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Visitation der Kirchengemeinde im August 2018 siehe

Andacht

RPR1. Angedacht: Liebe im Gleichgewicht!

Andacht vom 14.02.2020 von
Pfarrerin Miriam Pönnighaus
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Die Fremdenkolonie in Billigheim

Zwischen dem 16. und dem späten 18. Jahrhundert gab es in dem Städtchen Billig-heim eine Fremdenkolonie von ständig wechselndem Umfang und unterschiedlichen nationaler Zusammensetzung, so daß man für die damalige Population des Ortes von einem richtigen Bevölkerungsgemisch mit starker Fluktuation sprechen kann. Verursacht wurden diese Verhältnisse durch Kriege und daraus resultierende Flücht-lingsprobleme, in erster Linie aber durch strenges Verbot der protestantischen Lehre in den von Frankreich und Spanien beherrschten Gebieten. Die Pfalz als Grenzland war ein willkommenes Ziel, zumal die Kurfürsten schon früh die reformierte Lehre annahmen. Es handelte sich also meist um protestantische, d.h. reformierte oder cal-vinistische, meist wallonische Glaubensflüchtlinge, allgemein mit dem Begriff Huge-notten bezeichnet.

Sie prägten das wirtschaftliche und kulturelle Leben ganz entscheidend und zwar in positiver Weise, handelte es sich bei vielen doch, wie der Leiter des deutschen Hugenottentages von 1973 in Landau, Pfarrer H. Kimmel sich ausdrückte: "um die Elite der Elite", die aus religiöser Überzeugung unter unsäglichen Opfern an Gut und Blut das Flüchtlingsschicksal auf sich nahm.

Die wechselvolle Geschichte der Billigheimer Flüchtlingskolonie läßt sich nur sehr lückenhaft rekonstruieren. Es ist nicht viel mehr als eine Spurensuche möglich. In den wenigen vorhandenen Angaben treten oft noch Widersprüche auf. Die Quellen sind zum großen Teil vernichtet. Der Theologe Theodor Gümbel, der sich vor hundert Jahren mit der Geschichte der Fremdenkolonie in Billigheim befaßt, schreibt: "Sämtliche Billigheimer Akten welche aus Anlaß der schweren Plünderung Billigheims durch die im Jahre 1703 gegen Landau vorrückenden Franzosen nach Leinsweiler verbracht worden waren, gingen dort durch Brand zugrunde. Kirchenbücher sind für Billigheim erst aus dem 18. Jh. vorhanden." Seine Forschungsarbeit, die inzwischen zwar ergänzt und zum Teil berichtigt wurde, leistete entscheidende Beiträge zur Hugenottengeschichte des Städtchens, bzw. des Unteramtes Billigheim mit den Dörfern Impflingen, Klingen, Rohrbach, Erlenbach, Steinweiler und Archenweiher (Wüstung bei Steinweiler) im Oberamt Germersheim. Wenn ganz allgemein vom Oberamt oder vom Unteramt die Rede ist, lassen sich die entsprechenden Angaben sicherlich auch auf den Ort Billigheim selbst übertragen.

Die erste Gruppe Glaubensflüchtlinge in der Pfalz stammte aus den ehemaligen spanischen Niederlanden, dem heutigen nördlichen Belgien und sprach flämisch. Spätere Zuzüge kamen aus dem französisch sprechenden Belgien. In Frankenthal entstand die älteste Flüchtlingskolonie im rheinpfälzischen Bereich. Die Emigranten kamen nicht unmittelbar aus ihrer alten Heimat, sondern aus einem ersten Aussiedlungsort, dem Kloster Schönau bei Heidelberg, von wo sie auf Einladung des Pfalzgrafen Johann Casimir (1543-1592) den Lutheranisierungsverordnungen des Kurfürsten Ludwig III. auswichen.

Die Auswanderung erfolgte in verschiedenen Zeiträumen, erstmals als "die un-menschlich harten Verordnungen Karls V. 1521, 1525 und 1529 gegen die reformier-ten Wallonen zum Vollzug gekommen waren" und nahmen später unter Herzog Albas grausamer Verwaltung der Niederlande von 1567 bis 1573 im Auftrag der spanischen Inquisition unter Philipp II. fluchtartigen Charakter an. Den Ketzern im Lande drohte nämlich Enthauptung oder Tod auf dem Scheiterhaufen.

