrum, dessen markanter Turm vor allem das Ortsbild prägt.
Alte und älteste Geschichte muss zwangsläufig sehr bruchstückhaft bleiben, da nur spärliche Zeugnisse zur Verfügung stehen. Auch Fachleute beschränken sich hier auf bloße Vermutungen. Für die jüngere Vergangenheit lassen sich die Fakten dann genauer nachweisen.
"Eine Kirche scheint schon in fränkischer Zeit auf königlichem Grund und Boden entstanden zu sein." Nach Eduard von Moor ließ Kaiser Konrad II. (1024-1039) in Billigheim eine Kirche nebst Turm erbauen. Vielleicht reicht in diese Zeit der Unterbau unseres Turmes, des ältesten Bauwerkes im Ort, zurück, der noch die romanische Formen des 11.-12.Jahrhunderts aufweist. Er ist ohne Fundament errichtet, der Unterbau ungegliedert und ohne Sockel. Bearbeitungsspuren und Form der einzelnen Quader, wie auch ein aus einem einzigen Quaderstein gehauenes Rundbogenfenster lassen eher an eine Entstehung im 11. Jahrhundert denken.
Im Jahre 1220 soll die Kirche als baufällig abgebrochen und wieder neu aufgerichtet worden sein. Der Platz um die Kirche herum wurde beträchtlich erhöht und mit einer starken Schutzmauer umgeben, die den Bürgern bei feindlichen Überfällen zur Verteidigung dienen konnte.
Diese erste Befestigungsmauer des Ortes ist im Süden noch stellenweise zu sehen. Dabei hat man auch den Turmeingang höher gesetzt, d.h., es wurde eine neue Tür ohne Bekleidung durch die Quader gebrochen.
Der Turm wurde im Laufe des 15.Jh. um zwei Geschosse aufgestockt. Die Zangenlöcher an den Quadern kennzeichnen diese Bauphase. Bei dieser Erhöhung des Turmes wurde vermutlich eine Türmerwohnung eingebaut. Charakteristische Schießfenster und das über dem Gesims hervortretende Obergeschoß verdeutlichen, daß auch der Kirchturm neben dem befestigten Friedhof als Wehranlage errichtet worden war.
Die Kuppel mit der Laterne stammt erst aus der Barockzeit.
Der Chor gehört der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an: "Die Form des Chorraumes ist in der näheren Umgebung noch an der ehemaligen Servitenklosterkirche in Germersheim, an der katholischen Kirche auf dem Remigiusberg bei Kusel und der Ludwigskapelle in Wachenheim anzutreffen, die alle zwischen 1300 und 1350 zu da-tieren sind, so daß einer Ansetzung des Billigheimer Chores um 1325/30 nichts im Wege steht."
Langhaus und Sakristei stammen aus den ersten Jahrzehnten des 16. Jh., wie die Jahreszahl 1522 über dem Westportal bezeugt. Dieser Hauptteil des Gebäudes weist nach C. Jöckle, Elemente aus der Formenwelt der bayerischen Stethaimerschule Landshut auf. Jedoch hat "der Baumeister der Billigheimer Kirche nicht direkt bei Hans Stethaimer (Mitte 15. Jh.) gelernt, sondern dürfte eher im Umkreis des Jakob von Landshut anzu treffen sein, dessen gedrungene Proportionen der Kirche von Herrnsheims (bei Worms) er aufgriff, ebenso den Typus der Staffelhalle. Die starken Zerstörungen des figürlichen Schmuckes lassen in Billigheim leider keine engere Meisterzuweisung mehr zu. In der Chronologie der Tätigkeit der bayerischen Bauschule am Mittelrhein bildet Billigheim des Schlußpunkt." (C. Jöckle)
Bei einer Restaurierung des Jahres 1551 wurde die Giebelmauer erneuert, bei einer solchen des 18. Jahrhunderts das Langhausgewölbe durch eine Flachdecke ersetzt. Vom früheren Gewölbe haben sich nur noch Rippenanfänger und Konsolen erhalten. Die Gruppierung der Rippenanfänge läßt erkennen, daß das Gewölbe Netzfiguration hatte.
