RPR1 "Angedacht": Die zitternde Frau.

Pfarrerin Julia Neuschwander, Landau, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Donnerstag, 20. Mai 2010:

Es ist wohl der Horror eines jeden Redners: mitten in einem wichtigen Vortrag macht sich der Körper selbständig. Schüttelt sich in unbeherrschten Zuckungen. Einer Frau ist genau das passiert.

Siri Hustvedt ist eine erfahrene Rednerin und erfolgreiche Schriftstellerin. Doch als sie einen Vortrag über ihren verstorbenen Vater hält, fängt sie plötzlich an zu zittern. Noch nie zuvor war ihr so was passiert.

In ihrem Buch „Die zitternde Frau“ fragt sich Siri Hustvedt: Was macht einen Menschen aus und wie lässt sich das beschreiben? Wer oder was bin ich und wer oder was nicht?

„Es gibt Zeiten, da widerstrebt es uns allen, anzunehmen, was unser Eigen sein sollte;“ schreibt sie, “es ist uns fremd, und wir wollen es nicht in die Geschichten aufnehmen, die wir um unser Selbst spinnen.“

Wie schwer es ist, der eigenen Wahrheit mit Worten nachzujagen, beschreibt sie in ihrem Buch. Denn das eigene Ich ist immer mehr als nur unser bewusstes Selbst. Meine eigene Geschichte erzählen, sagt Siri Hustvedt, bedeutet, eine Geschichte mit „Löchern“, mit „unausgesprochenen Brüchen“ zu erzählen.

Die eigene Existenz mit ihren Löchern und Brüchen anzunehmen; zu erkennen, dass ich ein Geschöpf und nicht Gott bin – das ist die Lösung für Siri Hustvedt: „Als zitternde Frau ziehe ich Bilanz: der Wahrheit am nächsten kam ich, als ich anfing zu zittern.“

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