Nach Gümbel entstand zur Zeit Johann Casimirs in Billigheim eine kleine walloni-sche Kolonie. Es handelte sich wohl um "Ableger" aus Schönau oder Frankenthal. Nach der Bartholomäusnacht, der "Pariser Bluthochzeit" 1572 kamen dann Flücht-linge aus ganz Frankreich in unsere Gegend.

Gümbel zitiert einen Herrn de Schickler: (Eglise du Réfuge S.22) "Leurs ministres (die Geistlichen der pfälzischen Gemeinden) semblent à etre d`abord refugiés et con-centris dans l`église récemment crée à Billigheim, d`ou vingt-six d`entre eux écri-vent leur détresse au synode de Harlem (1626)". (Ihre Geistlichen scheinen zuerst nach der kürzlich gegründeten Kirche in Billigheim geflüchtet zu sein und sich dort gesammelt zu haben, von wo sechsundzwanzig von ihnen der Synode von Harlem über ihre Notlage berichteten).

Wir wissen also nicht, zu welchem Zeitpunkt genau die Kolonie in Billigheim ent-stand und wie lange sie existierte. Sie muß sich im Verlaufe des Dreißigjährigen Krieges aufgelöst haben. Im Jahre 1632 wurde die Pfalz nämlich von lutherisch-schwedischen Truppen besetzt, ab 1635 wieder von katholisch-kaiserlichen und spanischen Regimentern. Während dieser katholischen Besatzung unterlag die restliche verbliebene reformierte Bevölkerung der Pfalz den Rekatholisierungsversuchen der Jesuiten, die die Truppen begleiteten.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg, durch den die Pfalz weitgehend entvölkert wurde, versuchte der Kurfürst Karl Ludwig zunächst, die ausgewanderten oder geflohenen Pfälzer zur Rückkehr in das verwüstete Land zu bewegen, jedoch ohne viel Erfolg, da nicht viele überlebt hatten. Die frühesten Zuwanderer neben den zurückkehrenden Einheimischen sind vereinzelte Familien aus Hessen, Württemberg und deutschspra-chige Schweizer.

Im Jahre 1664 erteilte Kurfürst Karl Ludwig die "Concession donnée aux nouveaux venus du Pais de L`alleuve" (Zugeständnisse, den aus dem Lande Alleuve neu-Ange-kommenen verliehen). Darin wird den Zuwanderern aus dem südwestlich von Lille in Flandern liegenden Ländchen L`Alloeuve im Artois gestattet, sich in Billigheim und den zum Unteramt gehörenden Dörfern niederzulassen. Die Kolonie wird der kurpfälzischen Regierung in Heidelberg direkt unterstellt und soll durch einen Amtmann geleitet werden. Sie erhält ein Siegel mit der Bezeichnung "L`alloeu Nouveau". Die Siedlung soll nicht mehr als 1000 Familien aufnehmen - eine Anzahl, die nie erreicht wurde. Für die Stellung eines Pfarrers durch Kurpfalz wird eine Mindestgröße von fünfzig Familien gefordert. Einundfünfzig namentlich genannte Familienvorstände übernahmen im August die eingezogenen, erblos gewordenen Hausplätze in Billig-heim, Rohrbach, Steinweiler, Klingen und Erlenbach. Schon ein Jahr später, im Jahre 1666 brachte eine Pestepidemie der Bevölkerung wieder große Verluste bei.

1678 wird durch Schulmeister Johann Jacob Griebel in Billigheim ein "Verzeichnis der erblosen, der kurfürstlichen Herrschaft heimgefallenen und den Laloeuve 1664 im August für eigen gegebenen Hausplätze in der Stadt und im Amt Billigheim" er-stellt. Es enthält folgende Namen:

Jean Poillon Antoine Poillon Pierre de Camps
Paul Salinger Pierre Charlet Lorent Boquay
Matthieu Segon  Etienne Baleu Jean le Doux 
Jean Vattier Antoine de la Place Pierre Harlem
Jean de Lattre

Ein Presbyterprotokoll vom Jahre 1829 berichtet:
"Infolge eines mit dem dreißigjährigen Krieg verbundenen Pestübels wurde der hie-sige Ort gänzlich entvölkert und somit herrenlos. Gerade in jener ohnehin traurigen Zeit wurden die treuen Bekenner des evangelisch-reformierten Glaubens, Hugenotten oder Wallonen genannt, in der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus Frankreich vertrieben und nahmen den hiesigen Ort als herrenloses Gut in Besitz... Sie nahmen von der vorhandenen, durch die Kriegsstürme verheerten Kirche Besitz und stellten solche zum gottesdienstlichen Gebrauch her. Sie wurde nun "Wallonenkirche" ge-nannt."