Der Gewölbescheitel dürfte in der Höhe der jetzigen Flachdecke, bzw. der mit dieser gleich hohen Hochmauern des Mittelschiffes gelegen haben. Die Netzgewölbe der Seitenschiffe haben sich erhalten.
Eine im Ostjoch des Südschiffes zugesetzte Türöffnung trägt am Sturz die Jahreszahl 1.5.6.7.
An der Nordseite des Langhauses, an dessen beiden Ostjochen, finden sich die Spuren einer abgebrochenen zweijochigen Seitenkapelle, der ehemaligen St. Annakapelle. Sie öffnete sich gegen das nördliche Seitenschiff und zwar in zwei an den Kanten abgeschrägten Spitzbogen, die auf einem Achteckpfeiler ruhen. Die Kapelle hatte, wie aus der Gruppierung der erhaltenen Rippenanfänge hervorgeht, ein spätgotisches Netzgewölbe. Die Konsolen sind noch erhalten.
Im Winkel zwischen Chor und Turm befand sich ein kleiner Anbau. An der Ostseite des Turmes und an der nördlichen Chorschräge war vor der letzten großen Restaurierung noch der Ansatz des ehemaligen nach Osten abfallenden Pultdaches zu erkennen. Es handelte sich um Spuren einer Kapelle, von der es in einem Presbyterprotokoll von 1829 heißt: "Die katholischen Bekenner dagegen", eine Minderheit gegenüber den Protestanten, die sich nach der fast gänzlichen Entvölkerung des Städtchens im Dreißigjährigen Krieg hier niedergelassen und die Kirche übernommen hatten, -"erbauten eine auf das Bedürfnis ihrer geringen Seelenzahl berechnete, zum gottesdienstlichen Gebrauch gewidmete Kapelle dicht neben die nunmehr sogenannte Wallonenkirche. Mit der Zunahme der katholischen Gemeinde wurde die Kapelle zu klein, und diese beabsichtigten daher, solche zu erweitern, allein einerseits fehlten Mittel zur Erweiterung und andernteils gab solche die damalige kurpfälzische Regierung nicht zu."
Eine kuriose, mehr provisorische Baumaßnahme wurde nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 getroffen: "Die Kirche wurde zwischen Katholiken und Reformierten getheilt und deßhalb mit Brettern unterschlagen. Der Chor und der Teil vom Chor bis zur Treppe fiel den Katholiken zu und wurde diesen im Jahre 1556 neben der Sakristei eine eigene Eingangsthüre gesetzt, den übrigen Theil hatten die Reformierten inne." (E.v.Moor)
Wieweit die Kirche durch den Dreißigjährigen Krieg beschädigt oder zerstört wurde, läßt sich nicht mehr nachweisen. Die Schäden waren jedoch nicht irreparabel. Obwohl später, im sogenannten Turenneschen Krieg (etwa 1674), wie ein Aktenstück im Kreisarchiv zu Speyer berichtet, "ganz Billigheim abgebrannt und ein Aschenhaufen geworden sei," blieb die Kirche in ihrer wesentlichen Bausubstanz doch erhalten. Sachverständige konnten an den Quadersteinen des Turmes Brandspuren feststellen. Es ist denkbar, daß die St. Anna-Kapelle, sowie die erwähnte Kapelle für die Katholiken dem Brand zum Opfer fielen.
Möglicherweise war eine schwerwiegende Beschädigung der Grund für die erwähnte Neugestaltung der Langhausdecke.-
Die Kanzel aus dem Jahre 1682 ersetzte wohl eine bei dem Brand zu Schaden gekommene.
Die Brüstung der Empore ist eine Zimmermannsarbeit des 18. Jh., das Orgelgehäuse mit schöner Muschelverzierung stammt ebenfalls aus der Zeit des Rokoko.
