RPR1 'Angedacht': Sonderzüge in den Tod

Pfarrer Albrecht Bähr, Mainz, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 und ‘Feels Like Heaven’ bei Rockland Radio am Freitag, 19. Dezember 2008:

Die technischen Probleme mit den Radachsen der ICEs führen in der letzten Zeit zu erheblichen Verspätungen. So sitze ich in Mannheim über eine Stunde lang fest, bis mein Zug eintrifft. Gereizt und genervt gehe ich zurück ins Bahnhofsgebäude, um mir die Zeit mit einer Tasse Kaffee und einem Bummel durch die Geschäfte zu vertreiben.

Mein Zorn verfliegt, als ich im Untergeschoss des Bahnhofgebäudes auf eine Ausstellung aufmerksam werde, das Thema: „Sonderzüge in den Tod“. Auf 40 Tafeln demonstrieren die Aussteller: Ohne die Mitwirkung von Eisenbahnern an der fahrplanmäßigen Durchführung der Transporte wäre die systematische Ermordung der europäischen Juden sowie der Völkermord an den Sinti und Roma nicht möglich gewesen. An vielen Einzelschicksalen wird das grauenhafte Verbrechen greifbar.

Viele Wartende betrachten sich die Ausstellung und lesen aufmerksam die Berichte. Sie sind sichtbar getroffen von dem, was sie da sehen.

Mir geht es genauso. Statt in meinem Zug nach Stuttgart zu sitzen, zieht mich die Ausstellung in Bann. In der Hektik des Alltags wird mir eine Zwangspause verordnet – mir und vielen anderen. Die Schautafeln konfrontieren mich mit der Vergangenheit, die immer noch in die Gegenwart hineinspielt.

Am Bahnsteig sehe ich einige der Ausstellungsbesucher – wir steigen in den gleichen Zug ein. Schweigsam nicken wir uns zu, als ob wir sagen wollten: „Gut, dass wir heute aufgehalten wurden.“

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