Im Jahre 1665 siedelte sich auch eine kleine Schar von Bewohnern des Luzernertales in Piemont, also italienische Waldenser, im Amte Germersheim an. Einige erreichten wohl auch Billigheim, denn Gümbel schreibt: "...Wir ziehen daraus den Schluß, dass seit Beginn des sechsten Jahrzehnts des siebzehnten Jahrhunderts eine ansehnliche Fremdencolonie von nordfranzösischen Wallonen, vielleicht auch von piemontesi-schen Waldensern gebildet, in Billigheim anzutreffen ist, an deren Spitze französisch sprechende Geistliche und Lehrer stehen, und welche bedeutende Vorrechte geniesst. In dieser Zeit waren die deutsch redenden Einwohner von Billigheim offenbar nur gering an Zahl und schlossen sich, soweit sie reformierten Bekenntnisses waren, an die französiche Gemeinde an. Später ist aber die deutsche Gemeinde erstarkt, die Geistlichen waren genöthigt und verpflichtet, abwechselnd der deutschen und der französischen Sprache beim Gottesdienst sich zu bedienen."
Vom Jahre 1669 an wurde der Zuwachs von Fremdlingen stärker.
Die erste detaillierte Schilderung der Wallonengemeinde, die einen kleinen Einblick in die Lebensumstände gewährt, findet sich in der "Typographischen Pfälzischen Bibliothek" (Speyer und Leipzig 1785) 1. Stück, S. 105. Dort heißt es unter No 5:

" Die wallonische Gemeinde zu Billikam war nicht...eine Tochter von der zu FRan-kenthal, sondern eine Gemeinde, die viel später, erst zu Ende des 17. Jahrhunderts, in die Pfalz kam, und ist in Rücksicht auf den durch sie in der Gegend eingeführten Feldbau so merkwürdig, dass sie wohl noch einen besonderen Platz verdient hätte. Diese Colonisten, welche aus der Landschaft L`aloeuve, längs an den südlichen Ufern der Leye an der Grenze von Artois herstammen (siehe nG. Blaews Theatrum Arbis Amst. 1731 auf der Charte unter dem Titel: Novus XVIII. inferioris Germa-niae provinciarum Typus), erhielten ihre Privilegien unter der Regierung des Kur-fürsten Karl Ludwig nach der gedruckten, sehr seltenen Akte: Concession donnée aux nouveau-venus du Pais de L`alloeuve, imprimé a Heidelberg par Aegide Walter l Année 1664. Sie konnten nach demselbigen nicht allein in der Stadt, sondern in dem ganzen Amte, nämlich in den sechs dazu gehörigen Dörfern sich niederlassen - zu Rohrbach, Steinweiler, Erlenbach, Impflingen, Klingen und Archenweiher - und wa-ren dabei von gar vielen, andern Unterthanen obliegenden Lasten befreit. Sie hatten ihren eigenen, aus ihrer Mitte erwählten Rath und Prediger und Schullehrer, denen die Besoldung aus den Gütern der geistlichen Verwaltung gereichet wurde und konnten in den ersten 20 Jahren ohne die Abgabe des 10. Pfennigs wieder abziehen. Die ersten drei Jahre waren sie auch frei von der Schazung, dem Zoll und allen an-dern Auflagen, und wenn auch ihre Anzahl bis auf tausend Familien sich beliefe. Die Industrie bei dem Landbau, dadurch sie sich fürnemlich auszeichneten, ruhet noch auf ihren Nachkömmlingen, besonders in der Stadt Billikam, wo die Landwirthschaft in der Blüthe und sehr stark die Handlungs-Gewächse Rebs, Flachs und Hanf gezo-gen und ein beträchtlicher Handel damit nach Strassburg, die Schweiz und in die rheinische Gegend von Worms, Oppenheim und Kreuznach getrieben wird."-

Einige wenige Namen sind uns hier wieder überliefert: Layro 1669, Broe und de Faese 1670, Balleux, Herlan, Herpain 1679, Guemar 1685, Ardin 1686.
Es waren vor allem die nicht endenden Kriegswirren, die die Einheimischen mit den zugewanderten Reformierten zu einer Schicksalsgemeinschaft verbanden. Die Fremd-gemeinde kämpfte unter ihrem Schultheißen Henri Boidin und den Schöffen Anthoine Poillon, Mathieu Crespel, Pierre Charlet, Pierre Selos, Anthoine Salomé, Jean Sa-langre und Jaques und Jaques Combert jahrelang um ihre Rechte. Sie baut ein eigenes Pfarrhaus, das später den Fortbestand der reformierten Pfarrei ermöglicht, auch als das Amt Billigheim 1680 von Kurpfalz an Frankreich abgetreten werden muß, und die deutsche Pfarrei rekatholisiert wird.

