RPR1 'Angedacht': Und was haben Sie auf dem Kerbholz?

Pfarrer Oliver Böß, Mackenbach, spricht “Angedacht” bei RPR1 und “Feels Like Heaven” bei Rockland Radio am Donnerstag, 5. Juni 2008:

Wer etwas auf dem Kerbholz hat, der hat irgendwas gemacht, was nicht hasenrein ist. Die Redewendung „etwas auf dem Kerbholz haben“, die bedeutet so viel wie „Schulden haben“ und damit auch „sich schuldig gemacht haben“.

Bis ins 18.Jahrhundert hinein hat ein Kerbholz dazu gedient, Warenlieferungen, Arbeitsleistungen und Schulden aufzuzeichnen und abzurechnen. In dieses Kerbholz, einen längs gespaltenen Holzstab, wurden alle Vermerke eingekerbt. Der Schuldner bekam die eine Hälfte und der Gläubiger zur gegenseitigen Kontrolle die andere. Am Zahltag wurde das Kerbholz präsentiert und zur Zahlung aufgefordert.

In England war das sogar bis ins 19. Jahrhundert üblich. Durch eine Steuerreform wurde dieses Verfahren dort 1834 abgeschafft. Die vielen, vielen Kerbhölzer, die nun überflüssig geworden waren, sollten jetzt entsorgt werden. Leider entschloss man sich fahrlässigerweise, alle Kerbhölzer im Hof des Parlamentgebäudes Palace of Westminster zu verbrennen. Das Gebäude wurde daraufhin selbst von den Flammen des riesigen Feuers erfasst und brannte fast gänzlich ab. Sechs Jahre später, 1840, entstand das neue Parlamentsgebäude mit dem berühmten Big Ben.

Wenn ich mal am Ende meines Lebens vorm Himmelsparlament stehe, dann darf ich darauf hoffen, dass da ein milder Kerbmeister steht – so nannte man das Zunftmitglied, das für die Rechnungsführung zuständig war. Ich darf darauf hoffen, dass alles, was ich auf dem Kerbholz habe, dem Feuer übergeben wird – im Sinne von „bezahlt“.

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