Eine Pfarrbeschreibung schildert anschaulich das Schicksal der Kirche während der Französischen Revolution: "Im Jahre 1794, wurde von den Revolutionsmännern, unter denen ein Peter Käufer zu Billigheim die Hauptrolle spielte, die Kirche ihres Schmuckes beraubt und geschändet, das Kreuz vom Turm heruntergeholt, die Altäre und Heiligenbilder teils zertrümmert, teils auf dem Kirchhofe in Haufen verbrannt, die Feldkreuze zusammengeschlagen und die Kirchengefäße weggenommen. Griechische Gottheiten in lebensgroßen Bildern wurden im Chor der Kirche aufgestellt, unter Begleitung der Orgel wurden profane Lieder gesungen und Freiheitsreden gehalten." Es wird ferner berichtet, daß auch zwei von den drei Glocken vom Turm herabgeworfen und nach Straßburg verbracht wurden, wo sie in "Kanonenrohre oder dicke Sold(Sous-)-stücke verarbeitet wurden. Für diese patriotische Gesinnung und Opferwilligkeit wurde dem Kirchturm eine große Freiheitskappe mit Cokarde (aus starkem rot bemalten Blech) aufgesetzt, die erst im Jahre 1802 entfernt und noch einige Zeit im Rathausschrank als Reliquie aufbewahrt wurde."
Bei zwei vom Blitzschlag verursachten Bränden, am 23. Mai 1887 und am 23. April 1900 entstand kein nennenswerter Schaden. Aus dieser Zeit wird nur unbestimmt von "einer Erneuerung der Kirche, nämlich des Dachwerks und des Innern" im Jahre 1892 berichtet.
Die beiden Weltkriege verschonten das Gebäude. Da aber jahrzehntelang keine nennenswerte Instandsetzungsarbeiten ausgeführt wurden, zeigten sich Mitte der fünfziger Jahre gravierende Schäden. Die Empore durfte wegen ihrer Baufälligkeit jahrelang nicht betreten werden, und die Orgel war unbrauchbar geworden. Durch das Landratsamt Bergzabern wurde das Gotteshaus 1957 "wegen des gefahrdrohenden Zustandes seiner Zweckbestimmung entzogen. Die Protestantische Kirchengemeinde fand in der Filialgemeinde Mühlhofen eine hilfsbereite Gastkirche." Ende September 1960 erteilte der Protestantische Landeskirchenrat der Pfalz die Zustimmung zu umfassenden Restaurierungsarbeiten.
Das Architekturbüro Scheid in Heuchelheim wurde damit beauftragt. Im Mai waren der Dringlichkeit wegen schon die Instandsetzungsarbeiten des Turmdaches durchgeführt worden. Ende Oktober wurde die morsche Dachkontruktion des Kirchenschiffes einschließlich der Dachhaut abgenommen. Die neue verschalte Holzbalkendecke des Mittelschiffes wurde um 70 cm tiefer eingezogen. Zur Stabilisierung des Langhauses baute man in beiden Längswänden des Mittelschiffes einen Stahlbeton-Ringanker ein. Die neue Dachkontruktion wurde aufgerichtet und das Dach neu eingedeckt. Die Innenarbeiten gingen zügig voran.
Im Frühjahr 1961 jedoch verstärkte sich eine kräftige Ausbuchtung des Mauerwerkes an der Südseite des Turmes in bedrohlicher Weise. Noch bevor sich namhafte Sachverständige über Sanierungsmaßnahmen einigen konnten, kam es am 13. Juli zum großen Knall: "Die Beule brach auf, und die Mauermassen stürzten auf das Chordach. Im Turmmauerwerk entstand eine klaffende Öffnung von ca. 50 qm Größe." Glücklicherweise konnten der Dachstuhl und  das Chorgewölbe die Trümmerlast auffangen.