Als im Jahre 1774 Ludwig XIV. seine Truppen unter Marschall Turenne in das Oberamt Germersheim einfallen läßt, wobei Billigheim und fast alle Dörfer des Un-teramtes eingeäschert werden, dezimiert sich die Fremdenkolonie zwangsläufig wieder und zwar so stark, daß sie keinen eigenen Geistlichen mehr nötig hatte. Die Gemeinde wurde von dem in Lambrecht lebenden Pfarrer Reich mitversorgt - höchst unregelmäßig.

Mannigfaltige Beziehungen mit der wallonisch-reformierten Gemeinde Barbelroth ergaben sich zwangsläufig, da zu derselben bis 1704 auch Mühlhofen gehörte, wo-durch ihr Gebiet bis dicht an die Mauern der Stadt Billigheim heranreichte. So kommt es wohl, daß sich im reformierten Kirchenregister Barbelroth folgende Ein-träge finden: 1669 Jakob Layro, Billigheim, 1670 Antoni Broe, Billigheim, 1684 Su-sanne la Croix, Tochter des Kirchenpflegers Jacob, Billigheim.

Wieder versuchte ein neuer Kurfürst, (Karl, 1680-1686) durch Erneuerung von Privi-legien (Steuererlässe, Zusicherung von Glaubens- und Gewissensfreiheit) sied-lungswillige Flüchtlinge in die kurpfälzischen Ortschaften zu locken. Bald darauf sollte sich in Frankreich die Lage der Hugenotten so verschlimmern, daß sich Flüchtlingsströme nie gekannten Ausmaßes in Bewegung setzten. Ludwig XIV. wi-derrief nämlich das Edikt von Nantes, das hundert Jahre lang den Hugenotten freie Religionsausübung zugesichert hatte und erließ am 18. Oktober 1685 das von Intole-ranz und Fanatismus diktierte Edikt von Fontainebleau, das Revokationsedikt. Es schrieb u.a. vor, daß sämtliche evangelische Kirchen niedergerissen, alle reformier-ten Prediger binnen vierzehn Tagen bei Galeerenstrafe das Königreich verlassen sollten, wogegen allen übrigen Flüchtlingen Güterverlust und ebenfalls Galeeren-strafe drohten. Man steuerte auf die Vernichtung des Protestantismus hin. Unter schwierigsten, immer lebensgefährlichen Bedingungen gelang trotzdem in den Jahren 1685-1700 Hunderttausenden, man spricht von einer halben Million, die Flucht. Die Glaubensflüchtlinge jener Epoche werden Refugiés genannt.

Die linksrheinische Pfalz war als Ziel allerdings weniger beliebt, da das kurpfälzische Gebiet damals bereits unter der Kontrolle der französischen Krone stand. Am 4. Mai 1680 hatten französische Beamte das Unteramt Billigheim mit Beschlag belegt und die Einwohner gezwungen, dem König von Frankreich zu huldigen.

Als nach etwa zehnjähriger Feuerpause unter anderem auch Billigheim im Orleans-schen Krieg (1685-1699) wieder einmal fast restlos zerstört wurde, zeigte es sich, daß die Franzosen besonders die hugenottischen Gemeinden als ihre abrünnigen Landleute mit besonderer Grausamkeit verfolgten. Trotzdem überstieg in diesen Jahren der Zuzug an reformierten Neusiedlern in den südpfälzischen Dörfern bei weitem die Abwanderung. Viele nahmen damals den Weg über die Schweiz, wo man ihnen vorübergehend Aufenthalt gewährt hatte. Durch die Beschwerden Ludwigs XIV. im Jahre 1699 beim Kurfürsten von der Pfalz, "daß man den aus Frankreich Entwichenen Aufenthalt gewähre, und er fordere, daß sie das Land räumen sollten" ließen sich nur wenige zum Abzug bewegen.

