RPR1 "Angedacht": Der erste Eintrag.
Pfarrer Dirk Alpermann, Guntersblum, spricht ‘Angedacht’ bei RPR1 am Montag, 14. Juni 2010:
„Am Freitag wurde ich schon um 6 Uhr wach. Das war begreiflich, denn ich hatte Geburtstag. Aber so früh durfte ich nicht aufstehen und musste meine Neugier noch bezähmen bis dreiviertel sieben. Dann hielt ich es aber nicht mehr länger aus. Ich lief ins Esszimmer, wo Mohrchen, unser kleiner Kater, mich mit heftigen Liebkosungen begrüßte.
Nach sieben Uhr ging ich zu den Eltern und dann mit ihnen ins Wohnzimmer, um meine Geschenke anzusehen und auszupacken. Dich, mein Tagebuch, sah ich zuerst, und das war sicher das schönste Geschenk.“
Mit diesem ersten Eintrag vom 14.Juni 1942 beginnt Anne Frank ihr Tagebuch. Zwei Tage zuvor hatte sie die rot-weiße Kladde zum Geburtstag geschenkt bekommen. Zu diesem Zeitpunkt lebt Anne mit ihren Eltern, ihrer Schwester und vier weiteren Personen seit einer Woche im Versteck in Amsterdam.
Acht Menschen auf fünfzig Quadratmetern, ständig in der Angst, entdeckt und an die Nazis ausgeliefert zu werden. Mittendrin die 13 jährige Anne, ein Mädchen am Beginn der Pubertät, dem für seine Gedanken und Gefühle in dieser Situation nur ein Sprachrohr bleibt: das Tagebuch, das ursprünglich als Poesiealbum gedacht war.
Anne schreibt an eine imaginäre Freundin mit Namen Kitty und vertraut ihr an, was sie erlebt und fühlt. Ihre Einträge handeln vom Alltag im Versteck und manchmal auch von intimen Dingen: von Religion und Sexualität.
Zwei Jahre dauert die Zeit im Versteck, im August 1944 wird die Familie verraten. Kurz vor Kriegsende stirbt Anne im KZ Bergen-Belsen. Ihr Vater überlebt als Einziger.
Anne Franks Tagebuch gehört als Weltliteratur zur Pflichtlektüre im Schulunterricht. Es gibt dem millionenfachen Leid der Juden in der NS-Zeit Gesicht und Stimme. Und mahnt uns alle zur Menschlichkeit.
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