Am 20. Juli bestimmte eine Sachverständigenkommission: "....so bleibt aus Sicherheitsgründen für den obersten Teil des Turmschaftes einschließlich Turmhelm nur die Sprengung." Umgehend erging eine entsprechende polizeiliche Verfügung des Landratsamtes. Die Bestürzung im Dorf war ungeheuer, mußten die Billigheimer doch befürchten, mit dem Turm den markantesten Teil der dörflichen Silhouette zu verlieren.
In aller Eile wurden weitere Sachverständige herbeigeholt, und wirklich konnte ein Vertreter der Technischen Hochschule Karlsruhe " unter gewissen Voraussetzungen die Erhaltung des Turmes in Aussicht stellen."
Die Bauunternehmung Dyckerhoff Widmann KG, Wiesbaden fand sich bereit, die komplizierten, ja gefährlichen Sanierungsmaßnahmen zu übernehmen. Mitte Februar 1962 war zur allgemeinen Erleichterung das Loch geschlossen und die akute Gefahr beseitigt.
Im Turminneren hatte man hinter dem Loch, unter und über der Glockenstube massive Stahlbetondecken eingebaut und durch Stahlanker einen Verbund mit dem Turmmauerwerk geschaffen. Schließlich sanierte man das gesamte Turmmauerwerk einschließlich der Gewölbekappen über dem Chor. Die Steinfugen wurden mit Zement unter Druck ausgefugt.
Die Kosten für die Turminstandsetzung, die im Jahre 1963 endgültig abgeschlossen werden konnte, beliefen sich auf insgesamt 267.500,-- DM.
Nun mußte die beschädigte Dachkontruktion einschließlich der Dachhaut über dem Chor instandgesetzt werden, bevor man sich den Arbeiten im Gebäudeinnern wieder zuwenden konnte. Im Kirchenschiff baute man eine ölbeheizte Warmluftheizung ein. Das zugemauerte dreiteilige Fenster am Westgiebel wurde freigelegt, die Mittelrippen und das gotische Maßwerk in rotem Sandstein wiederhergestellt, ebenso das Maßwerk sämtlicher Chorfenster. Die teilweise zugemauerten beiden Bogenöffnungen an der Nordseite des Langhauses, die zu der abgebrochenen Kapelle geführt hatten, wurden bis auf Brüstungshöhe freigelegt. Sie wurden, wie alle übrigen Fensteröffnungen von Schiff und Chor, durch Bleiglasfenster geschlossen. Der ur-sprünglich nur gering erhöhte Chorfußboden, der über die ganze Breite des Schiffes bis zum ersten Säulenpaar reichte, wurde bis zum Triumpfbogen (Beginn des Chores) zurückgenommen und dort drei Chorstufen angebracht. Der gesamte Steinfußboden wurde erneuert, Wände und Decken der Schiffe neu verputzt, wobei man die tiefer gelegte Balkendecke im Mittelschiff mit einer getönten Stulpschalung versah.
Die beiden schadhaften Wendeltreppen zur Empore wurden instandgesetzt.
Als man bei der Erneuerung der Blitzschutzanlage für die Erdleitung rings um die Kirche einen Graben aushob, machte man unfreiwillig einer alten mündlichen Überlieferung den garaus. Diese besagte nämlich, dass von verschiedenen Stellen des Ortes unterirdische Gänge zur Kirche geführt hätten als Fluchtwege bei drohender Gefahr. Von diesen vermuteten Zugängen fand sich nämlich keine Spur, was der Leiter für Vor-und Frühgeschichte offiziell bestätigte.