In Preußen-Brandenburg lud der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm, der am 29. Ok-tober 1685 postwendend das Edikt von Potsdam zugunsten der Hugenotten erlassen hatte, alle verfolgten Glaubensgenossen in sein Land ein und sicherte ihnen weitrei-chende Unterstützung zu. Welch entscheidenden Beitrag die Refugiés zur Entwick-lung der preußischen Wirtschaft leisteten, ist bekannt. Auch in der Pfalz kam es zur Abwanderung vieler hugenottischer Familien, die sich von den Franzosen bedroht fühlten. Im Unteramt Billigheim entschlossen sich jedoch 300 reformierte Familien, ihre neue Heimat nicht zu verlassen, obwohl sie im Zuge der Abtretung des Oberam-tes Germersheim an Frankreich (1682-1697) und danach durch die Rekatholisierung durch die katholische Linie der Neuburger in der Kurwürde vor schwere Entschei-dungen gestellt wurden.
Gümbel zitiert weiter Quellen, die auf die Ereignisse jener Jahre Bezug nehmen:

"Nach einer weiteren Nachricht, die sich bei Vierordt, Geschichte der evangelischen Kirche II, S. 337 findet, stammen die in den pfälzischen Dörfern Billigheim und Mörlheim angesiedelten Wallonen, welche später (1699) wieder verjagt wurden, ur-sprünglich von Löwen in Brabant (wahrscheinlich liegt eine Verwechslung mit l`alloeuve vor). - Mit dieser Nachricht stimmen auch die Aufstellungen überein, welche in einem Schriftstück des General-Landes-Archivs Carlsruhe (Generalien, Kirchendienst No. 4369) niedergelegt sind. Dasselbe führt die Überschrift: Etat pré-sent des Eglises reformées Valonnes dans le Palatinat, qui contient le nombre, des familles et ames, qui composent ces Eglises, les noms des pasteurs et ministres d`ecole et la spécification des gages, qui l Administration leur paye annuellement l an 1724. (Gegenwärtiger Stand der wallonischen Kirchen in der Pfalz, welcher die Anzahl der Familien und Seelen enthält aus denen diese Kirchen zusammengesetzt sind, die Namen der Pfarrer und Schulmeister und die Auflistung der Gehälter, die die Verwaltung ihnen im Jahre 1724 pro Jahr zahlt).
Dort heißt es sub No. 3: Etat de l`Eglise reformée vallonne de Pelican. L`Eglise de Pelican dans le haut, baillage de Germersheim fut établie sous Charles Louis Electeur l`an 1664, qui rein (?) alors fort, favorablement les Vallons sorti du paye de la Lo-ewe pour la réligion; il les placa dans la ville de Pelican et 6 villages appartements à cette ville, leurs accordant un pasteur et un Maitre d`Ecole à dépents, quant ils servi-rent au nombre de 50 Familles. Cette église a été fort nombreuse au commencement mais une grande partie de nombre d elle dans la suite du temps a rétirée dans le paye de Brandenburg, tout a cause des oppressions, quelles ont endurées devant le temps de la réunion francaise du Baillage der Germersheim." (Dieser fehlerhafte frz. Text läßt sich etwa so übersetzen: Zustand der reformierten wallonischen Kirche von Bil-ligheim. Die Kirche von Billigheim im Oberamt Germersheim wurde unter dem Kur-fürsten Karl Ludwig im Jahre 1664 gegründet, der die Wallonen sehr wohlwollend behandelte, die wegen der Religion aus dem Lande Löwen auswanderten. Er brachte sie in der Stadt Billigheim und sechs dazugehörigen Dörfern unter und gewährte ihnen auf seine Kosten einen Pfarrer und einen Schulmeister, da sie ihm zu 50 Familien dienten. Diese Kirchengemeinde ist am Anfang sehr zahlreich gewesen, aber ein Großteil ihrer Anzahl hat sich im Laufe der Zeit in das Land Brandenburg zurückge-zogen, alles wegen der Unterdrückung, die sie ab der Zeit der Vereinigung des Oberamtes Germersheim mit Frankreich erlitten.)

Es ist überliefert, daß zu Ende des 17. Jahrhunderts eine große Anzahl der reformier-ten Fremdländer in die Uckermark im Brandenburgischen auswanderte. Andere Wallonen aus Billigheim und Mörlheim wandten sich an den Markgrafen Friedrich VII. von Baden-Durlach, der ihnen am 10. Dezember 1699 ein Stück Land rechts des Rheines überließ, wo sie im folgenden Jahre das Dorf Friedrichsthal gründeten.

Als 1697 im Frieden von Nymwegen das Oberamt Germersheim an die Kurpfalz zu-rückgekommen war, erneuerte der Kurfürst am 31. 10. 1698 die "Concession" von 1664. Es gibt darüber einen Vermerk in einer alten Übersicht über "Frantz. Kirchen in der Pfaltz und deren Pfarrer an Zahl vor jüngstem Krieg: "Billigkam 1664 Churf. Carl Ludwig 31.10.1698 wurden ihre Privilegien erneuert."

Die Resonanz blieb nicht aus, und Glaubensflüchtlinge aus verschiedenen Gegenden Frankreichs, die sich seit ihrer Flucht vorzugsweise in der Schweiz aufgehalten hat-ten, füllten wenigstens teilweise die Lücken, die durch die Abwanderung in die Uc-kermark und nach Baden entstanden waren.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeichnete sich eine stetig fortschreitende Verringe-rung der Fremdenkolonie ab. Im Oberamt Germersheim gab es 1701 gerade noch fünf reformierte Geistliche, einen davon in Billigheim.

Hier war im Jahre 1697 in der protestantischen Kirche das Simultaneum eingeführt worden. Es wurde in der Religionsdeklaration von 1705 bestätigt und bestimmte offiziell für Billigheim die Anstellung eines eigenen Predigers, der die deutsche und die französisch-reformierte Gemeinde gleichermaßen betreuen sollte.

Pfarrer Georg Biundo gibt in seinem Werk über "Die evangelischen Geistlichen der Pfalz" ein sehr lückenhaftes Verzeichnis über die Pfarrer der Billigheimer Fremden-gemeinde. Er berichtet etwa folgendes: Vom Jahre 1664 an wurde die Fremdenge-meinde durch eigene Geistliche betreut. Der erste war Jean de Combles. Er wirkte hier mit einigen Unterbrechungen bis zum Jahre 1674. Er entstammte übrigens einer bedeutenden Familie, war doch sein Vater Hofprediger des Prinzen Rohan in Straß-burg gewesen und sein Großvater Hofprediger der Catharina von Rohan, der Ge-mahlin des Pfalzgrafen Johann II. von Zweibrücken. Weitere Namen werden ge-nannt:

Dela place aus Flandern, wallonischer Pfarrer 1655, Jean Jaques Reich, Sohn des Heidelberger Syndikus Reich, wallonischer Pfarrer der Diasporagemeinde Billigheim 1667, später französischer Pfarrer in Lambrecht und zugleich in Billigheim, Jean Ni-colle Chevallier aus Frankreich, 1676/80, französischer Pfarrer in Billigheim, 1691/95 gleichzeitig in Lambrecht, Otterberg und Billigheim, Johann Marius aus Lausanne, französisch reformierter Pfarrer 1690/91, Otto Valentin, wallonischer Pfarrer in Billigheim, 1717/1724, Jakob Maurel, deutscher und wallonischer Pfarrer in Billigheim 1748/71.

Die Fremdenkolonie bestand also weiter, nahm aber immer mehr ab. Im Zeitraum von 1705 bis 1746 gab es durchschnittlich drei Täuflinge pro Jahr, im Jahre 1724 zählte man 137 Wallonen, 34 französische Schweizer, 19 französische Refugiés. Es gab 37 rein französische und 34 gemischte Fremdlingsfamilien. Zwischen 1692 und 1748 treten in Billigheim folgende Namen auf: De la haye, Ptillion, Montillion 1695, Archet aus Bühl in Flandern 1696, Bondame (Bontam, Bondemont) 1699, Bondier, Remo (auch Remaux, de Reman, Schweizer, später katholisch) 1710, de monton aus Lausanne, Guinand 1703, Baques, Bourgignon, Corge, du moulin, Bréton, Bally 1705, de la Croix, de la cour, la courage, de fièvre, le luc, le Brand, de latre, Corneille 1709, Punier 1710, de la place, Guillon 1711, Savary (Schweizer) 1712, de prez (dupré) 1714, Viande, Vache, Bruvuri aus Friedrichsthal 1720, Bossut, de Gor-get aus dem Wallonen-Bund 1721, Getune, Rugur 1722, Erny aus Langendorf, Schweiz, le beau, Schulmeister Monno, Marbey (Schweizer) 1726, Gachot, Garnot 1731, Lötty (Schweizer) 1734, Le cour 1740, Sautevin 1741.

Über die kirchlichen Verhältnisse der wallonischen Gemeinde finden wir bei Gümbel einen detaillierten Bericht:

"Während des gedachten Zeitraumes erreicht das Almosen der wallonischen Ge-meinde Billigheim im Jahre 1709 den höchsten Betrag mit 92 fl., der nächsthöchste fällt in das Jahr 1705 mit 70 fl. der kleinste in das Jahr 1714 mit 21 fl.