Dafür entdeckte man 1965 im Ostende des nördlichen Seitenschiffes dicht am Turm einen Kellerraum von 3,67 x 3,63 m Größe und 2,20 m Höhe, der von Fachleuten als ehemalige Gruft oder Grablege bezeichnet wird. Der Zugang war von der Wandbestuhlung verdeckt worden. Man stieß auf eine steile Treppe von zehn Stufen aus Sandsteinquadern in der Westwand des kleinen Raumes, knapp vor der nördlichen Seitenschiffwand. Der Raum war von einer tonnenförmigen Decke überwölbt, die bei der Aufdeckung größtenteils abgebrochen wurde. Der Boden besteht aus sandigem Lehm, Mauern und Decke aus kleinen Quadern von rotem, grauem und gelbem Sandsteinen ca. 38 cm Stärke. In der Mitte der Nordwand fand sich ein zugemauerter Türeingang mit Sandsteingewände, Türanschlag und Schwellenstein. Man vermutet hierin einen früheren Zugang zu einem Raum unterhalb der verschwundenen St. Anna-Kapelle. Man vermaß den Raum und fotografierte ihn ausgiebig, dann wurde er wieder zugeschüttet.
Es gab noch einen weiteren, nicht sehr ergiebigen Fund: im Februar 1961 wurde 98 cm unter dem neuen Kirchenboden ein leicht trapezförmiger, 200x65 cm großer Sarkophag mit Kopfnische und ohne Deckel, der noch Bestattungsfragmente eines älteren Menschen enthielt, in der Längsachse des Mittelschiffes ausgegraben, ca. 76 cm vor dem Chor. Fachleute ordneten ihn dem 11. bis 12. Jahrhundert zu. Darüber lagen etliche Bodenfliesen mit verschiedenen Mustern. Der Sarg samt Bestattungsresten, sowie einzelne Skelettreste aus weiteren angeschnittenen Bestattungen wurde wieder eingefüllt und an der Fundstelle belassen.
Als weitere sekundäre Baumaßnahme sei der Ausbau von Hochaltar, Pfarrstuhl und Taufstein, sowie des Bleiglasfensters im Chor mit figürlicher Darstellung aus dem Marienleben seitens der katholischen Kirchengemeinde erwähnt, der anläßlich der Ablösung des Simultaneums erfolgte.
Die Wandumstuhlung wurde restauriert und ergänzt, die drei Eingangstüren unter Verwendung der alten handgeschmiedeten Beschläge in Eichenholz erneuert und am Westeingang ein Windfang angebracht.
Im Juni 1962 gab man bei der Fa. Oberlinger eine neue Orgel für das barocke Gehäuse in Auftrag und baute ein Jahr später eine neue Kirchturmuhr ein.
Die Fresken des Chores, Darstellungen von Glaubensbekenntnis und Vaterunser sind in Anbetracht der Seltenheit derartiger Kunstwerke in der Pfalz als wichtiges Kulturgut zu würdigen. Hier ist unter anderem das früheste derzeit bekannte Beispiel der Darstellung des Vaterunser erhalten. Die Malereien habe ihre eigene Geschichte: Ihr Ursprung wird in einer Stiftung der Gemeinde für den Liebfrauenaltar vom Jahre 1395 vermutet, andererseits sprechen bestimmte Text-und Figurenkombinationen eher für eine Entstehungszeit zwischen 1430 und 1470. Zu irgend einem Zeitpunkt wurden die Malereien übertüncht und erst 1892 wiederentdeckt. Man legte sie frei (Kunstmaler Jakob Rumetsch 1894) und restaurierte sie in einer heute veralteten Weise, indem man sie vollständig mit Ölfarbe übermalte. Dadurch hatten die Malereien ihren mittelalterlichen Charakter verloren. Die Gestalt des Königs Antiochus wurde neu hinzugefügt.
Bei der Renovierung von 1964/65 schwächte der Restaurator Arthur Kalbhenn zwar allzu kräftige Übermalung ab, nahm aber, besonders bei den Namensbeischriften auf den originalen Befund keine Rücksicht. Der Maler betrachtete irrtümlicherweise das als Sockel um den ganzen Chor herumlaufende und von einer Mauer mit Zinnenkranz abgeschlossene Vorhangmotiv als nachträgliche Ergänzung des Restaurators und übermalte es wieder. Dazu ein Presbyterbeschluß vom 22. 3. 1964: "Die Wände des Chores sollen ausgebessert und gereinigt, die Fresken im alten Zustand belassen oder mit neuem Anstrich (!) versehen werden."