Auffallend gross ist die Zahl der jährlichen Confirmanden, namentlich im Vergleich mit der geringen Zahl der Täuflinge. Der Grund dieser Erscheinung ist wohl darin zu suchen, dass die in den umliegenden Ortschaften geborenen Kinder wallonischer Eltern nicht immer in Billigheim die heilige Taufe empfingen, während für die ganze Diaspora die Confirmation zu Billigheim geschah. Selbst die reformierten französi-schen Militärfamilien in Landau brachten ihre Kinder nach Billigheim zur Confirma-tion, Überhaupt scheint es, als ob die französischen (und auch deutsch-) reformierten Familien von Landau Anschluss an Billigheim suchten und fanden. Sie erwiesen sich hierfür auch erkenntlich dadurch, dass sie im Jahre 1750 der reformierten Kirche zu Billigheim vasa sacra zum Geschenk machten."

Es handelt sich um Tauf-und Abendmahlsgeräte, wie inzwischen festgestellt wurde. Sie wurden ohne Zweifel von dem kurz vor 1730 nach Landau eingewanderten Gold-schmiedemeister Abraham Charles Herelle angefertigt, der in den Jahren 1753 und 1769 zwei Kinder in der wallonisch-reformierten Kirche taufen ließ.

"Es verdient, hervorgehoben zu werden, daß die niederländischen Generalsynoden fort und fort ihr lebhaftes Interesse bezeugten an dem Geschick und an dem Bestand der wallonischen Gemeinden der Pfalz überhaupt, insbesondere auch an dem der Gemeinde Billigheim. So beschloß u.A. im Mai 1721 die Synode von Breda, dass man für die Kirchen und Schulen von Mannheim, Heidelberg, Frankenthal und Bil-ligheim Liebesgaben an die Prediger und Lehrer schicken sollte, da jene ohne hol-ländische Hilfe eingehen würden."On ne veut pas y laisser tomber le ministre." (Man will den Pfarrer nicht fallen lassen.)

Die sogleich auf der Synode vorgenommene Kollekte ergab 178 Florin 8 Sous. Das übrige soll man nach Amsterdam schicken, um so mehr, als in der Pfalz (incl. Otter-berg) nur noch fünf wallonische Mutterkirchen übrig bleiben. (cf. Zeitschrift: Die französische Colonie 1892, S.7, Aufsatz von Dr. Tollin.) Dass die französisch-re-formirte Gemeinde Billigheim sich zusammensetzte aus den nicht blos in den kur-pfälzischen, sondern auch in den pfalz-zweibrückischen Orten zerstreuten Gliedern und dass diese alle zur Besoldung der Geistlichen beisteuerten und auch in dem "Consistorium" vertreten waren, erhellt aus nachstehender Bemerkung des mehrfach erwähnten Etat présent vom Jahre 1724, in welcher es heißt: " Il y a encore plussi-eurs familles francaises et Vallons dans le duché de Deux-ponts et ailleurs quelles fréquentent de temps en temps l assamblé de Pelican; mais comme les privilèges ac-cordés à ceux de Pelican ne regardent pas sur les ministres allemands établie dans leurs lieux, ont à l égard d eux la cure des ames et exercent les fonctions pastorales." (Es gibt noch mehr französische und wallonische Familien im Herzogtum Zweibrüc-ken und anderswo, die von Zeit zu Zeit die Zusammenkunft in Billigheim besuchen. Aber da die Privilegien, die deren von Billigheim gewährt werden, für die deutschen Pfarrer nicht gelten, die in ihren Orten angestellt sind, üben sie zu ihren Gunsten die Seelsorge und die geistlichen Funktionen aus. (Der Sinn ist nicht eindeutig.)

Auch geht dies aus nachstehendem, im Billigheimer Pfarrarchive vorhandenem Ak-tenstück vom 1. Juli 1692 klar hervor. Letzteres lautet: " Wir Bürgermeister und Rath allhier (Billigheim) wie auch das ganze Consistorium der französischen Ge-meinde allhier, zu Steinweiler, Klingen, Mörlheim und Winden bekennen hiermit öffentlich, dass wir mit Bewilligung gnädiger Herrschaft, wie denn auch dieser der Edlen p.p. Herren Kirchen-Aeltesten der reformirten Gemeinde Strassburg vielfälti-ges Intercediren vor uns, von seinem Hochlöblichen Schultheisse und Rath der Stadt Bern die Gnade und Gutthat erhalten, auch der würdige und liebe Herr Johann Jakob Marius, gewesener Pfarrherr zu Lausanne in der Schweiz, Berner Gebiets, laut des-sen de dato den 3. Juni laufenden Jahres übersendeter Attestion zu einem deutsch-und französischen Prediger und Seelsorger verschickt worden."
Pfarrer Marius erhielt freie Wohnung und zu seiner jährlichen Besoldung 300 fl., quartaliter zu zahlen.

Dieser Pfarrer Marius hat nach Zerstörung der alten Billigheimer Kirchenakten die neuen, noch vorhandenen Kirchenbücher angelegt und zwar so, dass er für beide Gemeinden -die französische und die deutsche - gesonderte Register führte, für er-stere in französischer Sprache. Auch bei seinen Nachfolgern ist es wenigstens eine zeitlang bei dieser Praxis geblieben. -Die Namen der Geistlichen sind:

1. Joh. Nicol. Chevallier 1678-1692. 2. Joh. Jac. Marius 1692-1704. 3. Joh. Konrad Kilian 1704-1724, zugleich Inspektor. 4. Otto Valentin 1724-1732. 5. Christian Haldi 1732-1748. 6. Jakob Maurel 1748-1752. 7. Johann Blasius 1752-1772.

"Die Geistlichen wendeten ihren fremdländischen Pfarrkindern nicht immer die schuldige Rücksichtsnahme zu, sondern haben sich offenbar Nachlässigkeiten gegen dieselben zuweilen zu Schulden kommen lassen. In dieser Beziehung wird dem auch sonst etwas lässigen Pfarrer Haldi im Jahre 1733 eingeschärft, dass er sich beim Christenlehr-Unterrichte gegenüber den französisch redenden Kindern auch der französischen Sprache zu bedienen habe. - Ein andermal, 1747, beschweren sich die Wallonen, dass ihnen bereits seit drei Viertel Jahren keine eigene Predigt mehr sei gehalten worden, worauf Vikar Watzenborn angewiesen wird, den französischen Gottesdienst wieder regelmässig abzuhalten.

Der Turnus des Gottesdienstes war damals so geregelt, dass der Pfarrer von Billig-heim, welcher allsonntäglich die deutsche Gemeinde bediente, alle 14 Tage bei den Wallonen in Billigheim und  im deutsch-reformirten Filial Ingenheim zu predigen hatte, nach je 3 mal 14 Tagen wurde statt zu Ingenheim in der Filiale Appenhofen Predigtgottesdienst abgehalten.

Auch im Jahre 1750, also kurz vor Auflösung der wallonischen Gemeinde, wiederho-len sich die Klagen wegen Vernachlässigung der französischen Predigt seitens der Geistlichen., während doch, wie eine Notiz vom Jahre 1752 bemerkt, die Wallonen dies nicht verdienten, da sie an Kirche und Pfarrei stets so viel Gutes gethan hätten und noch thun würden."

Bereits in den Anfangszeiten des 18. Jahrhunderts sprachen die fremdländischen Neubürger nach jahrzehntelangem Zusammenleben mit den Pfälzern vorwiegend die gleiche Sprache. Eine gegenseitige Anpassung der ursprünglich so unterschiedlichen Volksgruppen hatte sich allmählich vollzogen, ebenso wie ein gemeinsamer refor-mierter Status. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts löste sich die Fremdenge-meinde immer mehr auf, ging nach und nach in der deutschen auf, bis sie gegen 1770 erloschen war. Mit der Kirchenvereinigung von 1818 verschwanden auch die letzten Reste eines eigenen deutsch-reformierten Gemeindelebens.
Geblieben ist in weiteren Bevölkerungskreisen eine stolze Erinnerung an die huge-nottische Abstammung dazu einige französische Namen (manche nur noch auf alten Grabsteinen):

Herancourt, Croissant, Deremaux, Egalité, Bourquin, Laque, Cawein, Bucke, Vialon

Literatur:

Hugenotten in der Pfalz (Festschrift zum Deutschen Hugenottentag in Landau i.d. Pfalz 1973)
Über Hugenotten in der Südpfalz (Beitrag zur Heimatgeschichte der südl. Pfalz v.Dr. H. Dewein)
Der Deutsche Hugenott (26. Jahrgang, Sept. 1962)
Geschichtsblätter des deutschen Hugenottenvereins (Theodor Gümbel, Zehnt III Heft 2, Magdeburg 1892)
Die evangelischen Geistlichen der Pfalz seit der Reformation (G. Biundo)

Anneliese Thürwächter