Der Restaurator Otto Schulz aus Herxheim untersuchte erstmals die Malereien fachmännisch. Er erkannte die Sockelmalerei als Originalbestand und restaurierte sie wieder. Bei den übrigen Motiven riet er von einer Rekontruktion des Originalzustandes ab, um die Malerei auch als Zeugnis des Denkmalverständnisses des 19. Jh. zu bewahren
Im Jahre 1986 wechselte man die unpraktische Warmluftheizung gegen eine Warmwasserheizungsanlage mit Radiatoren aus. Um die neue Heizungsanlage unterzubringen, wurde die Sakristei unterkellert. Die Fundamente mußten um ca. 1 m vertieft werden. Im Chor, den beiden Seitenschiffen und im Mittelschiff vor der Empore wurden neue Heizungsschächte eingebaut. Der Luftschacht der alten Warmluftheizung konnte teilweise wiederverwendet werden.
In die Westwand der Sakristei wurde ein Fenster mit Blick zum nördlichen Seitenschiff eingelassen. Eine Stahl-Spindelstreppe führt nun von der Sakristei in den Kellerraum mit neuem WC hinunter.
Bei den Ausschachtungsarbeiten wurde man wieder einmal fündig. In ca. 90 cm unter Oberkante Chorboden entdeckte man hart am südlichen Fundament eine in Ost-Westrichtung gelagerte, sogenannte Grabkiste aus vier senkrecht stehenden Platten in gelb-bräunlichem Sandstein, mit einer Sandsteinplatte abgedeckt, ohne Boden. Das trapezförmige Plattengrab hat die Maße 1,80 m/0,60 m. Es barg auf einer Sandschicht das Skelett einer erwachsenen männlichen Person. Dass es älter als der Chor sein muß, lässt sich daraus schließen, dass die Chorfundamente an der betreffenden Stelle um etwa 20 cm von der Richtung abweichen, um die Grabstätte nicht zu stören. Das Grab wurde inzwischen nordwestlich (neben dem Kriegerehrenmal) der Kirche wieder aufgerichtet.
In einer Tiefe von 0,90-1,60 m unter Oberkante Chorboden fanden sich im Bauschutt unter anderem flache Glasscherben, sowie drei-und viereckige Bodenfliesen aus rotem Ton. Ebenfalls in der Sakristei wurden in verschiedenen Tiefen die Reste von mehreren einfachen Erdgräbern mit Skelettfragmenten gefunden, teilweise bereits alt gestört. Beigaben oder Sargspuren fehlten. Das Landesamt für Denkmalpflege ordnete die Funde pauschal dem Mittelalter zu, die Erdgräber könnten noch vom Friedhof um die romanische Kirche herstammen.
Altes Backsteinmauerwerk, mit Sandstein durchsetzt, erstreckt sich parallel zum östlichen Fundament der Sakristei. Man vermutet hier Fundamentreste eines älteren spätgotischen Sakristeibaues.
Noch hat das ehrwürdige Gemäuer nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben. Seine Bedeutung jedoch ist unumstritten und seit etlichen Jahren behördlicherseits dokumentiert: Im September 1988 wurde es im Namen der Bundesrepublik Deutschland zum "schutzwürdigen Kulturgut" erklärt, "im Sinne des Artikels 1 der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. "

Literatur:
Billigheim, Beitrag zur Geschichte der Pfalz von Eduard von Moor 1867
Prot. Kirche Billigheim (Festschrift) 1965
Billigheim, Schnell, Kunstführer Nr. 1556 1985
Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz, Bezirksamt Bergzabern 1935
Gutachten des Landesamtes für Denkmalspflege, Abt. Bodendenkmalpflege, Außenstelle Speyer
Anneliese Thürwächter